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27.02.2026. Tricia Tuttle ist nicht von Wolfram Weimer abgesägt worden, wie die Bild behauptete. Sollte sie gehen, hätten die Gesinnungsprüfer gewonnen, meint die FAZ. Die Kunstkritiker widmen sich den Übersehenen: Die FAZ hofft, dass die Surrealistin Leonora Carrington dank einer Schau in Paris auch in Europa anerkannt wird. Monopol entdeckt in London ganz unbekannte queere Surrealisten. Und der Tagesspiegel lernt in Potsdam: Es gab auch deutsche Impressionistinnen. Spätestens 2032 soll auch die Berliner Philharmonie zwecks Sanierung die Pforten schließen, stöhnt der VAN.
In der Causa rund um die Berlinale, ihre Leiterin TriciaTuttle und Kulturstaatsminister WolframWeimer ist nach der Sondersitzung von gestern vieles offen. Anders als Bild vorab vermeldete (unser Resümee), wurde sie dort nicht abgesägt - aber auch nicht vollmundig im Amt bestätigt, weitere Gespräche zur Zukunft des Festivals sind angekündigt. "Die Ablösung ist also zumindest aufgeschoben, offen ist nun aber auch, ob sie überhaupt im Raum stand", fasst Bert Rebhandl im Standard die knappe Pressemitteilung von gestern zusammen, "oder ob Tuttle selbst eine Weiterarbeit von stärkerer Rückendeckung durch die deutsche Politik abhängig machen will. ... In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob der provinzielle Widerstand gegen eine international exzellent vernetzte und auch in den globalen Diskursen heimische Direktorin sich als mächtiger erweist als das nahezu einhellige Votum der Branche: Tricia Tuttle hat offensichtlich die Unterstützung der Kultur in Deutschland. Und dazu muss sich der politische Beauftragte für Kultur nun verhalten." Dass es womöglich doch Tuttle selber ist, die hinschmeißen will, hält auch Andreas Busche im Tagesspiegel für immer wahrscheinlicher.
Andreas Kilb glaubt in der FAZ immer weniger daran, dass Weimer Tuttle absetzen will. Das legen "sowohl sein Nichtkommentar zum Bild-Gerücht als auch die abwiegelnde Presseerklärung" nahe. "Wahrscheinlicher ist, dass Tuttle selbst das Handtuch werfen und der Kulturstaatsminister sie halten will, in welcher Funktion auch immer." Sollte Tuttle gehen, "hätte nicht die freie Rede über das Kino gewonnen, sondern jene, die sie zerstören wollen, die Aktivisten, die Gesinnungsprüfer, die Prediger der falschen Eindeutigkeiten. Nicht Wim Wenders und İlker Çatak, sondern Tilda Swinton und Abdallah Alkhatib. Politische Bekenntnisse sind das sicherste Mittel, um den Eigensinn von Kunstwerken zu zerstören."
"Tragikomisch" findet David Steinitz in der SZ das Gebaren von TildaSwinton, für ihn "ein Beispiel aus den äußeren Grenzregionen der Debattenhysterie": Die Schauspielerin "unterzeichnete zunächst den Aufruf, der der Berlinale Zensur vorwarf, obwohl sie selbst erst im vorigen Jahr völlig ungehindert während des Festivals ihre sehr, sehr israelkritische Meinung geäußert hatte. Nun hat Swinton am Mittwoch den nächsten offenen Brief unterschrieben. In dem heißt es von ihr und anderen Künstlern: 'Wir verteidigen die Berlinale als das, was sie ist: ein Ort des Austauschs.' Also was jetzt? ... Mit genau diesem Salat aus Empörung haben Promis wie Swinton, die glauben, Tuttle verteidigen zu müssen gegen die böse deutsche Politik, die Festival-Chefin überhaupt erst in die Lage gebracht, in der sie jetzt ist."
Dirk Knipphals spricht in der taz mit DanielKehlmann, der in einer Verlautbarung des PEN Berlin eine mögliche Entlassung Tuttles als "größteKatastrophe der deutschen Kulturpolitik seit der Hausdurchsuchung bei Heinrich Böll im Jahr 1972" bezeichnet hat.
Dass ein politisches Statement bei einem Filmereignis mit würdigem Auftreten kompatibel sein kann, zeigt unterdessen die Hommage der Schauspielerin Golshifteh Farahani an Jafar Panahi und das iranische Volk bei der Verleihung der "Césars" in Paris: "Mein ganzes Herz ist woanders, in einem Land, dessen Sterne zu Staub und Blut zermahlen und zum Schweigen gebracht wurden."
"Tout mon cœur est ailleurs, dans un pays dont les étoiles ont été réduites en poussière, en sang ou forcées au silence."
