Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Die Beschwernisse des Körpers

04.05.2026. Die NZZ wandert auf dem schmalen Grad zwischen Aufklärung, Voyeurismus und Machtfragen, wenn es um die Darstellung von Sexarbeit in Filmen geht. Die FAZ fürchtet, dass es mit der anstehenden GEMA-Reform ungemütlich wird für E-Musik. Absolute Ekstase erleben die Kritiker beim Rosalía-Konzert in Berlin. Die FAZ vertieft sich in Anne Truitts monochrome Bilder und langweilt sich in Philippe Quesnes "Spooky Paradise". Das Berliner Theatertreffen geht los und die Welt ist schon mal überzeugt von der Eröffnungsrede des Intendanten Matthias Pees.

Es beginnt eine gedankliche Autolyse

02.05.2026. Die Jury der Biennale von Venedig ist zurückgetreten, FAZ und Welt weinen ihr keine Träne nach. In der FAS, die einen Biennale-Schwerpunkt hat, erzählt Florentina Holzinger, was sie für den österreichischen Pavillon geplant hat. Wenig originell findet die Welt James Vanderbilts Film "Nürnberg", aber Russell Crowe als Hermann Göring ist toll. Die SZ feiert den Schauspieler Thomas Schmauser, der beim Theatertreffen als explosiver Mephisto bewundert werden kann. Welt und taz unterhalten sich mit dem Regisseur Sebastian Hartmann, der mit gleich zwei Inszenierungen zum Theatertreffen eingeladen wurde. 

Mit spiegelgleicher Scharfsinnigkeit

30.04.2026. Viel Wirbel um die Biennale in Venedig: Die SZ sichtet geleakte Mails, die zeigen, wie lange Russlands Teilnahme schon geplant wurde. Die FAZ ärgert sich, dass die Jury Künstler in Sippenhaft für ihre Regierungschefs nimmt. Und auf ZeitOnline fragt der rumänisch-jüdische Künstler Belu-Simion Fainaru: Was ist eigentlich mit China, Saudi-Arabien oder Iran? Die NZZ blickt aufgeregt auf die literarischen Entdeckungen aus Tschechien, die die Frankfurter Buchmesse präsentieren wird. Der Guardian vergisst in der großen Zurbarán-Schau in London die Grenze zwischen Bild und Betrachter. Und der Perlentaucher bewundert die Archaik der Bilder in Markus Schreiners "Rose".

Drogensucht und Liebeskummer

29.04.2026. In Leipzig wird der Opernkomponist Albert Lortzing wiederentdeckt - seine "Regina" feiert die FAZ als eine veritable Volksoper. Ebenfalls in der FAZ wirft die Schriftstellerin Angela Steidele dem Regisseur Markus Schleinzer vor, mit seinem auf der Berlinale gefeierten Film "Rose" Geschichtsfälschung zu betreiben. Aktivismustheater à la Correctiv verträgt sich schlecht mit dem Hochsubventionsbetrieb aktueller Bühnenkunst, findet die Welt. KI wird nicht nur Popmusik, sondern auch deren Rezeption verändern, vermutet die NZZ. In Frankreich reißen die Diskussionen um Boualem Sansal nicht ab.

Der Geist ist kein eloquenter Ort

28.04.2026. Die Jury in Venedig verkündet, weder Israel noch Russland zu berücksichtigen: Die Welt ärgert sich, dass sich ein ästhetisches Urteilsgremium zum politischen Akteur aufschwingt. Die FR bewundert in Aschaffenburg die geretteten Schätze des Kiewer Khanenko Museums. Junge Autorinnen haben es auf dem Buchmarkt heute leichter als ältere Männer, glaubt der Freitag. Im Tagesspiegel erzählt Kent Nagano, wie er in Leonard Bernsteins selten gespieltem Ballett "The Dybbuk" die Dämonen tanzen lässt. Und die FAZ staunt in Aachen, wie gut Ingeborg Bachmanns "Malina" auf der Bühne funktioniert.

