Efeu - Die Kulturrundschau

Schlechte Unendlichkeit

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17.06.2026. Die Bayreuther Festspiele wollen über Richard Wagners Antisemitismus sprechen, laden dafür Michel Friedman ein - und gleich wieder aus: Sowohl die SZ als auch Friedman selbst glauben nicht so recht, dass die Absage mit Sicherheitsbedenken zu tun hat. Die FAZ entdeckt in einer Turiner Ausstellung den Barock-Maler Sodoma, einen schelmischen Snob des 16. Jahrhunderts. Kino und Internet vertragen sich doch, staunt der Standard über Kane Parsons' originellen Horrorfilm "Backrooms". Und die Musikkritiker trauern um den südafrikanischen Jazzer Abdullah Ibrahim: Die FR würdigt ihn als wichtigen Kämpfer gegen die Apartheid. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2026 finden Sie hier

Bühne

Hohe Wellen schlägt momentan die Absage einer Veranstaltung, von der die Öffentlichkeit bislang gar nicht wusste, dass sie überhaupt geplant war. Die Bayreuther Festspiele hatten vor, ihre 150. Ausgabe mit einer Gedenkveranstaltung samt Konzert zum Thema Antisemitismus - insbesondere mit Blick auf Wagner - zu eröffnen. Als Redner war Michel Friedman vorgesehen. Die SZ hat nun, wie wir bei Moritz Baumstieger lesen, erfahren, dass Konzert und Rede nicht stattfinden werden, zumindest nicht wie geplant zur Eröffnung. Baumstieger zeigt sich verwundert darüber, "dass eine hochprofessionelle Veranstaltungsmaschinerie wie die der Bayreuther Festspiele nicht in der Lage sein soll, die Sicherheitsvorkehrungen für eine Veranstaltung mit dem Redner Friedman zu bewältigen, überrascht dann doch. Hochrangige Stammgäste und aktive Politiker pilgern Jahr für Jahr auf den Grünen Hügel, der amtierende Ministerpräsident Bayerns etwa, Markus Söder; Angela Merkel ließ es sich selbst in ihrer Zeit als Bundeskanzlerin nicht nehmen, in ihrem engen Terminkalender immer wieder Lücken für Wagner zu finden."

Friedman selbst hält die Sicherheitsbedenken für vorgeschoben: "Die Ernsthaftigkeit", so zitiert ihn unter anderem die Welt, "sich mit dem Antisemiten Wagner auseinanderzusetzen, ist durch diese Absage ad absurdum geführt. (…) Bitte, ich mag es nicht, wenn man die Öffentlichkeit und mich für dumm verkauft! Eine Veranstaltung für 1.500 Menschen (...) und es wird, wie sich nun herausstellt, kein Vorverkauf, üblich bei allen anderen Großveranstaltungen, gestartet? Das ist unglaubwürdig und zeigt, dass die Entscheidung, ob man die Veranstaltung überhaupt macht, schon lange infrage steht." In der Zeit resümieren Christine Lemke-Matwey und Florian Zinnecker den Stand der Dinge. Für die beiden ist das Ganze vor allem ein weiteres Beispiel für katastrophale Organisation und unsouveräne Medienarbeit in Bayreuth. "Was auch bleibt, in dieser ganzen toxischen Mischung, ist, dass man sich zwar heftig über die mutmaßliche Ausladung Michel Friedmans aufregt. Aber nicht über Richard Wagners Antisemitismus."

Außerdem: Max Florian Kühlem ist in der SZ ziemlich begeistert davon, was die Künstlerin Meredith Monk an der Folkwang-Universität der Künste in Essen im Rahmen ihrer Pina-Bausch-Gastprofessur mit ihren Studenten anstellt: Monk schafft eine "ausgelassene Stimmung der Veränderung, das Momentum, in dem alles möglich scheint: eine neue Kunst, eine neue Gesellschaft, eine neue Politik - im Zeichen von Liebe und Frieden." Mehr hier. Verena Harzer besucht für die taz das Performance-Festival "Never Work" in den Berliner Sophiensaelen.

