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Efeu - Die Kulturrundschau

Anmaßung pur

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.11.2017. Wie rüde, aber auch wie grandios brutalistische Architektur sein kann, lernt die FR in einer Ausstellung. Kino-Zeit lernt in Ulrike Pfeiffers Porträtfilm über den Avantgarde-Filmer und Wahrnehmungsforscher Werner Nekes einen echten Universalgelehrten kennen. In der Popzeitschrift fragt Wolfgang Ullrich, ob Künstler wie Philipp Ruch und "identitäre" Aktionisten wie Martin Sellner den selben Schönheitsbegriff teilen. Die PiS kann Polens Kulturinstitutionen zwar zerstören, aber neu aufbauen gelingt ihr nicht, erklärt im Gespräch mit der nachtkritik Theaterregisseur Jan Klata. Die neue musikzeitung berichtet vom George-Enescu-Festival.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.11.2017 finden Sie hier

Architektur


Janko Konstantinov: Postamt und Fernmeldezentrum, Skopje, Mazedonien, 1974-1989 \\ © Foto: yeowatzup 2012 (CC BY 2.0)

Eine Ausstellung über brutalistische Architektur im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt zeigt FR-Kritiker Christian Thomas deutlich, wie ambivalent diese Architekturrichtung immer noch ist: "Die Abbildung des Innenraums, den Paul Herbé und Jean Le Couteur für die Kathedrale Sacré-Coeur in Algier erdachten, gibt einen Eindruck von den grandiosen Gestaltungsmöglichkeiten des béton brut. Demgegenüber ballt sich der gebaute Schrecken vor allem bei den Wohnbauten. Der Brutalismus mag kühne Bauwerke hervorgebracht haben - er ist nie der architektonische Ausdruck einer offenen Gesellschaft gewesen. Für diese Erkenntnis muss man nicht einen Sportpalast im kambodschanischen Phnom Penh näher inspizieren. Oder Belgrads Institut für Stadtplanung auch nur zur Probe aufsuchen. ... Es ging dem Brutalismus nicht nur um eine brüskierende Bauweise, er hat auch das Urteil über eine Lebensweise verhängt. Eine rüde Architektur als Anmaßung pur."

Weitere Artikel: Nicola Kuhn besichtigt für den Tagesspiegel die Sanierungsarbeiten an der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Stefan Brändle besucht für die FR den von Jean Nouvel gebauten neuen Louvre-Ableger in Abu Dhabi.
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Literatur

Susanne Lenz berichtet in der Berliner Zeitung von einer Diskussionsveranstaltung an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf, wo man sich seit Wochen über ein Gedicht von Eugen Gomringer an der Außenfassade streitet. Für die FAZ rezensiert Patrick Bahners die auf Facebook gesendete Jurysitzung zur Vergabe des Bayerischen Buchpreises, der am Ende an Franzobel und Andreas Reckwitz ging.

Besprochen werden Patricia Hempels Campusroman "Metrofolklore" (taz), eine Ausstellung in Marbach über Becketts Reisen nach Nazi-Deutschland (Welt), die Autobiografie "Wer einmal gestorben ist, dem tut nichts mehr weh" des Shoah-Überlebenden Marko Feingold (NZZ), Elnathan Johns "An einem Dienstag geboren" (SZ), Iris Wolffs "So tun, als ob es regnet" (Tagesspiegel), Wolfgang Matz' "Frankreich gegen Frankreich. Die Schriftsteller zwischen Literatur und Ideologie" (Tagesspiegel), Till Raethers Krimi "Neunauge" (Freitag) und Lea Singers "Die Poesie der Hörigkeit" (FAZ).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Film


Universalgelehrter, kein bisschen verschroben: Werner Nekes (Bild: Mindjazz Pictures)

Mit "Werner Nekes - Das Leben zwischen den Bildern" hat Ulrike Pfeiffer einen Porträtfilm über den im Januar verstorbenen Mülheimer Avantgarde-Filmemacher und Wahrnehmungsforscher gedreht. Katrin Doerksen von kino-zeit.de hat der Film gut gefallen: "Etwas von der vermittelten Faszination bleibt garantiert hängen. Nekes kennt obskure Komponisten und weiß, dass jeder römische Soldat einst Schafgarbe als Medizin mit sich führen musste. Er ist nicht nur ein Medienhistoriker, er ist vielmehr ein Universalgelehrter. In seinen Werken steckt nicht nur die Film-, sondern auch die Foto-, die Mediengeschichte, geballtes technisches und kulturelles Wissen. Wirklich exzentrisch ist das im Grunde nicht. Ulrike Pfeiffer zeichnet das Bild eines Mannes, der tatsächlich kein bisschen verschroben ist. Der alles aus einer bestimmten Überzeugung heraus tut."

