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19.02.2026. Wo bitte wird auf der Berlinalezensiert oder Politik ausgespart, fragen SZ und Tagesspiegel die Unterzeichner des jüngsten offenen Briefes nicht zuletzt mit Blick auf Assaf Machnes' Film "Where to?" über die Freundschaft zwischen einem Israeli und einem Palästinenser. Immerhin haben es zwei Filme aus dem Iran in die Nebensektionen geschafft haben, freut sich die taz. Die FAZ macht mit Lance Hammers "Queen at Sea" über den sexuellen Missbrauch einer dementen Frau einen ersten Favoriten aus. Die taz bewundert in Rostock die Bilder von Hans Ticha, der mit klarer Geste gegen die Absurditäten des DDR-Regimes anmalte.
Auch das noch: Aus der bemüht auf Social Media herbeigejazzten Berlinale-"Kontroverse" um Wim Wenders, dem empathische Filme lieber sind als sendungsbewusstes Flugblatt-Kino, ist nun ein "offener Brief" hervorgegangen, in dem erwartbare Namen wie TildaSwinton und JavierBardem Gesinnungsschnüffelei und Bekenntniszwang legitimieren, ein Bekenntnis des Festivals zu Gaza erzwingen wollen und dem Festival Zensur vorwerfen. Gerade Swinton müsste es eigentlich besser wissen, schreiben Kathleen Hildebrand und David Steinitz in der SZ: Im letzten Jahr sang sie noch auf einer Berlinale-Pressekonferenz ein unzensiertes Loblied auf den BDS. "Dass sie für diese Aussagen nicht nur Zustimmung geerntet hat, sondern auch Kritik, ist noch lange keine Zensur. Man nennt das Diskussion. Manche der Vorwürfe kann Andreas Busche im Tagesspiegel-Kommentar zwar nicht von der Hand weisen, aber "niemand kann ernsthaft behaupten, dass das Thema Gaza auf der Berlinale in diesem Jahr totgeschwiegen oder gar zensiert wird".
Wie herbeifantasiert der im Zuge der Wenders-Kontroverse laut gewordene Vorwurf, die Berlinale sei zu unpolitisch, wirklich ist, lässt sich derweil gut an der Berichterstattung ablesen.
"Where to?" in den Berlinale-Perspectives In den "Perspectives" läuft AssafMachnes' "Where to?", in dem ein Israeli und ein Palästinenser im Berliner Nachtleben immer wieder aufeinandertreffen und sich allmählich anfreunden. "Machnes ist ein Könner darin, sowohl die geschichtlichen als auch die gegenwärtigen Traumata subtil anzudeuten", schreibt Gunda Bartels im Tagesspiegel. "Hamas-AngriffundGazakriegschwingen immer mit, ohne sie vordergründig zum Thema zu machen. 'Wie verarbeiten wir Traumata?', das ist laut Assaf Machnes die wesentliche Frage in 'Where to?'. Als Israeli ist er auf diesem Gebiet Spezialist. 'Ich komme aus einem Kontext, in dem Trauma Trauma gebiert und wieder Trauma. Ich hoffe, dass es irgendwann aufhört.'"
Hass auf die Diktatur, Liebe für die Menschen: "River Dreams" im Forum Mit KristinaMikhailovas und DanaSabitovas "River Dreams" läuft im Forum der erste kasachische Dokumentarfilm in der Geschichte des Festivals. Die Filmemacherinnen haben dafür über hundert kasachische Frauen zu ihrer Lage im Land interviewt. Der Film ist ein "love/hate letter" an ihr Land, sagt Mikhailova im taz-Gespräch: Ihr Verhältnis dazu "ist eine Art von toxischer Beziehung. Doch es geht auch um tiefe Gefühle auf allen Ebenen, Liebe und Hass. Auch in dem Film: Ich lebe im Müll, aber es ist mein Müll. Und deswegen liebe ich ihn und werde für ihn kämpfen. So fühlen sich leider viele in Kasachstan. Wir teilen die Liebe, und den Hass auf die autoritäre Diktatur, in der wir leben. Ich spreche so offen darüber, weil ich Hoffnung habe, dass sich Dingeändern. Wir haben uns beide entschieden, in Kasachstan zu bleiben. Wir möchten dort etwas ändern, weil wir das Land und die Menschen lieben."
Eindrücke aus dem Evin-Gefängnis: "Roya" im Berlinale-Panorama Mit Filmen aus dem Iran ist angesichts der aktuellen Lage derzeit kaum zu rechnen, aber immerhin zwei haben es zumindest in Nebensektionen der Berlinale geschafft, schreibt Andreas Fanizadeh in der taz. MahnazMohammadis "Roya" erzählt von einer Lehrerin, die im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran gefoltert wird. Die Regisseurin war selbst dort inhaftiert und "stellt möglichst authentisch Szenen nach, die sich in dem vom iranischen Geheimdienst betriebenen Isolier- und Foltertrakt des riesigen Evin-Gefängniskomplexes zutragen." Allerdings bleibt der Film in Fanizadehs Augen zu sehr dem Dokumentarismus verhaftet - anders als Mohammad Shirvanis "absurd-surreal anmutender" Film "Cesarean Weekend", der ihn an Godards "Weekend" erinnert.
