Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.12.2023. Die Berliner Zeitung schwelgt in Gedanken an das Beethoven-Konzert mit Martha Argerich und Daniel Barenboim. Die FAZ geht zum Schlafen und Plaudern in eine Lübecker Kirche. In der FR erklärt Ulrich Khuon, warum er die umstrittene Weltoffen-Initiative verteidigt, selbst aber mit Boykotteuren nicht zusammenarbeiten möchte. Zeruya Shalev erzählt im Interview mit der FAS, wie man ein Kind in Israel aufzieht: mit Gasmaske. Der Standard resümiert das Kinojahr 2023.
22.12.2023. Emerald Fennell legt mit "Saltburn" seinen zweiten Film vor - ziemlich wildes Ding, finden die Kritiker. Wie man die bedrohliche Kraft der Atombombe in bizarr-schöne Musik umwandelt, lernt die taz von der kasachischen Komponistin Galya Bisengaliewa. "Krieg als Normalzustand" sieht die FAZ mit Jan-Christoph Gockel an den Münchner Kammerspielen. Die NZZ ruft zur Wiederentdeckung Max Oppenheimers im Wiener Leopold-Museum auf. Uneinig sind sich die Kritiker bei der Frage, wie der Fall Gérard Depardieu zu bewerten ist.
21.12.2023. Die Nachtkritik sendet einen hoffnungsvollen Brief aus Ungarn, wo die freie Theaterszene roh und minimalistisch Orbans Repressionen trotzt. Erschüttert blickt der Standard in Wien auf Fotos von Laia Abril, die in Stillleben Schicksale von Frauen dokumentiert, die nicht legal abtreiben dürfen. Das Schweigen der Berliner Clubszene zum Massaker vom 7. Oktober hat wohl auch mit der vom Berliner Kultursenat geförderten Awareness-Akademie zu tun, die sich für die Diskriminierung von Juden wenig interessiert, bemerkt der Tagesspiegel.
20.12.2023. SZ und Welt lauschen begeistert dem Silbensalat Kurt Schwitters in einer Aufführung der "Ursonate" am Deutschen Theater Berlin. Wim Wenders singt in seinem neuen Film "Perfect Days" seine eigene Melodie, meint der Filmdienst. DJ-Karrieren können enden, wenn man in Tel Aviv oder Jerusalem auftritt, lernt die SZ. Der Tagesspiegel hört in der Berliner Philharmonie vier Versuche, Mahlers Zehnte zu vollenden, aber ein neuer Mahler war nicht unter den Komponisten. Die Welt sinniert im Linzer Lentos Kunstmuseum über die dunklen Aspekte der lokalen Kunstgeschichte.
19.12.2023. Die taz findet in der Philip Guston-Retrospektive in der Tate Modern das Eigene im Anderen. Die im Berliner Exil lebende Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch sorgt sich um ihre Wohnung in Minsk, die Lukaschenkos Schergen beschlagnahmen wollen, erzählt sie in der Zeit. Der RIAS Kammerchor erklärt, warum es "Israel in Egypt" aus seinem Neujahrsprogramm gestrichen hat. Einfach nur elfenhafte Freude empfindet VAN bei einem Mendelssohn-Abend in Berlin. Die Filmkritik trauert um den georgischen Autorenfilmer Otar Iosseliani, der zwar Monarchist war, aber dennoch anarchische Filme drehte.
18.12.2023. Die Feuilletons berichten skeptisch über die von heftigen Kontroversen überschattete Tagung des PEN Berlin. Die vom Verband ausgelobte maximale Toleranz wurde nicht recht sichtbar: Wer im Vorfeld ausgetreten war, bekam hier noch einen Nachtritt, schreibt die NZZ. Die FR sieht Donizettis "Anna Bolena" an der Deutschen Oper Berlin stilsicher leiden. Die FAZ hätte gerne auch ein paar starke Männer im Stück gesehen. Fatal findet die Welt die Entscheidung des RIAS Kammerchors, Händels "Israel in Egypt" aus dem Neujahrsprogramm zu nehmen.
16.12.2023. In Wien erinnert die Volksoper mit ihrem Stück "Lass uns die Welt vergessen" an die jüdischen Mitarbeiter, die nach dem Anschluss entlassen wurden, flohen oder ermordet wurden. FAZ, SZ und Standard berichten. Und ziehen dann gleich weiter ins Theater an der Josefstadt, wo Claus Peymann Becketts "Warten auf Godot" ohne großes Chi-Chi inszeniert hat. Der Standard amüsiert sich mit Komödiantinnen des Stummfilmkinos. Die FAZ betrachtet mit Eike Schmidt in den Uffizien Leonardos "Anbetung" und fragt sich, warum der Rias Kammerchor mit Biegen und Brechen Händels Oratorium "Israel in Egypt" auf den Kopf stellen will. "Never a Dull Moment" erlebt die SZ mit Liveaufnahmen des Jazzpianisten Les McCann.
15.12.2023. Die FAZ blickt mit Fotografien von Yoichi Okamoto ganz neu auf das Wien der Nachkriegszeit. Artechock sieht mit der Einsetzung von Tricia Tuttle einen fortgesetzten "Sinkflug der Berlinale." Weiterhin Krisenstimmung im PEN Berlin: Die Welt befürchtet eine baldige Bruchlandung. Monopol macht seinem Ärger über die Dominanz der alten weißen Männer im Kunstbetrieb Luft: Eingeplant werde nur, was Erfolg verspricht.
14.12.2023. Die SZ zertrennt mit Caspar David Friedrich in mehr als sechzig Gemälden und hundert Zeichnungen in der Hamburger Kunsthalle die süßliche Einheit von Mensch und Natur. Dem PEN Berlin kommen zunehmend die Mitglieder abhanden: Dass am Wochenende auch noch die BDS-nahe Autorin A.L. Kennedy auftreten wird, macht es nicht besser, seufzt die taz. Im Perlentaucher nimmt Stefanie Diekmann in Jeanne Herrys Justizdrama "All Eure Gesichter" Platz in einem so schönen wie puristischen Stuhlkreis. In Lviv pulsiert wieder das Leben, bemerkt die taz auf einer Theaterreise. Und die Zeit kuschelt sich ein ins superflauschige Mittelmaß von Taylor Swift.
13.12.2023. Die Amerikanerin Tricia Tuttle wird die neue Leiterin der Berlinale. Die Feuilletons sind überrascht und vorsichtig erfreut. Lediglich die Welt moniert: schon wieder jemand ohne Deutschkenntnisse. Wenn der Israelhass so weit geht, dass er sich auf gefüllte Tomaten erstreckt: Der Tagesspiegel recherchiert über Louna Sbou und ihr Berliner Kulturzentrum Oyoun. Disneyfilme leiden derzeit unter einer vulgär feministischen Fehlinterpretation der Weiblichkeit, moniert Zeit Online. Eva Menasse beklagt sich in der NZZ über den allseitigen wütenden Wunsch, stets auf der richtigen Seite zu stehen. Genderverwirrte schräge Vögel bezaubern die FAZ in einer Richard-Strauss-Inszenierung der Badischen Staatsoper.