Efeu - Die Kulturrundschau

Der Stoff, aus dem das Internet ist

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09.05.2020. Im Pophistory-Blog analysiert Florian Völker das Image des kühlen Deutschen, das Kraftwerk so perfekt inszenierten. Die Berliner Zeitung schildert das große Rätselraten der Kinobetreiber, die versuchen, die Corona-Richtlinien zu verstehen. Bei 54books würdigt Christian Johannes Idskov den verstorbenen dänisch-palästinensische Dichter Yahya Hassan. In der Welt schreibt Madame Nielsen den Nachruf. In Berlin geht der Me Collectors Room des Sammlers Thomas Olbricht, dafür kommt ein Samurai Museum, meldet der Tagesspiegel.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2020 finden Sie hier

Musik

Kaum einer der zahlreichen Nachrufe auf Florian Schneider von Kraftwerk kam auf das Image der "kühlen Deutschen" zu sprechen, merkt Kälte- und Pophistoriker Florian Völker im Pophistory-Blog an. Dabei liege in dieser Image-Prägung ein maßgebliches Verdienst: "Kraftwerks (und auch Rammsteins) Bild des gefühlslosen Teutonen ließ sich nur schwer mit dem verbreiteten 'Wir sind wieder wer'-Narrativ vereinbaren, das durch den Zusatz '…mit dem man sich besser nicht anlegt' genau jene historischen Assoziationen hervorruft, denen man durch Pop doch entkommen wollte. Der von Florian Schneider zusammen mit Ralf Hütter unternommene Versuch, sich diesem Stereotyp auf künstlerisch-spielerische Art zu nähern, während man gleichzeitig stets auf den 'europäischen' Charakter der eigenen Identität verwies, blieb daher so einzigartig wie einschneidend."

Ole Schulz erklärt in der taz, was es mit dem Brega Funk auf sich hat, der in Brasilien gerade durchschlägt: "Aus Belém an der Amazonasmündung, ganz hoch im Norden, kam der romantisch-kitschige Brega und dazu kamen karibische Rhythmen, aus den Favelas von Rio de Janeiro im Süden der scheppernde Elektro des vom Miami Bass beeinflussten Baile Funk. Die Mischung aus Funk-Raps und dem Synth-Pop vom Amazonas ergab, zumeist auf dem Gerüst des Dembow-Rhythmus, den Brega Funk." Zu den wichtigsten Protagonisten der Szene zählt Dadá Boladão.

Weitere Artikel: In der Türkei ist mit Ibrahim Gökçek nach Helin Bölek nun ein zweites Mitglied der AgitProp-Band Grup Yorum den Folgen eines Hungerstreiks im Protest gegen ein vom türkischen Staat verhängtes Auftrittsverbot erlegen, meldet Tomas Avenarius in der SZ. Für die Berliner Zeitung spricht Birgit Walter mit der Sängerin Anna Depenbusch. Michael Schleicher spricht für die FR mit Klaus Doldinger. Besprochen werden Blake Mills' "Mutable Set" (Pitchfork), Avishai Cohens neues Album "Big Vicious" (Standard) und das Album "Amazones Power" von Amazones d'Afrique (taz). Wir hören rein:

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Film

Die Kinobetreiber haben gerade alle Hände voll zu tun, die undurchsichtigen Ansagen und Richtlinien seitens der Bundes- und Landesregierungen zu entschlüsseln, schreibt Claus Löser, selbst Kinobetreiber, in der Berliner Zeitung. "Großes Rätselraten" macht sich breit. Dennoch "bleibt in den Kinos, bei den Verbänden und in der gesamten Branche die Stimmung erstaunlich gefasst. Niemand drängt auf eine Rückkehr zum Tagesgeschäft um jeden Preis. Weil offenbar das Bewusstsein vorliegt, dass dieser Preis ziemlich hoch sein könnte. Die meisten Kollegen wissen um die Zerbrechlichkeit der offenen Räume, die von ihnen verteidigt werden. Umso beflügelnder sind deshalb Signale von Außen." Dazu zählt etwa die Aktion der "Systemsprenger"-Macher: Der Film kann morgen für 9,99 Euro gestreamt werden - ein Drittel des Erlöses kommt einem Kino eigener Wahl zugute.

