Efeu - Die Kulturrundschau

Geld und Liebe

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28.03.2026. So arbeitet man DDR-Vergangenheit auf, ruft eine amüsierte taz mit Blick auf Philipp Ladages Clipserie "DDR Mondbasis". Die Welt lässt sich von Thomas Ostermeier erklären, warum Molières "Der Geizige" so gut in die Gegenwart passt: Denn hier geht es um einen Egozentriker, der es nicht rafft. Die FR staunt über Sachar Prilepins Vorschlag für einen russischen Literaturnobelpreis - natürlich als "antikoloniales" Projekt. Die NZZ erzählt die Geschichte des Museums für zeitgenössische Kunst in Teheran. Die SZ versucht die Anziehungskraft der US-Indieband Geese zu verstehen: Ist es das menschlich Analoge?
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.03.2026 finden Sie hier

Film

Gunnar Leue hat in der taz viel Spaß mit der vom Hannoveraner Philipp Ladage erdachten "DDR Mondbasis", einer KI-generierten Online-Clipserie auf Youtube und Instagram, die sich ausmalt, wie es auf dem Mond wohl zuginge, wenn die DDR den Space Race für sich entschieden hätte: "Es wird viel rabottet in der Mond-DDR, aber auch gefeiert und mit Trabis zwischen den Plattenbauten über die Kraterlandschaft gebrettert. ... Negative Gefühle sind unerwünscht. Negative Elemente ebenso. In einem Video tragen Volkspolizisten einen Mann weg, der wohl nicht so recht in die Ordnung der glücklichen Gemeinschaft passte. ... Das Interessante ist, dass man sich - vor allem als Ostler mit DDR-Lebenserfahrung - beim Ansehen der computergenerierten Bilder nicht nur amüsiert. Man fragt sich, ob diese schräge Verknüpfung von Utopie und Vergangenheit nicht die schlauere Form sogenannter DDR-Vergangenheitsaufarbeitung ist, weil witzig und lehrreich."



Weiteres: Dietrich Leder schreibt im Filmdienst zum Tod von Alexander Kluge (mehr dazu bereits hier), FAS und SZ sammeln dazu Stimmen. Arabella Wintermayr spricht für die taz mit der Filmemacherin Julia Ducournau über deren Film "Alpha". Esther Buss resümiert in der Jungle World die Retrospektive der Diagonale, die dem österreichischen Film der Neunzigerjahre gewidmet war. Arno Widmann erinnert in der FR an den riesigen Erfolg, den Miloš Forman vor 50 Jahren mit "Einer flog über das Kuckucksnest" feiern konnte.

Besprochen werden Florian Opitz' ZDF-Dokuserie "Mesut Özil - Zu Gast bei Freunden" (FD), Kamal Aljafaris Dokumentarfilm "Mit Hasan in Gaza" (FAZ), Carla Simóns "Romería" (WamS), Harry Lightons SM-Drama "Pillion" (FAS) und die letzte Staffel der Amazon-Serie "Outlander" (FAZ).
Archiv: Film

Bühne

Im Interview mit der FAS erzählt Lars Eidinger, dass er sich für die Rolle in Molieres "Der Geizige" als sein Vater maskiert hat: Warum, erfährt man allerdings nicht, dafür hat ihn Juergen Teller bei den Proben fotografiert. Foto: Juergen Teller


