Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.01.2024. Die taz beobachtet begeistert, wie Nikolaus Habjan und Neville Tranter ihre Puppen am Deutschen Theater Berlin zum Leben erwecken. Einen Golden Globe hat Sandra Hüller zwar doch nicht gewonnen, aber umso inbrünstiger geht die Zeit vor der Schauspielerin auf die Knie: In ihrem Spiel zeigt sich die Verzweiflung dieser Tage. Die FAZ ist gespannt, ob die "Film Philharmonie" nach einem großen Deal mit den Morricone-Erben auch die avantgardistischen Arbeiten des Komponisten würdigen wird. Die NZZ bewundert in einer Retrospektive in Zürich, wie Margrit Linck die Keramik neu erfand. Und Errol Morris plaudert mit der Zeit über John le Carré, über den er einen Dokumentarfilm gedreht hat.
06.01.2024. Die FAS lernt im Moma, wie man als Architekt auch mit der zerstörten Umwelt umgehen kann: Indem man sich einen Stadtteil mit eingebauter heiler Natur errichtet. Die nachtkritik begutachtet den Trend zur Umschreibung klassischer Stücke an deutschen Bühnen. Die FAZ berichtet über den Erfolg der russischen Serie "Slowo Pazana" in Osteuropa: Es geht um Jugendbanden in der Sowjetunion Ende der Achtziger. Der NZZ graut es vor der neuen Lust am Grau.
05.01.2024. Schöne Bilderrücken können auch entzücken, lernt die FAZ im Madrider Prado unter anderem beim Blick auf das entblößte Hinterteil einer Nonne. Gottfried Helnwein hingegen kann die NZZ in der Albertina nicht mehr so schockieren wie früher. Katharina Mückstein prangert in der taz Ausschlussprozesse im Kulturbetrieb an: Wer kein "wohlhabender Hetero-Mann" ist, hat wenig Chancen. Die SZ glaubt nicht an die Kassandrarufe, die das große Clubsterben prophezeihen. Und sie erfreut sich an dem neusten It-Boy.
04.01.2024. Die Filmkritiker verlieren sich in der symbolistischen Wunderwelt von Hayao Miyazakis Anime "Der Junge und der Reiher". Mit Sofia Coppolas "Priscilla" warten sie im goldenen Käfig darauf, dass der Funke überspringt. Die taz berichtet, wie die Rechercheagentur Forensic Architecture mit Falschmeldungen Stimmung gegen Israel macht. Aufatmen kann derweil die polnische Kunstwelt, freuen sich SZ und Monopol: Mit dem Regierungswechsel wurde auch der rechte Künstler Ignacy Czwartos von der Biennale in Venedig abgezogen. Schön, dass Claudia Roth das Publikum in Bayreuth jünger und diverser machen möchte, nur von welchem Geld, fragt die SZ.
03.01.2024. Die Welt möchte keine Documenta, zu der man nur mit zionistischem Leumundszeugnis und unter Absingen postkolonialer Reverenzformeln Zutritt erhält. Die FAZ präsentiert einen verblüffenden Archivfund, einen Brief Else Lasker-Schülers an Papst Pius zur Rettung Mussolinis. Der Rias-Kammerchor hat Händels "Israel in Ägypten" abgesetzt und setzt bei seinem Neujahrskonzert dennoch auf dröhnendes Erz und lärmende Pauke, moniert ebenfalls die FAZ. Lawrence Lessig feiert die urheberrechtsbefreite Micky Maus mit einem lustigen Remix.
02.01.2024. Die FAZ begegnet in einer Ausstellung in Stuttgart typischen Vertretern der Weimarer Republik und fühlt die Zerrissenheit der modernen Frau. Außerdem blickt sie skeptisch auf die französischen Solidaritätsbekundungen für Gérard Depardieu. Andreas Spechtl will mit dem neuen Album seiner Band "Ja, Panik" die Klassenfrage zurück in den Pop tragen, erzählt er der FR. Und die Popkritiker trauern um Torsun Burkhardt, der mit seiner Band Egotronic der antideutschen Linken das Feiern beigebracht hat.
30.12.2023. Die FAS beobachtet in der Fondation Louis Vuitton, wie lange Mark Rothko brauchte, um in den Himmel der abstrakten Farbwolken aufzusteigen. ZeitOnline blickt mit sanftem Unbehagen auf Greta Gerwigs Barbie-Kinojahr zurück: Vollendet sich hier der Ausverkauf des Netzfeminismus? Die taz verzweifelt an der schier grenzenlosen Palästina-Solidarität im englischsprachigen Pop. Und die FAZ läutet das Kafkajahr 2024 mit einem Dossier ein.
29.12.2023. Impressionistische Unvollkommenheit genießt der Filmdienst in Hayao Miyazakis neuem Film "Der Junge und der Reiher." Was nach der Ära Miyazaki mit dem Studio Ghibli passieren soll, fragt sich bang die FAZ. Außerdem schwelgt die FAZ in der Pracht der Luxusmöbel von José Canops. KI-Gesang oszilliert zwischen Glitch und Magie, stellt die taz bei Rania Kims neuem Album fest. Sergej Gerassimow wittert in der NZZ Cancel Culture bei dem Versuch, Puschkins Literatur aus Charkiw zu verdrängen.
28.12.2023. Die Filmkritiker bekommen in Maite Alberdis still schönem Drama über den chilenischen Oppositionellen Augusto Góngora eine Ahnung, was Sterben bedeuten könnte. Boris Akunin wurde erst mit Preisen überhäuft und nach Kritik am Krieg gegen die Ukraine von Russland nun auf die "Liste der Terroristen und Extremisten" gesetzt, berichtet die taz. Die FAZ kostet in Dresden angehäuftes Wild auf verlassenen Festtafeln. Die SZ begibt sich im c/o Berlin mit Mary Ellen Mark an die Ränder der Gesellschaft. Und die Welt läutet mit Jonathan Tetelman den Generationswechsel unter den Tenören ein.
27.12.2023. Die Kritiker berauschen sich bei Barrie Koskys Inszenierung der Strauss'schen "Fledermaus" im Münchner Nationaltheater an Glitzer und Champagner. Die Disney-Serie "Deutsches Haus" über den ersten Auschwitz-Prozess ist fast schon zu gut für die Möglichkeiten ihres Formats, findet die Jungle World. Der Anti-Israelfuror im britischen Pop ist gerade bei jenen besonders absurd, die sich sonst die queere Sache auf die Fahne schreiben, findet die FR. Frankreich feiert Gustave Eiffel - aber die Idee für den berühmten Turm kommt eigentlich aus der Schweiz, hüstelt die NZZ. Die Welt wird beige und monochrom, glaubt die Welt.