Zum einzigen Ergebnis weitergeleitet

Efeu - Die Kulturrundschau

Aber ist das jetzt schön?

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.12.2019. Wir brauchen eine kommentierte Ausgabe von Handkes Jugoslawien-Texten, fordert die Slawistin Miranda Jakiša im Tagesspiegel. Die Filmkritiker bewundern die fiebrige Sinnlichkeit, mit der der brasilianische Regisseur Karim Aïnouz in "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão" Kritik am Patriarchat formuliert. Im Freitag überlegen Magnus Resch und Stefan Heidenreich, wie die Kunstvereine des 18. Jahrhunderts den Kunstbetrieb demokratisieren könnten. Die Nachkritik schildert, wie die freie Theaterszene Ungarns Orbans Kulturpolitik trotzt. Und die FAZ bilanziert, was vom Pop der Zehnerjahre bleiben wird: Überreiztheit und Fatalismus.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2019 finden Sie hier

Literatur

Wir brauchen eine kommentierte Handke-Ausgabe, lautet das Fazit, das die Slawistin Miranda Jakiša im Tagesspiegel aus der Handke-Kontroverse der letzten Monate zieht. Ein solcher könnte die Wogen etwas glätten, ein Gespräch wieder ermöglichen und Handkes Literatur als Literatur wieder zugänglich machen: "Ein Begleitapparat, der tatsachenorientiert und möglichst deutungsfrei kulturelles und historisches Zusatzwissen in lesbarer, dennoch wissenschaftlich überprüfbarer Form liefert, wird die kritische und kompetente Lektüre für jene, die eine solche suchen, massiv erleichtern. Und er beschwichtigt die Empörung derer, die Verschleierung, Verklärung und sogar Lügen in den Jugoslawientexten ausmachen. Erwähnte Orte, Personen und historische Ereignisse müssen für ein Verständnis der Texte mit Kontextinformation versehen, sowie aufgerufene mythologische Figuren aus der südslawischen Kulturgeschichte als auch Anspielungen auf kulturspezifische Narrative und zeitgenössische politische Diskurse aus Serbien und Bosnien knapp, aber verständlich erläutert werden."

In der FR sprechen Andreas Nohl und Liat Himmelheber über ihre gemeinsame Neuübersetzung von Margaret Mitchells im Deutschen nunmehr "Vom Wind verweht" bezeichneten Romanklassiker. Es ging bei dem Vorhaben einerseits darum, die Komplexitäten des als Trivialroman abgetanen Buchs zutage zu fördern und andererseits darum, "die ganzen Rassismen zu tilgen, fast alle zumindest", erklärt Nohl. "Auch in Beheim-Schwarzbachs Übersetzung fällt permanent das N-Wort, das ist unerträglich, dazu die Beschreibungsklischees. ... Mitchell war keine Rassistin. Sie war vielmehr darauf bedacht, niemanden zu diffamieren. Es gibt Briefe, in denen sie das genau ausformuliert. Wir entsprechen ihrer Intention. Ich hätte den Roman nicht übersetzt, wenn es ein rassistischer Roman wäre. Das ist er nicht. Im Roman kommen Rassisten vor, und die Rassisten reden auch wie Rassisten. Aber Mitchell legt großen Wert darauf, dass die Erzählerstimme selbst nicht rassistisch ist."

Weiteres: Vor einem Jahr ist Amos Oz gestorben - taz und ZeitOnline führen daher große Gespräche mit dessen deutscher Übersetzerin Ruth Achlama. Für die NZZ besucht Sarah Pines "Homestead", das Haus, in dem Emily Dickinson ihre Werke geschrieben hat, und staunt darüber, dass die Autorin in so einem Idyll so düstere Lyrik geschrieben hat. Außerdem bringt die Literarische Welt eine deutsche Übersetzung von Haruki Murakamis ursprünglich im New Yorker veröffentlichten Essay "Abandoning a Cat".

