Efeu - Die Kulturrundschau

Strom ist die Droge der Gitarre

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18.09.2020. Der Tagesspiegel bestaunt den höchst aktuellen überspannten Menschen in der Symbolismus-Ausstellung in der Alten Nationalgalerie. Und er feiert "Nackte Tiere", das Spielfilmdebüt der dffb-Absolventin Melanie Waelde. Zeit online porträtiert die Regisseurin Anta Helena Recke als neuen Shootingstar im deutschen Theater. Die taz betrachtet das "gerechter" umgebaute Hebbel-Theater. Die Musikkritiker erinnern an die musikalische Vision von Jimi Hendrix, der vor 50 Jahren starb.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2020 finden Sie hier

Kunst

Jean Delville, Porträt der Madame Stuart Merill - Mysteriosa, Detail, 1892 © Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, Bruxelles / J. Geleyns - Art Photography


"Selten hat man in diesem Tempel der Kunst des 19. Jahrhunderts eine so überdrehte, aber auch anregende und entdeckungsreiche Schau gesehen", schwärmt eine begeisterte Nicola Kuhn im Tagesspiegel von der Symbolismus-Ausstellung "Dekadenz und dunkle Träume" in der Alten Nationalgalerie in Berlin. Über den "Jünglingsbrunnen" des Bildhauers Minne schreibt sie: "Er ist kein selbstverliebter Narziss, der sich in sein eigenes Antlitz vernarrt hat, sondern ein feingliedriger Junge, der eher zaudernd die Arme vor seiner mageren Brust kreuzt, mit den Händen die eigenen Schultern umklammert. Minnes Multiplizierung einer Figur ins Fünffache - nicht aus Selbstbewusstsein, sondern aus Zweifel - ist bezeichnend für die Bildwelt der Symbolisten, die mit ihren Werken psychologisierten. Noch vor Veröffentlichung von Freuds 'Traumdeutung' erspürten sie den überspannten Menschen, der durch die Umbrüche der Moderne seinen festen Ort verloren hat. Gerade darin besteht der Aktualitätsbezug der Schau."

Weitere Artikel: Im Standard ist Katharina Rustler leicht genervt, dass jetzt sogar der Bauzaun vor dem Wien Museum mit Corona-Porträts plakatiert ist. Der Kunstsammler Axel Haubrock darf jetzt doch im Gewerbehof der ehemaligen SED-Fahrbereitschaft bleiben, auch wenn Berlin-Lichtenberg damit die Gentrifizierung droht, meldet Jamin Schneider in der Welt. Banksy hat nach einer Entscheidung der EU-Behörde für geistiges Eigentum die Markenrechte an seinem "Flower Thrower"-Motiv verloren, meldet Zeit online mit der dpa: "In einer Erklärung wird die Entscheidung der Behörde damit begründet, dass Banksy seine Identität geheim halte und sich außerdem in der Vergangenheit wiederholt entschieden gegen Urheberschutzrechte ausgesprochen habe." Jürgen Müller betrachtet für die FAZ mit Nietzsche Raffaelos "Paris-Urteil".

Besprochen werden die Ausstellung "Migration als Avant-Garde" des Fotografen Michael Danner im C/O Berlin (taz) und eine Ausstellung der Fotografin Helga Paris in der Berliner Galerie Kicken (Berliner Zeitung).
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Literatur

Thomas Hummitzsch spricht für Intellectures mit James Sturm über dessen Comic "Ausnahmezustand", den er ursprünglich während des US-Umbruchsjahrs 2016 geschrieben hat. Die FAZ dokumentiert Briefe von begeisterten Schülern und anderen Lesern, die seinerzeit Wolfgang Herrndorf für dessen heute vor 10 Jahren erschienen Roman "Tschick" danken.

