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Efeu - Die Kulturrundschau

Die B-Seite zum Soundtrack der Moderne

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.11.2017. Die Berliner Zeitung singt beim Berliner Offshore Festival mit Virginie Despentes eine Ode auf die Hässlichen, Fetten und Armen. Die SZ erlebt im Palazzo Strozzi, wie mit der Gegenreformation Bilder von weltlichen Frauen aus der Kunst verschwanden. In der FAZ beklagt Lukas Bärfuss die Verfilzung des Schweizer Literaturbetriebs. Die Welt wundert sich einmal mehr über die Naivität der Popkultur. Die NZZ preist die Architektur des Südtiroler Rationalisten Armando Ronca. Außerdem entscheidet sich in Brüssel, ob Mediatheken national begrenzt bleiben.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.11.2017 finden Sie hier

Bühne


Emilie Chariots "King Kong Théorie" beim Offshore Festival. Foto: © Agnes Melon / Theaterdiscounter

Doris Meierheinrich berichtet in der Berliner Zeitung mit großer Begeisterung vom Offshore-Festival im Theaterdiscounter, bei dem sie tolles feministisches Theater aus der Schweiz erlebte. Zum Beispiel Emilie Chariots Stück "King Kong Theorie" nach der Biografie der Französin Virginie Despentes': "Wer in den 1980er-Jahren erwachsen wurde, wer Punk-Rock noch als echte Provokation wahrgenommen hat, der wird viel von Despentes Ode auf die Hässlichen, Fetten, Armen, Bösen, Unbegehrten, kurz: die King Kongs dieser Welt ein bisschen besser verstehen. Und ihre radikale Abneigung gegen alles Opfersein, dem sich viele malträtierte Frauen, die sich gestern wie heute in die komplette Sexualisierung ihrer Persönlichkeit einhausen (lassen), nicht entziehen können.

Weiteres: In der SZ porträtiert Christine Dössel den amerikanische Dramatiker Noah Haidle, dessen knallige Komödie "Für immer schön" gerade in Mannheim gespielt wird. In der taz feiert Brigitte Werneburg die Londoner Blockbuster-Ausstellung "Opera: Passion, Power and Politics" im Victoria and Albert Museum. Gina Thomas war für die FAZ beim Opernfestival im irischen Wexford.

Besprochen werden Jette Steckels Inszenierung von Ibsens "Volksfeind" an der Wiener Burg (Deutschlandfunk Kultur, Welt), Christian Spucks "Anna Karenina" mit dem Bayerische Staatsballett im Münchner Nationaltheater (BR Klassik, Abendzeitung, SZ) und die Bühnenfassung von Simon Verhoevens Filmkomödie "Willkommen bei den Hartmanns" am Wiener Akademietheater (Standard, Nachtkritik).
Archiv: Bühne

Literatur

Schriftsteller Lukas Bärfuss, selbst Preisträger, fordert in der FAZ die Abschaffung des Schweizer Buchpreises in seiner jetzigen Form. Nicht nur hat sich seiner Ansicht nach hinreichend Betriebs-Filz rund um Jury und Vergabe gebildet, es kam auch bei der diesjährigen Verleihung am 11. November zum Eklat, als sich der im Saal anwesende Schriftsteller Urs Faes vom Podium aus herabgewürdigt fühlte und weiteren Festlichkeiten fernblieb: "Nur die Naiven glaubten immer noch, da sei bloß ein Abend entglitten und ein Festakt gründlich missglückt", schreibt Bärfuss. "Die Vorgänge waren ein Ausdruck der gewollten Politik: Niemand sollte bemerken, welcher Art die Sitten sind. Alle sollten schweigen und weiterspielen." Mehr zu den Missgriffen an diesem Abend hier und hier)

Der Wahrheitsbegriff erodiert - am Donnerstag werden darüber Schriftsteller in Berlin über literarische Positionen zum "Fake News"- und "Lügenpresse"-Zeitalter. Vier Impuls-Skizzen dazu von Annett Gröschner, Simone Kornappel, David Salomon und Enno Stahl dokumentiert die taz. "Manchmal ist es für ein literarisches Werk, so dokumentarisch es daherkommen mag, notwendig, einen Fluss zu erfinden, der auf keiner Landkarte verzeichnet ist", sagt Gröschner. "Wenn ich davon ausgehe, dass die Haltung, die ein Gedicht anträgt, nicht falsch sein kann, hat Lyrik eben jene Kategorien nicht: falsch/richtig. Damit findet der Fake für mich dort nicht statt", meint Kornappel. Salomon nimmt mit markiger 70er-Rhetorik die Presse ins Visier: "Bedeutsamer als die wüste Meinungsmelange, die über die Bildschirme flimmert, ist die Selbstimmunisierung, mit der die alteingesessen 'Qualitätsmedien' auf die neue 'Konkurrenz' reagieren." Und für Stahl "sind Romane immer schon Fake News. ... Gerade solche Werke, die einen schonungslosen Seelenstriptease zu betreiben scheinen, sind literarische Fakes, weil in ihnen ästhetische Subjektivierung am Werk ist."

