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12.06.2026. taz und Tagesspiegel erleben auf der Kyjiw Biennale in Berlin, wie der Krieg auch in der Kunst inzwischen zu einem Grundzustand geworden ist. Die FAZ erliegt in Island der Poesie der deutschen Künstlerin Karin Sander, die polierte Hühnereier auf Sockeln präsentiert. Wurde der junge tschechische Dirigent Petr Popelka zum neuen Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper ernannt, weil er zu nett ist, um Serge Dorny zu widersprechen, fragen sich Welt und NZZ verärgert. Und die nachtkritik spürt die Lust am Sterben, wenn Angelica Liddell in Wien den Suizid von Yukio Mishima inszeniert.
taz-Kritikerin Sophie Jung geht vor allem mit der Frage "Ist der Ukrainekrieg - oder vielmehr Krieg und Zerstörung im Allgemeinen - ein Grundzustand geworden, aus dem sich die Ästhetik schält?" über die Biennale und ist dankbar, dass Kurator Vasyl Cherepanyn auf Positionen verzichtet, die mit Ideologie oder Wahrheitsanspruch daherkommen: "Hinter dem schmalen Eingang im Erdgeschoss des Kunsthauses KW scheint die Zeitrechnung zwischen einem Himmel voller Satelliten, Bomben und Datennetzen und der Zerstörung auf dem Boden eine andere, blickt man auf die meterhohe Videoprojektion von Lesia Vasylchenko. Sie ist wie eine dunkle Halluzination. Glutrot hinter dichten quellenden Wolken geht die Sonne auf. Ein romantisches Motiv, wirkte es nicht wie eine nukleare Explosion. Darunter verwebt Vasylchenko Filmmaterial von 1918 bis 2025 zu einer zusammenhängenden Zeitspanne. Alles koexistiert in einer Nacht: Stromausfälle, Beschüsse, Menschenmengen."
Karin Sander: Mailed Paintings 156, Bonn - Berlin - New York - Reykjavík, 2014 Stefan Trinks reist für die FAZ zum isländischen Arts Festival, wird einmal mehr umgehauen von Björk, der die Nationalgalerie Islands eine große Ausstellung widmet, bewundert aber auch nicht weniger die deutsche Künstlerin Karin Sander, die im Reykjavik Art Museum in ihrer "Retro-Prospektive" poetisch intelligente Konzeptkunst zeigt: "Das ständige Changieren zwischen Reinheit (…) und Kontamination zeigt sich ebenfalls in ihrem 'Polished Egg'. Auf einem weißen hohen Sockel liegt ein rohes Hühnerei, das so lange poliert wurde, bis die Oberfläche texturlos strahlte wie ein makelloses Marmorwerk von Brâncuși. Zu purer Form und einem Kunstwerk wird es in der Tradition Duchamps erst durch seine Aufsockelung im Museum, gleichzeitig bricht es mit seiner unkünstlerischen Nichtdauerhaftigkeit mit einer wesentlichen Anforderung jeder Musealisierung."
Weitere Artikel: In der Welt ärgert sich Gesine Borcherdt über die Pop-up-Ausstellung, die derzeit im Schloss Bellevue gezeigt wird: "Wieso denkt die AdK, es reiche aus, Kunst jenseits von jedwedem ästhetisch-atmosphärischem Zusammenhang in ausgeräumten Sälen zu zeigen, deren Mischung aus Amtspragmatismus und Dahlemer Gardinendeko wirklich nicht leicht zu bespielen ist?" Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Susan Sontag - Sehen und gesehen werden" im Schwulen Museum in Berlin (Tsp) und die Ausstellung "Tausendmal Berlin. Die Sammlung Hamburger Bahnhof", die Marcus Woeller in der Welt vor allem mit Blick auf die Ankaufspolitik des Hamburger Bahnhofs betrachtet.
