Efeu - Die Kulturrundschau

Kostüme des Nonkonformismus

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07.10.2019. Die FAZ besichtigt die Osmolowskis in der sozialistischen Mustermetropole Minsk. Im Freitag erklärt Michi Strausfeld das lateinamerikanische Genre der Crónicas zum Gegenstück des magischen Realismus. Die Welt sehnt sich nach einer Wiederbelebung der Deutschen Spieloper. Und die SZ genießt Ingmar Bergmans "Sehnsucht der Frauen" in Karlsruhe wie einen Serienmarathon.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.10.2019 finden Sie hier

Literatur

Im Freitag spricht Hernán D. Caro mit der Hispanistin Michi Strausfeld, die mit "Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren" (Leseprobe) ein Buch über die Geschichte der lateinamerikanischen Literatur geschrieben hat und damit das Klischeebild vom "magischen Realismus" aufreißen will. Unter anderem geht es in dem Gespräch um den Boom der "Crónicas", also literarisch ambitionierter Reportagen. Deren Wurzeln liegen in den 50ern, doch "heute spielt sicher auch die berühmte Reporterschule Fundación Nuevo Periodismo Iberoamericano ('Stiftung Neuer Iberoamerikanischer Journalismus') eine wichtige Rolle. ... Und es ist einfach eine andere Generation da, die 'Enkel des Booms', wie ich sie nenne, die anders aufgewachsen sind, in diesen riesigen Metropolen Lateinamerikas. Für sie sind Gewalt oder die internationale Drogenpolitik Themen ihres Alltags. Sie haben ihren eigenen literarischen Kanon und suchen andere Ausdrucksformen, wie die literarische 'Crónica', die sehr gute Leute vertreten, zum Beispiel die argentinische Schriftstellerin und Journalistin Leila Guerriero oder der Reporter Óscar Martínez."

Besprochen werden Deniz Yücels "Agentterrorist - Eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie" (taz), Luz' Comic "Wir waren Charlie" (Jungle World), William Melvin Kelleys "Ein anderer Takt" (online nachgereicht von der NZZ), Mircea Cărtărescus "Solenoid" (Tagesspiegel), Steffen Kopetzkys "Propaganda" (Berliner Zeitung), Burkhart Kroebers Neuübersetzung von Giuseppe Tomasi di Lampedusas "Der Leopard" (SZ) und neue Krimis, darunter Sonja M. Schultz' Debüt "Hundesohn" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Nico Bleutge über Christoph Meckels "Augen":

"Die Augen der Gesunden
erkennen die Welt
bis an den Rand des Atlantik,
..."
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Bühne

Caption


Süchtig machend wie eine Serie findet SZ-Kritikerin Cornelia Fiedler Anna Bergmanns Adaption von Igmar Bergmans "Sehnsucht der Frauen" am Badischen Staatstheater in Karlsruhe: "Vier Frauen warten auf einer Insel auf ihre Männer. Diese, vier Brüder aus einer Industriellenfamilie, hatten nämlich die grandiose Idee, in familiärer Harmonie gemeinsam Urlaub zu machen. 'Da sitzt man da und die Fassade blättert' - so bilanzieren die Ladys das Ganze vorab. Bevor es richtig losgeht mit 'Passion - Sehnsucht der Frauen'. Illusionen sind wohl was für Männer." In der Nachtkritik versichert Shirin Sojitrawalla, dass Anna Bergmann nicht einfach Bergman kopiere: "Ganz im Gegenteil lässt sie ihn nach ihrer Pfeife tanzen, kontert ihn mit ihrer eigenen Regiehandschrift."

Auf große Begeisterung stieß David Böschs Berliner Inszenierung von Otto Nicolais "Lustigen Weiber von Windsor" nicht unbedingt (unser Resümee). In der Welt weiß Manuel Brug aber zu würdigen, dass Daniel Barenboim damit immerhin die deutsche Spieloper zu entstauben versuchte: "Sie ist uns ferngerückt, unheimlich geworden. Wie ein Monstrum aus prähistorischer Zeit wird die deutsche Oper der Romantik an unseren Theatern lustlos gepäppelt. Ein Seil ist gespannt um dieses Ding aus der Zeit vor Richard Wagner, sorgt für Abstand und Respekt. Man liebt sie vielleicht heimlich, aber man kann nicht wirklich mit ihr umgehen. Sie ist sperrig, altmodisch, schwierig." In der SZ hätte Wolfgang Schreiber trotzdem Albert Lortzings romantisch-politischer Freiheitsoper "Regina" den Vorzug gegeben.