Besprochen werden unter anderem Steffen Kopetzkys historischer Roman "Propaganda" (taz), Louise Labés "Torheit und Liebe" (Dlf Kultur), Roxanne Moreils und Cyril Pedrosas Comic "Das Goldene Zeitalter" (Tagesspiegel), Petra Nagenkögels "DORT. Geografie der Unruhe" (Standard), Annie Ernaux' autobiografischer Text "Eine Frau" (SZ), Daniel Mezgers "Alles außer ich" (Freitag), Maren Kamas Gedichtband "Luna Luna" (Literarische Welt) und Louise Erdrichs im Original bereits vor 18 Jahren erschienener, jetzt auf Deutsch vorliegender Roman "Die Wunder von Little No Horse" (FAZ).
Archiv: Literatur

Bühne

In einem langen Essay skizziert Nachtkritikerin Esther Slevogt, wie Viktor Orbans identitäre Kulturpolitik die einst lebendige freie Theaterszene Ungarns durch "subventionspolitische Katastrophen", personalpolitische Entscheidungen und die Pläne, die Kulturpolitik zu zentralisieren, in die Ecke treibt. Gegen die Pläne, die Nationale Kulturstiftung zu Gunsten eines Nationalen Kulturrats, der künftig "die Basis für strategische Lenkung der kulturellen Sektoren durch die Regierung gewährleisten" werde, aufzulösen, bildete sich allerdings massiver öffentlicher Widerstand: "Zwei Tage später wurde das Gesetz trotzdem verabschiedet - allerdings in abgemilderter Form. So blieb die Nationale Kulturstiftung unangetastet. (...) Das ungarische Kulturministerium bestritt auf Nachfrage von nachtkritik.de, die Proteste hätten Einfluss auf die Modifizierung der Vorlage gehabt. Vielmehr habe es sich bei der angeblich geleakten Fassung um eine Fälschung gehandelt. Die Demonstrationen seien längst organisiert gewesen, bevor sich schließlich herausgestellt habe, dass der Gesetzesentwurf nichts von dem enthalte, was im Vorfeld behauptet worden sei. Sich um ein objektives Bild der Vorgänge bemühend, stolperte die Autorin dieses Textes bei dieser Erklärung allerdings über die darin enthaltene Formulierung, bei jenen, die über die Regierungsvorhaben falsche Behauptungen aufgestellt und letztlich grundlos Demonstrationen initiiert hätten, handele es sich um 'armselige linksliberale Eiferer und Politiker' (…)".

Weiteres: Im von der Neuen Musik Zeitung übernommenen dpa-Interview erklärt Nicolas Pasquet, Weimarer Professor für Orchester-Dirigieren, weshalb es zu wenige Dirigentinnen gibt: "Deutschland hat aber den Anschluss verpasst und hängt anderen Länder wie Finnland weit hinterher. Das liegt wahrscheinlich am Konservatismus hierzulande." Im Standard erklärt Bogdan Roscic, designierter Direktor der Wiener Staatsoper, wie er das Repertoire auffrischen will. Alle drei Berliner Opernhäuser konnten 2019 ihre Besucherzahlen steigern, meldet der Tagesspiegel. In der Welt erinnert Manuel Brug an verstorbenen Tenor und "feinen Stilisten" Peter Schreier.
Archiv: Bühne

Kunst

Vor einigen Wochen riefen Stefan Heidenreich und Magnus Resch in der Zeit dazu auf, den Kunstbetrieb zu demokratisieren (Unser Resümee). Es hagelte Kritik von allen Seiten. Im Freitag verteidigen sich die Autoren: Demokratie "lässt sich nicht auf Knopfdruck einführen, sondern nur schrittweise. Wir müssen alte Methoden ausgraben, die von der zwar fortschrittlichen, aber leider auch elitären, marktabhängigen und publikumsverachtenden Moderne verschüttet wurden: die Kunstvereine des 18. Jahrhunderts, den holländischen Kunstmarkt des Barock, die Künstlerjurys und -kollektive. Wer Demokratie will, muss die noch immer männlich dominierten Machtverhältnisse in der Kunst aufbrechen. Eine Vielzahl verschiedenster Stimmen soll mitreden, gleich welcher Herkunft, gleich welcher LGBTQ+Orientierung, gleich welcher Hautfarbe und welchen Vermögens.Wir können von Graswurzel-Kampagnen lernen und von den vielen neuen Verfahren digitaler Kooperation."