Florian Leclerc berichtet in der FR von einer Veranstaltung mit KatjaLange-Müller und ClemensMeyer. Besprochen werden unter anderem HeikeGeißlers "Michael Kohlhaas" (Welt), Flix' und RobertKleists Lucky-Luke-Hommage "Die Grimm Brothers" (SZ) sowie AmosOz' "Worte. Essays und Reden" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Szene aus "Seppuku" Foto: Ximena y Sergio Bitte nur in bester Stimmung in Angelica Liddells Stück "Seppuku" bei den Wiener Festwochen gehen, warntnachtkritiker Martin Thomas Pesl vor. Denn die spanische Performancekünstlerin teilt mit dem japanischen Schriftsteller Yukio Mishima die Lust am Sterben und so inszeniert sie dessen Selbstmord mit "genüsslicher Negativität", aber nicht ohne Humor, auch dank ihres " kuriosen Bühnenpersonals": "Kazan Tachimoto und der betörend genderfluide Tänzer Ichiro Sugae werfen sich in abnehmenden Graden der Bekleidung in erotische Posen und präsentieren exaltiert ein Nō-Theaterstück aus dem 14. Jahrhundert. Alberto Alonso Martínez flext zu Engelsgesängen seinen muskulösen Body. Zwei Ärztinnen nehmen Liddell und einem Mitspieler je zwei Röhrchen Blut ab, deren Inhalt die Künstlerin auf einer weißen Tafel zu einem abstrakten Kunstwerk gießt. Am Ende posiert sie selbst vor einem Rosenbett mit vier Jünglingen, die zuvor ihre Hawaiihemden ausgezogen haben, während die wichtigsten Titel Mishimas aufscheinen und Alphavilles 'Big in Japan' durchs Volkstheater schallt."
Für die SZ porträtiert Christiane Lutz die Schauspielerin Paulina Alpen, die unter anderem gerade in der Adaption von Thomas Melles Roman "Die Welt im Rücken" auf der Bühne des Staatstheaters Stuttgart steht. Besprochen wird außerdem Germain Iconnees und Nick van der Heydens Inszenierung "Carnivale Royale" von House of Circus im Berliner Chamaeleon (nachtkritik).
"Augenlust oder Aufschrei des Sehorgans - die kräftigen Farben der Möbel und die schrill-schrägen Interieur-Ideen von VernerPanton werden individuell ganz unterschiedlich erlebt", schreibt Gabriele Detterer in der NZZ nach Besuch der Panton-Ausstellung im Vitra Design Museum in Weil am Rhein (mehr zu Ausstellung bereits hier).
Die "Gesinnungsmaoisten" haben gesiegt bevor die Debatte um WimWenders' "Falsche Bewegung" überhaupt erst richtig los gegangen ist, klagt Rüdiger Suchsland auf Artechock und warnt: "Wenn es zu einer 'Nachbearbeitung' des Films durch den Regisseur kommt, wäre das tatsächlich der Präzedenzfall, von dem Wenders spricht: Ein Türöffner, der ganz anderem Raum gibt. Schon aus Gründen der Bewahrung von Filmgeschichte und Filmerbe müssen solche Maßnahmen jetzt und zukünftig definitiv ausgeschlossen bleiben. Einmal geschehen, werden auch Unbefugte und Menschen mit bösen Absichten (und AFD-Parteibuch) kommen und 'Nachbearbeitungen' zu allem Möglichen fordern, die die ursprüngliche künstlerische Intention zerstören werden."
Weitere Artikel: Rüdiger Suchsland empfiehlt auf Artechock eine Filmreihe im Berliner Kino Arsenal zum britischenNachkriegskino mit unter anderem Filmen von David Lean. Außerdem spießt Suchsland auf Artechock nachträglich die Verleihung des DeutschenFilmpreises auf. NagisaOshimas einstiger Skandalfilm "Im Reich der Sinne", der gerade wieder restauriert in die Kinos kommt, "ist der ehrlichste Liebesfilm, den ich je gesehen habe: hypnotisierend, betörend und vollkommen entwaffnend", schreibt die Schauspielerin LilithStangenberg auf Artechock (auf critic.deerzählt Robert Wagner derweil davon, wie er mit dem Film mal erfolgreich eine Silvesterparty sprengte). Andreas Kilb schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den französischen Regisseur MehdiCharef.
Besprochen werden AngelaSchanelecs "Meine Frau weint" (critic.de, Artechock, SZ, unsere Kritik), Steven Spielbergs "Disclosure Days" (Artechock, critic.de, unsere Kritik), Tõnis Pills "Fränk" (Artechock), Lutz Pehnerts Dokumentarfilm "Kommunist" über Egon Krenz (Welt) und die BBC-Serie "Dear England" (NZZ).
