Efeu - Die Kulturrundschau

Konflikte im Wohnzimmer

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05.12.2025. Die taz freut sich in Hannover über die Wiederentdeckung der Künstlerin Käte Steinitz, die FAZ blickt derweil in Wien auf Bilder von Beinen, die Lisette Model im New York der Vierziger machte. Der Eurovision Song Contest ist am Ende, meint Zeit Online, nachdem mehrere Ländern angekündigt haben, die Veranstaltung aufgrund der Teilnahme Israels zu boykottieren. Die nachtkritik bedauert, dass Yael Ronen an der Schaubühne die Frage nach der Position israelkritischer Juden in Deutschland in "tiefenpsychologischem Klimbim" erstickt. Und der Filmdienst fragt: Warum ein Kinoporträt über Robert Habeck?
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2025 finden Sie hier

Kunst

Käte Steinitz: Backstroke, 1930, Glasnegativ, 9 x 12 cm, Sprengel Museum Hannover, 2018 Schenkung Steinitz Family Art Collection, Foto: Sprengel Museum Hannover (Repro)

Als Kulturbolschewistin und aufgrund ihrer jüdischen Familiengeschichte vom NS-Regime verfolgt, emigrierte die Künstlerin Käte Steinitz 1936 nach New York und damit erlosch die europäische Avantgarde in Hannover, weiß Bettina Maria Brosowsky in der taz. Umso erfreulicher, dass das Sprengel Museum der Künstlerin nun eine Schau widmet, die auch zeigt, wie Steinitz immer wieder ungewohnte Techniken ausprobierte: "So ringt sie der folkloristischen Hinterglasmalerei intensive Bilder ab. Als Sujet dient ihr oft die Bühne: Sie hielt Josephine Bakers freizügige Tanzperformances in einer Simultandarstellung der Bewegungen fest, den Choreografen Harald Kreutzberg besuchte sie bei Proben. Mithilfe reflektierender Silberbronze und Gouache auf Papier gebannt, strahlen die Körper der Tanzenden eine flirrende Stimmung aus."

Lisette Model: Lower East Side, New York City, 1940-1947. ALBERTINA, Wien © Estate of Lisette Model, courtesy baudoin lebon and Avi Keitelman

Auch Lisette Model, Tochter eines jüdischen Arztes, musste Wien in Folge des zunehmenden Antisemitismus, bereits in den 1920er Jahren in Richtung Paris verlassen - die Stadt, die sie nie mehr betrat, richtet ihr nun in der Albertina eine Retrospektive aus, die Hannes Hintermeier für die FAZ besucht hat. Zu erleben ist eine Fotografin, die für ihre Unkonventionalität berühmt wurde, etwa, wenn sie in New York für Aufnahmen hinter spiegelnden Schaufenstern verschwindet: "Die Serie 'Reflections' bietet rätselhafte Perspektiven, die sich nicht auflösen lassen, die aber nicht bearbeitet sind. Model steht auf Kellertreppen, die Kamera auf Höhe des Trottoirs, und macht für die Serie 'Running Legs' Bilder von Beinen der Passanten. Diese offenbaren nicht nur die Uniformität von Schuhmode und Kleiderlänge, der Blick auf den Boden ist ungewöhnlich in der Stadt der Wolkenkratzer, in der alle Fotografen nach oben schauen."

Daphne Wright, Söhne, 2011, © Daphne Wright © Foto: Courtesy the artist and Frith Street Gallery, London

150 Gemälde, Fotografien und Skulpturen von Tizian bis Richter hat das Bucerius Kunstforum in Hamburg zusammengetragen, um die Geschichte der Kinderdarstellungen zu zeigen, und in der FAZ amüsiert sich Wolfgang Krischke oft, aber nicht nur, wie er etwa mit Blick auf die "bedrückenden" Kindertotenporträts schreibt: "Die Bilder von Kindern, mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen auf dem Totenbett liegend, stehen unserem Bedürfnis, der Verstorbenen durch Fotos zu gedenken, die sie in aktiven, glücklichen Momenten zeigen, direkt entgegen. Die Porträts der verstorbenen Kinder, mitunter gerahmt von Figuren aus der christlichen oder der mythologisch-antiken Ikonographie, widerlegen einmal mehr die lange gehegte Vorstellung, dass der Tod von Kindern in früheren Zeiten wegen der hohen Kindersterblichkeit in geringerem Maße betrauert worden sei."

