Efeu - Die Kulturrundschau

Alles, was so rosarot war

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04.10.2019. Die New York Times begutachtet die junge Gesellschaft, in der sich Picassos "Demoiselles" im neuen Moma befindet. Der Tagesspiegel zuckt entsetzt zurück vor Ang Lees mit digitalen Tricks aufgemotztem Actionfilm "Gemini Man": Fernsehästhetik, schimpft er. Die SZ würdigt den türkischen Schriftsteller Ahmet Altan, der den Geschwister-Scholl-Preis nicht entgegen nehmen kann, weil er im Hochsicherheitsgefängnis von Silivri sitzt. Die Musikkritiker trauern um den letzten Schlagerstar: Karel Gott.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2019 finden Sie hier

Kunst

Hängt jetzt im Moma neben Picassos "Demoiselles": Faith Ringgolds "American People Series #20: Die", 1967

In der New York Times berichtet Jason Farago vom Einzug des Momas in sein erweitertes Gebäude und der neuen Hängung, die damit verbunden ist: "Zwei Kuratoren arbeiten in der großen Galerie, in der 'Les Demoiselles d'Avignon', Pablo Picassos großes, agressives Gemälde von fünf verzerrten katalanischen Prostituierten. Seit Jahrzehnten zeigen die Kuratoren des MoMA die 'Demoiselles' (1907) zusammen mit den kleineren, die Perspektive zerstörenden kubistischen Werken, die er und Georges Braque einige Jahre später malten. Zwei von ihnen stehen hier, auf Schaumstoffblöcken gegen die Wand gelehnt. Nun aber hat Picasso neue Gesellschaft, jüngere, von jenseits des Atlantiks. Ann Temkin, Hauptkuratorin des MoMA für Malerei und Skulptur, und ihre Kollegin Anne Umland, eine Picasso-Spezialistin, stellen den 'Demoiselles' das große Gemälde eines Rassenaufstands der in Harlem geborenen Künstlerin Faith Ringgold gegenüber. Genannt 'American People Series #20: Die'(1967), zeigt es weiße und schwarze Amerikaner, blutbefleckt, die sich rettungssuchend aneinander klammern, deren Gesichter ähnlich wie bei Picassos Damsels zerbrochen sind. Ringgold malte 'Die' nach unzähligen Besuchen in diesem Museum als junge Künstlerin und studierte die 'Demoiselles' und Picassos späteres 'Guernica', das hier hing, bevor es nach Spanien zurückkehrte. Das Moma kaufte 'Die' 2016 und zeigte es zunächst in einem Flur - und jetzt untersuchen die Kuratoren die Wirkung neben dem berühmtesten Gemälde des MoMA. Picasso mit einer schwarzen amerikanischen Künstler aus den 1960er Jahren zu verknüpfen, wäre hier vor 15 Jahren undenkbar gewesen".

Weiteres: In der FR schreibt Christian Thomas zum 350. Todestag Rembrandts. Franz Zelger besucht für die NZZ den renovierten ersten Stock der Accademia in Venedig. In der taz berichtet Patrick Guyton vom Kampf der Belegschaft des Münchner Haus der Kunst gegen Personalabbau.

Besprochen werden eine Penck-Ausstellung im Dresdner Albertinum (Weltkunst), eine Ausstellung mit Porträts von Gaugin in der National Gallery in London (die Guardian-Kritiker Jonathan Jones ziemlich verklemmt findet, weil die ängstlichen Kuratoren lieber Blumen statt brauner nackter Frauen zeigen), die Ausstellung "No Photos on the Dance Floor!" im C/O Berlin (FAZ) und eine Ausstellung über den Schrifsteller Paul Nizon, "Arm in Arm mit der bildenden Kunst" im Forum Schloss Platz in Aarau, (FAZ).
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Stichwörter: Moma

Film

Gary Oldman und Antonio Banderas in "The Laundromat" (Netflix)

