Efeu - Die Kulturrundschau
Für das innere Ohr bestimmt
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.02.2026. Die Berlinale ist zu Ende: Die Kritiker sind glücklich, dass Sandra Hüller als beste Hauptdarstellerin mit dem Silbernen Bären und İlker Çatak für seinem Film "Gelbe Briefe" mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurden. Den ängstlich umschifften Eklat um den Gazakrieg gab es am Ende allerdings doch. Gespaltener Meinung sind die Kritiker zu Jakob Noltes und Laura Linnenbaums Bühnenversion von Gorkis "Kinder der Sonne". Mehr Streit im politischen Theater wünscht sich die SZ. Die NZZ entdeckt in Bangkok das neue Dib Intenational Contemporary Art Museum. Die FAZ besucht Peter Kogler in seinem Atelier.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
23.02.2026
finden Sie hier
Film

Die Berlinale ist mit der Bärenverleihung am Samstagabend zu Ende gegangen. Alle feiern Sandra Hüller für ihre Auszeichnung mit dem Silbernen Bären als beste Hauptdarstellerin des Wettbewerbs in "Rose". Und mit İlker Çataks "Gelbe Briefe" hat zwanzig Jahre nach Fatih Akins "Gegen die Wand" wieder ein deutscher Film - und erneut einer mit türkischer Thematik - den Goldenen Bären erhalten: Çatak erzählt in Berlin und Hamburg (die Ankara und Istanbul spielen) von einem Ehepaar im Kulturbetrieb, das unter den Repressalien einer autoritären Regierung seine Existenzgrundlage verliert und zugrunde zu gehen droht. Die Kritiker sind im Großen und Ganzen sehr zufrieden mit dieser Juryentscheidung - einer Entscheidung unter Jurypräsident Wim Wenders, die nochmal das große Missverständnis unterstreicht, das von Wenders' ungelenkem Statement zu politischen Filmen auf der Jury-Pressekonferenz zu Beginn des Festivals ausging. Die Auszeichnungen "schlugen denn auch die Brücke zwischen poetischem und politischem Kino", hält Valerie Dirk im Standard fest. David Steinitz spricht in der SZ mit Çatak.
Nach den Turbulenzen der letzten Tage war die Gala zwar über weite Strecken vom Bemühen um versöhnliche, klärende und inkludierende Töne geprägt. Mit einer ganz großen Ausnahme: Abdallah Alkhatib, der im Debütfilm-Wettbewerb "Perspectives" für seinen Film "Chronicles From The Siege" ausgezeichnet wurde, betrat mit Kufiya und Palästinaflagge die Bühne bewusst kämpferisch, warf Deutschland eine Komplizenschaft am "Genozid an den Palästinensern" vor und "drohte dem Publikum unverhohlen, wenn Palästina erst 'befreit' sei, werde man sich an jeden erinnern, 'der gegen uns war'", schreibt Andreas Kilb in der FAZ. "Einige im Saal feierten ihn dafür mit Applaus und Geschrei." Diese Rede war "Kulturstalinismus in Reinform, die die Redefreiheit zum Mittel ihrer Unterdrückung macht", kommentiert Rüdiger Suchsland auf Artechock. FR-Kritiker Daniel Kothenschulte hat Alkhatibs Drohungen offenbar überhört oder verschweigt sie lieber geflissentlich, jedenfalls sieht er dessen Rede im Kontext eines "Klimas von Toleranz und Meinungsoffenheit" und kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum sie jemand skandalisieren wollen würde. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ als einziger Anwesender der Bundesregierung den Saal.
Moderatorin Désirée Nosbusch fing Alkhatibs Rede kaum auf, Intendantin Tricia Tuttle ergriff unmittelbar danach nicht das Wort. Für tazler Tim Caspar Boehme "ein Indiz dafür, dass die Berlinale in ihrer Angst vor öffentlichen Diffamierungen oder Boykott, weil das Festival angeblich Zensur übe oder nicht exakt die gewünschte Form von Solidarität zeigt, die eigenen ethischen Maßstäbe aus dem Blick zu verlieren droht. ... Dass Tuttle am Ende der Veranstaltung hingegen an der Realität vorbei warme Worte wählte und allen, die auf der Gala gesprochen hatten, zugutehielt, sie hätten aus einer Haltung der 'Liebe' und 'Hoffnung' gesprochen, zeigt bedauerlicherweise, dass sie ihrer Aufgabe nicht vollständig gewachsen ist. Das muss man in diesem Fall als Scheitern bezeichnen."
