Efeu - Die Kulturrundschau

Da beginnt die Wurstigkeit

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08.05.2020. Wird es nach Corona noch den alten Konzert-Jetset geben, fragt das Van Magazin. Die NZZ sieht ein neues "Zeitalter der Dezenz" auf den Theaterbühnen heranrauschen. Damn Magazine blättert sich durch den catalogue raisonné der Wandzeichnungen von Sol LeWitt. Der Tagesspiegel fragt: Wann dürfen die Kinos wieder öffnen? Und er fordert er eine Neustrukturierung der Preußenstiftung. In der SZ erklärt der Fotograf Lois Hechenblaikner, wie die cleveren Bergbauern in österreichischen Apres-Ski-Orten die kalten, geizigen, neidischen, saufenden deutschen Touristen abmelken.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2020 finden Sie hier

Musik

Bei den Musiker der New Yorker Met herrscht Land unter, berichtet Jeffrey Arlo Brown im VAN Magazin: Seit Ende März befinden sie sich im unbezahlten Zwangsurlaub. Für manche geht es mittlerweile an die Substanz: "Ein Blechbläser, der seit 25 Jahren an der Met spielt, lebt jetzt von Arbeitslosenhilfe und seinen Ersparnissen, Geld, das er eigentlich als Altersvorsorge beiseitegelegt hat. ... 'Wenn die Krise noch bis Januar oder Februar andauert, muss ich mir wirklich überlegen, ob ich in New York bleiben und zurück an die Met gehen kann, oder ob ich mir irgendwo anders einen Job suchen muss', meint der Musiker. 'Ich habe Kinder, die gerade aufs College gehen. Irgendwann wird es darum gehen, irgendwie die Rechnungen zu begleichen und noch ein Dach überm Kopf zu haben.'" Ebenfalls in VAN erkundigt sich Albrecht Selge bei einem Klassikkonzert-Junkie, wie es ihm beim coronabedingten Entzug geht.

Hierzulande stellen sich die Konzertbetriebe derzeit auf den Exit ein, berichtet Michael Stallknecht in der SZ. Unterfüttert werden sie von einer Studie der Berliner Charité, "nach der zwischen Streichern ein Abstand von 1,50 Metern, bei Bläsern zwei Metern und der Einsatz eines Spuckschutzes aus Plexiglas ausreichen." Daneben gibt es Pläne, auch im Publikum für Abstand zu sorgen: "Verkürzung der Konzerte auf eine gute Stunde ohne Pause, Vergabe der vorab online gebuchten Sitze mit großen Abständen, keine Garderoben, dafür mehr Toiletten, die nach jedem Besucher desinfiziert werden. ... Das barocke und frühklassische Repertoire, das häufig ohne Chor und mit kleineren Orchestern auskommt, wird wohl gestärkt aus der Krise hervorgehen."

Außerdem läuft  auf VAN mittlerweile eine Debatte unter Konzertagentur-Betreibern (hier und dort), ob man nach Corona überhaupt noch in den alten Konzert-Jetset, bei dem Musiker sich gefühlt länger über den Wolken als in Konzertsälen aufhalten, zurückfallen kann. Einigermaßen unsinnig finden Verena Vetter und Dennis Gerlach die Vorstellung, dass es künftig zurück zur Scholle gehen soll: Halbe Weltreisen mögen mit Blick aufs Klima absurd wirken, "wenn es jedoch um interpretatorische Feinheiten geht, die Dirigent:innen an jener Sängerin oder jenem Sänger schätzt und sich in das restliche Ensemble besonders gut einfügen, so wird die Anreise künstlerisch notwendig. Die Interpret:innen sind nichts ohne die Werke - aber das gilt auch umgekehrt! ... Wer pauschal auf lokale Künstler:innen setzen will, läuft Gefahr, im künstlerischen Mittelmaß zu enden."

Weiteres: Berthold Seliger liefert im Neuen Deutschland Hintergründe zu den Werken von Karl Amadeus Hartmann, Dmitri Schostakowitsch und Marko Nikodijević, die gestern Abend zum 75. Jahrestag des Siegs der Allierten über die Deutschen in der Berliner Philharmonie gespielt hätten werden sollen. In der VAN-Reihe über Komponistinnen schreibt Arno Lücker über Louise Bertin. Hans-Jürgen Linke (FR) und Michael Ernst (NMZ) gratulieren Keith Jarret zum 75. Geburtstag. Stefan Michalzik (FR) und Thomas Kramer (Presse) schreiben Nachrufe auf den Kraftwerk-Musiker Florian Schneider (weitere Nachrufe hier). Arte hat aus diesem Anlass eine Doku über Kraftwerk und die Kunst auf Youtube gestellt:

