Efeu - Die Kulturrundschau

Fusion von Sehnsucht und Schmerz

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27.02.2020. Die NZZ bewundert die Energie des malenden Fischers Forrest Bess in Kassel. Der Rest der Kunstkritiker feiert die Wiedereröffnung der Dresdner Gemäldegalerie: So schön wie nie zuvor, jauchzt die Welt. Letztlich war Alfred Bauer nur ein "ganz normaler Nazi", schließt der Filmhistoriker Armin Jäger die Debatte in der Zeit ab. Der Drill an Ballettschulen hat seine Wurzeln in der Sowjetunion, erklärt die FAZ. Der Guardian schaut sich in London chinesische Propaganda-Plakate an.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.02.2020 finden Sie hier

Kunst

Forrest Bess: Untitled (No. 5), 1949. © The artist and Collection Mickey Cartin

Nach dem Militärdienst arbeitete Forrest Bess tagsüber als Fischer, nachts malte er seine Visionen, weiß Angela Schader in der NZZ. Sowohl die Ablehnung in beiden Milieus als auch Bess' Homosexualität sorgten für eine lebenslange Zerrissenheit des Künstlers, dem das Fridericianum Kassel nun eine große Werkschau gewidmet hat, schreibt Schader überwältigt von der Energie der Bilder: "Die daraus entstandene Bildsprache reflektiert einerseits den intensiven Bezug des 'fisherman painter' zur natürlichen Umgebung - dem Spiel von Licht und Wasser, dem Gewicht von Sand und Erde, dem endlosen Himmel. Verstörend in seiner Fusion von Sehnsucht und Schmerz wirkt der tief in den pastosen, lavaschwarzen Himmel von 'Night Flight' eingekratzte Vogelschwarm; atemberaubend kühn die unbetitelte Komposition in Zinnober, Grün und kaltem Grau, die man als Silhouette einer Frau am Meer lesen möchte."

Rembrandt Harmensz. van Rijn, Ganymed in den Fängen des Adlers, 1635

Kein Feuilleton, das heute nicht die Wiedereröffnung der Dresdner Gemäldegalerie nach sieben Jahren feiert. Direktor Stephan Koja hat ganze Arbeit geleistet, schreibt Bernhard Schulz im Tagesspiegel: "Jedes Werk wurde eingehend begutachtet, wie es heute wirkt, wohin es gehört. Gewählt wurden innerhalb der nördlichen und südlichen Schulen thematische Säle, die den überbordenden Reichtum der Bildsujets zusammenbinden. 700 Gemälde werden gezeigt, nur zwei Dutzend weniger als früher - dafür aber 420 Skulpturen aufgenommen. Es ist das schiere Staunen angesichts dieser unfassbar dichten und reichen Sammlung, die da in zumeist zwei Reihen übereinander gehängt ist und doch nie das Gefühl von bloßer Masse oder gegenseitiger Erdrückung aufkommen lässt." Auch die Neugestaltung der Räume ist gelungen, ergänzt Adam Soboczynski in der Zeit: "Die Galerie hat sich auf das barocke Farbenspiel ihrer einstigen Sammler besonnen, die Bilder erstrahlen vor einem satten Blau oder Rosé oder Grün, sie gewinnen wieder an Feierlichkeit und Wärme, und nur Gemütsarme werden das als Kitsch erleben." Die Gemäldegalerie war nie so schön wie heute, jauchzt auch Hans-Joachim Müller in der Welt.

Vor allem Kojas Entscheidung, die Skulpturen aus dem Albertinum in die Gemäldegalerie zu holen und sie zum Teil in Korrespondenz mit den Gemälden zu setzen, begeistert die Kritiker. In der FAZ meint Andreas Platthaus: "Am erhellendsten ist das bei Andrea del Sartos 'Opfer Abrahams', neben dem eine kleine barocke Bronzereplik der Laokoongruppe steht, weil Del Sarto sich für sein um 1530 gemaltes Bild bei der Darstellung des Isaaks von einem der schlangenumwundenen Knaben der antiken Skulptur anregen ließ. So wird Kunstgeschichte im wahrsten Sinne des Wortes augenfällig." Nikolaus Bernau ergänzt in der Berliner Zeitung: Der lächerliche Streit, ob man Skulpturen und Gemälde nebeneinander zeigen dürfe, ist beantwortet: Man darf nicht nur, man sollte. Das Nebeneinander der barocken Büste eines Afrikaners mit klassizistisch-kühlen Gemälden von Poussin und Lorrain erzählt mehr als jedes Handbuch über die koloniale Ausweitung Europas, Antikenkult in Frankreich, die Sehnsucht nach bis zur Langeweile gehender Ausgeglichenheit." In der SZ schreibt Peter Richter.