Mit seinen "melancholischen Impressionen, die eher intim und beiläufig von der Zeit eines anderen Kinos im vergangenen analogen Jahrhundert erzählen", geht dieser Film auch als unerwarteter Nachruf durch, schreibt Claudia Lenssen in der taz, die es allerdings schade findet, dass die Künstlerinnen, die Nekes' Schaffen begleitet und beeinflusst haben, in diesem Film kaum Erwähnung finden: "Es dominiert ein Club der alten Herrn. ... Warum bleibt der weibliche Anteil an Werner Nekes' Universum in Ulrike Pfeiffers Zeitreise ausgeblendet?"

Hanns-Georg Rodek bringt in der Welt Hintergründe zu den Plänen des Disney-Konzerns, sich den Konkurrenten 20th Century Fox einzuverleiben: Damit "würde zum ersten Mal ein Traditionsstudio ein Traditionsstudio schlucken." Und warum? Es geht um den wichtigsten Distributionskanal der Zukunft: "Disney braucht Filmrechte, um sein Streamingportal zu bestücken; die an den eigenen Produktionen hat es Netflix gekündigt, wo sie bisher zu sehen sind."

Die SZ dokumentiert Doris Dörries in München gehaltene Laudatio auf den deutschen Regisseur Roland Klick. Warum seine Filme wie "Deadlock" und "Supermarkt" so gar nicht nach deutschem Kino, sondern "amerikanisch, groß" aussehen, erklärt sie in den Worten des Filmemachers selbst: "Ich habe mir fest vorgenommen, keinerlei reflektorische Vokabeln in einem Film fallen zu lassen, sondern alles, was ich zu sagen habe, über ein Milieu, durch Gegenstände, durch Kleidung oder durch Handlungsabläufe zu sagen, also durch Dinge und Action sichtbar zu machen. Das ist die Arbeit, die zu leisten ist."

Weiteres: Im Perlentaucher zieht Stefanie Diekmann nach dem Festival DOK Leipzig Bilanz. Für die taz spricht Andreas Hartmann mit Stefanie Mathilde Frank über die von ihr kuratierte Retrospektive "Umschreibungen" im Berliner Zeughauskino über das Kino der Adenauerzeit. Ridley Scott wird seinen neuen, bereits abgedrehten Film mit Kevin Spacey nach den laut geworfenen Missbrauchsvorwürfen gegen seinen Schauspieler tatsächlich mit Christopher Plummer noch einmal drehen, meldet der Guardian. Christian Schröder (Tagesspiegel), Harry Nutt (Berliner Zeitung) und Susanne Ostwald (NZZ) schreiben zum Tod der Schauspielerin Karin Dor. Selbst Sean Connery war einst von ihr gefesselt:



Besprochen werden Barbara Alberts "Licht" über die Pianistin Maria Theresia Paradis (Standard), Lukas Valenta Rinners "Die Liebhaberin" (taz), der zweite Teil der "Bad Moms"-Comedysause mit Mila Kunis, Kristen Bell und Kathryn Hahn (Tagesspiegel), George Clooneys "Suburbicon" (taz, NZZ, mehr dazu im Efeu von gestern), Delphine und Muriel Coulins "Die Welt sehen" (taz), Kenneth Branaghs Neuauflage vom "Mord im Orient-Express" (NZZ, FAZ) und die Serie "The Good Fight" (FAZ).
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Archiv: Film

Kunst

Es gbt zwei Begriffe der Schönheit, den Kantschen, der auf Freiheit, und den Heideggerschen, der auf Überwältigung zielt. An letztern knüpfen laut Wolfgang Ullrich in einem sehr lesenswerten Essay in der Popzeitschrift (eigentlich ein Vortrag) sowohl linke Autoren wie  Byung-Chul Han und Philipp Ruch an als auch der rechtsextreme Vordenker der "Libertären" Martin Sellner: "Sellner und die Identitären hängen .. derselben Denkfigur an, die Han im Rekurs auf Carl Schmitt entwickelt. Schönheit hat bei ihnen daher sowohl eine martialische Dimension, da sie Widerstand gegen eine Bedrohung mobilisieren, also möglichst viele Menschen zum 'Einrücken' bewegen soll, als auch eine sentimentale Konnotation, da schon halb verloren scheint, was durch den Widerstand - gegen den Feind - gerettet werden soll. Die eigene Identität wird sogar umso mehr zu etwas Schönem verklärt und als schön erfahren, je einsamer man sich im Kampf gegen ihre Feinde fühlt, je stärker also sowohl das martialische wie das sentimentale Moment hervortreten."