Weiteres: Die SZ dokumentiert Hisham Matars Dankesrede zur Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises in München. Für die FR spricht Martin Oehlen mit Philipp Keel vom Diogenes Verlag über die Geschäfte. Ralph Trommer gratuliert im Tagesspiegel dem Comicverlag Carlsen zum 50-jährigen Bestehen. Im Freitext-Blog auf ZeitOnline schreibt die Schriftstellerin Katerina Poladjan über eine Woche mit Grundschulkindern.

Besprochen werden Karl Ove Knausgårds "Die Jahreszeitenbücher" (Tagesspiegel), Andreas Pflügers Thriller "Niemals" (Freitag), Asne Seierstads "Zwei Schwestern" (SZ), Ljudmila Ulitzkajas "Jakobsleiter" (FAZ) und Lucia Berlins "Was wirst du tun, wenn du gehst" (NZZ).
Archiv: Literatur

Kunst


Der Gegenreformation entgangen: Alessandro Allori: Venere e Amore, 1575-1580. Montpellier, Musée Fabre. Bild Fondazione Palazzo Strozzi

In der Ausstellung "Cinquecento" im Palazzo Strozzi in Florenz kann Kia Vahland in der SZ sehr schön nachvolziehen, wie tief die Gegenreformation in das Denken, Fühlen und Handeln der Menschen im 16. Jahrhundert eingegriffen hat: "Sie zielte außer auf den Glauben vor allem auf die Moral. Für den folgenden Kampf um Symbole waren die Künstler zuständig. Sie durften keine halbnackten Heilige mehr malen, was einige Jahre zuvor noch als probates Mittel galt, um das Volk zur innigen Heilsliebe zu bekehren. Was schon in den Kirchen stand und hing, wurde großflächig zensiert - Michelangelo, dessen Figuren auf dem 'Jüngsten Gericht' in der Sixtina seither Lendentücher tragen, kam noch glimpflich davon; die damals demontierten Magdalenenfiguren in Kirchen traf es härter. Und die Zahl der weltlichen Frauenbildnisse, die Ende des Jahrhunderts mit Palmzweig und Heiligenschein verfremdet wurden, ist immens."

Weiteres: In der taz berichtet Annegret Erhard von der "Bestandsaufnahme Gurlitt" im Kunstmuseum Bern. Besprochen werden die die Kabinettschau "Im neuen Glanz" im Frankfurter Liebieghaus (FAZ), Rebecca Quaytmans Ausstellung in der Wiener Secession (Standard) und die Schau "The Polaroid Project" im Wiener Westlicht (Standard).
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Archiv: Kunst

Film


Szene aus "Mudbound" (Netflix)

Mit Dee Rees' Südstaatdendrama "Mudbound" zielt Netflix auf die Oscars, erkennt Claudia Schwartz in der NZZ: "Der Film zeichnet sich durch das aus, was zu vernachlässigen man dem filmischen Establishment schon länger vorwirft: Mit Dee Rees hat hier eine afroamerikanische Frau Regie geführt bei einem Film über Rassismus." Beatrice Behn von kino-zeit.de hält den Film gar für bedeutend: Der Film "ist nicht nur eine große, elegische Erzählung ganz im Stil des klassischen Hollywoodkinos der Nachkriegsära. Es ist vor allem ein Film, der in doppelter Spiegelung über den tief verwurzelten Rassismus der USA sinniert."