Besprochen werden die Ingrid-Godon-Ausstellung "Ich wünschte" im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst (FAZ, FR) und die Ausstellung "Van Gogh, Cezanne, Matisse, Hodler. Die Sammlung Hahnloser" in der Wiener Albertina (NZZ).
Archiv: Kunst

Film

Ein Blick in Alfred Bauers "voluminöse Entnazifizierungsakte" hätte genügt, um ihn als hochrangigen Nazikulturfunktionär zu enttarnen, betont der Filmhistoriker Armin Jäger noch einmal in der Zeit (Unsere Resümees) - um dann zu schließen: "Bauer hat niemanden erschossen und niemanden in den Tod geschickt, vielleicht Menschen in den letzten Wochen vor dem Kriegseinsatz bewahrt, was bisher unzureichend belegt ist. Er gehörte zu den Millionen Deutschen, denen eine faschistische Diktatur ebenso gelegen kam wie eine Demokratie. Und da Bauer in seinem ersten Lebenslauf nach dem Krieg mit Blick auf die Sowjets ein Filmbuch von Ilja Ehrenburg preist, hätte er wohl auch im Kommunismus seinen Weg gemacht. Heute ist er weniger interessant als Namensgeber eines mittlerweile abgesagten Preises oder Direktor vergangener Filmfeste, sondern vielmehr als ein ganz normaler Nazi und der Prototyp Mensch, den sich etablierende autoritäre Systeme brauchen, um zu funktionieren."

In der taz porträtiert Christine Longin die Filmproduzentin Margarete Mengoz, die seit gestern der französischen César-Akademie vorsitzt, deren Leitung vor zehn Tagen gesammelt zurückgetreten ist und "damit auch auf Kritik von prominenten Filmschaffenden wie Bertrand Tavernier, Omar Sy oder Cédric Klapisch reagierte. Sie hatten dem Leitungsgremium in einem offenen Brief einen autoritären Führungsstil vorgeworfen, der vor allem von Präsident Alain Terzian gepflegt worden sein soll. Menegoz muss sich nun mit diesen Vorwürfen auseinandersetzen und die Filmakademie mit ihren 4.700 Mitgliedern neu strukturieren."

Derweil auf der Berlinale: Hat Wucht, aber es fehlt die Leichtigkeit: Burhan Qurbanis Döblin-Neuverfilmung "Berlin Alexanderplatz". Große Aufregung um "DAU.Natascha", den Skandalfilm des Festivals: Verfilmter Machtmissbrauch, große Filmkunst oder am Ende doch nur eine Kapitulation der Kunst? Javier Bardem hat Demenz: Sally Potters "The Roads not Taken" enttäuscht die Kritiker. All dies und vieles mehr - in der aktuellen Berlinale-Presseschau in unserem mehrfach täglich aktualisierten Berlinale-Blog.

Besprochen werden der neue, auf Netflix veröffentlichte Safdie-Brothers-Thriller "Der schwarze Diamant" mit Adam Sandler (Filmgazette, unsere Kritik hier), Guy Ritchies "The Gentlemen" (SZ) und eine Ausstellung im Berliner Filmmuseum über Robert Wienes Stummfilmklassiker "Das Cabinet des Dr. Caligari", der - wie der Dlf erinnert - heute vor 100 Jahren in die Kinos kam (taz).
Archiv: Film

Literatur

Bestseller-Autor Clive Cussler ist gestorben, meldet der Guardian.

