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09.10.2025. Die FAZ erhält in einer Ausstellung in Oxford faszinierende Einblicke in die Schreibwerkstatt John Le Carrés. Der Perlentaucher versucht mit Kathryn Bigelow und ihrem Action-Thriller "House of Dynamite" einen Atomschlag abzuwenden. Der Tagesspiegel kauert sich in einer Ausstellung in Berlin in die "Shacks" der afro-amerikanischen Künstlerin Beverly Buchanan. "Die Avantgarde ist wieder feministisch", ruft die Zeit bei der Fashion Week in Paris.
"Früher konnte ich unbekümmert sagen, das Gedicht entstehe etwa auf der Hälfte zwischen Milz und Gehirn", sagt der Autor und frühere Verleger MichaelKrüger im SZ-Gespräch mit dem LyrikerTadeuszDąbrowski. "Dann war ich mir nicht mehr so sicher, ob es nicht doch mit dem Herzen zu tun hat. Jetzt, als alter Mann, schreibe ich es verschiedenen Substanzen zu, wenn es mir gelingt, noch ein Gedicht aus mir hervorzulocken. Gott sei Dank weiß keiner, auch nicht die künstliche Intelligenz, wie ein Gedicht entsteht. ... Auch die Literatur ist Teil eines neuen Geschäftsmodells geworden. Sie ist nicht mehr der Versuch, mit kleinen Mitteln, einem Gehirn, einem Bleistift, einem Stück Papier, zwei Augen und einem Gefühl für die Welt, diese Welt zu beschreiben. Aber selbstverständlich gibt es keine andere Möglichkeit, als einfach weiterzumachen."
Gina Thomas (FAZ) beugt sich mit regem Interesse über die Exponate einer John-le-Carré-Ausstellung in Oxford, gestatten diese doch einen einmaligen Einblick in die Schreibwerkstatt des 2020 verstorbenen Thrillermeisters und "das mühsame Entstehen seiner Texte. Der erste Satz von 'Der Nachtmanager' ist in sechzehn Fassungen überliefert. Und die Notizen (wie alles von Le Carré ursprünglich handschriftlich verfasst und von seiner ergebenen Frau dann abgetippt) für diesen ersten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verfassten Roman, mit dem der Autor beweisen wollte, dass er auch andere als Spionagestoffe meistern konnte, belaufen sich auf mehr als 600 Seiten."
Besprochen werden unter anderem JehonaKicajs "ë" (taz), ValMcDermids "Queen Macbeth" (FR), Lena Schättes "Das Schwarz an den Händen meines Vaters" (online nachgereicht von der FAZ), Vea Kaisers "Fabula Rasa" (Standard), GiovanniBoccaccios "Filocolo Oder die verschlungenen Wege" (online nachgereicht von der FAZ) und ArundhatiRoys Autobiografie (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Der Zeit bringt heute außerdem ihre Literaturbeilage zur Frankfurter Buchmesse.
Interessiert an Entscheidungsprozessen: Kathryn Bigelows "A House of Dynamite" Actionfilm-Autorenfilmerin KathrynBigelow kehrt nach einer langen Pause mit "A House of Dynamite" zurück - und aktueller könnte ihr Sujet kaum sein: Atombomben nähern sich der USA, Absender unbekannt - was tun? Bigelow schildert die letzten Minuten vor dem Einschlag aus drei hintereinander geschalteten Perspektiven. "Seit 'K-19: The Widowmaker', einem Übergangswerk zwischen ihren klassischeren Studio-Genrearbeiten der 80er- und 90er-Jahre und den unabhängig produzierten prozessualen Thrillern im 21. Jahrhundert, arbeitet Kathryn Bigelow an einem Kino ohne heroisches Zentrum, einer Spannungskonzentration ohne Entladung oder Abschluss", schreibt Kamil Moll im Perlentaucher. "Die planspielartige Eskalation eines Nuklearkriegs erzählt der Film in seiner Unausweichlichkeit nicht als berufliches Versagen, sondern als ein Endspiel, das aufgrund einer Myriade von abzuwägenden Details nicht beherrschbar gemacht werden kann."