Im Kommentar für die Jüdische Allgemeine stimmt Sophie Albers Ben Chamo Boehme zu: "Wieder haben sogenannte pro-palästinensische Aktivisten im Namen der Mitmenschlichkeit ihren Anti-Humanismus offenbart. ... Der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah Alkhatib scheint so von kaltem Hass und Rachegefühlen getrieben - was man in Interviews erleben konnte -, dass die Frage gestattet sein muss, ob er seinen Film 'Chronicles from the Siege' - abgesehen vom Abspann - eigentlich selbst gemacht hat, der mit Härte, aber vor allem Universalität, Empathie und Menschlichkeit davon erzählt, was eine Belagerung mit Menschen macht."
Schon beim Photo Call zur Premiere des Films posierte die Crew mit Kufiya und Palästinaflagge: Tuttle gesellte sich dazu.
Gerrit Bartels zitiert im Tagesspiegel Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, der sich über den "Israel-Hass und die Aktivisten-Aggressivität bewussten Missverstehens" sehr ärgert. Weitere Resümees des Festivals und der Gala im Tagesspiegel, in der Welt, auf Artechock, im Filmdienst und in der SZ. Abseits des Festivals besprochen wird die deutsche HBO-Serie "The Banksters" (Welt).
Musik
Sehr ergriffen erzählt Viktoria Großmann in der SZ von ihrem Besuch im Arvo Pärt Center, das in einem estnischen Kiefernwald gelegen ist und wo "die ganze Lautstärke der Gegenwart" zum Verschwinden gebracht wird. Adrian Schräder stellt in der NZZ die Schweizer Weltmusikgruppe Da Cruz vor. Andrian Kreye schreibt in der SZ zum Tod des Jazzposaunisten Willie Colón. Christian Schachinger porträtiert im Standard den exzentrischen Musiker Sam Battle, der unter dem Namen Look Mum No Computer mit einem ganzen Fuhrpark selbstgebastelter Instrument auftritt und Großbritannien beim kommenden ESC vertreten soll. Auf seiner Orgel lässt er einen ganzen Chor von Plüschtieren erklingen:
Besprochen werden ein von Andris Nelsons' dirigiertes Konzert der Wiener Philharmoniker mit Lang Lang (Standard).
Besprochen werden ein von Andris Nelsons' dirigiertes Konzert der Wiener Philharmoniker mit Lang Lang (Standard).
Bühne

Hilka Dirks hingegen sieht in der taz eine "dichte Milieustudie auf schwarzem Asphalt". In dieser modernisierten Fassung ist für sie "niemand sympathisch, alle sind Antihelden. Beeindruckend ist dabei die dicht studierte Körperlichkeit der Charaktere, die insbesondere von den eher randständigeren Figuren des Vermieters und des Handwerkers mit geringem Redeanteil, dafür umso präsenterem Habitus auf die Bühne gebracht werden. Die Klassenfrage, sie wird hier zu Recht auch über den Körper verhandelt. Sich ganz in dieses Stück sinken zu lassen, fällt ob der doppelten Unerträglichkeit der gespielten und der realen Realität zunächst schwer. Gelingt es dann irgendwann doch, rinnt die Zeit plötzlich schneller. Was bleibt ist eine ausgesprochen kluge Charakterstudie der bürgerlichen Gesellschaft ohne didaktische Lösungsvorschläge."
Peter Laudenbach wünscht sich in der SZ echten Streit im politischen Theater, nicht ideologische Belehrungen oder Raum für Selbstdarstellung, wie er ihn bei Milo Raus "Prozess gegen Deutschland" in peinlichem Ausmaß gesehen hat, auch wenn es da zumindest den Anspruch gab, "alle Seiten zu Wort kommen zu lassen. Deshalb ist sein Scheitern im unverantwortlich reißerischen Krawall-Kalkül so interessant und exemplarisch. Hier lässt sich studieren, wie gerade kein Begegnungs- und Debattenraum entsteht, kein Ort bürgerlicher Öffentlichkeit, gesellschaftlicher Selbstaufklärung. Rau und Lilienthal haben das Theater mit ihrem Event zum hochkulturell veredelten Verstärker für die Ressentiment-Bewirtschaftung von Selbstdarstellern und Polarisierungsunternehmern gemacht. Die Freakshow mit schrillen Influencern vom ganz rechten Rand und bizarren Figuren wie Frauke Petry bot die Travestie einer gesellschaftlichen Debatte. Diese Akteure waren nicht am Dialog und erst recht nicht am berühmten zwanglosen Zwang des besseren Arguments interessiert. Ihr Geschäftsmodell beruht darauf, ihre Echoräume mit Polemik zu bedienen."
Weiteres: Lilo Weber fragt sich für die NZZ, wie das Nederlands Dans Theater es schafft, so gut mit dem Erbe des Choreografen Jiri Kylian umzugehen.
