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Efeu - Die Kulturrundschau

Den Neinsager muss man betäuben

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13.04.2019. Die KritikerInnen streiten weiter über Emil Nolde: Die Ausstellung ist ein Prozess, meint die FAZ, alles "Tugendhysterie", Luther war viel schlimmer, sagt der Historiker Michael Wolffsohn im Dlf. Noldes Kunst und Hass kann man künftig nicht mehr sauber trennen, findet indes die SZ. In der Literarischen Welt erzählt Wolf Wondratschek, wie er kiffend dichtet. In der taz erklärt Milo Rau, weshalb er seinen "Orest" ausgerechnet in Mossul uraufführte. Im Standard will Martin Kusej aus dem Burgtheater einen "Hort der Opposition" machen. Ebenfalls in der taz spricht Julian Henriques über die befreiende Wirkung von jamaikanischen Soundsystems.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2019 finden Sie hier

Kunst

Emil Nolde, Verlorenes Paradies, 1921 Öl auf Leinwand, 106,5 × 157 cm, Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Fotowerkstatt Elke Walford, Hamburg, und Dirk Dunkelberg, Berlin

Nach der neuen Emil-Nolde-Ausstellung im Hamburger Bahnhof, die Nolde als Antisemiten und Rassisten zeigt, debattieren die KunstkritikerInnen aufgeregt über das künstlerische Erbe des Expressionisten. Die Ausstellung ist ein "Prozess", die den Künstler entlarven will, meint Andreas Kilb in der FAZ: "Wo immer die Ausstellung mit Bildern illustrieren will, was ihre Dokumente belegen, greift sie ins Leere. Nolde war ein Rassist, der von einer 'reinlichen Scheidung' zwischen Juden und Germanen träumte und noch kurz vor Kriegsende gegen 'Bolschewismus, Judentum u. Plutokratismus' hetzte, aber seine Kunst ist weder reinlich noch eindeutig. Sie macht Jesus nicht zum Arier und Eva nicht zur Heldenmutter. Sie folgt nicht der Ideologie ihres Schöpfers, sondern seinem Blick."

Alles ein bisschen viel "Tugendhysterie", sagt auch im Dlf-Gespräch mit Christoph Heinemann der Historiker Michael Wolffsohn: "Zur Tatsachenfindung gehöre, dass Emil Nolde ein ganz bedeutender deutscher Künstler gewesen sei, und dass viele bedeutende deutsche Künstler und Denker 'gebrochen gewesen sind in dem, was für uns heute geltende Moral ist.' Das gelte auch für andere wie zum Beispiel Luther. 'Wir haben im Jahre 2017 das Luther-Jahr gefeiert. Luther war ein ganz schlimmer Antisemit, der bishin zur Verbrennung von Juden plädiert hat. Soweit ist Herr Nolde nicht gegangen.'"

Dass Nolde sich den Nazis andiente, wusste man spätestens seit der Frankfurter Schau 2014, winkt Christian Schröder in der FR ab: "Aber da sich der Kunstbetrieb ganz offensichtlich nicht mehr für das Gedächtnis zuständig zeigt, herrschte in den letzten 14 Tagen eine selbstvergessene Nolde-Diskussion, nervös und gesinnungsstark." Nach dem Krieg sorgte Nolde in Windeseile dafür, sich als verfolgter Künstler darzustellen, erinnert Till Briegleb indes in der SZ. Mit Erfolg: "Der junge Staat und seine vielen Wendehälse auch in der Kulturpolitik suchten dringend nach Leitfiguren mit Opferstatus, die für die Legitimation einer neuen deutschen Kunst mit Weltgeltung taugen könnten." Aber: "Man wird zukünftig nicht mehr seine Kunst und seinen Hass sauber scheiden können."

Die Deutschen verklären gute Künstler gern zu guten Menschen, sagt im Dlf-Kultur-Gespräch mit Ute Welty der Kunsthistoriker Daniel Hornuff: "Es ist ein Phänomen, das im Grunde genommen anschließt an die Vorstellung einer Hochkultur. Die Hochkultur soll das Gute und das Schöne miteinander vereinen. Insofern gibt es ganz viele Menschen, die Werken, die der Hochkultur zugeschrieben werden, auch sofort einen großen moralischen Wert, eine große moralische Bedeutung zuweisen." "Am Beispiel Nolde können wir viel über Deutschland und geschichtliche Verdrängung lernen", schließt Ingeborg Ruthe in der FR. Ebenfalls im Dlf-Kultur sprechen die Kuratoren Aya Soika und Bernhard Fulda über die Ausstellung.