Weitere Artikel: Sabine Horst befasst sich auf epdFilm mit dem weltweiten Erfolg des Anime-Stils. Björn Hayer schreibt im Freitag über die Renaissance des Autokinos. Besprochen werden die DVD-Edition "Der neue Mensch" mit sowjetischen Spiel- und Kurzfilmen aus den Jahren 1924 bis 1932 (Filmdienst), May el-Toukhys Erotikdrama "Königin" (SZ, Kinozeit) und die Netflix-Serie "The Eddy" (ZeitOnline).
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Stichwörter: Coronakrise, Kinokrise, Netflix

Literatur

Als der dänisch-palästinensische Dichter Yahya Hassan vor wenigen Jahren seinen ersten Gedichtband veröffentlichte, war das Aufsehen auch hierzulande groß. Die hierzulande veröffentlichten Nachrufe nach seinem überraschenden Tod vor kurzem (im Alter von gerade mal 24 Jahren) fielen dann allerdings doch eher knapp aus. Ein Gegengewicht dazu bietet dieser von 54books auf Deutsch veröffentlichte Essay von Christian Johannes Idskov, der Hassans Werk ausführlich würdigt. Hassans Gedichte waren "von einer an subjektzentrierte Lyrik erinnernden Verbrecherattitüde angetrieben, die mit einem singenden, zornerfüllten Koranvokal und überraschenden, provokanten Bildfindungen das Einwanderermilieu mit sozialer Unterdrückung und patriarchaler Gewalt verkoppelte. ... Mit am Interessantesten an Yahya Hassan sind seine Versuche, sich immerzu von den Fesseln, die ihn gefangen nehmen wollten, loszureißen. Auf paradoxe Art ist er immer gewesen, was sich die liberale Gesellschaft für das moderne Individuum erträumt hat: Er hat gegen seinen sozialen Hintergrund und sein Erbe aufbegehrt, den kulturellen Verbindungen, die ihm bei Geburt mitgegeben wurden, ist er ausgewichen, ebenso hat er sich einer rücksichtslosen und unbedingten Neuerfindung hingegeben: ja, größtenteils allen Arten der Befreiung, die wir aus der spätkapitalistischen Gesellschaft kennen." In der Literarischen Welt würdigt Madame Nielsen den Dichter. Im Perlentaucher hatten wir seinerzeit einige seiner Gedichte als Leseprobe veröffentlicht.

Wie schreibt man literarisch über eine Vergewaltigung? Dieser Herausforderung hat sich Inès Bayard in ihrem Buch "Scham" (hier eine Rezension im Spiegel) gestellt. Klar war ihr dabei, erzählt sie im Gespräch mit der Literarischen Welt, dass die ästhetische Strategie der Weglassung und Leerstelle für sie nicht in Frage kam. Bei Recherchen ist sie "auf Foren gestoßen, in denen Frauen ihre Missbrauchserfahrungen schildern. Diese Frauen hatten so eine harte, klare Sprache. Das war so explizit, ganz anders als das, was man in der Presse gelesen hat. In Zeitungen werden oft nur kleine Sätze oder einzelne Wörter aus den Originalberichten zitiert. Oft bleibt da von der eigentlichen Vergewaltigung, dem Missbrauch oder der Belästigung sprachlich kaum etwas übrig."

In der Coronakrise zeigen sich die Grenzen vieler gängiger erzählerischer Stoffe und Strategien, schreibt Lars Weisbrod in der Zeit. Die Krisengewinnerin ist für ihn - nach Lektüre von Dietmar Daths großem Abriss "Niegeschichte" - die Science-Fiction, die heute mehr denn je lebendig zu uns spricht und mit der Lebenswirklichkeit korrespondiert - einfach, weil sie nicht nur über das Denkbare, aber Unmögliche schreibt, sondern über das Reale, das undenkbar erscheint: "Sie ist keine Kunstform ausschließlich für die Mint-Fächer, die sich in Logikrätseln und Laserpistolen erschöpft. Entgegen allen Vorurteilen lässt sich auch entlang von Gesellschafts- und Geisteswissenschaften hervorragend fantastisch erzählen. Dass zum Beispiel die Fußball-Bundesliga einfach ausfällt, war auch undenkbar - möglich ist es trotzdem, wie wir nun wissen. Die Science-Fiction funktioniert, egal wo man sie anschließt, als ein erkenntnistheoretischer Apparat, der unseren Verstand entlastet, wenn der an seine Grenzen stößt. Sie ist ein Beatmungsgerät fürs Denken."