Glänzt in Rollen, die nicht glänzen: Juliette Binoche mit "Queen at Sea" im Berlinale-Wettbewerb Andreas Kilb ruft derweil in der FAZden Favoriten des Wettbewerbs aus, der in den Feuilletons heute und auch in den letzten Tagen bemerkenswert wenig stattfand. Lance Hammers "Queen at Sea" mit JulietteBinoche, deren demente Mutter sexuell missbraucht wird, "ist bedrängend aktuell, politisch - wenn auch in einem indirekten, gesellschaftlichen Sinn - und hemmungslos emotional. Und er ist großeKunst" - nicht zuletzt durch die versammelte "erste Garde europäischer Schauspieler", allen voran Binoche: Sie spielt zwar "keine Rolle, mit der man glänzen kann, aber gerade in ihr zeigt sich die Klasse dieser Schauspielerin, denn sie füllt jeden Moment aus, als wäre es der letzte".
Mehr vom Festival: Silvia Hallensleben berichtet in der taz von einer Berlinale-Veranstaltung zu Afghanistan. Besprochen werden außerdem AngelaSchanelecs "Meine Frau weint" (taz), JamesBennings "Eight Bridges" (critic.de), ElleSofeSaras "Arrú" (critic.de), KoxisJelinek-Adaption "Liebhaberinnen" (taz) und PeteMullers "Bucks Harbor" (taz). Schnelle Updates vom Festival gibt es bei Artechock, in den Berlinale-Audios vom Deutschlandradio, in den SMS-Nachrichten von Cargo und beim Kritikerspiegel von critic.de.
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Abseits der Berlinale: Eva Königshofen resümiert im Filmdienst die Kölner Tagung "Work in Progress", die sich mit der Darstellung von Arbeit im Dokumentarfilm befasste. Marius Nobach schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf RobertDuvall. Peter Laudenbach schreibt in der SZ zum Tod des Schauspielers LambertHamel. Besprochen werden Boris Lojkines "Souleymanes Geschichte" (Perlentaucher, FAZ), BryanFullers "Dust Bunny" mit Mads Mikkelsen (Perlentaucher), BrianKirks "Dead of Winter" (critic.de) und die zweite Staffel der ARD-Serie "Oderbruch" (Welt).
In der DDR hatte Hans Ticha wenig Erfolg - kein Wunder, deckte er doch die Absurditäten des Regimes mit "klarer Geste" und "überhöhter Darstellung" auf, stellt Jakob Hoffmann (taz) in der Ticha-Retrospektive in der Kunsthalle Rostock fest. Die ihm eigene Formensprache bildete Ticha dabei am Thema Sport heraus: "Bei diesen Bildern schafft er es, gleichzeitig Dynamik und Schwerkraft zu erzeugen. Wuchtig nehmen seine AthletInnen mit ihren eigenartigen Proportionen, atemberaubenden Haltungen und leistenden Extremitäten die Leinwand ein. Nicht Individuen, sondern formierte Exemplare sind hier abgebildet. Ticha thematisiert so die Zurichtung von Körpern nicht nur durch die AthletInnen selbst, sondern vor allem durch die DDR-Sportpolitik. Erfolge wurden als Beweis gesellschaftlicher Überlegenheit eingefordert und, wie später in der aufgedeckten staatlichen Dopingkampagne klar wird, auf menschenverachtende Weise forciert."
Endlich könnte der finnischen Malerin Helene Schjerfbeck der verdiente Ruhm über die Grenzen Europas hinaus zuteil werden, freut sich Bridget Quinn (Hyperallergic), nachdem sie die Ausstellung "Silence" im New Yorker Metropolitan Museum of Art besucht hat. Überwältigend ist vor allem ihr Alterswerk, findet Quinn: "Während ihre frühen Selbstporträts vom Naturalismus, den sie in Paris entdeckt hatte, und von der Gelassenheit der italienischen Renaissancekunst geprägt sind, vertraut Schjerfbeck mit 50 Jahren, wie in 'Selbstporträt' (1912), vor allem ihrem eigenen Instinkt. Hier verleihen ihr ihre asymmetrischen Augen - eine dunkelblaue Iris und eine strahlend babyblaue - ein hexenhaftes, Bowie-ähnliches Gefühl der Selbstfindung. Das vielleicht Beeindruckendste an diesen späten Selbstporträts ist Schjerfbecks unerschütterliche Akzeptanz ihrer monströsen, alternden Intensität. In 'Selbstporträt mit rotem Fleck' (1944) und 'Selbstporträt in Schwarz und Rosa' (1945) mit Köpfen, die direkt aus einem Horrorfilm stammen könnten - man denkt dabei an den Originalfilm Nosferatu (1922) -, betrachtet die Künstlerin den Tod kühl und nüchtern."