Jakob Hayner trifft für die Welt den inzwischen auch schon 57-jährigen Schaubühnen-Intendanten Thomas Ostermeier, der gerade Molières "Der Geizige" mit Lars Eidinger in der Hauptrolle inszeniert - und damit ziemlich sicher einen Kassenschlager. "Ostermeier und Eidinger, das ist wie Martin Scorsese und Robert De Niro. Ein Duo, das für jahrelange Zusammenarbeit und riesige Erfolge steht. Das, ob man es nun mag oder nicht, Maßstäbe setzt. Ihr 'Hamlet' steht seit 18 Jahren auf dem Spielplan und feiert demnächst die 500. Vorstellung, 'Richard III.', die letzte Zusammenarbeit vor 'Der Geizige', immerhin schon seit elf Jahren. Die Vorstellungen sind immer innerhalb von kürzester Zeit ausverkauft. ... 'Ich merke erst jetzt bei den Proben, wie gut 'Der Geizige' in unsere Gegenwart passt', erzählt Ostermeier. 'Es geht um einen Menschen, der sich weigert, alt zu werden. Der nicht akzeptieren kann, vergänglich zu sein. Der in die gleiche Frau wie sein Sohn verliebt ist. Ein Egozentriker, der es nicht rafft. Und es geht um die Macht von vermeintlichem Reichtum, um die Hoffnung aufs Erbe. Molière hat immer Geld und Liebe gleichgesetzt. Das kennen wir später auch von Rainer Werner Fassbinder oder René Pollesch."

Besprochen werden Rebekka Davids "Zeit der Monster", das Kafkas unvollendete Erzählung "Der Bau" zur Vorlage hat, am Staatstheater Braunschweig (die Moral ist etwas platt, aber der Abend dennoch "originell, unterhaltsam, hinreichend böse", lobt nachtkritiker Falk Schreiber), Anna Gmeyners Stück "Automatenbüfett", von Jan Bosse am Deutschen Theater Berlin in Szene gesetzt (von "putzigem, gemütlichem Unterhaltungsgut aus fernen Kindertagen", spricht nachtkritiker Christian Rakow, eine "in ihrer wohlausgewogenen Kirmes-Ungemütlichkeit betulich kreisende Inszenierung", beklagt in der FAZ Irene Bazinger, BlZ), Rieke Süßkows Inszenierung von Garcia Lorcas "Bernarda Albas Haus" am Münchner Residenztheater (nachtkritik, SZ), Lucia Bihlers Inszenierung von Horvaths "Glaube Liebe Hoffnung", die das Stück am Burgtheater in eine Fantasy-Grottenwelt verfrachtet ("doch leider überrollt das Fantasy-Konzept samt Gewicht und Opulenz die im Drama verhandelten Konfliktpunkte", meint im Standard Margarete Affenzeller, und auch nachtkritiker Jakob Hayner ist nicht ganz überzeugt) sowie Bérénice Hebenstreits Inszenierung von Barbi Marković' "Piksi-Buch" am Teata im Wiener Theater am Werk (die Inszenierung von Markovićs Buch über die Fußballbesessenheit ihres Vaters und das WM-Viertelfinale 1990, als Jugoslawien im Elfmeterschießen gegen Argentinien verlor, ist streckenweise "großes, unterhaltsames Kino", meint nachtkritikerin Julia Schafferhofer, hat aber auch arge Längen).
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Architektur

Besprochen wird die Ausstellung "Suburbia" im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt (taz), eine Kulturgeschichte der Vorstadtsiedlungen in den USA und Europa.
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Literatur

Der früher engagiert putinkritische, heute aber rigoros kremltreue Schriftsteller Sachar Prilepin rennt mit seinem Vorschlag einer russischen Antwort auf den Literaturnobelpreis - natürlich als angeblich "antikoloniales" Projekt - bei Putin offene Türen ein, berichtet Stefan Scholl in der FR. Kein Wunder, "Prilepin bedient eine der Lieblingsideen Putins: Russland als geistig moralischer Führer des 'globalen Südens'. Dahinter stehen nach Ansicht des Exilsatirikers Viktor Schenderowitsch aber auch massive finanzielle Ambitionen des Starautors: 'Ein neuer Literaturpreis, das bedeutet auch ein neues, voluminöses Budget, den Zugriff auf neue Immobilien und Arbeitsplätze.'"