Weitere Artikel: Im Dlf sprechen Miriam Zeh und Perlentaucherin Thekla Dannenberg ausführlich über die Gerichtsreportagen von Paul Schlesinger und Gerhard Mauz. Paul Jandl erzählt in der NZZ die Geschichte des Baron Münchhausen - des echten wie der literarischen Figur. In der Langen Nacht des Dlf Kultur befassen sich Vera Teichmann und Harald Krewer mit der Dichterin Nelly Sachs. Die Tränen steigen Krimiautorin Simone Buchholz in die Augen, wenn sie die Tapferkeit und Solidarität sieht, mit der auf ihrem Kiez St. Pauli gerade zum Teil am Existenzminimum und schon jenseits davon der Coronakrise getrotzt wird: "Noch sind sie alle da", schreibt sie in der taz: "Aber in manchen Seelen und Existenzen wird es Stück für Stück dunkler. Das Licht droht zu erlöschen."

Besprochen werden unter anderem Mary MacLanes im frühen 20. Jahrhundert verfasste Tagebücher (SZ), Katja Bohnets Thriller "Fallen und Sterben" (Freitag), Moritz von Uslars "Nochmal Deutschboden" (Berliner Zeitung), Barbara Sichtermanns Biografie über Agatha Christie (Freitag), Anne Enrights "Die Schauspielerin" (Dlf Kultur), Niklas Maaks "Technophoria" (taz) und Monika Helfers "Die Bagage" (FAZ).
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Archiv: Literatur

Kunst

Der Kunstsammler Thomas Olbricht löst seinen Me Collectors Room in der Berliner Auguststraße auf, der sein zehnjähriges Jubiläum gerade mit der Schau "Moving Energies" feiert, und geht mit seiner Kunstsammlung nach NRW zurück, meldet Christiane Meixner im Tagesspiegel. In die leeren Räume zieht jetzt der Berliner Peter Janssen mit einem Samurai Museum. Janssen, erzählt Meixner in einem zweiten Artikel, besitzt mit "rund 40 Rüstungen, 200 Helmen, 150 Masken und 160 Schwertern einen inzwischen singulären Schatz. Nur im texanischen Dallas gibt es eine vergleichbare Sammlung mit Exponaten über das Leben, die Riten und ästhetischen Vorstellungen der legendären japanischen Krieger. Berlins Asiatisches Museum verfügt über nichts Vergleichbares, seine bescheidenen Exponate zum Thema verschwanden nach 1945 als Kriegsbeute nach Russland."

Der jüngste Entwurf von Peter Zumthor für das Lacma. Hier ein Foto vom alten Gebäude


In Los Angeles formiert sich Widerstand gegen den Abriss des Lacma, das Museumsdirektor Michael Govan gern von Peter Zumthor neu bauen lassen würde, berichtet in der FAZ Niklas Maak. Tatsächlich hat Govan mit dem Abriss schon begonnen, lesen wir bei Dezeen, das die Abrissfotos von Monica Nouwens veröffentlicht. Inzwischen haben sechs Architekturbüros neue Vorschläge für das Lacma gemacht: Barkow Leibinger, Berlin; Coop Himmelb(l)au, Vienna; Kaya Design, London; Paul Murdoch Architects, Los Angeles; Reiser + Umemoto, New York City; und TheeAe (The Evolved Architectural Eclectic), Hong Kong. Die Entwürfe, die zum Teil noch an das alte Gebäude andocken, kann man sich auf der Webseite Lacma not LackMA ansehen.

Weiteres: Ein glücklicher Alexander Menden macht für die SZ einen Spaziergang durch einige wiedereröffnete Museen in NRW: den Düsseldorfer Kunstpalast, das K20, K21 und das Neanderthal-Museum in Mettmann, östlich von Düsseldorf. Besprochen werden eine Werkschau des Fotografen Umbo in der Berlinischen Galerie (die dritte Wiederentdeckung, konstatiert Bernhard Schulz im Tagesspiegel), die Ausstellung "En passant" im Frankfurter Städel (FR), die Ausstellung "Herkules - Unsterblicher Held" im Kurpfälzischen Museum in Heidelberg (FAZ) und eine Ausstellung von Annette Kelm, die im Museum Frieder Burda Fotografien von Werken zeigt, die am 10. Mai 1933 von den Nationalsozialisten verbrannt wurden (FAZ).
Archiv: Kunst

