Efeu - Die Kulturrundschau

Sakralbauten feinsinniger Außerirdischer

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.03.2020. In Berlin soll der Mäusebunker abgerissen werden, Berlins einziger, international berühmter Brutalismusbau, empört sich der Tagesspiegel. Die SZ geht vor dem schwedischen Jazzposaunisten Nils Landgren auf die Knie. Die FAZ gleicht die Corona-Tagebücher im Netz mit Samuel Pepys berühmten Schilderungen der Pest im London des 17. Jahrhunderts ab. Die Kunstkritiker gratulieren Daniel Spoerri zum Neunzigsten und hoffen auf eine schöne Telefonparty.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2020 finden Sie hier

Architektur


Links der Mäusebunker der Hänskas, rechts das Hygieneinstitut von Fehling und Gogel. Fotos von mäusebunker.de

Auf der ganzen Welt wird der Brutalismus neu entdeckt und gefeiert. Nur in Berlin, wo der Senat seit über zehn Jahren ganze Viertel in scheußlichster Investorenarchitektur hochziehen lässt, soll der einzigartige Mäusebunker abgerissen werden - die Tierversuchslaboratorien der Freien Universität, für die das Architektenpaar Magdalena und Gerd Hänska 1971 einen fantastischen Brutalismusbau entwarf. "Wenn nichts geschieht, würde damit ein auch international geschätztes Zeugnis der Berliner Nachkriegsarchitektur aus dem Stadtbild verschwinden", warnt Jonas Bickelmann im Tagesspiegel. "2019 war der Mäusebunker etwa im britischen Guardian abgebildet, zu einem Artikel über bedrohte brutalistische Bauten in aller Welt. Nur wenige Schritte entfernt findet sich ein ganz ähnlich gelagerter Fall. Das Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité stammt aus derselben Epoche und könnte ebenfalls schon bald abgerissen werden. Stilistisch mutet es ganz anders an als der Mäusebunker. Die Linien sind fließend und geschwungen, sie strahlen eine Zukunftseuphorie aus, die heute geradezu nostalgisch wirkt. Wenn der Mäusebunker einem U-Boot gleicht, so weckt das Hygiene-Institut Assoziationen an Sakralbauten feinsinniger Außerirdischer. Auch hier waren namhafte Nachkriegsarchitekten am Werk, Hermann Fehling und Daniel Gogel, von denen auch das Studentendorf Schlachtensee stammt." Beide Gebäude stehen nicht unter Denkmalschutz. Inzwischen gibt es aber eine Unterschriftenaktion zur Rettung der beiden Bauten. 

Außerdem: Eine angeregte Laura Weißmüller blättert für die SZ in alten Ausgaben von Arch+ und empfiehlt Lesern die Nachbestellung.
Archiv: Architektur

Musik

In seinem SZ-Porträt geht Thomas Steinfeld vor dem schwedischen Jazzposaunisten Nils Landgren auf die Knie. Nicht nur dessen agilen Umgang mit seinem gewichtigen Instrument schätzt er sehr: "Es gibt Szenen, vor allem nach Soli, in denen er die Posaune plötzlich mit der linken Hand nach hinten schleudert, beinahe so, als wäre er Prince, wie er die Gitarre von sich wirft." Auch spielerisch ist dieser "Virtuose" im Umgang mit der Posaune ein Traum: "Er kennt Wandlungen und Feinheiten, die man einem solchen Rohr kaum zugetraut hätte. Vermutlich wäre er in der Lage, 'Giant Steps' zu spielen, während er seine Posaune auseinandernimmt und wieder zusammenbaut." Ein aktuelles Album:



Weitere Artikel: Eine Gruppe bolivianischer Gastmusiker, einige davon minderjährig, ist im Zuge von Corona in Brandenburg in der Quarantäne gestrandet, berichtet Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Im Standard schildert Karl Fluch die momentane Lage der österreichischen Musikschaffenden. Aron Boks hat sich bei der Berliner DJ Marlene Stark erkundigt, wie sie mit der Corona-Krise und den damit verbundenen massenhaften Absagen umgeht. Youtube-Veteran Rezo gibt auf ZeitOnline allen Streaming-Anfängern, die gerade erst für sich die Möglichkeit des Live-Streamings entdecken, Hilfestellung. Steen Lorenzen spricht im Tagesspiegel mit Karl Hyde vom Electro-Duo Underworld. Außerdem spricht Gunda Bartels für den Tagesspiegel mit dem Liedermacher Manfred Maurenbrecher.