Weitere Artikel: In der Zeit schreibt Tobias Timm den Nachruf auf Henrike Naumann. In der FAZ freut sich Dorothea Zwirner, dass die Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstfördernden (Gedok) ihr hundertjähriges Bestehen und somit ihre Gründerin, die Kunstförderin und Frauenrechtlerin Ida Dehmel, feiert.
Besprochen wird außerdem Pierre Huyghes Installation "Liminals" in der Halle am Berghain (laut SZ-Kritiker Peter Richter die "monumentalste Enttäuschung des Berliner Winters").
Die neue Folge des Perlentaucher-Bücherpodcasts ist online: Benita Berthmann und Lukas Pazzini diskutieren StefanieSargnagels"Opernball" und "Träume in Europa" von WolframLotz, mit dem die beiden außerdem sprechen. Außerdem: Leonie C. Wagner spricht für die NZZ mit der SchriftstellerinJuliaWeber. "Institutionen wie die LeipzigerBuchmesse sind von einer ins kulturelle Feld ausgreifenden politischen Polarisierung strukturell überfordert", schreibt Jakob Hayner in der Welt, nachdem die Buchmesse eine Veranstaltung mit dem AfD-Politiker MaximilianKrah, der einen Roman geschrieben hat, abgesagt hat.
Besprochen werden unter anderem MajaIskras "Uppercut" (FR), LukasWeidingers Comic "Opus Tropus" (FAZ.net), NussaibahYounis' "Fundamentalös" (NZZ), JudithHermanns "Ich möchte zurückgehen in der Zeit" (Zeit) und GeorgeOrwells Kolumnensammlung "Zeilen der Zeit" (SZ).
Dreizehn aus 198 Stücken hat die Jury der Swiss Dance Days, die alle zwei Jahre in einer anderen Schweizer Stadt stattfinden, ausgewählt und in der FAZ kann Wiebke Hüster nur applaudieren, denn alle Produktionen überzeugen durch Wagemut. Den Höhepunkt bildete laut Hüster das Stück "1GUH Watch by Dynamic Legends, Miss Rose, Dj Pappi, eye juice, Tamara Alegre & guests", meint Hüster: "Das umwerfendste Performer-Ensemble, wirkliche All Stars. In der Musik tauchten Motive wie das legendäre Knight-Rider-Thema auf, und man erwies James Brown die Ehre. Allein den Anfang, bei dem drei Tänzer zusammen eine 'Choreo' entwickeln und dabei jeweils ihr ganz eigenes Können, ihren eigenen Stil zeigen, mochte man am liebsten noch eine halbe Stunde weiter sehen." Auch NZZ-Kritikerin Lilo Weber atmet auf, denn endlich wird wieder getanzt, statt auf Konzept und "No-Dance" gesetzt: "Stattdessen ist da eine jüngere Generation von hervorragend ausgebildeten Tänzerinnen und Tänzern herangewachsen. Sie kommen von überall her, sie bringen Tänze aus ihrer Heimat mit, und unter ihren Füssen brennt der Boden."
Weitere Artikel: In der SZ würdigt Peter Laudenbach den im Alter von 85 Jahren gestorbenen Schauspieler Lambert Hamel: "Der wuchtige Mann hatte Charme, aber er strahlte auch aus, dass man ihm besser nicht krumm kommen sollte. In seinen Rollen war er eher ein schwerer Brüter als ein Gefälligkeitscharmeur, aber ganz sicher kein Leichtgewicht." In der Zeit verteidigt Sven Behrisch seinen Ex-Zeit-Kollegen Harald Martenstein nach dessen Wutrede in Milo Raus "Prozess gegen Deutschland" vor der Vereinnahmung durch Rechte (mehr hier). Nachtkritikerin Esther Slevogt gesteht hingegen ihr "Befremden" angesichts von Raus Theaterproduktionen. Ebenfalls in der Zeit blickt Jorinde Hüchtker hinter die Kulissen von Holle Münsters und Sabine Auf der Heydes Adaption von Miranda Julys Roman "Auf allen vieren" in den Berliner Sophiensälen, in der tazbespricht Beate Scheder das Stück (mehr hier). Im taz-Interview mit Lilli Braun spricht die Behindertenrechtsaktivistin Fia Neises, die derzeit mit ihrem Kollektiv das Stück "Biofuck" am Berliner Ballhaus Ost inszeniert, über den Mangel an Menschen mit Behinderung in der Erinnerungskultur.
Wolfgang Sandner (FAZ) und Michael Stallknecht (SZ) gratulieren GyörgyKurtág zum hundertsten Geburtstag. Ulf Lippitz plaudert für den Tagesspiegel mit Peaches. Joachim Hentschel porträtiert in der SZMumford & Sons. Daniel Haas blickt sich für die NZZ in der Welt des "Fotzenrap" um. Besprochen werden Morrisseys Auftritt in Frankfurt (FR) und ein Konzert der Death-Metal-Band Sylosis (FR).