Weitere Artikel: Der erste Bauabschnitt des Pergamonmuseums ist fertig und für den Tagesspiegel hat Nicola Kuhn zufrieden am Rundgang teilgenommen: Und auch der Pergamonaltar wurde bereits hergerichtet: "Die Kanneluren der Säulenschäfte, jene senkrechten Rillen, sind wieder zu sehen, bis zu fünf Farbschichten mussten dafür herunter." Marcus Woeller (Welt) entdeckt auf der von der Art Review herausgegebenen Liste "Power 100", die die einflussreichsten Personen des globalen Kunstbetriebs kürt, so viele Scheichas, dass er das Ende der bürgerlichen Kunst ausruft: "Die Liste suggeriert jedenfalls, dass sich das Zentrum der Kunstwelt wegbewegt vom westlichen Kulturkapitalismus der Nachkriegszeit - hin zu oligarchischen, aristokratischen, teils neokolonialen Strukturen."

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Fehlercode 404" mit Werken des jungen russischen Künstlers Alexander Basil in der Berliner Galerie Judin (FR), die Ausstellung "The Invention of Solitude: Ludwig Spaude und Sid Gastl" in der Berliner Galerie Albrecht (Tsp) und die Ausstellung "Utopia. Recht auf Hoffnung" im Kunstmuseum Wolfsburg (SZ, mehr hier),  die Ausstellung "Out of Focus. Leonore Mau und Haiti. Eine Ausstellung von U5" im Lenbachhaus München (taz) und die Ausstellung "Mongolei. Eine Reise durch die Zeit" im Museum Rietberg (NZZ).
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Literatur

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Philip Cassier bewundert in der Welt Thomas Mann für dessen auf der BBC unter dem Titel "Deutsche Hörer!" ausgestrahlten Reden, in denen der Schriftsteller seine Landsleute über die Verbrechen der Nazis aufzuklären versuchte. Christine Knödler spricht für die SZ mit der Jugendbuchautorin Sarah Jäger. Dirk Knipphals empfiehlt in der taz Nils Kahlefendts beim Dlf Kultur online stehendes Radiofeature über Verlagsgründer, die sich von ihren Verlagen trennen. Tilman Krause (online nachgereicht von der Wams) und Gerhard Zeilinger (Standard) schreiben über Rainer Maria Rilke, der gestern vor 150 Jahren geboren wurde. 

Besprochen werden unter anderem die von Kateryna Mishchenko und Katharina Raabe herausgegebene Anthologie "Geteilter Horizont. Die Zukunft der Ukraine" (NZZ), David Szalays "Was nicht gesagt werden kann" (Standard) und Natascha Wodins "Die späten Tage" (FAZ).
Archiv: Literatur

Bühne

Szene aus "Sabotage". Foto: © Ivan Kravtsov

Gestern feierte Yael Ronens neues Stück "Paradox" über einen jüdischen Filmemacher, der sein Schweigen zu Gaza brechen will, von seiner Frau aus Angst vor einem Karriereschaden sabotiert wird und sich in Psychotherapie begibt, an der Berliner Schaubühne Premiere. Und es scheint, als platze es auch aus Yael Ronen heraus, nachdem im eröffnenden Monolog sofort von von Genozid und Gaza, von Holocaust und Auschwitz die Rede ist, kommentiert Janis El-Bira in der nachtkritik: "Ausgerechnet mit seinem israelkritischen Leibowitz-Filmprojekt will er die deutsche Gesellschaft und ihre stolze Vergangenheitsbewältigung einem Liebestest unterziehen: Was gilt euch der Jude, der nicht mehr mitspielt? Der ausbricht aus der Rolle? Und wenn ihr ihm die Liebe entzieht, ihn einen 'selbsthassenden Antisemiten' nennt, muss er dann fort? Nach Israel? Darin hätte 'Sabotage' Potenzial, einige Schmerzpunkte zu drücken. Dass es nur ansatzweise gelingt, liegt daran, dass Ronen rund um die Jona-Figur einen kruden Plot aus Spiegelungen, schrägen Liebesverstrickungen und tiefenpsychologischem Klimbim konstruiert, in dem sich die ganze Sache trotz blendender Unterhaltungswerte ziemlich verheddert."