Le puissant discours aux César de Golshifteh Farahani en soutien au peuple iranien. pic.twitter.com/bpJOadUeNt
Abseits der Berlinale-Debatte: Für seine Rolle als manischer Tischtennisspieler in JoshSafdies "Marty Supreme" (unsere Kritik) könnte TimothéeChalamet endlich den seit langem anvisierten Oscar erhalten, ist Tobias Sedlmaier in der NZZüberzeugt. Josef Lederle beschäftigt sich im Filmdienst mit Filmen über Jugendliche, in deren Religion die christlicheReligion eine wichtige Rolle spielt. Besprochen wird KevinWilliamsons Horrorsause "Scream 7" (Standard).
Nach Stationen in Madrid und Mailand ist die schlicht "Leonora Carrington" betitelte Werkschau der britisch-mexikanischen Künstlerin nun im Pariser Musee du Luxembourg zu sehen - und FAZ-Kritikerin Bettina Wohlfarth kann nur hoffen, dass die Surrealistin nun endlich auch in Europa die verdiente Aufmerksamkeit bekommt: "Carringtons Gemälde sind kondensierte Erzählungen. So verwendet sie mehrmals das längliche Predella-Format für narrative Szenen. 'Drei Nornen' von 1998 lässt sich als Quintessenz von Carringtons lebenslänglicher Erforschung der Mythen, der Spiritualität und der Rolle des Femininen verstehen. Die drei mysteriösen Nornen ihres Gemäldes haben eine innere Reise angetreten, zu den Wurzeln des Seins, wo Tiere und die Natur keine zu besiegenden Gegner sind, sondern Elemente der Psyche, die in Symbiose integriert werden."
Leonora Carrington ist sicher keine Unbekannte mehr, aber von jenen Künstlern, die die Londoner Richard Saulton Galerie in der Ausstellung "Unveiled Desires II. Fetisch & The Erotic in Surrealism, 1880 - Today" zeigt, hat garantiert bisher kaum jemand gehört. Allen gemein ist, dass sie den Surrealismus aus feministischer oder queerer Perspektive deuten und den Körper als "politisches Terrain" verstehen, klärt uns Lena Appel bei monopol auf: "Der Dialog zwischen den Ölmalereien von Marion Adnams und Jane Graverol macht diese queerfeministische Verschiebung, die in dieser Zuspitzung neu ist, deutlich: ... In Graverols 'Le Sacre du Printemps' von 1960 sitzt ein Vogel ruhig auf einer entblößten Brust - kein Angriff, keine Ekstase, sondern eine irritierende Nähe, die den Körper nicht zum Opfer macht, sondern zum Ort einer stillen, selbstbestimmten Verwandlung."
Weitere Artikel: Max Liebermann ist das Zugpferd der dem Impressionismus in Deutschland gewidmeten Ausstellung "Avantgarde" im Potsdamer Museum Barberini, aber auch die wenigen Frauen der Berliner Secession sind zu sehen: Neben Sabine Lepsius, Dora Hitz und CharlotteBerend-Corinth und Maria Slavona, freut sich Lena Schneider im Tagesspiegel. Im FR-Interview mit Daniel Kothenschulte verteidigt sich Donatella Fioretti, Rektorin der Düsseldorfer Kunstakademie, für die Einladung der palästinensischen Künstlerin Basmaal-Sharif, die durch antisemitische Posts aufgefallen war (unsere Resümees): "Dialog bedeutet nicht Zustimmung, Dialog bedeutet nicht Relativierung." Im taz-Interview spricht die Künstlerin Karoline Schneider, die derzeit unter dem Titel "Grube:Zukunft" im Brandenburgischen Landesmuseum in Cottbus ausstellt, über sorbische Kultur. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "N+1. Mehr als ein Bild" in der Kunststiftung der DZ Bank in Frankfurt am Main (monopol).
Szenen aus "Macbeth". Foto: Danielle Ratti Weil Riccardo Muti immer seltener Regisseure findet, mit denen er seine künstlerischen Visionen umsetzen kann, hat es ganze neun Jahre gedauert, bis er wieder eine Verdi-Oper inszeniert hat. Nun hat er am Teatro Regio in Turin Verdis "Macbeth" mit seiner Tochter, der Regisseurin Chiara Muti auf die Bühne gebracht. Kirsten Liese (Tagesspiegel) erlebt eine Sensation: "Das raffinierte Oszillieren zwischen Schlaf, Albträumen, Halluzinationen und Tod, das zeigt, wie weit der geniale Shakespeare, auf dessen Schauspiel das Libretto von Francesco Maria Piave basiert, psychologisch seiner Zeit voraus war, harmoniert aufs Genaueste mit der Musik. Einmal mehr höchst penibel hat Riccardo Muti mit dem Ensemble am Text gearbeitet, der vor allem in Pianoregionen Nuancen verlangt, die Verdi vielfach mit der Bezeichnung 'sotto voce' (mit gedämpftem Ton) einfordert und damit Klangvorstellungen, mit denen der Komponist den Expressionismus vorwegnahm."