Besprochen werden Morrisseys neues Album "I Am Not A Dog On A Chain" ("ziemlich toll", meint Frank Junghänel in der FR, dessen durchaus eingedenk, dass Morrissey in den letzten Jahren mit müffelnden politischen Statements einiges an kulturellem Kapital eingebüßt hat). Waxahatchees Album "Saint Cloud" (Pitchfork), J Balvins "Colores" (Pitchfork) und Dia Lipas Album "Future Nostalgia" (Pitchfork). Daraus ein Video mit hübsch pushendem Pop:

Archiv: Musik

Film

In den USA ist Woody Allens nach einer MeToo-Kampagne beim ursprünglichen Verlag gestrichene Autobiografie "Ganz nebenbei" nun doch, wenn auch in einem anderen Haus erschienen. In Deutschland ist das Buch ab dem 28. März erhältlich. Rüdiger Suchsland hat das "von selbstironischen Bemerkungen und pessimistischer Eleganz durchtränkte", aber auch "sehr unterhaltsam geschriebene" Buch für Artechock unter besonderer Berücksichtigung der diskurswerten Passagen, die er ausführlich zitiert, gelesen. Dass Allen sich gegen die Anwürfe, seine minderjährige Tochter sexuell missbraucht zu haben, verteidigt, ist freilich keine Überraschung. Umso mehr aber, dass die diesbezüglichen Passagen nur überschaubaren Raum einnehmen. Allen spricht in eigener Sache "in ruhigen Worten, und mit Argumenten, aber inhaltlich unmissverständlich. Er versucht eine offene, vermittelnde Position einzunehmen, ist aber auch erkennbar getroffen", so Suchsland. Allerdings betone Allen auch, wie viele weibliche Hauptrollen er geschrieben und inszeniert hat, wie vielen Frauen hinter der Kamera er einen Job gegeben hat - und dass er stets dieselben Gehälter gezahlt hat wie Männern: "Für einen Kerl, der von #MeToo-Fanatikern ordentlich sein Fett weggekriegt hat, kann sich meine Bilanz für das andere Geschlecht durchaus sehen lassen."

Vor allem diese Rechtfertigungen regen FAZ-Kritikerin Verena Lueken, für die die Farrow-Passagen eine "unangenehme Lektüre" inmitten "unendlich vieler öder Geschichten" darstellen, auf: "Da schreibt einer, der gar nichts verstanden hat, von den Verhältnissen in der Industrie, in der er arbeitet, und von den gesellschaftlichen Veränderungen, als deren Opfer er sich sieht."

Weitere Artikel: Daniele Muscionico porträtiert in der NZZ die Schauspielerin Delia Mayer, die gerade im neuen (auf ZeitOnline besprochenen) Netflix-Vierteiler "Unorthodox" (hier dazu mehr) zu sehen ist. Dominik Kamalzadeh erkundigt sich im Standard bei Filmförder-Chef Roland Teichmann nach dem Stand in der Dinge der österreichischen Filmbranche in der Corona-Quarantäne. Rainer Moritz verabschiedet sich in der NZZ von der "Lindenstraße", deren letzte Folge diesen Sonntag läuft.

Außerdem: Ein Zusammenschluss Berliner Programmkinos hat ein solidarisches Crowdfunding eingerichtet, um Mittel für die Überbrückung der Corona-Tage zu akquirieren. Dazu passend: Artechock bietet ein Link-Dossier mit Hilfestellungen für Kulturschaffende, solidarischen Aktionen, Streamingaktionen, Onlinefestivals und weiteren Informationen. Auf ZeitOnline durchforstet Anke Leweke die verschiedenen Streaming-Portale nach Klassikern, Entlegenem und Bekömmlichem - besonders erlesen: die Youtube-Kanäle des Korean Film Archive und von Mosfilm, wo sich zahlreiche große Klassiker mit englischen Untertiteln finden.

Vor allem der koreanische Kanal lohnt wirklich das Stöbern. Zum Beispiel findet man dort eine Playlist mit sieben Lieblingsfilmen des Oscarpreisträgers Bong Joon-ho:

Anzeige
Archiv: Film

Kunst

In der FR gratuliert Ingeborg Ruthe dem Künstler Daniel Spoerri zum Neunzigsten: "Auch das zählt zu den Zumutungen dieser Tage: Da wird ein weltberühmter Künstler 90, aber er kann nicht mit Familie, Freunden und Gefährten feiern. ... Und so wird dieser Geburtstag am heutigen Freitag wohl eine Telefon-Party." Für die taz unterhält sich Sebastian Strenger mit dem Künstler. In der FAZ gratuliert Rose-Maria Gropp.