Das Stück beleuchte das "Dilemma jüdischer Künstler", erklärt der Schauspieler Dimitrij Schaad, der eine der Hauptrollen spielt, derweil im Tagesspiegel: "'Die Position eines jüdischen Künstlers innerhalb der deutschen Gesellschaft ist eine paradoxe', sagt Schaad. 'Meine Figur hat das Gefühl, mal 'der Gute Jude' sein zu müssen, mal 'der Schiedsrichter, der pfeifen soll bei antisemitischem Abseits', wie es im Stück heißt, mal das Feigenblatt für deutsche Debatten. Wir leben in einer erhitzten Zeit, in der weltpolitische Konflikte im Wohnzimmer ausgetragen werden."

Weitere Artikel: Im Standard gibt Christoph Irrgeher einen ersten Ausblick auf das Programm der kommenden Salzburger Festspiele, die mit zwei Sensationen aufwarten: Stücke von Peter Handke und Elfriede Jelinek werden uraufgeführt. Im FAZ-Interview mit Wiebke Hüster spricht Lloyd Riggins, aktuell Künstlerischer Ballettdirektor beim Hamburger Ballett, über das Erbe der Tanzgeschichte und seine Pläne.

Besprochen werden eine Musical-Adaption von Paddington am Savoy Theatre im Londoner West End (SZ) und Mateja Mededs Inszenierung von Thomas Köcks Stück "KI essen Seele auf" am Theater Stuttgart (SZ).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Ronen, Yael, Schaad, Dimitrij

Musik

Die Generalversammlung der European Broadcasting Union hat sich mit großer Mehrheit dafür ausgesprochen, dass Israel am nächsten Eurovision Song Contest teilnehmen darf. Spanien, Irland, Slowenien und die Niederlande haben daraufhin erklärt, die Veranstaltung zu boykottieren - auch die Rundfunkanstalten weiterer Länder könnten sich dazu noch entschließen. "Der Eurovision Song Contest ist am Ende", kommentiert Jens Balzer auf Zeit Online: "Im Grunde ist der ESC seit fast 70 Jahren die einzige paneuropäische Kulturinstitution. Und diese Institution ist nun zerstört durch die Logik des Boykotts, wie sie sich insbesondere gegen Israel und israelische Künstlerinnen und Künstler seit einigen Jahren in kulturellen Institutionen und Szenen ausgebreitet hat - unter der Fahne der Moral und des politischen Aktivismus und wie sie noch niemals zu etwas anderem geführt hat als zu eben Zerstörung. Der Eurovision Song Contest ist am Ende, die Verfechter der Boykottidee haben gewonnen, aber was damit politisch gewonnen sein soll, bleibt ihr Geheimnis." Alles halb so wild, meint offenbar Nadine Lange vom Tagesspiegel: "Selbst wenn wie in den Anfangsjahren nicht mal ein Dutzend Nationen dabei sind, wird die Show weitergehen."

Außerdem: Stephanie Grimm resümiert in der taz das britische hcmf-Festival für zeitgenössische Musik. Edo Reents (FAZ) und Jakob Biazza (SZ) schreiben Nachrufe auf den Gitarristen, Songschreiber und Produzenten Steve Cropper, der den Stax-Sound maßgeblich geprägt hat. Auch diesen Klassiker - in dessen Lyrics er mit "Play it, Steve" auch namentlich erwähnt wird, hat er entscheidend mitgewirkt: 



Besprochen werden ein Konzert von Laibach in Bosnien (taz), Howard Carpendales Autobiografie (NZZ), die Netflix-Dokuserie über den Prozess gegen Sean Combs, die ausgerechnet von dessen Konkurrenten 50 Cent produziert wurde (Standard) und das neue Album von Kraftklub (taz).
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Film

Häufiger im Bild: Claude Lanzmann (Colletion Shoah)

