Efeu - Die Kulturrundschau

Unfall mit Ansage

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.02.2019. Die New York Review of Books betrachtet Brassai bei Nacht. Die FAZ bescheinigt dem Rechtsstreit um Takis Würgers Roman "Stella" kulturpolitische Bedeutung bei der Abwägung von Kunstfreiheit und Persönlichkeitsrechten. Die SZ fühlt sich vor der neuen BND-Zentrale in Berlin an den Todesstreifen erinnert.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.02.2019 finden Sie hier

Kunst

Brassaï: Avenue de l'Observatoire in the Fog, circa 1937. Estate Brassaï Succession, Paris


Carole Naggar lässt sich für das Blog der New York Review of Books vom Kurator durch die große Brassai-Ausstellung im San Francisco Museum of Modern Art führen. Besonders angetan haben es ihr seine Nachtaufnahmen, die "oft von Nebel durchzogen waren, der den Magnesiumblitz abschwächte. In einer Aufnahme vom Dach der Kathedrale von Notre-Dame ragt die Silhouette eines Wasserspeier mysteriös hoch über die Lichter und Dächer der Stadt. In vielen seiner atmosphärischeren Fotografien entsteht der Eindruck der schrittweisen Vermischung wie bei einer Kohlezeichnung, der Auflösung von Grenzen. 'Die Nacht zeigt keine Dinge', sagte Brassaï einmal, 'sie suggeriert sie. Sie stört und überrascht uns mit ihrer Seltsamkeit.' Obwohl er die Surrealisten kannte und oft in der surrealistischen Zeitschrift Minotaure veröffentlichte, widersetzte sich Brassaï allen Labels und wollte nicht als Surrealist bezeichnet werden: 'Ich wollte nur die Realität einfangen, weil nichts surrealistischer ist als das.'" Dass er dazu seine Bilder auch manipulierte, ist eine andere Geschichte.

Weitere Artikel: In der NZZ denkt Sarah Pines über die Schönheit der Antike nach. Im Interview mit der taz plaudert der britische Künstler Peter Blake über Pop-Art und das Schallplattencover des Beatles-Albums "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band", das er zusammen mit seiner Frau Jann Haworth entworfen hat.

Besprochen werden eine Werkschau des Fotografen Manfred Willmann in der Wiener Albertina (Standard) und die Ausstellung "Es war einmal in Amerika" im Wallraf-Richartz-Museum in Köln (FAZ).
Archiv: Kunst

Film

Zweiter Tag der Berlinale. Gezeigt wurden im Wettbewerb Filme von Nora Fingscheidt, François Ozon und Wang Quan'an. Mehr dazu in unserem Pressespiegel in unserem Berlinale-Blog, das im Laufe des Tages mehrfach mit Kritiken aktualisiert wird.

Abseits der Berlinale: Im Filmdienst befasst sich Patrick Holzapfel mit dem widerständigen US-Independentkino. Holger Kreitling schreibt in der Welt zum Tod des Schauspielers Albert Finney.
Archiv: Film

Literatur

"Verunglimpung des Andenkens Verstorbener": Der Anwalt Karl Alich hat Strafanzeige gegen Takis Würger eingereicht. Damit wird die Debatte um Würgers Roman "Stella" nun in den Gerichten ausgetragen. Konkret geht es um 15 Stellen in dem Roman, in denen Zitate über die Titelfigur Stella Goldschlag aus sowjetischen Militärtribunals zusammengestellt werden. Damit würden "antisemitische Parolen" bemüht, so Alich, der mit dieser Anzeige "einen Rechtsstreit von kulturpolitischer Bedeutung initiiert haben könnte", schreibt Hubert Spiegel in der FAZ. Wenn die Staatsanwaltschaft tatsächlich Anklage erheben sollte, "würde es um das Verhältnis von Kunstfreiheit und Persönlichkeitsrechten gehen. Eine strikte Trennung von Fakten und Fiktionalität, wie sie zumal zeitgenössische Romane selten vornehmen, wird ein Gericht dann kaum durchziehen können. Wenn es um etwaige Verletzungen von Persönlichkeitsrechten geht, wiegt zudem schwer, dass Würgers Aktenfunde im Landesarchiv Berlin liegen und prinzipiell für jeden einsehbar sind." Dirk Knipphals mutmaßt in der taz: "Falls es zur Verhandlung kommt, könnte die Seite der Verteidigung dagegen argumentieren, dass in einem Roman zitierte historische Dokumente stets Teil des Romans sind, also eben doch durch Kunstfreiheit gedeckt."