Weitere Artikel: Für den Guardian porträtiert Oliver Basciano den marokkanischen Maler Mohamed Melehi, dessen psychedelische Bilder in den sechziger Jahren das Bauhaus mit islamischer Kunst verbanden - und der aktuell in den Londoner Mosaic Rooms wiederentdeckt werden kann.

Besprochen wird die 53. Art Cologne (FAZ, SZ, Welt).
Archiv: Kunst

Literatur

Im literarischen Wochenendessay der FAZ legt uns Thomas David Richard Wrights am Montag erscheinenden und erstmals komplett auf Deutsch vorliegenden Roman "Sohn dieses Landes" euphorisch ans Herz: Die Geschichte von Bigger Thomas, eines Schwarzen, der im Chicago der 30er nach einer Verkettung von Zufällen auf dem elektrischen Stuhl landet, "ist ein Epos von fast homerischem Zorn, der Roman einer selbstzerstörerischen, im Inferno eines kulturellen Albtraums vollzogenen Entfesselung." Dieses Buch offenbare "den aggressiven Zorn und den unkontrollierbaren Schmerz, das in panischer Verzweiflung pulsierende Herz eines im Schwarz-Weiß des amerikanischen Rassenkonflikts brutalisierten Menschen."

Ohne Haschrausch in überschaubaren Dosen läuft bei Wolf Wondratschek am Schreibtisch wenig, gesteht er im großen Gespräch mit der Literarischen Welt. "Alexander Kluge hat das sehr schön gesagt: 'Schöpfertum ist eigentlich die Trance organisieren.' ... Mein Feindbild damals hieß Hans Magnus Enzensberger - der hatte noch nie ein gutes Gedicht geschrieben, meiner Meinung nach. Das war ein Intellektueller und so wollte ich nicht werden. Also rein mit dem Haschisch. Durch Haschisch legen wir bestimmte Stellen im Gehirn lahm, diesen ewigen Neinsager im Kopf: 'Nein, es ist nicht gut, das kannst du nicht machen, nein, nein, nein!' Den Neinsager muss man betäuben. Wenn du high bist, dann hast du Mut. Dann geht eben die Feder nicht zu Boden. Sondern bleibt irgendwie immer in der Luft."

Weitere Artikel: Gary Shteyngart "ist gerade dabei, von einem der lustigsten Schriftsteller seiner Generation zu einem der wichtigsten Schriftsteller seiner Generation zu werden", schreibt Christian Zaschke auf der Seite Drei der SZ und fokussiert dabei vor allem auf Shteyngart als grenz-neurotischen Armbanduhren-Sammler - eine Leidenschaft, über die er sich bereits im New Yorker ausführlich geäußert hat. Auf Yale Review schildert Terena Elizabeth Bell auf sehr vergnügliche Weise, was es heißt, in New York neben Philipp Roth zu wohnen. Für den Freitag hat sich Marcus Müntefering mit dem Schriftsteller James Sallis zum Gespräch getroffen. Eine computergestützte quantitative Studie, die den "Beowulf" auf metrische Konstanzen und wiederkehrende Buchstabenkombinationen abgescannt hat, nährt die These, dass hinter dem Epos tatsächlich ein einziger Autor steckt, meldet Tilman Spreckelsen in der FAZ.

Besprochen werden unter anderem Sibylle Bergs "GRM. Brainfuck" (Standard, FAZ), Siri Hustvedts "Damals" (Zeit), Helene Bukowskis Debüt "Milchzähne" (taz), Georges Simenons "Maigret im Haus der Unruhe", der als erstre vollwertiger Maigret-Roman gilt und hier zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt wurde (Tagesspiegel), neue Bücher über Else Lasker-Schüler (Tagesspiegel), Domenico Daras "Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall" (taz), Pferdebücher von Juli Zeh und Jenny Friedrich-Freksa (SZ) und Johan Harstads "Max, Mischa & die Tet-Offensive" (Literarische Welt).
Archiv: Literatur