Hannes Stein berichtet in einer Reportage für die Welt von seinem Besuch im Hunter College in Manhattan, wo der Literaturwissenschaftler Yakov Klots eine Bibliothek mit verbotenen russische Bücher in der Sowjetunion gegründet hat. Viele der Bücher wurden seinerzeit von der CIA gedruckt und dann in den Ostblock geschmuggelt, erzählt Klots. Dabei kamen auch Ballons zum Einsatz. "Natürlich schafften sie es nicht bis in die Sowjetunion, aber mit ihrer Hilfe schwebten Bücher als Himmelsgeschenke bis nach Rumänien, und von dort wurden sie dann weitergereicht. ... Vielleicht war dies die einzige echte Heldentat der CIA im Kalten Krieg: Sie hat sich unsterbliche Verdienste um die Literatur erworben. 'Anders als die östlichen Behörden hat die CIA nie ideologische Vorgaben gemacht', sagt Klots. Tatsächlich hat sie in den Fünfzigerjahren ja auch hervorragende Zeitschriften finanziert: Encounter in London, den Monat in Berlin, das Forum in Wien."

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Weitere Artikel: "Ich lebte in diesem Viertel in Zeiten, die mir heute unschuldig erscheinen", schreibt der Schriftsteller Moshe Sakal in "Bilder und Zeiten", nachdem eine Rakete in besagtem Viertel in Tel Aviv eingeschlagen ist, "und doch lässt sich nicht leugnen, dass die heutige Gewalt und ihre Ausmaße ... gewaltig und apokalyptisch geworden sind". Leonie C. Wagner unterhält sich in der NZZ mit Leïla Slimani über deren aktuellen Roman "Trag das Feuer weiter". Für das Literaturefeature im Dlf Kultur erkundet Katharina Teutsch, wie Leif Randt, Helene Hegemann und Joshua Groß über die Liebe in Zeiten der Polykrise schreiben. Die Kinderlosigkeit ist vielleicht keine Erfindung des Feminismus, wie manche glauben, sondern eher eine der männlich geprägten Weltliteratur, glaubt Nikolai Ott im "Literarischen Leben" der FAZ. Marc Zitzmann erklärt in "Bilder und Zeiten" der FAZ anhand eines Streifzugs durch die Literatur, warum er Marseille verachtet - aufgrund der grassierenden Gewalt, des organisierten Verbrechens und nicht zuletzt aufgrund des Wahlverhaltens der Bürger der Stadt, wo fast jeder zweite den rechten Rassemblement National gewählt hat. Mathias Mayer schlägt für "Bilder und Zeiten" nach, wie Ingeborg Bachmann über die Oper nachgedacht hat. In der "Langen Nacht" von Dlf Kultur erinnert Helmut Braun an den Schriftsteller Edgar Hilsenrath. Sophia Coper porträtiert in der FAS die Schriftstellerin Hannah Häffner. Lars von Törne schreibt im Tagesspiegel zum Tod des Manga-Meisters Yoshiharu Tsuge, der vor wenigen Jahren auch in Deutschland wiederentdeckt wurde.

Besprochen werden unter anderem Dana von Suffrins "Toxibaby" (taz), Ádám Bodors "Waldohreule" (taz), Ozan Zakariya Keskinkılıçs "Hundesohn" (Intellectures), Nadine Schneiders Roman "Das gute Leben" (FAZ) und Christoph Peters' "Entzug" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

In der Frankfurter Anthologie schreibt Gerhard Stadelmaier über Eduard Mörikes "Karwoche":

"O Woche, Zeugin heiliger Beschwerde!
Du stimmst so ernst zu dieser Frühlingswonne ..."
Archiv: Literatur

Kunst

Das Museum für Zeitgenössische Kunst in Teheran. Foto: MRG90 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0