Alich vertritt in dem Streit die Witwe des 2014 verstorbenen Journalisten Ferdinand Kroh, der Stella Goldschlags publizistische Persönlichkeitsrechte geerbt hat, nachdem er einen Film über sie gedreht hatte. Kroh ist eine tragische Figur, meint Marc Reichwein, der für die Literarische Welt recherchiert hat und auf einen Geschichts-Journalisten gestoßen ist, dessen Karriere zunächst steilen Aufwind hatte, der sich in seinen letzten Jahren aber zusehends erratischer gerierte und auch bei dubiosen bis antisemitischen Quellen keine Berührungsängste kannte. "Die Diskrepanz zwischen dem frühen Kroh, der den jüdischen Widerstand gegen Hitler als einer der Ersten hierzulande überhaupt thematisierte, und dem späten Kroh, der bedenkenlos codiertes antisemitisches Verschwörungsvokabular benutzt, werden im Laufe seines publizistischen Lebens immer größer."

Nach dem Menasse-Skandal "werden wir auf den nächsten deutschsprachigen EU-Roman wohl lange warten müssen", glaubt Andreas Platthaus im Leitartikel auf der ersten Seite der FAZ. Was aber vielleicht nichts unbedingt Schlechtes sein muss: "Brauchen wir überhaupt einen dezidierten literarischen Einsatz für Europa? Ist nicht vielmehr jeder gelungene Roman über irgendein europäisches Land ein willkommener Mosaikstein bei der Ausschmückung des vielbeschworenen 'gemeinsamen Hauses'?"

Am 12. Februar vor 30 Jahren ist Thomas Bernhard gestorben. Die Literarische Welt hat im Betrieb nach Notizen zum Verhältnis zu Bernhard gefragt und unter anderem von Clemens J. Setz, Jaroslav Rudiš und Kathrin Schmidt Antwort erhalten. David Schalko gibt zu Protokoll, dass der Schriftsteller den Österreichern auch heute noch "im Nacken sitzt." Aber: "Bernhard wird heute in erster Linie als komödiantischer Autor gelesen. Und dennoch gelingt es den Vereinnahmern nicht, ihm damit seinen Stachel zu ziehen." Dlf Kultur bringt zum Bernhard-Jubiläum eine Lange Nacht von Sabine Fringes.

Weitere Artikel: Für die NZZ porträtiert Claudia Mäder den französischen Literatur-Shooting-Star Édouard Louis. Online nachgereicht, wirft Oliver Jungen in der FAZ einen Blick auf einige kürzlich aufgetauchte Briefe Paul Celans. Karl Corino schildert in der NZZ Robert Musils Fitnessprogramm. Für den Freitag hat Götz Eisenberg den Schriftsteller Wilhelm Genazino bei seinen Lesungen in der JVA Butzbach begleitet. Für die FAZ hat Literaturwissenschaftler Ingo Uhlig nachgeblättert, wie sich die Energiewende in deutschen Romanen niederschlägt.

Besprochen werden unter anderem Clemens J. Setz' neuer Erzählungsband "Der Trost runder Dinge" (SZ, Zeit), Alice Oswalds Gedichtband "46 Minuten im Leben der Dämmerung" (NZZ), Lavinia Greenlaws "Eine Theorie unendlicher Nähe" (NZZ), Martin Amis' Essayband "Im Vulkan" (NZZ), Lina Wolffs "Die polyglotten Liebhaber" (Tagesspiegel), Tanja Maljartschuks "Blauwal der Erinnerung" (Literarische Welt) und Franz Hessels autobiografischer Roman "Der Kramladen des Glücks" (FAZ)
Anzeige
Archiv: Literatur

Bühne

Kürzlich fragte Lionel Shriver in Harper's Magazine, ob man (wegen sexueller Belästigung oder rassistischer Aussagen) entehrte Künstler wirklich auch damit bestrafen soll, dass man ihre Werke aus dem Verkehr zieht (unser Resümee). Auf Zeit online fragt sich Catherine Newmark das auch, konkret bezogen auf den Balletttänzer Sergei Polunin, der mit homophoben und putinfreundlichen Äußerungen aneckte. Was soll's, er tanzt einfach gut, meint Newmark. Überhaupt - Tänzer: "Warum sollte jemanden interessieren, was sie über Dinge denken, von denen sie nicht mehr verstehen als jeder beliebige Mensch an der nächsten Ecke?"