Besprochen werden: "Vor dem Ruhestand" von Thomas Bernhard, am Schauspiel Stuttgart inszeniert von Martin Kusej (Nachtkritik), Regisseur Tilmann Köhler bringt Tolstois "Krieg und Frieden" in der Fassung von Armin Petras auf die Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses (Nachtkritik), im Staatstheater Wiesbaden läuft "Romeo und Julia", inszeniert von Charlotte Sprenger (Nachtkritik, FR), Timofej Kuljabins Inszenierung des Bulgakov-Romans "Der Meister und Margarita" am Schauspiel Frankfurt (Nachtkritik, FR), Dana Vowinckels Roman "Gewässer im Ziplock" wird von Regisseurin Lena Brasch am Schauspiel Hannover inszeniert (Nachtkritik), Philippe Quesnes "Le Paradoxe de John" am Hebbel am Ufer (taz), "Tamerlano" auf den Händel-Festspielen in Karlsruhe unter der Regie von Kobie van Rensburg (FR, FAZ), Julia Riedler inszeniert Shakespeares "Hamlet" am Schauspiel Freiburg (FAZ) und im Staatsballett Berlin zeigt das Ensemble unter dem Titel "Next Generation" eine Auswahl an Choregrafien (FAZ).
Kunst

Bangkok befindet sich ziemlich im Aufbruch und nimmt in der Kunstwelt zusehends mehr Raum ein, stellt Werner Bloch für die NZZ im neuen Dib International Contemporary Art Museum fest. Gesponsert wurde es vom Bier-Milliardär Purat Osathanugrah, Chang genannt, und zeigt sowohl europäische als auch thailändische Kunst: "Der vielleicht größte Star des Museums aber ist ein Thailänder: Montien Boonma (1953-2000). Obwohl er sich lange in Europa aufhielt, ist sein Name wenig geläufig. Boonma studierte in den achtziger Jahren Bildhauerei in Paris, wurde von Beuys und Tadao Ando beeinflusst. Im Dib ist die Installation 'Quiet Lotus' zu sehen, eine Rundmauer aus Hunderten von Lehmobjekten, die den Glocken der thailändischen Klöster nachempfunden sind. Anders als gewöhnliche Glocken sind sie im Museum allein für das innere Ohr bestimmt. Boonma, der an Krebs erkrankte, geht es in seinem Werk um Heilung. Er umwickelt eiserne Lungen mit heimischen Pflanzen und Gewürzen. Oder er schaut in den Himmel, reproduziert Sternbilder aus Holz und stellt diese auf Stelzen, so dass man von unten in die astronomischen Konstellationen hineinblicken kann: Kunst wie aus einer anderen Welt."
Hannes Hintermeier besucht das Atelier des Medienkünstlers Peter Kogler für die FAZ. Kogler bezieht wie vielleicht kein zweiter den öffentlichen Raum in seine Arbeiten mit ein: "Koglers Kunst ist häufig eng verwoben mir der sie begleitenden Architektur, vor allem an Orten, die keine klassischen Ausstellungsorte sind. Die Formel des Künstlers lautet: 'Meine Bilder machen aus einer anonymen Situation einen Ort.' So wie etwa in Graz geglückt, wo Kogler für das Kulturhauptstadtjahr 2003 in der Bahnhofshalle eine 2300 Quadratmeter große Arbeit schuf, die auf dem Rotton der Österreichischen Bundesbahn biomorphe Strukturen wuchern lässt. Die Arbeit habe ihm Kopfzerbrechen bereitet, erinnert sich Kogler. 'Ich war mir nicht sicher, wie die 30.000 Menschen, die hier jeden Tag durchmüssen, damit umgehen. Was, wenn sie meine Arbeit hassen?' Zunächst nur für die Dauer des Kulturhauptstadtjahres geplant, wollten sich die Fahrgäste nicht von dem Riesenbild trennen, schließlich stimmte die Bevölkerung für dessen Erhalt."
Literatur
Im Standard widmet sich der Schriftsteller Karl-Markus Gauß eingehend Taras Schewtschenkos "Flieg mein Lied, meine wilde Qual" und Lesja Ukrajinkas "Am Meer", den ersten Veröffentlichungen der "Ukrainischen Bibliothek". Die Welt hat Marc Reichweins Porträt des Verlegers Klaus Bittermann online nachgereicht.
Besprochen werden unter anderem Ben Shattucks Erzählband "Eine Geschichte der Sehnsucht" (online nachgereicht von der FAZ), Alena Schröders "Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel" (Tsp), Robert Menasses "Die Lebensentscheidung" (Welt) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Evelien De Vliegers und Jan Hamstras "Das große Buch der Hühner" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Besprochen werden unter anderem Ben Shattucks Erzählband "Eine Geschichte der Sehnsucht" (online nachgereicht von der FAZ), Alena Schröders "Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel" (Tsp), Robert Menasses "Die Lebensentscheidung" (Welt) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Evelien De Vliegers und Jan Hamstras "Das große Buch der Hühner" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Kommentieren