Mit einem immerhin kleinen, wenn auch wirklich sehr überschaubaren Start kommt "The Laundromat" doch noch in einige Kinos, bevor Steven Soderberghs Satire über die Panama Papers am 18. Oktober schließlich auf Netflix veröffentlicht wird. Wirklich überzeugt ist Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche von Soderberghs" Revue durch die internationale Schattenfinanz" allerdings nicht, da war der Regisseur früher schon weit besser in Form: Der Film ist "für Soderberghs Verhältnisse erstaunlich selbstgerecht. Mit einem kühlen Kopf, der komplexe Systeme durchblickt (in dem Epidemie-Thriller 'Contagion' oder dem Sportdrama 'High Flying Bird'), sind seine Filme meist zielführender. ... Soderbergh bleibt unentschlossen: Weder ist seine Satire scharfsinnig genug, noch hat er - anders als McKays 'The Big Short'  - ein ernsthaftes Interesse, die Zusammenhänge zu erklären."

Aus alt mach neu: Der aktuelle Will Smith (unscharf) und sein Klon aus dem Computer.

Ang Lees Actionfilm "Gemini Man" ist vor allem ein Vehikel für technischen Parameter: Der Film ist in extrem hoher Framerate gedreht, um möglichst glatte Bewegungsabläufe zu erzielen, außerdem tritt hier Will Smith gegen sein deutlich digital aufwändig erstelltes, deutlich jüngeres Ich an (mehr dazu bereits hier in der Magazinrundschau). Das Ergebnis ist allerdings schauderhaft, meint Andreas Busche im Tagesspiegel: Über weite Strecken sieht der Film aus wie ein Videogame. Und schlimmer noch: "Unter dem Mikroskop von 120 Bildern pro Sekunde wird jedes szenische Detail gnadenlos entblößt, Ungenauigkeiten, auch in der Mimik der Darsteller, fallen umso deutlicher auf. Dazu müssen die Szenen so stark ausgeleuchtet werden, dass manche Bildhintergründe in 'Gemini Man' flach aussehen, fast wie gemalt. 'Fernsehästhetik' ist wohl der schlimmste Vorwurf, dem man einem Kinofilm machen kann. Bei einer 200-Millionen-Dollar-Produktion ist dieses Urteil verheerend."

Tazlerin Jenni Zylka kann sich das Schmunzeln nicht verkneifen: "Dass nun Will Smiths merkwürdig leblos wirkender Computer-Klon in 'Gemini Man' bei 120 fps äußerlich auch aus der Nähe überzeugt, könnte an Smiths Botox-Vorliebe liegen - das echte Gesicht des Superstars nähert sich, so scheint es, der artifiziellen Überzogenheit auf der Leinwand an." Am Ende doch recht sympathisch fand Andrey Arnold in der Presse den Film. Lee bleibe "sensibel für die Zartheit von Will Smiths Gesicht und seiner Junior-Version", lobt Philipp Stadelmaier in der SZ. Tobias Kniebe hat für die SZ mit dem Regisseur gesprochen.
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Bühne

Die FAZ druckt einen Ausschnitt aus dem Nachwort von Dramatische Rundschau 01 nach, in dem Friederike Emmerling, Oliver Franke, Stefanie von Lieven, Barbara Neu, Bettina Walther zur Stärkung der zeitgenössischen Dramatik aufrufen, allerdings ohne sich dabei für bestimmte Stücke starkzumachen.