Besprochen werden außerdem Damiàn Dlabohas Inszenierung von Martina Clavadetschers Musiktheaterstück "Mythos" am Zuger Casinotheater (Nachtkritik), Benny Claessens Inszenierung "Böses Glück / Cult of the Daughter" nach Olga Raven und Tove Ditlevsen an der Berliner Volksbühne (nachtkritik) und Daniel Rohrs Inszenierung von Shakespeares "Richard III" am Zürcher Theater Rigiblick (NZZ).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Perlentaucher stellt Angela Schader in ihrem neuen "Vorwort" den amerikanischen Autor Ben Lerner vor, dessen neuer Roman "Transkription" demnächst erscheint: "Wer ist der Mann an meiner Seite? Die Frage gilt nicht einem allfälligen Lebensgefährten, sie stellt sich beim Gang durch Ben Lerners Romane. Da sind, wie bei einer Schnitzeljagd, immer mal wieder autobiografische Marker gestreut, selbstreferenzielle literarische Reflexe scheinen auf; zugleich wird keine halbwegs gewiefte Leserin solche Köder unbedacht schlucken. Es geht hier nicht um die Akzidentien von Lerners Leben oder den Stoff, aus dem sich der Promi-Klatsch speist; wie immer ist der Weg das Ziel - der literarische Werdegang des profilierten amerikanischen Lyrikers und Schriftstellers. Starten wir also - nicht in Topeka, wo Ben Lerner 1979 geboren wurde, sondern vom Madrider Bahnhof Atocha aus, der seinem 2011 erschienenen Debütroman 'Leaving the Atocha Station' (dt. "Abschied von Atocha") den Titel gibt. Dieser geht über die reine Ortsangabe - der Roman spielt in Spanien - hinaus. Einerseits verweist er auf das gleichnamige Gedicht des von Lerner verehrten Lyrikers John Ashbery, andererseits war Atocha im März 2004 Schauplatz eines der grausamsten Terroranschlägeder al-Qaida in Europa..."
Besprochen werden JudithHermanns "Ich möchte zurückgehen in der Zeit" (Dlf), LilyaMatveevas und JochenVoits Comic "Rose + Robert" (Tsp), neue Sachbücher, darunter MassimoRecalcatis "Am Anfang war das Wort. Das biblische Erbe der Psychoanalyse" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Berlin macht auch in Zukunft weiterhin dicht: Pergamonmuseum, Deutsches Historisches Museum, ab 2030 auch die Berliner Staatsbibliothek - alles nach Sanierungsstau für viele Jahre mit oft ungewissem Ausgang geschlossen. Auch die BerlinerPhilharmonie gesellt sich "spätestens 2032" dieser Sinfonie der verriegelten Türen hinzu, berichtet Hartmut Welscher auf VAN. Eine Grundsanierung ist seit vielen Jahren fällig. Pläne für ein dringend benötigtes Ausweichquartier befinden sich derzeit allerdings noch im Status von Machbarkeitsstudien und Spekulationen. "Die 'Bedarfsabfrage' könnte einige schwer moderierbare Interessenkonflikte offenlegen. Zum natürlichen Selbstverständnis der Berliner Philharmoniker gehört, in einem der architektonisch schönsten und akustisch besten Konzertsäle der Welt zuhause zu sein (den zudem auch alle Konzertgänger lieben)." Dies "kollidiert womöglich mit der klammenHaushaltslage in Berlin, in der es Stand heute schon schwierig ist, bereits begonnene Sanierungen zu Ende zu bringen. ... Ab 2027 sollen zudem die Berlinische Galerie und das Bröhan Museum saniert werden. Woher soll da noch eine - mindestens - hohe dreistellige Millionensumme für Philharmonie-Sanierung und Ersatzquartier kommen?"
Bestellen Sie bei eichendorff21!Olga Kronsteiner ist im Standard verärgert über MichaelWolffsohnsStudie über Karajan, mit der der Historiker dem Dirigenten ihrer Meinung nach "im übertragenen Sinne das Blut von den Händen" wäscht: "Mit konträren Forschungsergebnissen geht Wolffsohn hart an der Grenze zur Diffamierung ins Gericht."
Weiteres: Jakob Biazza erzählt in der SZ von seiner Begegnung mit den Gorillaz. Ronald Pohl erinnert im Standard an den Boom des Jazzrock vor fünfzig Jahren. Besprochen werden JudithKesslers Biografie über den Liedtexter Bruno Balz (Welt), Pillberts Debütalbum "Memoria" ("eine musikalische Oase", schwärmt Stefan Michalzik in der FR), ein Konzert von SolGabetta in Zürich (NZZ), der Abend "Beschwörungsgessänge nördlicher Klanglandschaften" in Frankfurt (FR) und LolaYoungs neues Album "I'm only f**cking myself" (taz).
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