Musik

Sehr ausführlich spricht taz-Popredakteur Julian Weber mit Julian Henriques über die Kultur der jamaikanischen Soundsystems. Der britische Klangforscher räumt dabei auf mit der Klischeevorstellung, dass es sich bei Soundsystems lediglich um die Beschallungshardware für erotisch aufgeladene Streetpartys handele. Insbesondere das Körperwissen der Toningenieure imponierte ihm: Diese "wissen genau, wie ihr Sound funktioniert und was sie tun müssen, damit er funktioniert. Sie haben ein praktisches Klangverständnis." Soundsystems bieten "eine in die Eingeweide zielende, immersive Erfahrung. Leute im Westen hören gerne Musik über Kopfhörer. Auf diese Weise steckt man Musik in seinen Körper. Beim Soundsystem steckt man den ganzen Körper in die Musik. Nicht nur die Ohren hören zu, der Körper wird reingezogen, die Hosenbeine zittern. ... Man begibt sich zusammen mit vielen anderen Leuten da rein. Das ist befreiend." Hier eine Leseprobe aus Henriques' Studie "Sonic Bodies".

Christian Wildhagen will in der NZZ in die aktuelle Currentzis-Euphorie (mehr dazu etwa hier und dort) nicht völlig vorbehaltlos einsteigen: Currentzis' "Unerbittlichkeit erinnert ein wenig an den unbedingten Überzeugungswillen Nikolaus Harnoncourts. Mit einem Unterschied: Im Alter wurde bei Harnoncourt die Detailversessenheit immer organischer zur Basis interpretatorisch größer angelegter Konzepte, in denen es für die Musik (und die Musiker) auch Raum zur Entfaltung, zum Atmen gab. Bei Currentzis dominiert derzeit noch die Kontrolle, bei manchen Dynamik- und Tempoentscheidungen wohl auch ein gewisser Zwang zur Originalität."

Weitere Artikel: Auf ZeitOnline bietet Daniel Gerhardt (der derzeit gefühlt mit seinen täglichen Longreads die halbe Pop-Berichterstattung des Landes stemmt) ein Update zum Stand der Dinge im britischen Soul. Im BR-Feature "Homo Punk History" denkt Klaus Walter über das Verhältnis von Queerness und Punk nach. In der SZ porträtiert Johann Voigt den Deutschrapper Capital Bra, der in den letzten 12 Monaten 12 Nummer-Eins-Hits gelandet hat. Im Streit um die Leitung der Salzburger Osterfestspiele schlägt Christian Thielemann mit einem Mal versöhnliche Töne an, meldet Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Im Freitag porträtiert Konstantin Nowotny Thomas Spindler, den Chef von Berlins größer Konzertagentur. Die "Lange Nacht" des Dlf Kultur befassen sich Olaf Karnik und Volker Zander mit der "Tiefe in der Musik". Im SWR2-Feature gehen die beiden Autoren außerdem der Ökonomie von Vinyl auf den Grund. Wilhelm Sinkovicz gibt in der Presse Streamingtipps für Klassik- und Opernfans, darunter eine aktuelle Aufzeichnung von Mark Freys "Frankenstein"-Oper.



Besprochen werden ein Auftritt von Palais Schaumburg (Tagesspiegel) und ein Konzert von Stella Donnelly (Tagesspiegel).
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Archiv: Musik

Film

Esther Buss schreibt im Filmdienst über die Filme von Bo Widerberg, die das Berliner Kino Arsenal seit gestern Abend in einer Retrospektive zeigt: Seine "Darsteller wirken stets in Bewegung, offen und unabgeschlossen, noch während sie Dinge tun und Sätze sagen, scheinen sie nach einem sprachlichen und gestischen Ausdruck zu suchen. Die Kamera fungiert dabei eher wie ein Aufzeichnungsgerät. Am freiesten und kompromisslosesten hat Widerberg diese Form der Inszenierung sicherlich in 'Elvira Madigan' (1967). ... Die berückende Schönheit des Films, seine Anklänge an impressionistische Malerei sind jedoch nicht das einzige, was für ihn einnimmt. Das Männerbild etwa wirkt deutlich moderner als bei vergleichbaren Stoffen." Auf critic.de legt uns Robert Wagner die Reihe wärmstens ans Herz. Ein kleiner Ausschnitt aus "Elvira Madigan":



Weitere Artikel: Dunja Bialas porträtiert im Filmdienst die Schauspielerin und Regisseurin Brie Larson. Reinhard Kleber bietet im Filmdienst einen Überblick über den Streaming-Markt. Urs Bühler berichtet in der NZZ vom Festival "Visions du réel" in Nyon. Josef Nagel gratuliert in der NZZ dem Deutschen Filminstitut in Frankfurt zum 70-jährigen Bestehen. Martin Scholz plaudert hier, da und dort in der Welt mit Stars aus "Game of Thrones" über die morgen beginnende letzte Staffel. Bei epdFilm stimmt Barbara Schweizerhof auf das Ende des Serien-Großereignisses ein. In der taz gibt Dirk Knipphals Florian Henckel von Donnersmarck Tipps.



