Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.08.2024. Die SZ verschraubt ihren Körper mit Anne Teresa De Keersmaeker vor modernen Meistern zu Klangströmen von Marlene Dietrich bis Herbert Grönemeyer im Folkwang Museum. Die FAZ spricht mit dem tschechischen Dirigenten Jakub Hrůša, der frischen Wind in die deutsch-tschechischen Beziehungen bringen will. Außerdem erinnert sich die FAZ mit Mohamed Kordofanis Filmdebüt "Goodbye Julia" an die Aufbruchstimmung, als der Südsudan seine Unabhängigkeit erklärte.
19.08.2024. Die Ruhrtriennale rockt ihr Publikum: nmz, nachtkritik und SZ erliegen bei der Ruhrtriennale dem Charisma von Sandra Hüller als PJ Harvey, die FAZ bleibt unbeeindruckt. Im Standard gruselt es den Schriftsteller Thomas Sautner bei der Vorstellung, KI könnte künftig Romane schreiben. Die Welt besucht das Glasmuseum von Murano. Die SZ trauert schon um die Wilde Renate, einen Berliner Technoclub, dem nach einer saftigen Mieterhöhung das Aus droht. Und die Filmkritiker trauern um den schönsten Mann und einzigen homme fatale, den das Kino je sah: Alain Delon.
17.08.2024. Von einem allgemeinen Boykott der russischen Kultur kann im deutschsprachigen Raum keine Rede sein, meint der Dirigent Martin Haselböck auf Backstage Classical. Der Tagesspiegel schwärmt vom Schwebezustand der "Shadow Flowers" Letizia Werths. Der FAZ wird unbehaglich beim dreiklangselig beschworenen Weltuntergangszeremoniell von Ena Brennans Oper "Hold your breath". Spiegel und SZ fragen sich, warum Taylor Swift zu den wegen Terrorgefahr abgesagten Konzerten in Wien schweigt.
16.08.2024. Immer noch lassen sich westliche Künstler von der russischen Propaganda vereinnahmen, kritisiert der Kunsthistoriker Konstantin Akinsha in der NZZ. Wenn Stefan Kaegi, Sasha Waltz und Rimini Protokoll bei den Salzburger Festspielen Erkenntnisse der Hirnforschung tanzen lassen, bleibt der Spiegel skeptisch, während der Standard mitschwingt. Die taz freut sich, dass das Werk der Band "Die Braut haut ins Auge" nun endlich wieder zugänglich ist. Und alle verneigen sich vor Gena Rowlands, die den Kaputten und Fragilen so viel Eleganz verlieh.
15.08.2024. Im VAN-Gespräch erinnert die Pianistin Olga Shkrygunova an ihren Kollegen Pawel Kuschnir, der vor kurzem in russischer Haft den Folgen seines Hungerstreiks erlegen ist. Die im Krieg gegen die Ukraine vergewaltigten Frauen werden im politischen Diskurs kaum erwähnt, klagt die polnische Regisseurin Marta Górnicka in der NZZ. Hyperallergic bewundert im Smithsonian American Art Museum Sterne, Reben und Jakobsmuscheln auf den Quilts der Amish. Im Tagesspiegel erzählt die New Yorker Underground-Filmemacherin Beth B., der in Berlin gerade eine Ausstellung gewidmet ist, dass sie Menschen heute lieber verführt als anschreit.
14.08.2024. Hyperallergic begeistert sich für Vera Molnárs Freude an der Störung im System, die sich gerade im Centre Pompidou bewundern lässt. Die FAZ sieht erschüttert Steffi Niederzolls Dokumentarfilm über die Iranerin Reyhaneh Jabbari, die hingerichtet wurde, weil sie sich gegen ihre Vergewaltiger gewehrt hatte. In GdG erklärt Dmitri Strozew die Rolle der Lyrik bei den Protesten in Belarus vor vier Jahren. In Salzburg löst Peter Sellars' Inszenierung von Prokofjews Oper "Der Spieler" bei der SZ Begeisterung, bei der FAZ lange Zähne aus. Das Leipziger Kulturzentrum Conne Island erklärt, wie es sich anfühlt, boykottiert zu werden.
13.08.2024. Die FAZ dokumentiert einen von namhaftesten Klassikstars unterschriebenen Offenen Brief zum Tod des verhungerten russischen Pianisten Pawel Kuschnir. Hyperallergic freut sich über feministische Kunst, die die Aufbruchsstimmung im L.A. der Siebziger verkörpert. Die Welt resümiert unfroh das erste, von harmlosen Inszenierungen geprägte Jahr der Intendantin Iris Laufenberg am Deutschen Theater. Das Zeitalter der Zensur ist nicht vorbei, erkennt die NZZ mit Blick auf die öffentlichen Bibliotheken in den USA. Die FAZ betrachtet in Paris die Kultur der Azteken, hingerissen, doch nicht ohne die blutigen Opfergaben zu vergessen.
12.08.2024. Die Jungle World erinnert an den antislawischen Rassismus, den Joseph Conrad erleiden musste. Die NZZ erklärt der Grünen Jugend in Hessen: Fontane war Antisemit, aber er war nicht die Hamas von Brandenburg. Eine begeisterte FAZ empfiehlt Philipp von Steinaeckers Aufnahme von Mahlers Neunter mit historischen Instrumenten. Die SZ feiert eine Bielefelder Ausstellung mit digitaler Kunst und hybrider Malerei. Zeit online trauert jetzt schon um den lungenkranken David Lynch. Die Kunstkritiker trauern um den Ausstellungsmacher Kasper König.
10.08.2024. Die DDR war auch Pop, lernt die erstaunte taz in einer Designausstellung in Eisenhüttenstadt. Die FAZ bewundert die Wachstumsenergie der Natur in den Keramiken Axel Saltos. Die Welt überlegt, was sie in all den aktuellen Ausstellungen über vergessene Künstlerinnen gelernt hat. In der Berliner Zeitung bekennt sich Frank Castorf zu den zwei Seelen in seiner Brust: die nach Kleinbürgerlichkeit verlangen und nach Zerstörung des Systems. Die SZ begeistert sich für David Gilmours zorniges, zartes und tief romantisches neues Album. Critic.de feiert Harmony Korines mit einer Infrarotkamera aufgenommenen Film "Aggro Dr1ft" als Ausnahmekunstwerk.
09.08.2024. Wegen eines geplanten Terroranschlags mussten Konzerte von Taylor Swift in Wien abgesagt werden - die Fans feiern trotzdem, freuen sich die Feuilletons. Die SZ wird in Iwan Filippows Roman "Maus" Zeuge, wie bei einer Zombie-Apokalypse in Russland die ganze Führungsriege des Kreml vernichtet wird. Die FAZ sieht im Muzeum Susch Haare aus Wasserhähnen sprudeln. Außerdem freut sie sich, bei den Salzburger Festspielen mal wieder ein Stück von Botho Strauss sehen zu können: Saul, mit Jens Harzer in der Hauptrolle, der die SZ vom Stuhl reißt. Und: Die Kritiker verabschieden sich von Synchronlegende Rainer Brandt.