Besprochen werden ein fader "Parsifal" bei den Wiener Festwochen (Standard - "Bilderorgie der Beliebigkeit") und der Revue-Abend "Mokka-Hits und Milchbar-Träume" in der Berliner Komischen Oper (Welt - "Es war nicht alles schlecht, vieles war sogar richtig gut").
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Kunst

Giovanni Antonio Bazzi detto il Sodoma, Allegoria dell'Amor celeste, circa 1504

FAZler Andreas Kilb spaziert in Turin fasziniert durch eine Ausstellung, die das Museum Accorsi-Ometto dem Maler Sodoma widmet. Der Zeitgenosse Da Vincis war seinerzeit ziemlich erfolgreich, später war er lange vergessen, ganz langsam wird er derzeit wiederentdeckt. Geschickt kombiniert Sodoma Techniken von Kollegen, einen eigenen Stil entwickelt er nie; aber dafür eine sympathische, schelmische Wendigkeit, die sich beispielsweise in einem Selbstportrait aus dem Jahr 1505 offenbart, so Kilb: "Auf seinem Kopf sitzt ein graues Barett, ein gefütterter Damastmantel umhüllt seinen Körper, seine rechte, in weiße Handschuhe gekleidete Hand hält den Knauf eines Schwertes, und sein Gesichtsausdruck ist so hochmütig, wie es einem Adligen der italienischen Renaissance zusteht. Nur dass Giovanni Antonio Bazzi, genannt Sodoma, nicht adlig war. Die Kleidung hatten ihm die Benediktinermönche des Monte-Oliveto-Klosters bei Siena geschenkt, deren Kreuzgang er mit seinen Fresken schmückte, das Schwert und die beiden Dachse zu seinen Füßen hatte er nach eigenem Gutdünken in die Szene des 'Siebwunders des heiligen Benedikt' hineingemalt, die er durch seinen Auftritt im Bild beglaubigte. So betrat er die Bühne der Kunstgeschichte: ein Geck, ein Selbstdarsteller, ein Snob."

Außerdem: Die Agenturen melden, dass der putinkritische russische Künstler Semyon Skrepetsky in Polen auf offener Straße erschossen wurde (siehe unter anderem hier). Zwei Männer wurden verhaftet, die Ermittlungen laufen. Tobi Müller trifft sich für monopol mit Robert Seethaler, der jetzt auch als Fotograf aktiv ist. Ebenfalls auf monopol spricht Oliver Koerner von Gustorf mit dem Künstler Ibrahim Mahama, der in Basel auf dem Münsterplatz eine Auftragsarbeit geschaffen hat.

Besprochen wird die Schau "Under the Milky Way. Abstraktion, Autonomie und post-vandalische Tendenzen in der Kunst der Gegenwart" im Kunstverein Hannover (taz).
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Stichwörter: Sodoma, Accorsi-Ometto

Literatur

In der SZ spricht Christine Knödler mit der Jugendbuchautorin Eva Kranenburg. Besprochen werden unter anderem neue Sachbücher, darunter Armin Osmanovics "Vom Kolonialismus zum 'Schwarzen Frankreich'". Eine Geschichte Frankreichs und seiner ehemaligen Kolonie Französisch-Westafrika" (FAZ).
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Film

Wenn der Mensch nicht mehr gebraucht wird: "Backrooms" zeigt den Horror der Nicht-Orte nach der Erübrigung des Menschen

Bert Rebhandl staunt im Standard über "Backrooms", den Horrorfilm des erst zwanzigjährigen Regisseurs Kane Parsons, der damit ein seit einigen Jahren grassierendes und von ihm selbst bereits via Youtube bespieltes Internetphänomen in die Kinosäle der Welt trägt: Spätestens seit der Pandemie überbieten sich bestimmte Netz-Communitys darin, einander durch subtil gruselige Gang-Labyrinthe in käsig-gelbiger Optik zu schicken - von den einen gefeiert als entspannende Auszeit, von den anderen als Horror-Kommentar zur Entleertheit und Verrümpelung der Welt. "Eine Weile im frühen 21. Jahrhundert galt der Verdacht als plausibel, das Internet würde das Kino zerstören - mit seinen fragmentierten Subkulturen, die nie wieder zu einem Publikum zu formen wären. Kane Parsons aber zeigt virtuos, dass aus einer Schwarm-Fiction, die anders als Fan-Fiction keinen Referenztext braucht, wieder ein solches entstehen kann. Die schlechte Unendlichkeit, vor der eine Popkultur im Zeichen von KI steht, findet in 'Backrooms' eine brillante - und schließlich im besten Sinne kritische, also aufhebende - Allegorie."

Pia Wieners spürt in der FAZ bei diesem Film "das Entsetzen, wenn der Mensch feststellt, dass er für vieles nicht mehr gebraucht wird und dass er deshalb allein ist in den ausgestorbenen Büroräumen. Wir sehen ihrem Sinn entzogene Alltagsgegenstände: aufgestapelte oder halb im Boden versinkende Möbelstücke, Markenschilder ohne Kontext und abgestoßene Kleiderhaufen, hinter denen jederzeit ein unbekanntes Monster lauern kann."

