Efeu - Die Kulturrundschau

Hinterher eine höhere Biodiversität

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02.04.2020. In der SZ erzählt Dirigent Yoel Gamzou von seinem Projekt "7 Deaths of Maria Callas", in dem Marina Abramović und Willem Dafoe die Todesart von sieben Bühnenfiguren der Callas zeigen: vom Ersticken bis zum Tod durchs Messer. Die FAZ stellt das neue Viertel vor, das irgendwann mal auf dem Gelände des Tegeler Flughafens entstehen soll: für wohnungssuchende Menschen, Start-ups und Fledermäuse. Auf ZeitOnline erklärt der Hamburger DJ Lars Schmedeke, warum Freiberuflern eine Infektion mit dem Coronavirus derzeit mehr bringen würde als die Staatshilfen. In Frankreich hat sich rund um die Corona-Tagebücher von Schriftstellern eine Debatte über Klassenunterschiede entwickelt, berichtet der Freitag.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.04.2020 finden Sie hier

Bühne

Der Dirigent Yoel Gamzou hat noch bis gestern mit seinem Team und Marina Abramović für die Uraufführung des Opernprojekts "7 Deaths of Maria Callas" geprobt. Man habe dabei "strikt alle Richtlinien" zum Abstandhalten befolgt, versichert er im Interview mit der SZ. Zum Projekt selbst sagt er: "Während jeder der sieben Arien wird ein Film gezeigt, in dem Marina Abramović und Willem Dafoe die Todesart der betreffenden Bühnenfigur zeigen: Tod durch Tuberkulose in der 'Traviata', durch Ersticken bei 'Otello', durch Messerstiche in der 'Carmen'. Zwischen den Arien gibt es Intermezzi, in denen Marina Abramović von ihrer Sicht auf die Figuren erzählt. Musikalisch wird es starke Brüche geben durch die elektronischen Zwischenmusiken, die Marko Nikodijević komponiert hat." Aber das "Spannende wird sein, wie Marina Abramović über die Identifikation mit Maria Callas zu sich selber findet. Denn niemand will auf der Bühne sehen, wie sie Maria Callas spielt."

Die Festspiele in Bayreuth und in Erl sind abgesagt. Verständlich, findet Jan Brachmann in der FAZ. Katharina Wagner habe vor zwei Tagen "eindringlich klargemacht, dass schon die Bauproben der Bühnenarbeiter und Techniker nicht ohne körperliche Nähe ablaufen können, erst recht nicht die szenischen Proben zwischen den Solisten und die des Orchesters im Graben. Da ist an die Einhaltung von Mindestabständen nicht zu denken. Wer in diesen Tagen den Probenbetrieb fortsetzt, handelt grob fahrlässig." Reinhard J. Brembeck schlägt in der SZ vor, die Absagen zum Anlass zu nehmen, über die Zukunft der Festivals und des Klassikbetriebs überhaupt nachzudenken, "der zuletzt immer stärker der Kommerzialisierung und der Effizienz unterworfen war. Was ist seine Besonderheit? Geht es in Bayreuth und in der Klassik generell noch um mehr als Unterhaltung? Bringt die Seuche nicht auch die Möglichkeit mit sich, tiefer auf die alten Meisterwerke zu schauen, die schon Antonin Artaud auf dem Schrottplatz der Geschichte entsorgen wollte?" Im Tagesspiegel sagt Frederik Hansen ein "Walhall-Wirrwarr" durch die Verschiebungen voraus.

Woanders probt auch das Ballett noch, berichtet Manuel Brug in der Welt. Da kam schon die Polizei. "In München aber verbittet sich der nie um ein forsches Wort verlegene Intendant Nikolaus Bachler jegliche Einmischung: 'Alle selbst ernannten Blockwarte können sich also ab sofort anderen Thematiken widmen. Oder noch besser: einfach mal schweigen.' So sein O-Ton gegenüber der AZ."

Weiteres: Simon Strauß hat für die FAZ ein Streaming von Michael Grübers Inszenierung der Euripides' "Bakchen" 1974 an der Schaubühne gesehen. Heute abend kann man sich dort ab 18 Uhr mit Peter Steins Inszenierung von Gorkis "Sommergästen" von 1974 vergnügen. Auch das Schaupspiel Dortmund stellt Inszenierungen online, zwei davon von Jörg Buttgereit! Und hier der Online-Spielplan der nachtkritik.
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Literatur

Vor zwei Wochen hat Thomas Assheuer in der Zeit Uwe Tellkamp vorgeworfen, sein neues Buch sei geprägt von Verachtung und "Verbitterung darüber, dass ostdeutsche Künstler nicht mehr den gesellschaftlichen Einfluss besitzen, von dem sie glauben, dass er ihren Werken zusteht" (unser Resümee). Gehts vielleicht etwas kleiner, fragt heute Martin Machowecz, Leipziger Redakteur der Zeit. Sollen die Rezensenten doch froh sein, wenn Tellkamp Romane schreibt statt Interviews zu geben, wenn er "zu seinem Mittel greift, um an der Debatte teilzuhaben: Sollte man das nicht anerkennen, statt ihn dafür als verbitterten Ossi abzukanzeln? Die literarische Verarbeitung der Dresdner Wut, wenn sie Teil von Tellkamps lange angekündigter Turm-Fortsetzung 'Lava' würde, könnte einen echten Erkenntnisfortschritt bringen, für die ganze Republik. Schließlich hat Tellkamp in einem recht: Was in Dresden brodelte, brodelt vielerorts."