Dietrich Leder führt für den Filmdienst ausführlich durch Guillaume Ribots aktuell bei Arte online stehendem Dokumentarfilm "Ich hatte nur das Nichts", in dem der Filmemacher anhand des von Claude Lanzmann hinterlassenen Konvoluts (hier online beim United States Holocaust Memorial Museum) an Film- und Audioaufnahmen die zwölfjährige Entstehung und Produktion von "Shoah" (aktuell online bei Arte) rekonstruiert. Spannend findet Leder, dass in diesem Film "etwas Drittes, Neues entsteht. ... Nun erkennt man die unterschiedlichen Rollen, die Lanzmann bei den Dreharbeiten einnahm. Mal ist er der lockere Interviewer, der auf Menschen zugeht und sie unvermittelt nach ihren Erinnerungen befragt. Mal wirkt er ... wie ein cooler Halbstarker, der sich nichts sagen oder vorschreiben lässt. Mal versteht er sich als eine Art Detektiv, der nach den Orten sucht, in denen sich die Täter verstecken. Mal unterdrückt er jede Emotion, um die Täter, die er oft mit versteckter Kamera aufnimmt, in Sicherheit zu wiegen. Mehrfach zeigt er hingegen seine Zuneigung zu den Menschen." Deutlich werde aber auch, "dass die Gespräche mit den Tätern erst zustande kamen, als Lanzmann unter falschem Namen und mit der Legende eines staatlich bestallten Historikers auftrat."

Gespenst mit Agenda: Robert Habeck und Lars Jessen in "Jetzt. Wohin". 

Lars Jessens Kinoporträt "Jetzt. Wohin" über Robert Habecks zurückliegenden Wahlkampf und dessen Aufarbeitung nach dem sehr enttäuschenden Ergebnis lässt Lukas Foerster (Filmdienst) eher ratlos zurück. Dass Jessen als dessen Medienberater eng mit Habeck verbandelt ist, tut der Sache von vornherein nicht gut. "Insgesamt stellt sich die Frage nach dem 'Warum' dieses Films. ... Als 'Selbstbefragung' versandet der Film, als womögliche Comeback-Vorbereitung kommt er deutlich zu früh. Die derzeit vehement aufflammende Kritik an den öffentlichen Fördergeldern, mit denen der Film finanziert wurde, sollte man keineswegs als Teil einer - zweifellos real existierenden - rechten, anti-grünen Medienkampagne beiseitewischen." Es ist "ein Werk, das seine parteiisch-parteipolitische Agenda offen vor sich herträgt." In der NZZ stellt Len Sander fest: "Habeck ist zum Gespenst geworden".

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Weiteres: In seiner Filmkolumne für Artechock liest Rüdiger Suchsland unter anderem Georg Seeßlens Buch über Elon Musk, in dem der Film- und Kulturkritiker den Multimilliardär durch die Brille der Superhelden-Popkultur zu deuten versucht. Außerdem denkt Suchsland auf Artechock darüber nach, warum Hannah Arendt im Kino so anhaltend populär ist. Wolfgang Hamdorf spricht für den Filmdienst mit der nordmazedonischen Filmemacherin Teona Strugar Mitevska, deren Film "Teresa - Ein Leben zwischen Licht und Schatten" (hier besprochen auf Artechock) diese Woche in die Kinos kommt. 
Außerdem melden die Agenturen, dass Netflix im Bieterkampf um Warner Bros. erhebliche Ambitionen zeigt, das Hollywood-Urgestein zu schlucken.

Besprochen werden Joachim Triers "Sentimental Value" ("Die Umwege, die der Film einschlägt, sind mitunter mehr darum bemüht, ambivalent und kunstsinnig zu erscheinen, als den Film zu bereichern", schreibt Michael Kienzl auf critic.de; Artechock), Felix Möllers Dokumentarfilm "Weltkarriere einer Lüge" über die "Protokolle von Zion" (Artechock), Diego Céspedes' "Der geheimnisvolle Blick des Flamingos" (critic.de), Michael Koflers "Zweiland" (Artechock) und Christian Marclays in der Neuen Nationalgalerie in Berlin gezeigte Filmcollage "The Clock" (Freitag, mehr dazu hier).
Archiv: Film