Nachhaltigkeit gehört nicht unbedingt zu den Prioritäten des Kunstbetriebs, konstatiert Nicola Kuhn im Tagesspiegel und sammelt Ideen zur Verbesserung der Klimabilanz: Ein Großteil der musealen Objekte vertrage etwa Temperaturen zwischen 15 und 25 Grad Celsius. Und:"Einer der größten Klimakiller aber sind die teuren Transporte, die mit der von den Museen geforderten globalen Orientierung einhergehen. Doch auch hier gibt es Alternativen: stärkere Konzentration auf die eigene Sammlung, mehr Recherchen vor Ort. So mancher Künstler aus der Ferne lebt längst in der Nähe, manches Werk befindet sich in den Depots benachbarter Sammlungen. Das Museum für Asiatische Kunst etwa verfügt in seinem Dahlemer Depot über eine erstaunliche Gemäldekollektion aus den 60er, 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, ein Schatz, der noch zu heben ist. Nicht immer müssen Originaldokumente gezeigt werden, oft genügen Faksimiles, wie Nationalgalerie-Kuratorin Anna-Catharina Gebbers mit dem Indonesien-Kapitel der 'Hello World'-Ausstellung 2018 im Hamburger Bahnhof demonstrierte."

Überwältigt schlendert Ulrich Greiner (Zeit) durch die Ausstellung "Sagmeister & Walsh. Beauty", die nach Stationen in Wien und Frankfurt am Main nun im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe angekommen ist: "Schönheit, so lernt man in Hamburg, ist nichts Beliebiges. Faustkeile aus der menschlichen Frühgeschichte sind adrett in einer Glaswand aufgefädelt und angeleuchtet. Warum haben unsere Vorfahren den Steinen eine gefällige, symmetrische Form gegeben? Das wäre für den Zweck nicht nötig gewesen. Und dann marschieren Trinkgläser in einer langen Reihe auf, von 1500 bis heute. Man sieht, wie mit der Kunstfertigkeit die Ansprüche wachsen und wie das Glas um 1700 derart mit Ornamenten verziert ist, dass man kaum noch daraus trinken kann. Vielleicht hatte Adolf Loos doch recht. Und siehe da: Das Glas aus den Fünfzigerjahren ist völlig frei von Ornamenten, zum Trinken taugt es bestens. Aber ist das jetzt schön?"

Weiteres: Wie bedeutend die Rahmung des Bildes für die Brücke-Künstler war, erkennt Simone Reber (Tagesspiegel) in der Ausstellung "Unzertrennlich" im Berliner Brücke-Museum, für die der Rahmenbauer Werner Murrer teilweise Originalpaare wieder zusammenführen konnte. In der NZZ schreibt Roman Bucheli zum Tod des Zürcher Kurators Christoph Vitali.

Besprochen wird die Ausstellung "Menzel. Maler auf Papier" im Berliner Kupferstichkabinett (taz) und die Ausstellung "Vergessen. Fragmente der Erinnerung" im Tiroler Landesmuseum (Standard).
Anzeige
Archiv: Kunst

Film

Das unsichtbare Leben der Frauen in den 50ern: Karim Aïnouz' "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão"

Ein sinnliches Erlebnis ist Karim Aïnouz' mehrere brasilianische Jahrzehnte durchwandernder, vom Regisseur selbst als "tropisches Melodram" bezeichner Film "Die Sehnsucht der Schwestern Gusmão": "Ein Urwald voller Feuchtigkeit und Hitze wuchert da in fiebrig dunklen Farben über die Leinwand, eine Welt, die latent gewalttätig ist", schreibt Cosima Lutz in der Welt." Da peitscht am Rande des Waldes urplötzlich die Brandung ans Ufer, und im Hintergrund ragt ein phallusartiger Berg in die Höhe, drohend, gleich gibt's ein Donnerwetter für die zwei Schwestern Guida und Eurídice. ... Vor allem muss man diesen Film von Anfang an hören: Die angerauten Streicher und verlorenen Klavier- und Synthesizerklänge von Benedikt Schiefer scheinen direkt aus diesem Urwald zu sickern." Und damit hat Lutz nur den Filmeinstieg beschrieben! Tagesspiegel-Kritikerin Dunja Bialas sieht in dem Film eine Kritik am Patriarchat: "Meisterlich inszeniert Aïnouz den häuslichen Raum als Ort intimer Begegnungen - die auch gewalttätig sein können. ... Mal sieht Eurídice ihrer Schwester zu, wie sie sich zurechtmacht. Dann wird sie am Tag ihrer Hochzeit von einer Freundin aufgeklärt, mit welchen Tricks sie eine Befruchtung vermeiden kann. In der Hochzeitsnacht fällt sie betäubt in die Badewanne, wo sich der Bräutigam über sie hermacht, eine Vergewaltigung als Initiation in die eheliche Unterdrückung. Alles Szenen aus dem 'unsichtbaren Leben', so der Originaltitel, das die Frauen in den 1950er Jahren führten."