In Frankreich hat sich rund um die Corona-Tagebücher, die dort mittlerweile viele Schriftsteller für Zeitungen und Magazine schreiben, eine Debatte über Klassenunterschiede entwickelt, berichtet Romy Straßenburg im Freitag: Dass einige allzu bukolisch über den entschleunigten Alltag in ihren Landhäusern schreiben, während den auf engstem Raum eingepferchten Familien in den Großstädten die Decke auf den Kopf fällt, stößt bitter auf: "Der Schriftsteller Nicolas Mathieu ('Wie später ihre Kinder') sagt: 'Diese Art von Tagebuch war schon immer typisch für bürgerliche Literatur. Was jetzt an einigen Texten schockiert, ist der Exhibitionismus des privilegierten Lebensstils, die Manifestation der Brutalität von sozialen Unterschieden.'"

Außerdem: Vera K. Kostial gleicht auf 54books.de die großen Feuilletonaufreger des letzten Jahres mit den Bewertungen der skandalisierten Bücher auf Social-Reading-Plattformen wie Lovelybooks und Goodreads ab. Jan Küveler erklärt in der Welt, warum Iwan Gontscharows Roman "Oblomov" aus dem Jahr 1859 im Angesicht der Corona-Krise wieder aktuell ist. Die Literarische Welt hat Volker Schlöndorffs Liste mit prägenden Büchern online nachgereicht.

Besprochen werden unter anderem Paulina Czienskowskis "Taubenleben" (taz), eine von Leslie S. Klinger herausgegebene, kommentierte Luxusausgabe von Bram Stokers "Dracula" (NZZ), Max Mohrs "Frau ohne Reue" (Tagesspiegel), Paolo Rumiz' "Der unendliche Faden. Reise zu den Benediktinern, den Erbauern Europas" (SZ) und Bram Stokers erstmals auf Deutsch erscheinende Erzählung "Der Zorn des Meeres" (FAZ).
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Kunst

In der FR sorgt sich Ingeborg Ruthe um die kleineren Galerien in der Corona-Krise: "Laut einer aktuellen Umfrage des Berufsverbands Bildender Künstler (BBK) sind die finanziellen Auswirkungen der Corona-Pandemie auf ihre Existenz verheerend. Mehr als die Hälfte der Befragten verlieren demnach mehr als 75 Prozent ihres monatlichen Einkommens." Im Tagesspiegel berichtet Birgit Rieger von den Auswirkungen der Epidemie auf chinesische Künstler in Berlin. Besprochen werden die derzeit nur online zu betrachtende Ausstellung "John Heartfield - Fotografie plus Dynamit" in der Berliner Akademie der Künste (FAZ).
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Architektur

So könnte es aussehen im neuen Tegeler Quartier. Bild: Projekt Schumacher Quartier


Wenn der Tegeler Flughafen erst mal geschlossen ist, soll dort ein ganz neues Viertel entstehen, mit 5000 Wohnungen "technikaffinen Start-ups, Forschungslaboren, Bildungseinrichtungen und Industrieparks", berichtet Melanie Mühl in der FAZ. Dafür gibt es eine Tegel Projekt GmbH, deren Chef Philipp Bouteiller heißt. Es soll breite Bürgersteige, viele Radwege und Grünflächen geben. "Keine Autos im Innersten, wie in einem Schweizer Skidorf. Geparkt wird in Mobility-Hubs. ... Und die Natur? Kann man ein neues Quartier bauen, das hinterher eine höhere Biodiversität hat als vorher? 'Ja, es funktioniert', sagt Bouteiller. Kleine Kniffe führten zur erstaunlichen Habitaten. Lässt man etwa beim Bau der Häuser größere Übergänge zwischen Fassade und Dach, können Fledermäuse durch diese Lücken schlüpfen. Nistkästen für Vögel, begrünte Dächer und Pflanzen, die bestimmte Insekten anziehen, bereichern die ökologische Vielfalt. Man nennt das 'Animal-Aided Design'." Das wäre allerdings seit Jahrzehnten das erste Mal, dass sich in Berlin etwas anderes durchsetzen könnte als einfallslose Investorenarchitektur.