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Architektur

Im Tagesspiegel gratuliert Bernhard Schulz den Basler Architekten Herzog & de Meuron zum Siebzigsten: "Fast unheimlich ist es, dass die beiden Architekten nicht nur seit 1978, also mittlerweile 42 Jahre, harmonisch zusammenwirken, sondern den Geburtsort Basel und (fast) das Geburtsdatum teilen: Herzog kam am 19. April 1950 zur Welt, de Meuron knapp drei Wochen später am 8. Mai. Dass sie nicht nur zur gleichen Zeit an der ETH Zürich studierten - von 1970 bis zum Diplom 1975 bei denselben Professoren -, sondern sich schon zu Grundschulzeiten kannten, trägt zum Bild dieser Architekturzwillinge bei."
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Stichwörter: Herzog & de Meuron

Kunst

Nicola Kuhn kommt  im Tagesspiegel nochmal auf den blamablen Abzug der Flick-Sammlung aus Berlin zu sprechen, der sich für sie aus Kompetenzchaos und Kapitulatioon vor Investoren erklärt und für sie das vorläufige Ende vom Traum von Berlin als Kunststadt bedeutet: "Dass Udo Kittelmann seinen Posten als Chef der Nationalgalerie im Herbst verlässt, während es das Museum des 20. Jahrhunderts einzurichten gilt, die Schlüsselübergabe für den sanierten Mies van der Rohe-Bau bevorsteht, der Hamburger Bahnhof ohne die Sammlung Flick neu zu ordnen ist, wirft kein gutes Licht auf die Situation an den Staatlichen Museen. Höchste Zeit, dass sich bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz die Strukturen ändern. Wozu braucht es einen Generaldirektor, den man in dieser Eigenschaft nur repräsentieren sieht?"

Cristina Guadalupe Galván blättert sich für das Damn Magazine durch den kompletten catalogue raisonné der Wandzeichnungen von Sol LeWitt: "Konzeptkunst war eine Reaktion auf den abstrakten Expressionismus, oder besser gesagt, auf das, was der Kunst durch den abstrakten Expressionismus und seine Modifikation widerfahren war", schreibt sie. "Was mit dem Modernismus im Allgemeinen (wie in der Architektur) geschah, geschah auch hier - er war zum Stil des Empire - also von Corporate America - und des Kalten Krieges geworden. Es war eigentlich die CIA, der hinter dem kometenhaften Aufstieg der amerikanischen Abstraktion stand. Seit der Gründung der CIA im Jahr 1947 bezog die Organisation die Spritzer, Tropfen und Farbfelder der Kunstbewegung in den Kampf gegen die Sowjetunion mit ein. Und so wollten junge Künstler den Stil, der bald zur Karikatur seiner selbst wurde, imitieren und malen. Aus diesem Grund begannen einige Künstler, sich an anderen Orten inspirieren zu lassen. Sol war, wie Andy Warhol in den 50ern, dem Höhepunkt des abstrakten Expressionismus, nicht zu 100 Prozent in der bildenden Kunst tätig; er arbeitete eigentlich als Grafiker für 17 Magazine (Warhol war ein Werbegrafiker), und dann bekam er einen Job als Zeichner bei dem Architekten I.M. Pei. Es ist interessant darüber nachzudenken, wie viel Einfluss diese frühen Jobs auf die Kunst hatten, die die beiden Künstler später ausüben würden."


Im Interview mit der SZ erklärt der Fotograf Lois Hechenblaikner, wie die cleveren Bergbauern in Apres-Ski-Orten wie Gröden, Saalbach-Hinterglemm oder Ischgl die kalten, geizigen und neidischen deutschen Touristen auf die richtige Betriebstemperatur zum Melken bringen: "So ein deutscher Tourist braucht einen Anschubser, damit er loslässt. Den Deutschen musst du einstellen zwischen 0,5 und einem Promill, da beginnt die Wurstigkeit, und dann kannst du ihn abmelken. Dieses serielle Auf-Betriebstemperatur-Bringen, Tag für Tag, das haben gewisse Après-Ski-Wirte auf die Spitze getrieben. Das ist ja nicht kriminell, sondern eher so in Richtung bissl diabolisch."

Weitere Artikel: Giovanna Manzotti klettert für das Mousse-Magazine auf den Hügel Saint-Barthélémy in Nizza, um in der Villa Arson die Ausstellungen (hier und hier) der Artists in Residence Sol Calero und Zora Mann zu sehen.

Besprochen werden die Monet-Ausstellung im wiedereröffneten Potsdamer Museum Barberini (Zeit online), die Statuen-Ausstellung "En passant" im ebenfalls wiedereröffneten Frankfurter Städel (FAZ) und Stefan Koldehoffs und Tobias Timms Buch "Kunst und Verbrechen" (Standard).
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Literatur

Die Literaturzeitschriften Edit, Figurationen und Wespennest befassen sich derzeit mit Fragen des Essays, stellt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel fest. In der SZ vermisst der Schriftsteller Lutz Seiler seine Lieblingskneipe in Stockholm.