Besprochen werden Ceren Ercans "I love you, Turkey!" am Staatstheater Nürnberg (Nachtkritik), Wagners "Siegfried" am Staatstheater Kassel (FR), William Forsythes Choreografie "Blake Works I" an der Pariser Oper (FAZ), Caroline Peters' "Theblondproject" im Kasino des Burgtheaters (Standard) und Milo Raus Irak-Projekt "Orest in Mossul" (NZZ).

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Design

Pierre Cardin: Kollektion 1968, ©Archives Pierre Cardin, Foto: Kunstpalast

Mit seinen Entwürfen verhalf Pierre Cardin der "Space Age"-Begeisterung der 60er auch in der Mode zum zeitgenössischen Ausdruck, schreibt Rose-Maria Gropp in der FAZ anlässlich der großen Schau, die der Kunstpalast Düsseldorf dem Modedesigner widmet. Diese Ausstellung ist ein "Panoptikum für einen Optimismus, der mit Kunststoffen, die in allen Bonbonfarben quietschten, noch unschuldig Utopien verbinden konnte", meint die Kritikerin. Cardin stattete die Aufbruchsstimmung Jugend der 60er "mit Kostümen des Nonkonformismus aus, im androgynen Habitus, in Lack und Leder, mit dramatischem Zubehör, schwarzen Brillen und markanten Kappen. Manches ist knallbunt, alles figurbetont, genauer hauteng, die selbstbewusste Betonung des Sex ist kalkuliert. ... In Verbindung mit der aufblühenden Pop Art eines Andy Warhol mit ihrer offensiven Liebe zu den banalen Sachen und mit der aufsässigen Musik war das ein explosives Gemisch."

Die taz hat (bereits am Samstag) ein großes Gespräch mit Wolfgang Joop geführt, auf den Trash-Mode-Verkaufshallen wie Primark "wie ein Massengrab" wirken. "Das Traurige ist: Die jungen Leute haben sich die Freude daran nehmen lassen, sich am Samstag fürs Ausgehen anzuziehen. ... Junge Modedesigner mit der Vision, Menschen innovativ und political correct anzuziehen, lernen in diesen großen Unternehmen eine andere Wirklichkeit. Aber es gibt Gott sei Dank auch den Gegentrend: Aus kleinen Ateliers entstehen Mikro-Luxuslabels, deren coole Entwürfe dem Bedürfnis entstammen, Dinge behalten zu können, weil sie inspirieren und wieder Lust auf Mode erwecken."
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Architektur

Der Tolbuchin-Boulevard in Minsk. Architekten J. Spit, J. Samontschuk. 1965. Foto: BGANTD

Nirgendwo kann man die modernistische Architektur des ehemaligen Ostblocks besser studieren als in Minsk, weiß FAZ-Korrespondentin Kerstin Holm, auf verbrannter Erde wurde hier nach dem Zweiten Weltkrieg die sozialistische Mustermetropole errichtet. Besonders spannend findet Holm deswegen auch die Minsker Lokalausgabe der vom Goethe-Institut inititiierte Wanderausstellung "Die Stadt von morgen", die der Architekturhistoriker Dimitrij Zadorin kuratierte: "Zadorin zeigt, wie nach dem Verbot architektonischer 'Überflüssigkeiten' durch Parteichef Chruschtschow in den fünfziger Jahren die Baukörper kahl werden, und wie nach Chruschtschows Ukas über die industrielle Fertigung die Ziegel- durch Blockbauweise abgelöst wird. Was für Moskau die 'Chruschtschowki' sind, jene fünfstöckigen Wohnhäuser ohne Lift, die derzeit abgerissen und zumeist durch Wohntürme ersetzt werden, sind für Minsk zweistöckige spätstalinistische Arbeiterappartementhäuser, die nach ihrem Architekten Michail Osmolowski 'Osmolowki' heißen und jetzt ebenfalls verschwinden."
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Kunst

FAZ-Kritikerin Lena Bopp besucht zwei Jahre nach seiner Eröffnung den Louvre in Abu Dhabi, der ihrem Eindruck zufolge vor allem von asiatischen Touristen besucht wird. In der Berliner Zeitung stellt Daniela Noack die Porträtmalerin Ursula Wieland vor, die unter anderem Karajan, Bernstein und Papst Johannes Paul II malte.

Besprochen werden eine Schau des in Berlin lebenden südafrikanischen Künstlers Robin Rhodes im Kunstmuseum Wolfsburg (taz) und eine Ausstellung der Fotokünstlerin Jenna Westra in der Berliner Galerie Schwarz Contemporary (Tsp).
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Stichwörter: Louvre

Film

Im Tagesspiegel empfiehlt Dominique Ott-Despoix eine Reihe im Kino Arsenal mit Arbeiten der libanesischen Dokumentarfilmerin Jocelyne Saab. Martin Scholz konnte sich für die WamS mit Angelina Jolie zum Gespräch treffen. Für die Welt ist Hanns-Georg Rodek zu den Aardman-Studios nach Großbritannien gereist, wo die Animationsfilme rund um "Shaun das Schaf" entstehen. In The Quietus blickt Steve Erickson zurück auf David Finchers "Fight Club", der vor 20 Jahren in die Kinos kam.