Besprochen werden Kay Voges' "Don't be evil" an der Berliner Volksbühne ("Die Inszenierung kommt angesichts der Wirklichkeitsverschiebungen der neuen Medien nicht über fassungsloses Staunen und kulturpessimistisches Gruseln hinaus", resümiert Peter Laudenbach in der SZ, tazler Sascha Ehlert erlebte dagegen einen "Abend, der, das gleich vorweg, denkwürdig opulent aufzeigt, wie man das videografische Erbe dieses Hauses gleichermaßen würdigen und zeitgemäß übertrumpfen kann", weitere Besprechungen in Berliner Zeitung, nachtkritik und Tagesspiegel) und Paul Esterhazys Inszenierung der "Götterdämmerung" am Staatstheater Oldenburg (nmz).
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Literatur

Der Geschwister-Scholl-Preis geht in diesem Jahr an den türkischen Schriftsteller Ahmet Altan. Die Auszeichnung wird er allerdings nicht persönlich in Empfang nehmen können, schreibt Christiane Schlötzer in der SZ. Denn Altan "sitzt schon seit gut drei Jahren im Gefängnis. Er wurde kurz nach dem Putschversuch vom Juli 2016 festgenommen und 2018 in einem zweifelhaften Gerichtsverfahren zu lebenslanger Haft verurteilt. ... Das Hochsicherheitsgefängnis von Silivri, in dem Altan in einer Einzelzelle sitzt, ist das größte der Türkei. In seiner Zelle unternimmt Altan, wie man in seinem Buch nachlesen kann, fantasievolle Zeitreisen, zurück in die Vergangenheit und in eine luzide Zukunft. Er ist eigentlich Romancier, hatte mit Liebesgeschichten ein Millionenpublikum erobert, bevor er sich in politische Debatten einmischte, zeitweise auch als Zeitungschefredakteur. In seiner Verteidigungsrede vor Gericht spottete er: 'Bravo! Sperrt sie alle ein! Das ist eure Zeit. Aber Zeiten ändern sich, Zeiten ändern sich immer.'"

Besprochen werden Jackie Thomaes "Brüder" (ZeitOnline), die Peter-Rühmkorf-Ausstellung im Altonaer Museum (taz), Jamel Brinkleys "Unverschämtes Glück" (Tagesspiegel), Sven-Eric Bechtolfs Debütroman "Nichts bleibt so, wie es wird" (Standard), neue Comics zum Thema "Eltern" von Steffen Kverneland, Antonio Altarriba und Nando von Arb (NZZ) und Ursula März' "Tante Martl" (SZ),
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Architektur

Susanna Petrin hat für die NZZ El Gouna besucht, eine Stadt am Roten Meer, die sich der ägyptische Milliardär Samih Sawiri gebaut hat. Hier darf man kurze Röcke tragen, westliche Musik hören, trinken und tanzen: "Was er vor genau dreißig Jahren als kleines Projekt für sich und seine Freunde in Angriff nahm, ist inzwischen zu einer Kleinstadt mit rund 20 000 Einwohnern gewachsen. Mit allem, was es so braucht - und mehr: Es gibt eine Schweizer Primarschule, eine deutsche Universität, ein Spital, Hotels, Restaurants, Läden, eine Bibliothek, Kinos, eine Radiostation, Golfplätze, Tauchzentren und sogar einen kleinen Flughafen. Private Sicherheitsdienste statt Polizisten schützen das Gelände. Es ist, als ob hier andere Gesetze gälten."
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Musik

"Vielleicht war er der letzte Schlagerstar", schreibt Jenni Zylka im Tagesspiegel: Die Feuilletons trauern um Karel Gott. In Deutschland verbindet man vor allem die "Biene Maja" mit ihm, für Tschechien ist er eine aus der Nationalgeschichte nicht wegzudenkende Figur, erklärt Violetta Simon in der SZ: Eher opportun wirkte sein Auftreten in den tschechischen Schicksalsjahren 1968 und 1977 (als Gott die regierungstreue "Anti-Charta" mitzeichnete), "erst mit der Samtrevolution versöhnte er sich wieder mit der Bürgerrechtsbewegung. Da trat er am 4. Dezember 1989 gemeinsam mit dem zuvor ins deutsche Exil geflüchteten Protestsänger Karel Kryl auf den Balkon über dem Wenzelsplatz und sang mit ihm gemeinsam für eine Menge von vielen Zehntausend jubelnden Demonstranten die tschechische Nationalhymne. So rehabilitierte er sich nicht nur als Sänger, sondern auch als nationale Figur."