Heute entscheidet der Rechtsausschuss des EU-Parlaments darüber, ob Mediatheken innerhalb der EU auch weiterhin national abgegrenzt sein müssen. Ein Anlass für die FAZ, den Lobbyisten in dieser Diskussion erneut großzügig Raum zur Ausbreitung der eigenen Interessen zur Verfügung zu stellen. Ginge es nach Christoph Palmer von der Allianz Deutscher Produzenten bleiben die Landesgrenzen in EU und Internet auch bis auf weiteres selbstverständlich erhalten: "Gestuf­te Li­zenz­er­tei­lung nach Län­dern sind für eu­ro­päi­sche Pro­du­zen­ten un­ver­zicht­bar. Nur so kön­nen sie nach dem 'Bau­kas­ten­prin­zip' ih­re Fil­me fi­nan­zie­ren. ... Vor al­lem die kleinen und mitt­le­ren Produzenten sind dar­auf an­ge­wie­sen, dass Sen­der ih­re Pro­duk­tio­nen in Auf­trag ge­ben oder mitfinan­zie­ren." Sollte dieses Modell fallen - Gott bewahre uns vor marktwirtschaftlichen Bedingungen!  - droht Palmer prophylaktisch mit "produzentischem Einheitsbrei" - als ob der in der hiesigen TV/Kino-Hybrid-Produktion nicht längst schon gerührt wird.

Außerdem: Für den Tagesspiegel spricht Andreas Busche mit Fatih Akin und Diane Krüger über deren an die NSU-Morde angelehnten Thriller "Aus dem Nichts". Susanne Ostwald porträtiert in der NZZ den 17-jährigen Nachwuchsfilmemacher Nikolai Paul, der mit seinem Kurzfilm "Sans Papiers" in Bern gerade für Aufsehen sorgt. Besprochen wird Greg Zglinskis "Animals - Stadt Land Tier" (Tagesspiegel).
Archiv: Film

Musik

Der verurteilte Mörder und Sektenführer Charles Manson ist tot - er liebte die Beatles, bändelte mit den Beach Boys an, die Popkultur hat in Film und Musik immer wieder Mansons Taten aufgegriffen. Ein Grund für Michael Pilz von der Welt, "sich wieder über die ewige Naivität der Popkultur zu wundern. ... Wo man singet, lass dich ruhig nieder, Bösewichter haben keine Lieder: Die Kalenderweisheit stammt von Johann Gottfried Seume aus dem frühen 19. Jahrhundert. Nicht erst Manson hat sie für die Popkultur des 20. Jahrhunderts gründlich widerlegt. Die bösen Lieder sind die B-Seite zum Soundtrack der Moderne." Man hatte Manson, wie Uwe Schmitt ebenfalls in der Welt schreibt, "begnadigt zur Pop-Ikone".

Zum heutigen Geburtstag von Björk und anlässlich der Veröffentlichung ihres neuen Albums "Utopia" führt Emily Mackay in The Quietus ausführlich durch die Karriere der isländischen Musikerin, mit der sich Sasha Geffen von Pitchfork zum Gespräch getroffen hat. Vor wenigen Tagen hat sie ein neues Video veröffentlicht, in dem sich Björk nach ihrem düsteren Liebeskummer-Album "Vulnicura" geheilt und lebensfreudig in Szene setzt:



Besprochen werden ein Konzert der Wiener Philharmoniker unter Christian Thielemann (Standard), ein Konzert von Gideon Kremer (Tagesspiegel), das neue Album von Charlotte Gainsbourg (Berliner Zeitung), das neue Album von John Maus (SZ). ein Wiener Konzert der Geigerin Julia Fischer (Standard) und die Compilations "Sammlung - Elektronische Kassettenmusik, Düsseldorf 1982-1989" und "Magnetband (Experimenteller Elektronik​-​Underground DDR, 1984​-​1989)", die man beide hier und hier anhören kann (SZ).


Archiv: Musik

Architektur

Armando Roncas Etagenwohnhäuser mit Läden, Bozen, 1936-1937. Foto: Museum Kunst Meran
Südtirol hat sich schon immer schwergetan mit den Bauten des Architekten Armando Ronca, der Mitte des 20. Jahrhunderts Italianità nach Bozen und Meran brachte. Jetzt lassen die Städte die Gebäude verkommen, die für NZZ-Kritiker Roman Hollenstein reinste Juwele sind. Das Museum Kunst Meran würdigt ihn in einer Ausstellung: "In Meran entstanden Roncas schönste Bauten, darunter der dem Hochhaus von BBPR an der Piazza Statuto in Turin verwandte Wohnturm mit einer Ladenpassage am Rennweg und die beiden heiteren, frei komponierten und raffiniert durch Skelettstrukturen akzentuierten Eurotel-Bauten an der Passer und in Obermais. Bei diesen Gebäuden zeigt sich ein gewisser Einfluss von Le Corbusiers Unités d'habitation - und bei der brutalistischen Chiesa San Pio in Bozen mit ihren zeltartigen, in der Vierung sich zu einem Oberlicht aufbäumenden Betonkissen offenbart sich auch eine Bewunderung für die Sakralbauten des großen Schweizers.
Archiv: Architektur