Efeu - Die Kulturrundschau

Am liebsten Robert Mitchum sein

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.12.2017. In der NZZ erklärt Ai Weiwei: Nur ein schlechter Künstler ist kein Aktivist. Die SZ erlebt Freiheit, Vereinsamung und Langeweile im tschechoslowakischen Plattenbau. Critic.de resümiert das Filmjahr. Pitchfork informiert, wie Streamingdienste künftig die Beliebtheit von Popsongs messen wollen. Und die Welt verabschiedet den Borsalino mit einem Fingertipp an der Hutkrempe.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2017 finden Sie hier

Architektur


Nur außen war die Platte grau! Tschechoslowakische Musterwohnung in der Ausstellung "Paneland" in der Mährischen Galerie.

Viktoria Großmann besucht für die SZ die Mährische Galerie in Brünn, die mit der Ausstellung "Paneland" erkundet, wie die Plattenbauten das Leben der Menschen in der Tschechoslowakei veränderte. 90.000 Wohnungen wurden in den Siebziger- und Achtzigerjahren in der Tschechoslowakei pro Jahr gebaut, in der DDR waren es sogar bis zu 100.000: "Fotografien von Jaromír Čejka, Tomáš Fassati, Pavel Štecha oder Jan Jindra von Ende der Siebziger- bis Mitte der Achtzigerjahre zeigen die Baustellen als so faszinierende wie gefährliche Spielplätze für Kinder, die, unbeaufsichtigt von Erwachsenen, Freiräume erobern. Jugendliche drängen sich auf der einzigen Sitzbank einer Grünanlage zusammen, eine Frau mit Kinderwagen kämpft sich über eine schlammige Fläche. Freiheit, Vereinsamung und Langeweile, so lässt sich an den Fotografien ablesen, liegen - abhängig vom Lebensalter - in den Siedlungen eng beieinander."

Außerdem: Ulf Meyer besichtigt für die FAZ den Erweiterungsbau der Modernen Galerie in Saarbrücken.
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Kunst


Still aus Ai Weiweiss Film "Human Flow"

In einem sehr lebhaften Gespräch mit René Scheu und Antje Stahl in der NZZ spricht Ai Weiwei über seinen Migrationsfilm "Human Flow", sein Verhältnis zu China und sein Engagement. Etwas fuchsig wird er bei der Frage, ob er nicht zwischen einem Künstler und einem Aktivisten unterscheiden wolle: "Es gibt keinen Unterschied. Was ist der Unterschied zwischen einem Journalisten und einem Menschen? Warum stellen Sie mir so dumme Fragen? Wenn ein Künstler kein Aktivist ist, ist er ein schlechter Künstler. Kunst muss Werte bestimmen, Bedeutung herstellen. Kunst war immer aktivistisch, wenn es darum geht, das Bewusstsein und das moralische Urteil zu hinterfragen." Was aber nicht heißt, dass man als Künstler keinen Ansprüchen genügen muss: "Als Künstler arbeitet man mit den Sinnen. Man muss eine eigene Sprache entwickeln und sich nicht an den Erfolg von Alberto Giacometti heften und anfangen, magere Skulpturen herzustellen, weil sie sich gut verkaufen."

Weiteres:  Die Royal Danish Library zeigt in der Ausstellung "Blind spots" Bilder der dänischen Kolonialgeschichte auf den westinidischen Virgin Islands, und taz-Kritikerin Susanne Regener knallen noch immer die Peitschenhieben in den Ohren. Bewegt geht Welt-Kritikerin Luise Schendel in den Hamburger Deichtorhallen durch die Ausstellung "Gathered Leaves" des amerikanischen Fotografen Alec Soth, der auf seinen Bildern das Amerika festhält, das wir in den Filmen nicht zu sehen bekommen: das arme, rückständige, vereinsamte und recht verzweifelt hoffende.