Besprochen werden Simon Solbergs "Herakles" am Münchner Volkstheater (nachtkritik), Maya Fankes Adaption von Robert Menasses Europa-Roman "Die Hauptstadt" am Schauspielhaus Salzburg (nachtkritik), eine "Tosca" an der Wiener Staatsoper (Standard) und "Die drei Musketiere" in Basel und "Die Bartholomäusnacht" in Freiburg (FAZ).
Archiv: Bühne

Architektur

Die so riesige wie scheußliche neue BND-Zentrale in Berlin "ist ein Unfall mit Ansage" und einer demokratischen offenen Gesellschaft eigentlich nicht würdig, ärgert sich in der SZ Gerhard Matzin. "Der brachiale Bau, entstanden dort, wo einst Kasernen und ein Stadion waren, steht jetzt mitten in der Stadt und wirkt sich auf seine Umgebung aus wie der Amok einer Kreissäge: Die Anlage, die für etwa 4000 Mitarbeiter konventionelle Büros gehegeförmig stapelt, ruiniert Nachbarschaften und Sichtbeziehungen. Wer das neue Haus umrundet, fühlt sich an den vormals nahen Todesstreifen erinnert. In heterogen bebauter Umgebung ist das homogene, festungsartig ausgebaute Ensemble der neue Souverän. Undurchlässig und abweisend."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Bnd-Zentrale

Musik

Auch zwei Jahre nach ihrer Eröffnung diskutieren Betrieb, Publikum und Kritik ob die Hamburger Elbphilharmonie nun ein akustischer Reinfall ist oder nicht. Neuen Zunder bekam die Debatte vor kurzem, als viele im Publikum beim Konzert darüber klagten, von Tenor Jonas Kaufmann nichts gehört zu haben, was in der Welt entsprechende Schlagzeilen nach sich zog. Jürgen Kesting hat für die FAZ deshalb bei Dirigenten und einem Akustiker nachgefragt, wie es sich nun verhält mit der "Elphi". Fazit: Sehr durchwachsen. Als "Akustikdebakel" will es zwar keiner bezeichnen, aber die Kritik überwiegt spürbar. Im Saal "dominiert der 'Direktschall', der eine 'Umhüllung' des Hörers erschwert. Verantwortlich für die auf verschiedenen Plätzen sehr ungleichen Hörqualitäten der Elbphilharmonie ist wohl auch die ungenügende Schallstreuung der 'weißen Haut' ... nach Ansicht von Cord Garben 'ein Schallvernichter'. Die Akustiker und die Dirigenten sind sich darin einig, dass der Saal zu hoch (dreißig Meter), die Grundfläche zu klein, das Raumvolumen (24000 Kubikmeter) zu groß ist."

"More than a Feeling", ein neues Album der Goldenen Zitronen: Hochamt bei der Diskurs-Pop-Linken. Textlich "pure Säure" bietet die Platte, meint Arno Frank im Freitag und lobt, dass hier keine Parolen und Lösungen ausgerufen, sondern Problematisierungen in den Diskurs gepumpt werden. "Diese widerständige Haltung findet eine kongeniale Entsprechung in der musikalischen Ästhetik. ... Es fiept und quietscht und ölt der Synthesizer, es pluckert und stolpert der Drumcomputer, sodass man sich an das Garstige von Atari Teenage Riot erinnert fühlen darf, aber auch an das Motorische von Neu!. Nichts in dieser Musik ist auf Schönheit gestellt, geschweige denn auf Überwältigung." Eine absolute Enttäuschung erlebt indessen Jungle-World-Kritiker Dierk Saathoff, der den diskursiven Witz der früheren Texte vermisst: Auf dieser Platte geht es banal, mitunter phrasendrescherisch und schließlich sogar "unangenehm besserwisserisch" zu. Die Goldenen Zitronen "haben sich vom Takt der Welt zu sehr leiten lassen und reagieren geradezu hilflos naiv auf sie, anstatt den versteinerten Verhältnissen ihre eigene Melodie vorzusingen und sie damit zum Tanzen zu bringen." Hier das aktuelle Video, dessen Text Saathoff besonders genervt hat:



Weitere Artikel: Jan Brachmann gratuliert in der FAZ dem Musikhistoriker Albrecht Dümling. Besprochen werden Ariane Grandes neues Album (SZ), die Compilation "Kankyo Ongaku" mit japanischer Ambient-Musik der 80er (4 Columns) und die Wiederveröffentlichung von Laurie Spiegels Experimentalmusik-Klassiker "Unseen Worlds" (Pitchfork).
Archiv: Musik