Höchstens ein extraterrestrisches Grunzen

27.04.2026. Johan Simons bringt am Schauspielhaus Bochum Wassili Grossmans großen Roman "Leben und Schicksal" auf die Bühne - die Kritiker sind beeindruckt und mitgerissen. Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch passen gut zusammen, staunt die taz im Dresdner Albertinum. Bei der deutschen Erstaufführung von Beat Furrers neuem Klavierkonzert erlebt die FAZ Musik als "Kraftakt". Die NZZ setzt sich mit dem Hype um das kanadische Mikrotonal-Musik-Duo Angine de Poitrine auseinander. Und deutsche Medien haben kaum beachtet, dass Kamel Daoud vom algerischen Regime in Abwesenheit zu drei Jahren Haft verurteilt wurde.

Alles singt, alles schwingt

25.04.2026. Mateja Koležnik schickt die "Drei Schwestern" mit einer Handvoll Soldaten am BE in einen Bunker, während oben der Krieg vorbereitet wird: So gegenwartsdurchlässig klang Tschechow schon lange nicht mehr, ruft der Tagesspiegel. In der FAS erklärt der pritzkerpreisgekrönte burkinische Architekt Francis Kéré, was afrikanische Architektur auszeichnet. Die Welt lauscht beim Literaturfestival "Litglow" dem erstaunlich kontrollierten Hildesheim-Sound. Die SZ staunt, wie gut Ringo Starr singen kann. Der Tagesspiegel feiert Herbert Blomstedt, der mit 98 Jahren einen hinreißenden Bruckner dirigierte.

Safe Space für Ästhetik

24.04.2026. Die FR bewundert in Frankfurt die Werke von Fritz Scholder, der schon in den Sechzigern mit seinen Bilder von Indigenen aneckte. Wer zum Boykott von Literatur aufruft, schadet in allererster Linie der Kunst, ruft Etgar Keret in der SZ. Löst die Trennung von E- und U-Musik auf, rät der Filmkomponist Anselm Kreuzer auf Backstage Classical. Die NZZ ist genervt vom immer gleichen Haltungstheater gegen rechts, der Guardian von einer Turnerpreis-Liste mit den immer gleichen Positionen. Und die FAZ findet es geschmacklos, Frida-Kahlo-Wellness-Wohneinheiten für 1,6 Millionen Dollar anzubieten.

Die Mystik der Maulbeerfeige

23.04.2026. Le Point kann es nicht fassen: Kamel Daoud wurde vom algerischen Regime zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er es wagte, über das Schwarze Jahrzehnt zu sprechen, während tausende Terroristen durch das gleiche Gesetz freigesprochen wurden. Nach Orbans Abwahl setzen sich Ungarns Filmemacher für eine neue Ära ein, die wieder unabhängige Gremien über die Filmförderung entscheiden lässt. Los Angeles mausert sich zur neuen Kunstmetropole, staunt die Zeit. Die FAZ bewundert den Neubau V&A East Museums, der nach Röntgenaufnahmen von Balenciaga-Kleidern entworfen wurde. Und die Welt lernt Bernini als Erfinder des barocken Rom kennen.

Jekyll ohne Hyde

22.04.2026. Antoine Fuquas Michael-Jackson-Biopic "Michael" beschäftigt die Feuilletons. Dass der Film das Leben des Stars als Heiligenvita erzählt und die Missbrauchsvorwürfe ausspart, gefällt der FAZ gar nicht. Laut SZ ist "Michael" obendrein zum Einschlafen langweilig. Einhellige Zustimmung findet hingegen eine Berliner Ausstellung zu Bauhaus-Fotografinnen, der Tagesspiegel zeichnet nach, wie die Künstlerinnen um ihre Bildrechte kämpfen mussten. Die nachtkritik setzt mit Blick auf Marta Górnickas "Kassandra" zu einer Wutrede wider banal aktivistisches Theater an.