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Efeu - Die Kulturrundschau

Franz Rogowski ist die neue Nina Hoss

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05.04.2018. Die Filmkritiker würdigen Christian Petzolds "Transit". In der Zeit wünscht sich Christian Duda etwas weniger rosafarbene Jugendliteratur. Die zweite Vorstellung ist immer die gefährdetste, erklärt die Sopranistin Diana Damrau im Tages-Anzeiger. Die Welt hat nicht viel Sympathie für die Art, wie The Who auf die Ermordung Martin Luther Kings reagierten.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.04.2018 finden Sie hier

Film


Franz Rogowski in Christian Petzolds "Transit" (Bild: Schramm)

Bereits auf der Berlinale wurde Christian Petzolds Anna-Seghers-Verfilmung "Transit" gefeiert (hier unser Pressespiegel und hier unsere Kritik) - der Clou an diesem Film: Seghers' Geschichte über in Marseille auf ihre rettende Überfahrt in die USA wartenden Flüchtlinge vor den Nazis hat der Berliner Regisseur in die Kulissen der Gegenwart versetzt, auch wenn seine Figuren noch immer vor den Nazis auf der Flucht sind. "Ein Erzählraum öffnet sich und füllt sich mit unermesslichen Schüben von Zeit", schreibt Andreas Kilb in der FAZ über diesen Aspekt. Viel Gutes schreibt auch Matthias Dell im Freitag über den Film, wobei es auch leise Vorbehalte gegenüber Petzolds erzählerischem Gestus gibt: "Man kommt nicht umhin, aktuelle französische Polizeigewalt in eins zu setzen mit der Nazi-Okkupation. Trotz aller Markierungen eines Klimas von Entsolidarisierung in Zeiten von Migration bleibt diese Universalisierung von Repression unscharf." Zudem skizziere Petzold das große Melodram der Geschichte nur: "Die kontrollierte Inszenierung des Films gestattet die große, womöglich kitschige Emotion nicht."

Der flirrenden Erzähltwelt kann SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh indessen viel abgewinnen: Petzolds Film "findet ein seltsames Gleichgewicht aus Surrealem und harter Wirklichkeit. Alles - das Licht, die Menschen in den Wartesälen, die Kleider, die sie tragen - ist irgendwie gleichermaßen plausibel und unfassbar. Es ist ein Zwischenreich, in dem die Zeit stillsteht." Wobei der Film schon auch in Richtung Zukunft verweist, stellt Ulrich Kriest fröstelnd im Filmdienst fest: Petzold entwirft "erste Bilder einer vom rechten Backlash gezeichneten europäischen Zukunft. Ganz am Schluss hören wir die Talking Heads mit 'Road to Nowhere'."



Außerdem hat Fritz Göttler für die SZ mit Petzold gesprochen. Auf den Verdacht, die in "Transit" besetzte Paula Beer könne die Nachfolgerin von Nina Hoss sein, mit der Petzold zahlreiche Filme gedreht hat, reagiert der Regisseur sehr abweisend: Er findet diese Einschätzung "blöd. Als würde ich, wenn die Zeit der einen abgelaufen ist, mir eine neue suchen. Deswegen sagte ich: Franz Rogowski ist die neue Nina Hoss. Die Nina ist für mich sowieso eine Exilantin, eine ganz Einsame." Für die Welt sprach Hanns-Georg Rodek mit dem Filmemacher.

Weiteres: In der taz wirft Fabian Tietke einen Blick ins Programm des arabischen Filmfestivals Alfilm in Berlin. Sehr unter sich, aber durchaus mit Gewinn für den Leser sind Patrick Holzapfel und Lukas Foerster im Filmdienst-Gespräch über Schreiben über Film, das die beiden Filmkritiker zwecks Stafette-Übergabe im Blog des Siegfried-Kracauer-Stipendiums miteinander geführt haben. Katja Nicodemus blickt für die Zeit der Cutterin (sie selbst nennt sich lieber Editorin) Bettina Böhler über die Schulter, wie sie Christian Petzolds "Transit" montiert.

Besprochen werden Steven Spielbergs Blockbuster "Ready Player One" (Perlentaucher, taz, mehr dazu hier), Ava DuVernays Fantasyfilm "Das Zeiträtsel" (Perlentaucher), Amanda Kernells schwedischer Coming-of-Age-Film "Das Mädchen aus dem Norden" (taz), Yasemin und Nesrin Samderelis Kinodokumentation "Die Nacht der Nächte" (Welt), Michael Ciminos auf DVD wiederveröffentlichter Debütfilm "Die Letzten beißen die Hunde" (taz) und die Amazon-Serie "The Terror" nach dem gleichnamigen Roman von Dan Simmons (Welt).
Archiv: Film

Literatur

In der Zeit klagt der Autor und Regisseur Christian Duda über die rosafarbene Jugendbuchliteratur in Deutschland: "Die deutsche Jugendliteratur hängt am Gängelband der Erziehung, sie wird hin- und hergerissen vom kurzen Arm schreckhafter Bürger, die Maßstäbe aus der rosaroten Puppenstube anlegen. Anders gesagt: Wir Autoren haben nicht nur Feinde. Wir haben leider auch noch Freunde!"