Weiteres: Im Standard führt Dorothea Nikolussi-Salzer durch das Programm des Kunstfestivals Premierentage in Innsbruck und Schwaz.

Besprochen werden die Ausstellung "Parapolitik: Kulturelle Freiheit und Kalter Krieg" im Berliner Haus der Kulturen der Welt (Berliner Zeitung), die Raffael-Ausstellung in der Wiener Albertina (Tagesspiegel) und eine Ausstellung aus dem Valie-Export-Vorlass im Lentos Museum in Linz (Presse).
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Bühne

Im Gespräch mit Iwona Uberman von der nachtkritik beschreibt der polnische Theaterregisseur Jan Klata die schwierige bis unmögliche Situation der Theater in Polen seit der Machtübernahme der PiS. Klata selbst war aus seinem Amt als Intendant des Stary Teatr in Krakau gedrängt worden: "Wir haben es hier mit einer Bewegung zu tun, die sich als Ziel gesetzt hat, den Staat auf den Kopf zu stellen, ohne zu wissen, wie man ihn neu aufbauen möchte. Sie versuchen es nicht einmal zu verheimlichen. Aus politischen Gründen wollen sie die bisherigen Eliten austauschen und Künstler wie Krzysztof Warlikowski, Olga Tokarczuk und Andrzej Stasiuk loswerden, obwohl sie niemanden haben, der sie ersetzen könnte. Der Kulturminister fährt eine Niederlage nach der anderen ein. Die jüngste Katastrophe ist die allmähliche Zerstörung des polnischen Filmsystems. Magdalena Sroka wurde entlassen, die Direktorin des Polski Instytut Sztuki Filmowej, sie, der zu verdanken war, dass polnische Filme in den letzten Jahren weltweit Erfolge feierten."

Weitere Artikel: Der Standard gibt erste Einblicke ins Programm der Salzburger Festspiele 1918. Im Tagesspiegel schreibt Rüdiger Schaper über Banu Cennetoğlus Projekt "The List", das die Namen von Asylsuchenden, Flüchtlingen und Migranten dokumentiert, die seit 1993 innerhalb oder an den Grenzen Europas gestorben sind.

Besprochen werden Kurt Weills Oper "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" am Opernhaus Zürich (BR Klassik, Zeit) und Andrej Worons Inszenierung von Verdis "Rigoletto" in Bremerhaven (neue musikzeitung).
Archiv: Bühne

Musik

Für die NMZ hat Isabel Herzfeld in Bukarest das traditionsreiche, dem Komponisten George Enescu gewidmete Festival gleichen Namens besucht. Dass man dort in diesem Jahr den Dirigenten Vladimir Jurowski zum künstlerischen Leiter ernannt hat, findet sie ganz hervorragend: Jurowski hat das "monumentale Pathos" früherer Enescu-Darbietungen nämlich zum Positiven geschliffen: "In transparenter Darbietung entfaltete sich jetzt ebenso impressionistischer Farbzauber wie expressiv geschärfte Modernität; Jurowski ließ zudem Linien und Strukturen hören, die man zuvor nie wahrgenommen hatte, eine neue Komplexität. Nicht von ungefähr lieferte er am nächsten Abend mit Alban Bergs Violinkonzert und der verstörend brutalen 11. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch einen quasi-Kommentar zu Enescu nach, stellten ihnen den bei uns so oft auf Folkloristisches reduzierten Komponisten als eigenständigen Vertreter der frühen Moderne an die Seite."

Außerdem: Angela Schader porträtiert für die NZZ das Zürcher Streichtrio Oreade, das jetzt für seine Leistungen von einer Stiftung mit Stradivaris ausgestattet wurde. Isabel Herzfeld berichtet im Tagesspiegel von ihrem Treffen mit dem Klarinettisten Kinan Azmeh. Die NZZ bringt den Sänger und Gitarristen Hank Shizzoe und den Schlagzeuger Julian Sartorius miteinander ins Gespräch. Für ZeitOnline unterhält sich Ulrich Stock mit dem Jazztrompeter Avishai Cohen. Im Tagesspiegel spricht Christian Schmidt mit Ole Bækhøj über dessen Pläne für die Arab Music Days, die im Dezember im Berliner Boulez-Saal stattfinden wird. Kurt Weills lange Zeit verloren geglaubtes "Lied vom Weißen Käse" ist in einem Berliner Archiv aufgetaucht, meldet Manuel Brug in der Welt. In der taz plaudert Jens Uthoff mit dem Berlin-Köpenicker Rapper Romano.

Besprochen werden die neue Bob-Dylan-Box mit Alben aus seiner Gospel- und Jesus-Phase (FR, mehr dazu hier) und ein Abend mit Krzysztof Meyer in Regensburg (NMZ).
Archiv: Musik