Ganz ins Jetzt und Hier vertieft: "Sechswochenamt"

Jacqueline Jansens autobiografisch grundierter Debütfilm "Sechswochenamt" entstand gänzlich ohne Filmförderung und erzählt sehr einfühlsam von der Trauerarbeit einer jungen Frau, deren Mutter gerade gestorben ist, schreibt eine sehr beeindruckte Anke Sterneborg in der SZ. "Erstaunlich ist dabei, wie konsequent die Regisseurin die gegenwärtige Wahrnehmung auslotet, das Wie und Warum außen vorlässt, sich stattdessen ganz und gar ins Jetzt und Hier vertieft. ... Man spürt, dass diese so fein, präzise und empathisch erzählte Geschichte für die Regisseurin sehr persönlich ist. Sie hat Ähnliches erlebt, diese Erfahrungen aber in eine universelle Erzählung überführt. ... Umso unverständlicher ist es, dass alle Förderanstalten das Projekt abgewiesen haben. Zu ernst, zu schwer, zu existenziell muss ihnen das wohl gewesen sein, nicht erkennend, dass es auch darum geht, genau diese verdrängten, unterdrückten Wahrheiten des Lebens in den Alltag zurückzuholen."

Weiteres: In der FAZ gratuliert Andreas Kilb Ken Loach zum 90. Geburtstag. Besprochen werden Sophie Fillières' "Mein Leben, mein Ding" (taz) und Hlynur Pálmasons Trennungsdrama "The Love That Remains" (critic.de, SZ).
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Musik



Die Musikkritik trauert um die südafrikanische Jazzlegende Abdullah Ibrahim. Zu Beginn seiner Karriere "spielte er mit den internationalen Größen des Jazz, mit John Coltrane, Ornette Coleman, Elvin Jones, Don Cherry und Gato Barbieri und vertrat gelegentlich Duke Ellington als Pianist und Bandleader", hält Hans-Jürgen Linke in der FR fest. Später bezog er sich mehr auf seine südafrikanischen Einflüssen und prägte damit den "Cape Jazz". Legendär wurde sein noch unter seinem ersten Namen Dollar Brand aufgenommenes Stück "Mannenberg - Is Where It's Happening": Dieses "bündelt südafrikanische und internationale Ausdrucksformen und wurde in kürzester Zeit zu einer Erkennungsmusik des Widerstands und der Selbstbehauptung gegen die Apartheid." Ibrahim "organisierte ein Jazzfestival, das die Rassentrennungsvorschriften missachtete, und erklärte seine Unterstützung des African National Congress".



Peter Kemper erinnert in der FAZ an Ibrahims Livealbum "African Piano" von 1969: "Hier warf jemand der europäischen Klassik-Tradition, die das Piano jahrhundertelang als ihr Eigentum betrachtet hat, den Fehdehandschuh hin. Nicht zuletzt wandte er sich damit gegen die diskriminatorischen Praktiken halbstaatlicher Kulturinstitutionen in Südafrika, die ausschließlich europäische Kunstmusik förderten. Für Ibrahim war das Konzert-Piano ebenso afrikanisch, wie es das Daumenklavier Kalimba für seine Vorfahren war. Er eignete es sich damit ausdrücklich als schwarzes Instrument wieder an. Sein ganzes künstlerisches Schaffen kondensierte in einer 'Piano-Protestmusik', begründet in einer Zeit, in der ein African Composer noch als Fremder im eigenen Land angesehen wurde."

"Zu der orchestralen Finesse und Ökonomie im Geiste Ellingtons kamen der kraftvolle, perkussive Anschlag und die kantigen Harmonien eines Thelonious Monk, die pentatonische Simplizität und die transzendentale Kraft afrikanischer Trance-Musik", schreibt Stefan Hentz in der NZZ über Ibrahims Stil. Weitere Nachrufe schreiben Julian Weber (taz) und Joachim Hentschel (SZ).

Außerdem: Rundum glücklich berichtet Jan Brachmann in der FAZ von der ersten Woche im Kissinger Sommer, dem von Alexander Steinbeis geleiteten Klassikfestival in der unterfränkischen Kleinstadt Bad Kissingen, das noch bis Mitte Juli fast alles auffährt, was in der Klassik Rang und Namen hat. Merle Zils staunt in der SZ über den internationalen viralen Erfolg, den der Kitschkrieg-Song "Gut genug" derzeit auf TikTok hinlegt: Dieses Stück "könnte noch der Soundtrack für einen märchenhaften Sommer werden". Besprochen wird Genesis Owusus Album "Redstar Wu & The Worldwide Scourge" (Standard).

Archiv: Musik