Chicago, soviel kann man verraten, muss in diesem Film dran glauben. Aber wie diese Erkenntnis im Film schlagartig klar wird - alleine dessentwegen muss man den Film "gesehen haben", schreibt Barbara Schweizerhof in der taz: "Wie sich von einem Moment auf den anderen alles verändert, die Stimmung kippt, eine Art Schockfrost einsetzt. Eben noch gab es die Illusion von Kontrolle, von Übersicht, von geregeltem Ablauf. ... Wie schon in 'The Hurt Locker' (2008) und besonders in 'Zero Dark Thirty' (2012) interessiert sich Bigelow für Entscheidungsprozesse. Und zwar sowohl für die der Institutionen mit ihren Handbüchern, ihren Apparaten und Hierarchien als auch für die in den Köpfen der Menschen mit ihrem Wissen, ihren Erinnerungen und ihren hochschießenden Emotionen." Weitere Besprechungen auf Artechock sowie in SZ und Zeit, hier unser Resümee vom Filmfestival Venedig.
Außerdem: Elke Eckert empfiehlt auf Artechock Filme des durch Deutschland tourenden Festivals "Cinema! Italia!". Eckhard Haschen resümiert für Artechock das 33. FilmfestHamburg. Jörg Seewald porträtiert in der FAZ den Schauspieler Max von der Groeben, der in DustinLooses (hier in der FAZ besprochenen) ARD-Film "Die Nichte des Polizisten" zu sehen ist.
Besprochen werden FatihAkins "Amrum" (FR, critic.de, Artechock), GerdKroskes Dokumentarfilm "Stolz & Eigensinn" über DDR-Industriearbeiterinnen, die nach der Wende aus ihren Berufen gedrängt wurde (BLZ), TomShovals Dokumentarfilm "A Letter to David" (critic.de), HélèneCattets und BrunoForzanis Italokino-Hommage "Reflections in a Dead Diamond" (taz), Radu Judes "Kontinental '25" (critic.de, Zeit), Jean-Baptistes Dokumentarfilm "Save Our Souls" über ein Rettungsschiff im Mittelmeer (taz), JuliusGrimms "Zweigstelle" (Artechock), Julius Grimms Komödie "Zweigstelle" (SZ), JoachimRønnings "Tron: Ares" ("ein verführerischer Stimmungsrausch", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR, Artechock, Standard, Welt), JovanaReisingers "Unterwegs im Namen der Kaiserin" (Artechock), die DVD-Ausgabe von RúnarRúnarssons "Wenn das Licht zerbricht" (taz) und ein Netflix-Porträtfilm über den Schauspieler CharlieSheen (FD).
Bei der Gedenkfeier am 7. Oktober bei der gerade in Berlin gastierenden Nova-Festival-Ausstellung (unsere Resümees hier und dort) wurde nach Ansicht von Ann-Kristin Tlusty auf Zeit Online der zivilen Opfer des Gaza-Kriegs viel zu wenig gedacht. Marion Löhndorf hat für die NZZ das neue David Bowie Centre des Victoria & Albert Museums in London besucht. Die FAZ hat Hubertus Butins skeptischen Artikel (unser Resümee) über den Handel mit Stradivari-Geigenonline nachgereicht. Besprochen wird das Comeback-Album von MariahCarey (NZZ).
Das Hotel "Les Trois Rois" in Basel. Foto: Hotel Les Trois Rois NZZ-Kritiker Ulf Meyer kann sich gar nicht sattsehen bei seinem Rundgang durch das neu gestaltete Hotel Les Trois Rois in Basel: "Für das Restaurant haben Herzog & de Meuron die bestehenden Kristallleuchter eigens durch Nachbauten ergänzt und detailverliebt alle Tische, Sessel und Wandoberflächen entworfen. Über der Bar hängt ein Baldachin in Form eines surrealistischen Gartens, entworfen vom Künstlerduo Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger. Die zugleich intim und elegant gestalteten Sitznischen wurden um drei Stufen angehoben, um Blickverbindungen zwischen Innenraum, Rhein und Stadt zu schaffen. Der Blick auf den Fluss war schon dem berühmtesten Hotelgast, Theodor Herzl, wichtig. Die große Suite in der Beletage liegt in der ehemaligen Wohnung des Bankdirektors. Vom Entrée mit rundem Speisesaal aus eröffnet sich eine Enfilade von Räumen, die nur durch schwere Vorhänge unterteilt sind. So wie die Heiligen Drei Könige, nach denen das Hotel benannt ist, muss der Hotelgast allerdings beträchtliche Schätze bei sich haben, um sich den Luxus dieser Suite leisten zu können."