Besprochen werden die Ausstellungen der beiden Künstlerinnen Cathy Wilkes und Carolee Schneemann im New Yorker MoMA PS1 (FAZ), die Schau "Keine Zeit" im Zürcher Helmhaus (NZZ), Arbeiten von Michael Höpfner in der Galerie Winter in Wien (Standard) und die Schau des Schweizer Fotografen Jakob Tuggener in der Fotostiftung Schweiz (Tagesspiegel).
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Film

Die Kritikerinnen und Kritiker von critic.de sammeln ihre schönsten Kinomomente des Jahres - wobei Silvia Szymanski bei der Robert-Mitchum-Retrospektive in Bologna das höchste Glück erfuhr: "Ich mag Mitchum sehr. Er ist ein cooler Typ, auch mit seiner Calypso-Platte. Er ist schön vielschichtig und rätselhaft; man kann ihn nicht zu Ende anschauen. In seiner anstrengungslosen, autonomen Integrität, der unzynischen Desillusioniertheit und der Eigenart, sich vor jeder Aktion erst leise seufzend einen Ruck zu geben, weil das einen Schritt aus seiner eigenen Welt heraus bedeutet, erinnert er mich an meinen Vater. ... Wenn man sich das aussuchen könnte, dann wollte ich von allen Filmleuten dieses Jahres am liebsten Robert Mitchum sein."

Außerdem: Im Tagesspiegel wirft Andreas Busche einen Blick auf die französischen Komödien, die zwischen den Jahren in die Kinos kommen. Peter von Becker gratuliert der Schauspielerin Jutta Lampe im Tagesspiegel zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Helmut Käutners auf BluRay veröffentlichter BRD-Noir "Schwarzer Kies" von 1961, den man laut Oliver Nöding von critic.de unbedingt wiederentdecken sollte, "Dieses bescheuerte Herz mit Elyas M'Barek (SZ), Jan Zabeils "Drei Zinnen" (Welt) und Jake Kasdans "Jumanji"-Remake (taz).
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Archiv: Film

Bühne

Helmut Ploebst informiert im Standard über die neue Leitung des Tanzquartiers Wien.

Besprochen werden Ersan Mondtags "Letzte Station" am Berliner Ensemble (FAZ, SZ), Oscar Straus' Operette "Die lustigen Nibelungen" in Karlsruhe (FR), Martin Schläpfers Choreografie "b.33" mit dem Ballett am Rhein in Düsseldorf (online musik magazin, WAZ, FAZ) und Christopher Rüpings Inszenierung von Bertolt Brechts "Trommeln in der Nacht" an den Münchner Kammerspielen (FAZ).
Archiv: Bühne

Literatur

Gerade noch von der Schwedischen Akademie geadelt und in den Rang von Schullektüre gehoben, wird man flugs schon wieder für obsolet erklärt: "Heinrich Böll ist ein Paradebeispiel für zeitgeschichtliche Wellenbewegungen", schreibt Helmut Böttiger in der SZ über den Schriftsteller und Zeitkritiker, dessen Geburtstag sich morgen zum hundertsten Mal jährt: Als Böll in den 80ern starb, waren "die Rahmenbedingungen für Schriftsteller" in einem profunden Wandel begriffen. "Die Bundesrepublik wurde immer selbstverständlicher als Wohlstandsgesellschaft wahrgenommen und hedonistisch durchdrungen. ...  Heinrich Böll sah auf einmal sehr alt aus" - könnte aber doch wieder aktuell werden, meint Böttiger: "Er war ein 'linker Alarmist', weil er die immer größer werdenden Unterschiede zwischen Arm und Reich skandalös fand. Und er war ein 'Gutmensch', weil er nicht davon abließ, eine mögliche bessere Welt vor Augen zu haben. Heute wirkt das fast wieder wie eine Provokation." Im Tagesspiegel liest Hannes Schwenger die jetzt veröffentlichten Kriegstagebücher Bölls.

Besprochen werden Dave Zeltsermans Krimi "Small Crimes" (Welt) und Stefan Zweifels unter dem Titel "Das Flimmern des Herzens" veröffentlichte Gegenüberstellung der zahlreich überarbeiteten Druckfahnen von Marcel Prousts "Recherche" mit deren Endresultat - eine Gesamtleistung, die FAZ-Kritiker Jürgen Ritte immens beeindruckt (hier unsere Kritik).

