Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.11.2025. Wie trauert Albert Camus um Algerien, fragt Dan Diner in seiner Sigmund-Freud-Preisrede, abgedruckt in der FAZ. FAZ und FR schälen den Boris in Keith Warners Frankfurter "Boris Godunov"-Inszenierung aus dem Fabergé-Ei. Monopol lernt in einer Ausstellung in Frankfurt, was "Solastalgie" bedeutet. Die Kritiker lassen sich von Kleber Mendonça Filhos Palme-d'Or-Gewinner "The Secret Agent" über die brasilianische Militärdiktatur in eine paranoide Grundstimmung bringen.
03.11.2025. Die FAZ veröffentlicht die Büchner-Preisrede von Ursula Krechel, die an Georg Büchners Schwester und frühe Feministin Luise Büchner erinnert. In Bochum lassen sich die Kritiker von Jette Steckels Ágota Kristóf-Inszernierung erschüttern. Bach-Enthusiasten haben sich in Leipzig versammelt, wo auch die SZ zugegen war, um Johannes Lang 22 Stunden dabei zuzuhören, wie er das komplette Orgelwerk des Komponisten aufführt. Und die Zeitungen trauern um den Schauspieler Tchéky Karyo.
01.11.2025. Die Filmkritiker applaudieren Kleber Mendonça Filhos Noir-Thriller "The Secret Agent" über die brasilianische Militärdiktatur, der eine Gesellschaft am Abgrund zeigt. Die FAS skizziert die Kampagne der politischen Rechten in Israel gegen Shai Carmeli-Pollaks Film "Das Meer". In der deutschen Nachkriegsgeschichte drohte nie ein neuer Faschismus, konstatiert der Schriftsteller Peter Schneider in der Welt. Die FR bewundert in Frankfurt farbprächtige Comics aus Afrika. Und alle feiern das neue Album von Florence and the Machine.
31.10.2025. In der NZZ erklärt der iranische Regisseur Jafar Panahi, dass er nicht politisch verstanden werden will, wenn er kleine Revolutionen anzettelt. Die SZ wundert sich im Düsseldorfer Museum Kunstpalast, dass die Pariser Straßen im 18. Jahrhundert offenbar nach gefegtem Heuschober rochen. Der Tagesspiegel betrachtet in Paris derweil andächtig die Gemälde des Barockmalers Georges de La Tour. Nachtkritik und Tagesspiegel fragen sich, warum Yana Eva Thönnes nochmal Paris Hiltons Sex-Tape für die Schaubühne ausgegraben hat.
30.10.2025. In der Zeit erklärt Kamel Daoud der französischen Linken, wie wichtig westliche Werte sind, wenn sie sich "frei bewegen, frei fühlen, frei ausdrücken" will. Luc Bessons Dracula-Adaption fällt bei den Kritikerin durch: Zu viel Spektakel, zu wenig Feinsinn, seufzen FAZ und FR. Nachtkritik und FAZ staunen, wie eindringlich die Kriege in der Ukraine und in Gaza beim Festival "Politik im Freien Theater" auf die Bühne gebracht werden. Und die Welt erkennt das Subversive im Impressionismus dank der Scharf-Collection.
29.10.2025. Yorgos Lanthimos hat mit "Bugonia" einen Film fürs digitale Endzeitalter gedreht, freut sich die taz. Die FAZ sorgt sich darum, dass digitale Kunst nicht genug gepflegt wird. Warum soll ausgerechnet Gazprom-Dirigent Currentzis die höchste österreichische Kunstauszeichnung erhalten, fragt backstageclassical. Geigenbogenbauer haben bald ein Problem, erklärt uns die FR angesichts eines neuen Naturschutzgesetzes, das das brasilianische Fernambukholz zum raren Gut machen wird.
28.10.2025. FR und FAZ entdecken in der Berliner Ausstellung "Netzwerke des Surrealismus" dramatische Geschichte(n) hinter Kunstwerken. Die SZ bekommt von Nürnberger Ballettchef Richard Siegal mit einer Installation in der Kongresshalle in Nürnberg gezeigt, wie man die Geister der Nazis austreibt. Die taz blickt auf Cancel-Culture-Exzesse in den USA. Und die Musikkritiker trauern um eine letzten großen Legenden des Jazz: den Schlagzeuger Jack DeJohnette.
27.10.2025. Die Kritiker sind nicht sehr überzeugt von der revueartigen Betulichkeit, mit der Theresa Thomasberger am Deutschen Theater Berlin Hannah Arendts Leben erzählt. August Diehl, der in Kirill Serebrennikows Film Josef Mengele spielt, will im Welt-Interview nicht unter den Tisch fallen lassen, dass Monster wie Mengele doch Menschen sind. Die taz hofft mit unabhängigen Berliner Kinos, dass mehr Filmklassiker endlich digitalisiert werden. Percy Everett verzweifelt im FAZ-Gespräch ob der Zensur in den USA, die Maya Angelou verbietet und Hitler erlaubt.
25.10.2025. VAN berichtet von einem Streit der Essener Philharmoniker mit der Komponistin Clara Iannotta, deren neue Musik das Orchester nicht spielen will. In der FAZ denkt Wolfgang Matz über Giacometti und die Dichter nach. Und der Literaturwissenschaftler Thomas Kater fragt, ob Siegfried Unselds NSdAP-Mitgliedschaft seine verlegerischen Entscheidungen beeinflusst hat. Die taz berichtet von Protest gegen Milo Raus offenen Brief, der Israel einen "Genozid" vorwirft.
24.10.2025. Die Welt betrachtet in Paris überwältigt die bislang größte Gerhard-Richter-Retrospektive. Die FAZ lernt von Händel, dass Heldentum und Liebe sehr wohl vereinbar sind. Die taz tanzt zu Skizzen des Chicago Underground Duo. Critic.de besucht die Retrospektive des DOK Leipzig, die sich den amerikanischen Filmen widmet, die man dort zu DDR-Zeiten gezeigt hat. Im Interview mit dem Tages-Anzeiger erzählt der Schriftsteller Michael Fehr, was seine Blindheit für sein Schreiben bedeutet.