In Prag ist derweil ein Staatsbegräbnis und ein Staatstrauertag in der Diskussion. "Das wäre sehr ungewöhnlich", schreibt der Schriftsteller Jaroslav Rudiš in der FAZ. "In der Geschichte des Landes geschah es nur zwei Mal: 2011, als Václav Havel starb. Und 1875 nach dem Tod des österreichischen Kaisers Ferdinand I. Einige Bürger halten diese Ideen für übertrieben und fragen sich, warum nicht schon zuvor ein anderer Tscheche von Weltrang, zum Beispiel der Filmregisseur Miloš Forman, so gewürdigt wurde. Kritiker werfen dem Premierminister Andrej Babiš Populismus vor. Doch Babiš weiß ganz genau, dass Karel Gott für viele im Land weit mehr als nur ein bekannter Sänger ist, eine Ikone, ein Heiliger im Land der Atheisten."

Diesseits des Eisernen Vorhangs galt Gott "beinah als Widerstandssänger", schreibt Samir H. Köck in der Presse. "Seine 1969 aufgenommene Version des Rolling-Stones-Klassikers 'Paint It Black' mit der Eröffnungszeile 'Die rote Tür, ich streich sie heute schwarz, denn alles, was so rosarot war, ist jetzt schwarz' wurde als Akt der Subversion gegen das kommunistische Regime gedeutet."



Festzuhalten bleibt: Er war "ein musikalischer Mittler zwischen dem sozialistischen Osten und dem kapitalistischem Westen", wie Elmar Kraushaar in der Berliner Zeitung schreibt, der außerdem verrät, dass Gott seinen zumindest in Deutschland bekanntesten Hit nebenbei binnen einer halben Stunde und lediglich für ein einmaliges Honorar eingesungen hatte. Karl Fluch und Gerald Schubert bremsen im Standard die allgemeine Begeisterung über Gott als "Goldene Stimme Prags" ein wenig: "Bloß weil ihm vieles vergoldet wurde, war nicht zwingend alles Gold. Manches war bloß Blech." In der taz schreibt Jan Feddersen. Weitere Nachrufe in der NZZ, Welt und auf ZeitOnline.

NZZ-Kritiker Thomas Schacher kommt beglückt aus Paavo Järvis Antrittskonzert als neuer Musikdirektor des Tonhalle-Orchesters. Gegeben wurden Pärt und Sibelius - vor allem mit letzterem konnte Jävi punkten. "Er gibt sowohl dem saftigen Streicherklang wie den an Volksmusik gemahnenden Bläsermelodien viel Raum, lässt das Melancholisch-Dunkle in gleicher Weise aufscheinen wie die hellen Momente. ... Järvis Einstand ist vollauf gelungen, das Tonhalle-Orchester trägt ihn sprichwörtlich auf Händen, und die Tore für die im Verlauf der Saison angekündigten Kompositionen aus Ost- und Nordeuropa sind weit geöffnet." In seinem Klassik-Blog bescheinigt Welt-Kritiker Manuel Brug dem "manchmal ein wenig unterkühlt wirkenden, technokratisch agierenden, gar nicht viel Kunstsums machenden Dirigenten ... goldene Hände."

Weitere Artikel: Für die SZ spricht Juliane Liebert mit der Popmusikerin Angel Olsen, deren neues Album Pitchfork und ZeitOnline besprechen. Für die Jungle World wirft Andreas Michalke einen Blick in die Punkszene von Tel Aviv. Ana Popescu berichtet in der FAZ vom Beethoven-Schwerpunkt des Kronberg Academy Festivals.

Besprochen werden neue Alben von Wilco (ZeitOnline), Afriqua (taz),  The Comet is Coming (Pitchfork), Alex Cameron (Jungle World), Bat for Lashes (Jungle World) und HTRK (Jungle World).
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