Besprochen werden unter anderem Khaled Khalifas "Keine Messer in den Küchen dieser Stadt" (Dlf Kultur), neue Bücher von Rachel Cusk (Standard), Heiko Christians' "Wilhelm Meisters Erbe. Deutsche Bildungsidee und globale Digitalisierung" (Freitag), Wilma Geldofs "Reden ist Verrat" (Tagesspiegel), Lars Gustafssons und Agneta Blomqvists "Doppelleben" (SZ) und neue Sachbücher, darunter Gérard Raulets "Das befristete Dasein der Gebildeten. Benjamin und die französische Intelligenz" (FAZ).
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Stichwörter: Digitalisierung

Bühne

In der NZZ sieht Michael Stallknecht ein neues "Zeitalter der Dezenz" auf den Theaterbühnen heranrauschen: kein Kuss, kein Raufen, kein sich zusammen auf dem Boden wälzen. Aber was soll's: "Mögliche ästhetische Vorbilder für das künftige Corona-Theater lassen sich freilich in vielen Theaterkulturen finden, etwa im japanischen Nō, in dem vor dem Hintergrund einer distanzbewussten Samurai-Gesellschaft körperliche Berührungen immer schon verpönt waren. Auch in der europäischen Barockoper hätte unwürdiges Gezerre am Spitzenärmel der Spielpartnerin fraglos das Dekorum verletzt. Duette sind hier sowieso selten, und das Aufeinanderlegen zweier Hände galt bereits als Höhepunkt erotischer Nähe."

Im Interview mit dem Tagesspiegel erklärt Yvonne Büdenhölzer, die mit ihrem Team erst das analoge, dann das virtuelle "Berliner Theatertreffen" vorbereitet hat, warum sie letzteres eigentlich sehr sinnvoll findet, um Barrieren zu überwinden: "Man kann einschalten, aber auch wieder ausschalten, wenn es einem nicht gefällt. Dadurch wird Theater leichter zugänglich. Beim virtuellen Theatertreffen gibt es auch ein Live-Diskussionsformat, bei dem Zuschauerinnen und Zuschauer über Twitter Fragen stellen können. Das wird sehr gut angenommen." Die nachtkritik streamt heute im Rahmen des Theatertreffens "The Vacuum Cleaner" von Toshiki Okada.
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Film

Szene aus "Dau. Nora Mother" 

Zur Berlinale gab es rund um Ilya Krzhanovskys in vielen Jahren entstandenes, nun mehr 17 Filme umfassendes Mammutprojekt "Dau" großes Theater. Dass die Filme nun nach und nach auf einem Online-Portal ihren Weg an die Öffentlichkeit finden, davon nimmt hierzulande indessen kaum jemand Notiz, wundert sich Jochen Werner im Perlentaucher. Mit "DAU.Nora Mother" liegt hier nun, nach "DAU. Natasha", ein weiteres "so komplexes wie schmerzhaftes Porträt einer Beziehung zweier Frauen" vor und auch die Titelfigur Dau selbst darf in einem weiteren Film endlich in Erscheinung treten. "Eine Schlüsselfunktion in der Konstruktion dieses Ganzen scheint dem achteinhalbstündigen Film 'DAU. The Empire' zuzukommen, der über einen Zeitraum von anderthalb Dekaden philosophische, literarische und politische Gespräche zwischen Dau und dem Institutsleiter Anatoli Krupitsa, gespielt vom russischen Theatermacher Anatoli Vassiliev, protokolliert. In vier 'Novels' aufgeteilt, macht sich 'The Empire' eine literarische Form zueigen, und man darf gespannt sein, welchen Bogen Krzhanovsky hier spannen wird.

Christiane Peitz vom Tagesspiegel vermisst in den aktuellen Berliner Lockerungsterminen und -plänen konkrete Ansagen zum Kino, geschweige denn überhaupt ein Zuständigkeitsbewusstsein bei Wirtschaftssenatorin Ramona Pop - Kinos fallen schließlich nicht ins Ressort des Kultursenators Klaus Lederer. "Die anderen Länder sind schneller. Was nicht unbedingt besser ist. Sie sind aber vor allem klarer, und Planungssicherheit braucht die Filmbranche so nötig wie all die anderen krisengeschädigten Wirtschaftszweige und Kultureinrichtungen. ... Das föderalistische Wettrennen beim Lockerungsfahrplan hat nun auch die Filmtheater erreicht - angesichts von bundesweit verschobenen Filmstarts ein besonders unsinniges Procedere."

Besprochen wird Alexander Zolotukhins "A Russian Youth" (Zeit).
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