Beverly Buchanan, Three Families (A Memorial Piece with Scars) [with legend], 1989, Fotodruck auf Papier, 10×23 cm, Courtesy of the Estate of Beverly Buchanan und Andrew Edlin Gallery, New York Interessiert wandert Jens Hinrichsen für den Tagesspiegel durch die Ausstellung "Wheathering" im Haus am Waldsee in Berlin. Die afroamerikanische Künstlerin Beverly Buchanan stellt dort ihre "Shacks" aus: "Mit den Kleinskulpturen aus Karton, Holz oder Blech würdigte die Künstlerin die schlichten, selbstgebauten Häuser der armen Schwarzen Gemeinschaften im Süden. (...) 'Here I am', sagt die lebensgroße Hütte im Gartensaal. Der aus Fundhölzern gezimmerte, wie in Hast errichtete Bau wirkt realistisch, ohne es bei näherer Betrachtung zu sein. Kein erwachsener Mensch passt in die Enge. Der Platz ist so knapp bemessen, dass eine Spüle und ein Tisch mit Stuhl extern platziert sind: Die skulpturale Metapher für katastrophale Lebensverhältnisse erscheint aktuell nicht nur in Hinsicht auf die soziale Schieflage in den USA, die mit Trump nur noch weiter kippt."
Der ukrainische Fotograf Oleksandr Glyadyelov dokumentiert seit vierzig Jahren das Leben in der Ukraine, erklärt Stefan Locke in der FAZ, der sich die große Retrospektive "And I Saw" im Ukrainischen Haus in Kiew angesehen hat. Glyadyelov dokumentierte auch "mit voller Wucht die Härten, die der Zusammenbruch" der Sowjetunion mit sich brachte: "Manche seiner Protagonisten begleitet er jahrelang, etwa Oleksi, der sich vor der Kamera eine Opiumspritze in den Hals bohrt und später an Aids stirbt, oder die Kinder Dima, Slawa und Max, die sich auf einem Holzregal in einem schmutzigen Keller ihr Nachtlager gebaut haben. Dem Problem der von ihren Eltern verlassenen Kinder, das später zur Gründung der Organisation 'Save Ukraine' führte, ist in der Ausstellung ein ganzer Raum mit erschütterndsten Aufnahmen gewidmet. Sie offenbaren das Versagen einer Gesellschaft, die es gewohnt war, dass der Staat alles regelt."
Der georgische Bass Paata Burchuladze wurde bei Protesten gegen die Regierung in Georgien festgenommen, berichtet Jonas Löffler bei VAN. Ebenda fordert Tillmann Triest eine angemessene Vergütung für Hospitanzen bei Theater und Oper. Die Zukunft der Bayreuther Festspiele ist ungewiss, berichtet Axel Brüggemann bei Backstage Classical, 2028 könnte die Zahlungsunfähigkeit drohen. Besprochen wird Stefan Herheims Inszenierung der Strauß-Operette "Die Fledermaus" im Theater an der Wien (Zeit).
"Die Avantgarde ist wieder feministisch", ruft Tobias Timm in einer kurzen Notiz in der Zeit zur FashionWeek in Paris. Der Anlass? MiucciaPrada hat ihre neue Sommerkollektion "als Hommage an die arbeitende Frau inszeniert. Die deutsche Schauspielerin SandraHüllerführte die Show als Model an, die Haare dunkel getönt, der Blick entschlossen, kämpferisch. Das wichtigste Kleidungsstück, das neue signature piece von Miu Miu: eine blaue, kantig geschnittene Schürze. Als habe Prada Bertolt Brechts blaue Arbeiterjacken und das Design der sowjetischen Konstruktivistinnen aus den 1920er-Jahren wiederentdeckt."
In der SZ findet es Julia Werner sehr ärgerlich, dass Adidas seine Kollektion mit Mode für Tiere nur in China anbietet. "Die Fotos sind natürlich der Hammer. Da trägt ein süßer Mischling eine Kapuzenregenjacke, in der er aussieht, als sei er für Deutschland auf dem Weg zu Dog-Olympia, und ein zarter Whippet eine knallrote Steppweste. Warum nur China, Adidas?"
Außerdem fragt sich Moritz Aisslinger in der Zeit, warum GiorgioArmani sich eine Woche vor seinem Tod noch eine Strandbar gekauft hat.
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