Besprochen werden unter anderem Martin Walsers "Gar alles" (ZeitOnline), Clemens J. Setz' "Bot" (taz), Thomas Venclovas Gesprächsband "Der magnetische Norden" (Tell), François-René de Chateaubriands "Erinnerungen von jenseits des Grabes" (Tagesspiegel), Michael Krügers Gedichtband "Einmal einfach" (SZ) und Rainer Merkels "Stadt ohne Gott" (FAZ).
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Bühne

Die Sopranistin Diana Damrau, demnächst in Zürich in der Titelpartie von Donizettis "Maria Stuarda" zu sehen, erklärt im Interview mit dem Tages-Anzeiger die Dynamik mordsmäßig anstrengender Gesangspartien: Man muss "im richtigen Moment eine Topleistung bringen, es ist wie ein sportlicher Wettkampf. Bei der Premiere sind alle hundemüde; wenn sie gut läuft, ist die zweite Vorstellung am meisten gefährdet. Ab der vierten sind dann alle wieder bei Kräften, und gegen Ende einer Serie wird es immer schöner, freier. Dann passieren auf der Bühne automatisch noch neue Sachen."

Weitere Artikel: Michaela Schlagenwerth stellt in der Berliner Zeitung den neuen Ballett-Star Berlins vor: den Tänzer Daniil Simkin. Dorion Weickmann porträtiert in der SZ die britische kanadische Choreografin Crystal Pite (mehr zu ihr im Dance Magazine, im Guardian und bei Georgia Straight. Im Logbuch Suhrkamp erinnert sich Josef Bierbichler, wie er 68 erlebt hat: "Es hat mich weder interessiert, noch hat es mich nicht interessiert. Es kam für mich einfach zu früh. Es hatte für mich zu dieser Zeit einen lediglich phänomenalen Charakter."

Besprochen werden Johanna Wehners Adaption von Lars von Triers "Melancholia" fürs Schauspielhaus Bochum (taz), Dominique Horwitz' Inszenierung von Dimitri Schostakowitschs Oper "Moskau, Tscherjomuschki" am MIR Gelsenkirchen (nmz), Felix Rothenhäuslers Inszenierung der Strauß-Operette "Die Fledermaus" (nmz), David Herrmanns Inszenierung von Janáčeks "Aus einem Totenhaus" an der Oper Frankfurt (nmz) und Monique Wagemakers Inszenierung von Wagners "Walküre" in Chemnitz (nmz).
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Archiv: Bühne

Kunst

Henning Klüver besucht für die NZZ das neu eröffnete Casanova-Museum in Venedig.

Besprochen werden die Ausstellung  "A series of utterly improbable, yet extraordinary renditions" mit Werken von Arthur Jafa in der Berliner Julia Stoschek Collection (Berliner Zeitung), die Irving-Penn-Ausstellung im c/o Berlin (taz), die Ausstellung "The Shape of Time" im Wiener KHM (Standard), die Picasso-Ausstellung in der Londoner Tate Modern (SZ), eine Ausstellung mit Porträts von Murillo in der Londoner Nationalgalerie (FAZ) und die Schau "Cranach natürlich - Hieronymus in der Wildnis" im Innsbrucker Ferdinandeum (Standard, flankierend erzählt Olga Kronsteiner, wie die Ausstellung auch dazu dient, den Wert von Werken in Privatbesitz zu erhöhen).
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Musik

Wie reagierte die weiße Popmusik 1968 auf die Ermordung Martin Luther Kings am 4. April 1968? Ziemlich taub, meint Michael Pilz in der Welt, macht das aber allein an der britischen Band The Who fest, die damals in den Staaten auftrat, Drogen nahm, ein Hotelzimmer verwüstete und am nächsten Morgen für das berühmte "The Kids Are Alright"-Fotomotiv posierte. Passend dazu als historisches Dokument, auf das Klaus Walter im Deutschlandfunk Kultur aufmerksam macht: Einen Tag nach dem Attentat in Memphis gab James Brown sein heute legendäres Konzert in Boston - und bat sein Publikum dabei inständig, den Straßen fernzubleiben.



In der NZZ befasst sich Christian Noe mit dem Kassetten-Revival, für das zahlreiche Kassetten-Labels stehen: "Ironie des Zeitgeistes: Die Rückkehr der Kassette ist verknüpft mit der Digitalisierung, die die alten Tonträger verdrängte. Social-Media-Kanäle wie Instagram oder Tumblr befeuern heute die schillernde Kassettenkunst."

Weitere Artikel: Frederik Hanssen beleuchtet im Tagesspiegel Hintergründe zum Führungswechsel an der Spitze der Berliner Rundfunkorchester und -chöre GmbH.Christian Schmidt berichtet im Tagesspiegel von seinem Treffen mit dem Pianisten Menahem Pressler. Für den Tagesspiegel plaudert Katja Schwemmers mit Kylie Minogue. Im Standard-Blog "Unknown Pleasures" erinnert Karl Fluch an den Folkmusiker Loudon Wainwright III und lobt dessen "stilistische Vielfalt, schräges Songwriting, verwegene Perspektiven." Wir hören rein:



Besprochen wird das Album "Dirty Photographs" des nordirischen Punkblues-Duos The Bonnevilles (FR).
Archiv: Musik