Weitere Artikel: tazler Tim Caspar Boehme rät allen Serienjunkies dazu, von ihrer Sucht abzulassen und das Heil doch wieder im Film zu suchen, denn auf kurzer Strecke abgeschlossene Geschichten "bieten eine Art narrativen Schutzraum, aus dem sie ihr Publikum am Ende wieder entlassen. Und es hat durchaus seinen Reiz, wenn jemand sich kurzzufassen weiß." In der NZZ spricht Lory Roebuck mit der Regisseurin Lulu Wang über deren Film "The Farewell" (unser Resümee). Jan Küveler spricht für die Welt mit dem Regisseur Patrick Vollrath unter anderem darüber, wie man eine Flugzeugentführung realistisch für einen Film inszeniert - und zwar am besten, indem man sich an Paul Greengrass und Michael Haneke orientiert. Für den Standard plaudert Bert Rebhandl mit den Schauspielern Vincent Cassel und Reda Kateb über deren neuen Film "Alles außer gewöhnlich".

Besprochen werden ein Biopic über Judy Garland (Tagesspiegel) sowie Tyler Nilsons und Michael Schwartz' "The Peanut Butter Falcon" (SZ).
Archiv: Film

Musik

Die sich neigenden Zehnerjahre werden im Pop für vieles gestanden haben, schreibt Elena Witzeck in der FAZ: Streaming und Mini-Nischen, Autotune und Hip-Hop-Triumph, globale Diversifizierung der Stimmen. Insbesondere sahen sie auch den Siegeszug der "Traumapoeten", also Musikerinnen und Musiker, "die aus den Untiefen ihrer Psyche auf die gesellschaftspolitischen Umbrüche schauten. ... Wie Billie Eilish, die düster heulend und hauchend das Heranwachsen, Selbsthass und Rollenkonflikte verhandelt und nebenbei mit Soundstrukturen spielt: All the good girls go to hell. Eine, die das vormachte, die den Schein des Verletzlichen zum Statussymbol erhob, war Lana del Rey, und sie brachte am Ende dieses Jahrzehnts auch noch ein ziemlich grandioses neues Album heraus. Während die Britin FKA Twigs, die wie eine Außerirdische im gegenwärtigen Musikgeschäft landete, gerade erst richtig loslegt. Die Grundstimmung von Überreiztheit und Fatalismus, die alles durchdringt, sie gilt es motivisch zu erfassen."

Die SZ bestreitet heute einen beträchtlichen Teil ihres Feuilletons mit einem Beethoven-Lexikon. Es gebe weit mehr als den "populären Beethoven", schreibt dazu Reinhard J. Brembeck im Geleitwort, sondern auch "viele andere, teils unbekannte Beethovens ... Er ist der erste moderne Künstler" und als solcher "Hochkulturavantgardist und Folklorist, Radikaler und Angepasster, Ästhet und Aktivist, Humanist und Elitärer, Notenbastler und Gefühlsvulkan, Visionär und Familienmensch."

Weiteres: Andris Nelsons wird das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker dirigieren. Im Standard-Interview spricht er über diese Herausforderung, über die er sich zuvor bereits mit Kollegen ausgetauscht hat. Besprochen werden das neue Album des amerikanisch-haitianischen Rappers Mach-Hommy (taz), Debbie Harrys Autobiografie (Freitag) und Silke Leopolds Biografie über Leopold Mozart (NZZ).
Archiv: Musik