Und ein Leckerbissen zum Wochenende: Auf New Filmkritik setzt Rainer Knepperges seine Screenshot/Notiz-Collagenreihe "Auge und Umkreis" mit der vierten Lieferung fort (hier alle Lieferungen im Überblick).

Besprochen werden Ali Abbasis "Border" (critic.de, Standard, Berliner Zeitung, mehr dazu hier), Jean-Luc Godards "Bildbuch" (Freitag, unsere Kritik hier) und Jenny Gages Fan-Fiction-Verfilmung "After Passion" (ZeitOnline).
Archiv: Film

Bühne

Im großen taz-Essay erklärt der Regisseur Milo Rau mit Blick auf die Geschichte der Gegend, vor allem aber auf die nicht endende Gewalt in Mossul, weshalb er die Premiere seiner Inszenierung "Orest in Mossul" ausgerechnet in der ehemaligen irakischen IS-Hauptstadt aufführte: "In Mossul weist jede Biografie Parallelen zu den Charakteren aus der Tragödie des Aischylos auf. Der Wächter, der im Eingangsmonolog von Aischylos den Nachthimmel nach Feuerzeichen von Agamemnons Rückkehr aus Troja absucht, wird bei uns von einem Fotografen gespielt. Jedes Bild, das er schoss - Massaker, Bombenangriffe, die Sprengung der Altertümer - konnte während der Herrschaft des IS seinen Tod bedeuten. Und trotzdem machte er weiter. Ebenso wie die Musiker, die im Keller ihre Instrumente spielten, worauf schwere Strafen standen. Alle unsere Schauspielerinnen und Schauspieler haben mindestens ein Familienmitglied verloren, seitdem die USA 2003 in den Irak einmarschierten. Der Mann der Frau etwa, die unsere Athena spielt, wurde von al-Qaida exekutiert. Er wollte kein Schutzgeld zahlen. Sie selbst kooperierte später mit dem IS, um ihre Töchter vor den Dschihadisten zu schützen. Die beste Freundin unserer Iphigenie dagegen - die ihrerseits verschleiert spielt, damit sie nicht erkannt wird - wurde entführt und zwangsverheiratet."

Im Standard-Gespräch mit Margarete Affenzeller und Stephan Hilpold spricht Martin Kusej, designierter Direktor des Wiener Burgtheaters, über seine Pläne für das Haus (Europäisches Burgtheater statt Nationaltheater!), die politische Aufgabe des Theaters und das Burgtheater als "Hort der Opposition": "Es ist bekannt, dass ich mich auch in München immer politisch engagiert habe. Bewegungen von der Straße haben im Residenztheater ein Forum gefunden, wir unterstützen beispielsweise die Initiative 'Die Vielen'. Da gibt es jetzt auch einen Zusammenschluss in Österreich, dem wir uns gerne anschließen werden. Ich finde Theater als eine Art Andockstation für politische Fragestellungen wichtig. Ich würde mitunter auch Menschen vor Wasserwerfern Schutz bieten, aber so weit ist es zum Glück nicht."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel stellt Patrick Wildermann das neue Personal an der Berliner Volksbühne vor, darunter etwa der Isländer Thorleifur Örn Arnarsson als Schauspieldirektor und Lucia Bihler als Hausregisseurin. Ebenfalls im Tagesspiegel berichtet Frederik Hanssen von Konflikt zwischen Christian Thielemann und Nikolaus Bacher, die sich die Intendanz der Salzburger Osterfestspiele teilen sollen.

Besprochen werden Torsten Fischers Inszenierung von David Schalkos "Toulouse" im Wiener Josefstadt-Theater (Standard, Presse), das Stück "Ghalia" mit der Beiruter Zoukak Theatre Company im Theater Aufbau Kreuzberg (taz), Mateja Kolezniks Inszenierung von Federico Garcia Lorcas "Yerma" am Theater Basel (nachtkritik, FAZ) und "Chinchilla Arschloch, waswas" von Rimini Protokoll am Schauspiel Frankfurt (Nachtkritik).
Archiv: Bühne