In der FR nimmt Sylvia Staude die Mixed-Martial-Arts-Arena, die sich Trump zum Achtzigsten vor dem Weißen Haus errichten ließ, zum Anlass, nochmal alle architektonischen Geschmacklosigkeiten des Präsidenten Revue passieren zu lassen.
Manuel Brug rümpft in der Welt ein wenig die Nase angesichts der Entscheidung, den jungen tschechischen Dirigenten Petr Popelka ab 2029 zum neuen Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper zu machen. Übersichtliches Repertoire, keinen Wagner oder Strauss in der Vita - statt auf Exzellenz setzt man in München offenbar jetzt auf Sympathie, so Brug: "Ein Coup ist das also nicht für die Bayern. Aber Petr Popelka wird Wachs in den Händen des machtbewussten Staatsopernintendanten Serge Dorny sein. Schließlich ist er der Neue, der Unwissende - aber so Sympathische. Nettigkeit kennt offenbar keine Grenzen mehr. GMD-Namen wie Kirill Petrenko, Kent Nagano, Zubin Mehta, Wolfgang Sawallisch sind also nun auch in München Historie." Ziemlich ähnlich urteilt Marco Frei in der NZZ. Zwar brauche "der Musikbetrieb eine derartige Frischluftzufuhr, gerade bei der Vergabe von Spitzenämtern. Aber die Bayerische Staatsoper zählt zu den größten und weltweit führenden Musiktheatern: Ein solches Haus muss gefüllt werden, und das gelingt in dieser Stadt nicht ohne Glanz und Prestige."
Auf der Suche nach dem neuen Klang: "Why We Play" von Thorsten Schütte ThorstenSchüttes Kino-Dokumentarfilm "Why We Play" kommt seinem Thema, dem EnsembleModern, ganz nah: Hier erlebt man fast schon taktil mit, wie deren Musik entsteht, schreibt Philipp Rhensius in der taz. Im Mittelpunkt steht "das Suchen nach einem Klang, das Ringen um eine Interpretation, die Frage, warum ein Geräusch so und nicht anders entstehen muss. Der Film begegnet diesem lustvollen Abnerden mit Sympathie. Fast nebenbei zerlegt der Film dabei einige der hartnäckigsten Vorurteile über Neue Musik." Dabei "können ein Kratzen auf einer Saite oder ein Luftgeräusch im Saxofon dieselbe Funktion erfüllen wie die Melodie in einem Popsong. Nur geht es nicht darum, etwas Bekanntes wiederzuerkennen. Klänge repräsentieren oft nichts, sie sind ihr eigener Gegenstand." In der FAZ feiert Wolfgang Sandner den Regisseur "als Virtuosen in Schnitttechnik, Überblendung von Sprache und Musik, von diskreten Nahaufnahmen in intimen Situationen der Kreativität".
Weitere Artikel: Das Cembalo "ist kein Vorläufer des Klaviers, sondern sein kleiner Bruder", auf dem sich "neue Ideen" ausdrücken lassen, sagt der Cembalist MahanEsfahani im FAZ-Gespräch mit Lotte Thaler und ist sich sicher: "Die besten Tage des Cembalos kommen noch!" Magdelena Inou steht auf ZeitOnline eher ratlos vor Lizzos neuem Album "Bitch", das auf sie den Eindruck erweckt als sei 2019 nie vergangen: Die Künstlerin "übersieht zu viel Zeitgeschehen". In der tazporträtiert Ulrich Gutmair die MusikerinCoseyMueller, die "Teil einer neuen Punk-Bewegung ist, die sich gegen soziale Zumutungen und technologische Zwänge zu wehren weiß".
Besprochen werden Madonnas neues Video "Confessions II - The Film" (SZ, mehr dazu bereits hier), ZackiBoysAlbum "Softy" (taz), Salòs Album "Hardcore" (FR), ein Auftritt von LakeciaBenjamin in Wien (Standard) und neue Pop-Alben, darunter JonSpencers "Songs of Personal Loss and Protest" (Tsp).
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