Bühne

Katharina Köth: Die härteste Tochter Deutschlands. DT. Foto: Roman Kuskowski

Katharina Köth erzählt in ihrem Stück "Die härteste Tochter Deutschlands", wie in ihrer Facebook-Timeline plötzlich ein Video ihres Vaters aufploppte, der hassverzerrt Verschwörungstheorien, Nazisprüche und Reichsbürgerparolen ausspuckte. Schock. Eigentlich sollte das ganze im Deutschen Theater aufgeführt werden, aber wegen Corona läuft die Inszenierung von Sarah Kurze jetzt im Netz, wo Esther Slevogt sie für die taz angeguckt hat. Die Figuren werden von drei Schauspielern abwechselnd gesprochen, vier Screens unterteilen den Bildschirm mit Sprechern, Musik, Wikipediaschnippseln: "Es ist ein schnelles Switchen zwischen Gedanken, Sätzen, Bildern, die wohl die große Diffusion und Disruption abbilden sollen, die das Internet als Zumutung für ein einziges Bewusstsein auch darstellen kann - besonders in diesem merkwürdigen Bias, das für das Leben dieser Tage kennzeichnend ist: zwischen der eigenen Reduktion auf das enge private Umfeld und dem täglich zu sortierenden Bild- und Info-Chaos aus dem Internet. ... Manchmal laufen auch nur grüne Datencodes tsunamihaft über den Bildschirm. Denn das ist der Stoff, aus dem das Internet ist."

Nachtkritikerin Gabi Hift hätte das Stück sehr viel lieber im Theater gesehen: "Politische Entfremdung, Kontaktabbruch, Isolation - das tiefe Entsetzen, das im Kern dieser Geschichte steckt, kann über eine Videoschaltung nicht erlebt werden. Um sich einer solchen Drastik auszusetzen, bräuchte es einen Schutzraum, für die Schauspieler*innen und fürs Publikum. Es bräuchte ein physisches Theater, das selbst eine solche Gemeinschaft darstellt, die schützt, einfach dadurch, dass Menschen bereit sind, sich zusammen solchen Ängsten zu stellen."

In der FAZ berichtet Jan Brachmann von einem - auf neuesten Erkenntnissen über die Luftströme von Blasinstrumenten basierenden - Vorschlag mehrerer Berliner Mediziner, wie der Orchesterbetrieb wieder aufgenommen werden könnte. "Für den Proben- und Spielbetrieb von Orchestern würden anderthalb Meter Abstand zwischen Streichern, Schlagzeugern und Spielern von Tasteninstrumenten genügen. Bläser sollten einen Abstand von zwei Metern einhalten, Blechbläser durch Plexiglasscheiben von den Menschen, die vor ihnen sitzen, abgeschirmt werden. Kondenswasser bei Blasinstrumenten müsse mit Einwegtüchern aufgefangen und entsorgt werden. Ansonsten gelten die üblichen Regeln: kein Handkontakt, Hustenetikette, häufiges Händewaschen, Mundschutz außerhalb des Podiums, gründliche Raumreinigung."

Auch bei BR Klassik hat man die Studie gelesen und atmet erleichtert auf: "Instrumentalisten und Sänger haben kein höheres Infektionsrisiko als Personen, die sich im gleichen Raum befinden und miteinander sprechen. Abstände von mehr als zwei Metern sind daher nicht nötig. Das bedeutet zwar, dass es wohl zu Corona-Zeiten aus Platzgründen keine großen Orchesterbesetzungen geben wird. Doch die Studien zeigen: Hygienekonzepte, die einen Proben- und Konzertbetrieb in Corona-Zeiten wieder ermöglichen könnten, sind umsetzbar."

Weitere Artikel: In der taz berichtet Thorben Ibs über etwas schwerfällige Diskussionen unter Theaterschaffenden, wie Theater im Netz aussehen könnte, wenn man sich überhaupt darauf einlässt. Und Jan-Paul Koopmann erzählt am Beispiel der Abfilmung einer Inszenierung von Heinrich Heines Gedicht "Deutschland. Ein Wintermärchen" am Jungen Theater Göttingen, wie schwierig das im konkreten Fall sein kann. Im heutigen konservativen Russland eine Oper wie Rodion Schtschedrins "Lolita" - nach dem Roman von Nabokov - aufzuführen, ist ein enormes Wagnis. Ausgerechnet der putinfreundliche Dirigenten Valery Gergiev hat es am Mariinskj auf sich genommen, erzählt in der NZZ Marco Frei, der hofft, dass es trotz Corona im Herbst wieder Aufführungen gibt. In der FR hofft Judith von Sternburg auf die Saison 20/21 der Oper Frankfurt.
Archiv: Bühne