Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Früher war es schon besser

26.03.2022. Putin wird schrecklich enden, sagt DAU-Regisseur Ilja Chrschanowski im Standard und wirft dem Westen vor, dem Diktator zu lange schön die Hand geschüttelt zu haben. In der taz erzählt die russische Comic-Künstlerin Victoria Lomasko, wie sie in einem "abgeriegelten faschistischen" Land aufwachte. FAZ und Tagesspiegel berichten von Mobbing und "rüpelhaften Beleidigungen" hinter den Kulissen des PEN-Präsidiums. Die SZ bringt einen künstlerischen Nachruf zu Lebzeiten auf Anna Netrebko. Und die WamS blickt in Berlin mit Polynesier:innen des dritten Geschlechts auf die indigenen Gender-Lebenswelten von Paul Gauguin.

Ich bin die Poesie

25.03.2022. Bernard-Henri Lévy berichtet in der SZ von seinem Besuch in Odessa, wo er vom Strand aus die russischen Schiffe beobachten kann, die auf Befehle aus Moskau warten. Die NZZ bewundert die aufgeschminkten Narben der Models bei der Modeschau von Vetements in Paris. Der Standard bewundert die kleinen Sehnsüchte von Hinz und Kunz, wie sie der Fotograf Reiner Riedler festgehalten hat. Der Klassikbetrieb reagiert scheinheilig auf den Ukrainekrieg, meint das VAN-Magazin.

Der Staat benötigt Leichen

24.03.2022. Die taz bewundert den Mut des Teatr.dok, das in Moskau Artur Solomonows Satire "Wie wir Josef Stalin beerdigten" aufführte. Die Zeit porträtiert das russische Metal-Punk-Duos IC3PEAK und fragt, warum Gauguin ein kolonialistischer Maler war, wie eine Ausstellung in Berlin behauptet. Ist Blackfacing auch mit Kontext unmöglich, fragt die NZZ fragt anlässlich eines Shitstorms über Ernst Kreneks Jazzoper "Jonny spielt auf" in München. Der Tagesspiegel lässt sich von der Komponistin Eliane Radigue in den Limbus zwischen den Tönen führen. Die FAZ stellt das neue Kunstmuseum in Beirut vor.

Hundert dunkle Grautöne

23.03.2022. In der Nachtkritik glaubt Alvis Hermanis nicht, dass sich Russlands Leibeigene in absehbarer Zeit gegen ihren Zaren auflehnen. Das Problem sind die Würmer, ergänzt Sergej Gerassimow in der NZZ. ZeitOnline empfiehlt Alina Horlowas Dokumentarfilm "This Rain Will Never Stop" über den Krieg in der Ostukraine. Der Guardian feiert mit Hew Locke in der Tate Britain einen exzessiven karibischen Karneval. SZ und Standard lassen sich in Wien betören von Christian Gerhahers zartem Wozzeck. Und die Jungle World lässt freudig Acht Eimer Hühnerherzen über sich ergehen.

Der Schlussakkord zum Wort Rache

22.03.2022. Einig sind sich taz, NZZ und ZeitOnline darin, dass die Rücktrittsforderungen an PEN-Chef Deniz Yücel fehl gehen. In der SZ wirft Regisseur Sergei Loznitsa der ungarischen Filmakademie nach seinem tatsächlichen Rauswurf Stalinismus vor. Mit gemischten Gefühlen nehmen taz und Tagesspiegel Verdis "Sizilianische Vesper" an der Deutschen Oper: Was kann uns die Gewalt des 13 Jahrhunderts anderes lehren als Geschichte? Die FAZ muss zugeben, dass Sou Fujimotos Haus der Musik in Budapest ziemlich großartig geworden ist, auch wenn es ein Prestigebau der Regierung ist.

Verdienst-Kreuz in Holz

21.03.2022. Ärger im PEN-Club: Ehemalige Präsidenten fordern den Rücktritt von PEN-Chef Deniz Yücel, nachdem er eine Flugverbotszone über der Ukraine gefordert hat. Die SZ wundert sich: Hätte ihnen nicht klar sein müssen, dass sie mit Yücel keinen Mann der leisen Töne bekommen? In der FAZ erklärt Petra Reski die Affäre als internen Machtkampf. Der Tagesspiegel meldet indes, dass der Filmemacher Sergei Loznitsa aus der ukrainischen Filmakademie ausgeschlossen werden soll. FAZ, SZ und ZeitOnline feiern die Leipziger Buchmesse als eines der schöneren Dinge in unserem Pop-up-Universum.

Ein Teil der Realität widersetzte sich mir

19.03.2022. Die FAZ fragt sich mit der Fotografie Biennale: Wie wollen wir leben? Auf jeden Fall differenziert, folgt man den Vorschlägen der russischen Kuratorin Ekaterina Degot in monopol zum Boykott russischer Kunst. Die Big Player in der Musikwelt, während der Pandemie fürstlich mit Staatsknete gepampert, sollen endlich aufhören zu jammern und ihre Mitarbeiter anständig bezahlen, fordert auf Zeit online der Konzertveranstalter Berthold Seliger. Die Komödien und Tragödien der Gegenwart spielen sich heute auf dem Berufsnetzwerk LinkedIn ab, erzählt der Schriftsteller Quentin Mouron in der NZZ.

Menschen, die im Schatten flüstern

18.03.2022. Die Welt unterhält sich mit dem Künstler Paul McCarthy und der Schauspielerin Lilith Stangenberg über ihre gemeinsame Arbeit, über Adolf und Eva und den Moment des Entrücktseins. Die NZZ ist hin und weg von David Martons Zürcher Inszenierung der "L'Olimpiade", einer Barockoper von Giovanni Battista Pergolesi, die ganz neue Helden auf die Bühne bringt. Die Literaturkritiker applaudieren den Leipziger Buchpreisen für Tomer Gardi, Uljana Wolf, Anne Weber und Karl-Markus Gauß: Die gehen so schön am Publikum vorbei, freut sich der Tagesspiegel.

Teufel locken uns

17.03.2022. Im Van Magazin fragt Vladislav Gorai vom Opernhaus Odessa fassungslos, warum russische Künstler so wenig Solidarität mit der Ukraine zeigen. In der Zeit erzählen drei russische Künstlerinnen, die gegen den Krieg demonstriert haben, wie umfassend die Überwachung durch den FSB inzwischen ist. Artechock übersetzt ein Statement des russischen Filmkritikers Anton Dolin, der wegen seiner Kritik an der Invasion mit dem Tod bedroht wurde, es in Russland aber vor allem wegen der vielen Mitläufer nicht mehr ausgehalten hat. Die FAZ staunt über die vielen Putin-Apologeten in Italien.

Wahr oder erfunden?

16.03.2022. Der Standard staunt in Wien, wie Ai Weiwei Readymades aus einem totalitären Regime macht. Die SZ bewundert den subtilen Spott, mit dem der libanesische Künstler Walid Raad in Mainz die Deutungshoheit autokratischer Systeme über die Vergangenheit attackiert. Tagesspiegel und SZ sorgen sich um ukrainische Kulturgüter: Es gibt keine Garantie, dass das ukrainische Kulturerbe nicht geplündert und in russische Museen gebracht wird. Der Westen weiß, wir er sich als gelobtes Land verkaufen kann, sagt der frisch mit dem Pritzker-Preis geehrte Francis Kéré in der SZ. ZeitOnline sehnt sich mit Pop-Esperanto von Rosalia nach Wohlstand und Leichtigkeit.