Besprochen werden Abbas Khiders "Palast der Miserablen" (FR), Peter Handkes "Das zweite Schwert" (NZZ), Antonio Scuratis Mussolini-Roman "M. Sohn des Jahrhunderts" (SZ) und die Wiederveröffentlichung von Yukio Mishimas "Der Goldene Pavillon" (FAZ).

Mehr in unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau. Alle besprochenen Bücher und viele mehr zum Bestellen finden Sie natürlich in unserem neuen Online-Buchladen Eichendorff21.
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Archiv: Literatur

Bühne

Nach in jüngster Zeit laut gewordenen Vorwürfen gegen den Drill an Ballettschulen sucht Wiebke Hüster in der FAZ nach Erklärungen für die teils exzessiven Tanzausbildungen - deren Wurzeln sie in der ehemaligen Sowjetunion ausmacht: "Ballettmeister und Lehrer aus Osteuropa suchen seither verstärkt Arbeit im Westen. Die Generationen von Rudolf Nureyev und Mikhail Baryshnikov sind in Ballettinternaten in Russland groß geworden, haben in Stockbetten in Schlafsälen geschlafen und Kohlsuppe gegessen. Pilates oder Ernährungslehre waren Fremdwörter. Wer sich am Nachmittag auf dem Schulhof nicht so benahm, wie es die Regeln vorsahen, musste am nächsten Morgen zwanzig Minuten im Handstand stehen. In China und Russland gibt es noch immer unzählige Talente, die Tänzer, Artist oder Spitzensportler werden möchten, weshalb im Auswahlprozess nicht viel Federlesens gemacht wird. Für jedes Talent, das nicht ganz ins Schema passt - zu dick, zu klein, zu aufmüpfig -, kann ein anderes, besser an das Schema angepasstes Kind nachrücken." Im Gespräch mit der Schulleiterin Felicitas Schönau spricht Hüster über Prävention in der Tanzausbildung.

Weiteres: Für den Guardian hat sich Arifa Akbar mit den RegisseurInnen Katie Mitchell, Theresa Heskins, Andrew Sheridan und Bryony Shanahan über die Schwierigkeit unterhalten, einen Roman auf die Bühne zu bringen.

Besprochen werden die "Creations IV-VI", Choreografien von Douglas Lee, Louis Stiens und Martin Schläpfer im Opernhaus Stuttgart (FR), Deborah Hays Choreografie "Animals on the Beach" im Frankfurter Mousonturm (FR), Jens Bluhms Klaus-Nomi-Musical "Obduktion einer Kunstfigur" (taz) und Martin Kusejs Inszenierung von Theo van Goghs "Interview" am Wiener Akademietheater (SZ).
Archiv: Bühne

Design

Bild: "Sisters" Meeting of all Regions for the National Heroes Conference by Li Mubai & Jin Xuechen, 1964 

Die Geschichte chinesischer Wirtschaftspolitik lernt Nadia Sayej (Guardian) in der Ausstellung "The Sleeping Giant: Posters & The Chinese Economy" im Londoner Poster House kennen. Gezeigt werden chinesische Propaganda-Plakate der 1920er bis 2000er Jahre: "In den späten 1930er Jahren wird es dunkel, mit einer Sammlung gewalttätiger Militärplakate vor dem zweiten chinesisch-japanischen Krieg, auf denen steht: Military First - Victory First. Noch seltsamer wird es 1949, als Mao Zedong an die Macht kam und chinesische Plakate mit offenen Obertönen des sowjetischen sozialistischen Realismus hergestellt wurden . Ein Plakat aus dem Jahr 1977 zeigt einen Landarbeiter mit dem Satz: Harte Arbeit und Innovation wurzeln auf dem Land."
Archiv: Design
Stichwörter: China, Propaganda, 1920er

Musik

Für die NZZ hat sich Adrian Schräder mit Henning May, dem Sänger der Kölner Rockband AnnenMayKanterei, getroffen. Besprochen werden ein Konzert von Poliça (taz) und die Wiederveröffentlichung von Move Ds und Benjamin Brunns Elektro-Klassiker "Let's Call it a Day" von 2006, auf dem es einen geradezu "weltumarmenden Klangkosmos" zu hören gibt, schwärmt taz-Kritiker Kevin Goonewardena. Wir hören rein:

Archiv: Musik