Leon Igel erzählt in der NZZ die Geschichte des Museums für zeitgenössische Kunst in Teheran, das eine der bedeutendsten Sammlungen moderner Kunst weltweit besitzt. Für Farah Pahlavi, die Ehefrau des Schahs, sollte das Museum ein Zeichen sein, dass der Iran in der Moderne angekommen war. Was natürlich nur zum Teil stimmte, wie sich bei der Eröffnung im Oktober 1977 zeigte: "Durch die Gänge tanzten Performancekünstler aus aller Welt. Für die einfache Bevölkerung muss das ein komisches Bild gewesen sein. Sie verstanden kaum, was sie da sahen. Nicht einmal die Hälfte der Menschen in Iran konnten zu diesem Zeitpunkt lesen und schreiben, von avantgardistischer Performancekunst hatten die wenigsten je gehört." Nach der Revolution erlaubte das islamische Regime erst ab 1999 wieder einzelne Ausstellungen westlicher Künstler im Museum. "Was gezeigt werden darf, bestimmt das Regime. 2025 stellte das Museum seine Picassos aus", achtete allerdings sorgfältig darauf, dass nackte Frauen im Depot blieben. "Die Kunst ist zu einem Ventil der Macht geworden. Das Regime lässt Ausstellungen zu, schafft kleine Freiräume, gibt den Unzufriedenen das Gefühl von Freiheit." Im Moment ist die Website des Museums nicht abrufbar.

Weitere Artikel: Gunnar Meinhardt unterhält sich für die Welt mit der Malerin Rosa Loy über Kunst, Musik und Rammstein: "Von Till Lindemann können wir sehr gut lernen, wie wir mit Verwerfungen im Leben umgehen: Erfahrungen und Brüche werden thematisiert und im besten Fall zu Kunst." In der FAZ gratuliert Freddy Langer dem Bildhauer Claus Bury zum Achtzigsten.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Zeichnungen von Lucian Freud in der National Portrait Gallery in London (Welt), die Fotoausstellungen von Peter Hujar/Liz Deschenes, "Persistence of Vision", im Berliner Gropius Bau und von Peter Hujar, "Eyes Open in the Dark", in der Bundeskunsthalle Bonn (FAS), die auf vier Berliner Häuser verteilte Ausstellung "Queere Kunst in der DDR?" (tsp) und zwei Berliner Ausstellungen, die mit Farbe und Licht spielen: von Zilla Leutenegger in der Galerie Judin und von Viola Bittl in der Galerie Walter Storms (tsp).
Archiv: Kunst

Musik

Leon Frei versucht sich in der SZ einen Reim darauf zu machen, warum die US-Indieband Geese bei Jung und Alt aktuell so sagenhafte Erfolge feiert. Mit ihrer Art der an Schulbands erinnernden Nicht-Inszenierung ihrer Auftritte steht die Band jedenfalls eher quer zum Zeitgeist. "Während KI mit sämtlicher Musik der Welt gefüttert wird, haben auch die Mitglieder von Geese ganz offensichtlich sehr, sehr viel absorbiert". Generation Playlist eben. Doch "während KI mit dieser Fülle an Material Songs generiert, indem sie das 'Nächstwahrscheinliche' errechnet ... scheint Geese mit diesem Erfahrungshorizont genau das Gegenteil zu tun: Sie suchen das Unerwartete. ... Eine seltene Mischung aus Chaos und Ordnung im Werk von Geese fordert und überfordert im besten Sinne. Es erklärt sich nicht. Und ist damit ein eigenwilliger, menschlicher Block inmitten von Smartphone-Müdigkeit, die junge Menschen tatsächlich wieder zu MP3-Playern und alten Kameras treiben soll, und einer unaufhaltsamen Welle KI-generierter Musik, die die Streaming-Dienste zu überschwemmen droht. Geese ist das, was dazwischen übrig bleibt und damit etwas menschlich Analoges ausdrückt."



Weiteres: Peter Unfried plaudert in der taz mit BAP-Musiker Wolfgang Niedecken, der am Montag 75 Jahre alt wird. In der FAZ porträtiert Tilman Spreckelsen den Liedermacher Stephan Sulke. Besprochen werden eine Schönberg-Ausstellung in Wien (Standard), ein Frankfurter Konzert von Kraftklub (FR) und das neue Album des Wiener Schrammel-Trios Topsy Turvy (Standard).
Archiv: Musik
Stichwörter: Geese