Gerhard Matzig lässt sich für die SZ von der Münchner Architektin Christine Nickl-Weller erklären, wie man gute Krankenhäuser baut, mit denen man auch Epidemien bewältigen kann: 'Gute Krankenhäuser', sagt sie, 'funktionieren wie Lego, man kann sie modular konzipieren und dann immer von Fall zu Fall erweitern oder reduzieren. Das ist etwas ganz anderes als das, was in Deutschland üblich ist'."
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Film

Dass Netflix so erfolgreich ist, liegt auch daran, dass der Streaminganbieter sich durch ein erheblich diverses Programm auszeichnet und damit Märkte anspricht, die Kino und TV bis dahin ignorierten, erklärt Hernán D. Caro online nachgereicht in der FAS: "Dabei erschließt sich Netflix, wie es eben im Lehrbuch für marktwirtschaftliche Diversifizierung steht, zwar immer speziellere Zielgruppen, aber eben immer mit Geschichten, die von universellem Interesse sind." Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist das, trotz des Anspruchs, ein Programm für alle zu machen, noch nicht angekommen: "Diversität ist hier alles andere als selbstverständlich - und wenn ein 'migrantischer' Schauspieler mal nicht einen Gangster oder einen Flüchtling spielen muss, sondern einen Polizisten spielen darf, ist das nicht nur die Ausnahme, sondern wird dann auch entsprechend inszeniert, damit es auch ja alle mitbekommen, wie fortschrittlich das ist." In der taz befasst sich Stefan Hochgesand mit Streamingtrends in Sachen Diversität und stellt fest: "Streamingserien, deren zentrales Thema nicht Queerness ist, zeigen trotzdem queere Charaktere, mit einer lockeren Selbstverständlichkeit."

Dani Levys Verfilmung von Marc-Uwe Klings Bestseller "Känguru-Chroniken", auf dem Weg zum Kinohit vom Coronavirus abgewürgt, wird jetzt für die Dauer des Kino-Lockdowns per Streaming ausgewertet. Eine filmpolitische Sensation, erklärt Hanns-Georg Rodek in der Welt: Nach den Richtlinien der Filmförderung wäre eine solche Auswertung erst in einigen Monaten möglich gewesen. "Dafür benötigte es einen Dispens, wie ihn eigentlich nur der Papst erteilen kann, und der Vatikan im deutschen Film ist die Filmförderanstalt (FFA), welche die Ausnahmegenehmigung erteilt hat. ... Der Deal geht noch viel weiter auf unerforschtes Territorium. Wenn die Ausgehsperre irgendwann aufgehoben ist, soll das 'Känguru' nämlich ins Kino zurückkehren,als sei dazwischen nichts gewesen."

Außerdem: In der FAZ stellt Nina Rehfeld den auf Kurzfilme spezialisierten Streamingdienst Quibi vor. Im Cargo-Podcast erzählen Bert Rebhandl und Alexander Horwarth einander, wie sie die Corona-Tage filmisch überbrücken. Außerdem blättert Bert Rebhandl für Cargo die Filmkritik-Ausgabe vom März 1970 durch.

Besprochen werden Savaş Ceviz' on demand ausgewerteter Film "Kopfplatzen", in dem Max Riemelt einen an seinen pädophilen Neigungen zerbrechenden Mann spielt (taz), Woody Allens Autobiografie "Ganz nebenbei" (Standard), Keith Behrmans auf DVD erschienener Film "Giant Little Ones" (taz) und George Nolfis auf Apple Plus ausgewerteter Film "The Banker" (SZ).
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Musik

Auf ZeitOnline erklärt der Hamburger DJ Lars Schmedeke, warum Freiberuflern seiner Branche eine Infektion mit dem Coronavirus derzeit mehr bringen würde als die Staatshilfen zur Überbrückung der momentanen Krise: Manche Bundesländer - Hamburg und Berlin bilden hier glorreiche Ausnahmen - gestatten mit den zur Verfügung gestellten Mitteln lediglich das Bezahlen laufender Kosten, aber nicht die Deckung des eigenen Lebensunterhalts. Wen aber "das Gesundheitsamt unter Hausarrest stellt, der wird nach dem tatsächlichen Verdienstausfall entschädigt. Eine Infektion mit dem Coronavirus als wirtschaftlich sinnvollste Option - das ist doch an Absurdität kaum zu überbieten."

Außerdem: In einem online von der FAZ nachgereichten Artikel porträtiert Jan Wiele die Kings of Convenience, die sich als aufs Zuhausebleiben spezialisierten Indiepopper derzeit gut als Vorbild anbieten. Thomas Mauch gratuliert der Berliner Musikerin Christiane Rösinger in der taz zum Erhalt des Rio-Reiser-Stipendiums. In der NZZ findet Adrian Schräder das neue Album von The Weeknd viel zu brav und routiniert.
Archiv: Musik
Stichwörter: Coronavirus, Coronakrise