Mehr auf unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Design

In der Welt trauert Philip Cassier um den italienischen Hutmacher Borsalino, der nach 160-jährigem Bestehen in die Pleite gerutscht ist: "Wer sich auf den Straßen umsieht, der bekommt rasch eine Idee davon, woran es liegen könnte. Der Hut hat als Bekleidungsstück ausgedient. Sein Totengräber dürfte John F. Kennedy gewesen sein: Dieser amerikanische Präsident mochte keine Kopfbedeckungen - und zeigte der Welt durch sein Auftreten, dass sich Sportlichkeit und Jugend mit freiem Haupt am besten zur Schau stellen lassen." Einst popularisierte vor allem auch das Kino den italienischen Hut für Herren:



In der NZZ begibt sich Anne Waak auf die Suche nach Wesen und Sein des deutschen Designs.
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Musik

Streaming hat sich endgültig durchgesetzt, die Umsätze steigen kontinuierlich und werden einer Studie zufolge bis 2030 höher ausfallen als zu besten CD-Zeiten, schreibt Marc Hogen auf Pitchfork in seinem umfassenden, mit vielen Links gespickten Resümee des Popjahrs 2017 aus Streaming-Perspektive. Der Erfolg bringt nicht nur Fragen nach der gerechten Verteilung der Erträge mit sich, sondern auch darüber, wie man künftig Popularität skalieren will: "Im September rief Apple Billboard dazu auf, die Methode zu ändern, mit der sie die Charts errechnen. Für die Hot 100 zählten Gratis- und bezahlte Streams bislang gleich. Das Argument: Man wolle Künstlern Anreize dafür schaffen, um Musik zu erstellen, die den Fans tatsächlich etwas wert ist. Kaum einen Monat später änderte Billboard seine Regularien. 2018 werden Streams innerhalb eines bezahlten Abos stärker gewichtet. Lyor Cohen von Youtube missfällt dieser Schritt von Billboard: 'Wenn die Charts das reflektieren sollten, was tatsächlich los ist bei den Musikfans, dann sollte es dabei nicht nur um jene gehen, die über Kreditkarten verfügen', sagt Cohen. 'Meiner Ansicht nach sollte es bei den Charts nicht um die heißesten bezahlten Platten gehen, sondern um die heißesten Platten, richtig?'"

Außerdem: Ueli Bernays spricht in der NZZ mit dem Musikproduzenten Roman Camenzind, der sich auf die Herstellung stromlinienförmiger Ware spezialisiert hat. Für ZeitOnline geht Jens Balzer neue Popveröffentlichungen durch und labt sich dabei unter anderem an der "ins extraterrestisch Fremde verschobenen Klangsprache" von M.A.E.S.H. Im "Unknown Pleasures"-Blog des Standard holt Karl Fluch das 1990 veröffentlicht, zwischen Blues, Soul und Rock'n'Roll changierende Album "Hooodoo Train" der Hellcats aus dem Schrank. Besonders dieses Stück aus dem "Meisterwerk" hat es dem Kritiker angetan:



Besprochen werden Charli XCXs Mixtape "Pop 2" ("eine Anti-Algorithmus-Vision dessen, was Popmusik sein könnte", schwärmt Meaghan Garvey auf Pitchfork),  ein Konzert des Cellisten Pablo Ferrández und des Pianisten Dmitry Masleev (NZZ), eine Mozart-Messe des Ensembles Corund mit der Sopranistin Regula Mühlemann (NZZ), ein Mahler-Konzert des Tonkünstler-Orchesters unter Andrés Orozco-Estrada (Standard), ein Auftritt von Marteria (Tagesspiegel) und das neue Eminem-Album ("eine einzige Katastrophe", "ein Debakel", jault Karl Fluch im Standard unter Schmerzen auf).
Archiv: Musik