Außerdem: "Derzeit wird jeder Künstler, der in den letzten Jahren irgendwann einmal mit Klopapier gearbeitet hat, als Prophet gehandelt", notiert Stefan Trinks angesichts leerer Drogerieregale grimmig in der FAZ. Die Art Basel soll vom Juni auf den September verschoben werden, meldet Philipp Meier in der NZZ. Besprochen wird die Gruppenausstellung "2050 - Nature Morte, Kunst zum Klimawandel" im und um den Kunstverein am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin (taz).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Art Basel

Bühne

Heute ist Welttheatertag. Doch statt großer Bühnenkunst: "Der Vorhang zu und so viele Existenzfragen offen", seufzt Christine Dössel, die sich für die SZ in den Theatern der Republik über den Stand der Dinge informiert hat. Neben neuen Auftrittsmöglichkeiten im Netz geht die Tendenz offenbar auch dahin, es künftig etwas ruhiger angehen zu lassen. Ulrich Khuon etwa, vom Deutschen Theater, "sieht für die Zeit nach der Krise einen 'Paradigmenwechsel': 'Wir werden nicht mehr so viel in der Gegend herumjetten in der Meinung, überall gleichzeitig sein und den neuesten Theatertrend aus China genauso wie den aus Russland haben zu müssen.' Er wolle damit keinem 'nationalistischen Regionalismus' das Wort reden, das zu unterstreichen ist Khuon wichtig. 'Aber statt in die Breite wieder mehr in die Tiefe zu gehen, ist sicher nicht nur ein Verlust.'" Man kann den Theatern aber auch mit einem Quarantini zuprosten und den Welttheatertag mit dieser wunderschönen Bilderstrecke feiern, die der Guardian zusammengestellt hat.

Weitere Artikel: Im Interview mit der NZZ macht Intendant Markus Hinterhäuser wenig Hoffnung, dass die Pfingstfestspiele von Cecilia Bartoli oder die Salzburger Festspiele im Sommer stattfinden können. Alex Rühle (SZ) setzt sich in ein leeres Theater und lauscht "seiner inneren Plaudertasche".

In der FR stellt Judith von Sternburg einen digitalen Opernspielplan für die Woche zusammen, mit Verdis "Il Trovatore" an der Bayerischen Staatsoper, Erich Korngolds "Die tote Stadt" an der Deutschen Oper Berlin oder Wagners "Lohengrin" in Stuttgart. Die nachtkritik bietet wie immer einen digitalen Theaterplan, diesmal mit Schwerpunkt auf der "Taylor AG" von Franz von Strolchen am Luzerner Theater.
Archiv: Bühne

Literatur

Andrea Diener gleicht in der FAZ die überall online sprießenden Corona-Tagebücher (aber insbesondere die des Literaturhauses Graz und auf 54books.de) mit Samuel Pepys Schilderungen der Pest in London im 17. Jahrhundert ab. Und ein weiterer literaturhistorischer Vergleich kommt ihr: "Manchmal kann es einem auch vorkommen, als fungierten die Nischen des Internets als zeitgenössischer Ersatz für den Landsitz, in den Boccaccios florentinische Adelige im 'Decamerone' vor der Pest fliehen, um sich in pastoraler Umgebung Geschichten zu erzählen bis die Seuche endlich fertig gewütet hat. So wie der Garten und die frische Luft vor den Toren von Florenz eine Bühne für deftige Schwänke liefern, so bieten die diversen Internetplattformen Raum für eigene Erzählungen und Darbietungen. ... Überall wird Hausgemachtes gestreamt und gepostet, und wenn es wackelt und hallt und im Hintergrund das Kind tobt, dann ist das ziemlich egal. Inzwischen läuft ja nicht einmal mehr Netflix in voller Auflösung. Auch wenn das Leben draußen auf der Straße stillzustehen scheint - im Netz erlebt es eine große Beschleunigung."

Außerdem: Für die NZZ spricht Carmen Eller mit dem israelischen Autor Nir Baram über dessen neuen Roman "Erwachen". William Totok schreibt in der taz einen Nachruf auf den rumänischen Schriftsteller Paul Goma, der in Paris den Folgen einer Corona-Infektion erlegen ist. Der Tagesspiegel empfiehlt die zehn besten Comics, um über die Corona-Tage zu kommen. Auf Platz Eins: "Daidalos" von Charles Burns. Besprochen werden unter anderem Christine Wunnickes Erzählung "Nagasaki, ca. 1642" (FR), Marina Franks "ewig her und gar nicht wahr" (FR) und Ulla Lenzes "Der Empfänger" (SZ).

Alle besprochenen Bücher und vieles mehr finden Sie natürlich in unserem Online-Buchladen Eichendorff21. Mehr in unserem literarischen Meta-Blog Lit21 und ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
Archiv: Literatur