Besprochen werden die Mini-Serie "The Loudest Voice" über den Aufstieg von Politikberater und FoxNews-Leiter Roger Ailes (NZZ), Steven Soderberghs Netflix-Film "The Laundromat" (Standard, mehr dazu hier), Guy Nattivs Nazi-Aussteigerdrama "Skin" (Freitag), Sara Fattahis "Chaos" über aus Syrien geflüchtete Frauen (Standard) und neue Heimmedien, darunter die Box der Serie "Chernobyl" (SZ).
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Stichwörter: Netflix

Musik

Mit dem Tod des Schlagzeugers Ginger Baker verlässt eine buchstäbliche Naturgewalt die Bühne, schreibt Andrian Kreye in der SZ: "Es gab kaum einen Musiker, der zorniger und handgreiflicher werden konnte, als der 1,93 Meter große, rothaarige Engländer, der mit der Band Cream Musikgeschichte schrieb, weil sie der Welt mit ihren haushohen Verstärkertürmen und extremen Lautstärken den Weg zum Hardrock ebnete. Was umso wuchtiger wirkte, weil Ginger Baker am Schlagzeug das Kunststück fertigbrachte, seine virtuose Jazztechnik mit seiner ungeheuren Aggressivität im Bluesrock des Trios zu bündeln." Wobei Bakers beste Zeiten in Nigeria bei Fela Kuti waren, meint Kreye. Ein Live-Album dokumentiert diese Zusammenarbeit:



Seine Zeit bei Cream steht "vor allem aber auch für eine Phase der Rockmusik, in der sich die Instrumentalisten mit Virtuosität und Spielfreude stets auch solistisch profilierten", erklärt Ueli Bernays in der NZZ. "Nie zuvor hatten bluesbasierte Rockmusiker so hemmungslos miteinander improvisiert und die Grenzen ihrer Instrumente erforscht", heißt es bei Peter Kemper in der FAZ. Als ziemlich eitlen, zuweilen auch rabiat aggressiven Künstler schildert ihn David Hugendick im Nachruf auf ZeitOnline. Weitere Nachrufe in Tagesspiegel und FR. Das Cream-Stück "Toad" hat sich Baker selbst auf den Leib geschrieben:



Auf seinem neuen Album "Ghosteen" (unser erstes Resümee), dem ersten mit Songs, die nach dem Tod seines Sohns vor drei Jahren entstanden sind, "liegt der alte Nick Cave in Trümmern", schreibt Daniel Gerhardt auf ZeitOnline. Auch musikalisch stehen die Zeichen der Zeit auf Selbstauflösung, erfahren wir: Zu hören gibt es "ein Flirren und Flackern der Synthesizer, zurückhaltende Klavierakkorde und Chorgesänge, viel Kleisterarbeit mit pastellfarbenen Soundtapeten. Seit der Multiinstrumentalist Warren Ellis vor zehn Jahren ihre musikalische Leitung übernommen hat, steuern die Bad Seeds auf diesen rhythmusbereinigten Klang zu. ... Auf spiralenförmigen Bahnen trotzen Ellis und seine Loops der Schwerkraft", was für Gerhardts Geschmack die Grenze zum Kitsch mitunter allerdings deutlich überschreitet. Im Tagesspiegel fühlt sich Hannes Soltau so, als müsse er "eine Trauerrede rezensieren."

Weiteres: Für die NZZ porträtiert Christoph Wagner das Ensemble Zeitkratzer, das die ersten beiden, noch ganz im Zeichen des experimentellen Krautrock stehenden, von der Band selbst aber seit Jahrzehnten verschwiegenen Kraftwerk-Alben minutiös neu eingespielt hat. Stefan Drees berichtet in der NMZ vom Neue-Musik-Festival Match Cut an der Berliner Volksbühne. Auf ZeitOnline spricht Dirk Peitz mit dem Songwriter Guy Chambers. In der Zeit porträtiert Andreas Scheiner den Musiker Crimer.

Besprochen werden der Saisonauftakt des BR-Symphonieorchesters unter dem Dirigat Daniele Gattis (SZ), das Jubiläumskonzert in Berlin zu 20 Jahren Grönland Records (taz) ein David-Hasselhoff-Konzert (Tagesspiegel) und Paavo Järvis Antrittskonzert als neuer Musikdirektor des Tonhalle-Orchesters Zürich (FAZ, mehr dazu bereits hier).
Archiv: Musik