Besprochen werden unter anderem Alard von Kittlitz' "Sonder" (SZ), Nick Hornbys "Just like you" (Tagesspiegel) und Botho Strauss' Essayband "Die Expedition zu den Wächtern und Sprengmeistern" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Film

Trist in der Provinz: Melanie Waeldes "Nackte Tiere"

Mit ihrem Provinz- und Coming-Of-Age-Drama "Nackte Tiere" ist dffb-Absolventin Melanie Waelde ein außergewöhnliches Debüt geglückt, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel: "Eine Schmerzensfrau wie Marie Tragousti hat das deutsche Kino seit Lana Coopers ungestümen Auftritt in Jakob Lass' Debütfilm 'Love Steaks' nicht gesehen. Katja bewegt sich wie ein Elektron um ihre Freunde: Sie scheint sich immer gleichzeitig an zwei Orten zu befinden und ist doch nie greifbar." Die Schauspielerin "stürmt durch den Film, ihr dabei zuzusehen ist anstrengend. Ständig wechselt Waelde die Register, von zärtlichen Momenten der Freundschaft ansatzlos in den Selbstverteidigungsmodus. Das 4:3-Bildformat schafft eine erdrückende Intimität und verstärkt gleichzeitig das Gefühl provinzieller Enge." Im Spiegel staunt Esther Buss über die "eruptive wie empfindsame Physis" dieses Films.

Weiteres: Thomas Klein porträtiert im Filmdienst Kristen Stewart, die aktuell als Jean Seberg im Kino zu sehen ist (eine Besprechung findet sich heute in der NZZ, weitere bereits hier). Auf Artechock schwärmt Rüdiger Suchsland von Josef Schnelles heute um Mitternacht auf Dlf Kultur ausgestrahlter "Langer Nacht" über das Kino der Wendezeit. Für die SZ spricht Susan Vahabzadeh mit dem Schauspieler Scott Eastwood über dessen Kriegsfilm "The Outpost".

Besprochen werden Roy Anderssons "Über die Unendlichkeit" (ZeitOnline, mehr dazu bereits hier), die HBO-Serie "Lovecraft Country" (NZZ), Antonio Campos Netflix-Film "The Devil all the Time" mit Robert Pattinson (Berliner Zeitung) und die Mystery-Serie "The Third Day" auf Sky (FAZ).
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Archiv: Film

Bühne

Szene aus Sarah Kanes "Gier:Crave" im Bockenheimer Depot. Foto: Robert Schittko


Christiane Lutz hat sich gefreut, als die Spielzeit in Frankfurt trotz Corona anfing. Aber so richtig kann sie weder Anselm Webers Inszenierung der Monologreihe "Stimmen einer Stadt" in den Kammerspielen vom Hocker reißen noch Robert Borgmanns Inszenierung von Sarah Kanes "Gier" im Bockenheimer Depot. Letztere ist als eine Art "performative Installation" angelegt, schreibt sie, "die der Zuschauer ausgiebig betrachten kann. Der Fehler aber liegt in der Annahme, dass man Bilder schaffen könnte, die einem Text wie 'Gier' ebenbürtig sind oder auch nur für ihn stehen könnten. Ein Text, der sich anfühlt, wie mit der Zunge über eine Rasierklinge zu gleiten und anschließend die blutende Wunde zu betrauern. Ein Text, der schon die Waffe ist, mit der die Regie mutig und sensibel umgehen muss. Statt sich aber auf den Text zu verlassen, verlässt er sich auf seine durchaus starken Bilder. Der Text ist Beiwerk."

Katrin Bettina Müller besucht für die taz das Berliner Hebbel-Theater, das Studenten, Paul B. Preciados Text "Vom Virus lernen" in der Hand, hygienegerecht und auch sonst gerechter umgebaut haben: "Auf diesen Text beziehen sich viele Elemente der Umgestaltung. Bildhaft werden Antikörper, so nennen die Studentinnen große blaue tropfenförmige Podeste, die beweglich, sich, Zuschauerraum und Bühne verklammern. Auch auf der Bühne kann man sitzen, auf ausgebauten Klappsitzen aus dem Saal. Ein Thema der Mutation ist der Gegensatz zwischen Natur und Technik, analog und digital, der in vielen hybriden Elementen symbolisch aufgehoben wird. Paula Meuthen beschreibt zum Beispiel den Getränkeautomaten, der statt einer Bar vor dem Theater steht: Aber in ihm steht doch ein Mensch und füllt die Fächer auf. Menschen übernehmen wieder die Arbeit von Automaten."

Auf Zeit online porträtiert Carolin Würfel die Regisseurin Anta Helena Recke als neuen "Shootingstar" im deutschen Theater: "Anta Helena Recke ist im Glockenbachviertel in München aufgewachsen. Ihre Kindheit hat sie im Baader Café verbracht, wo seit über 30 Jahren unbeugsame Freigeister Zuflucht finden. Mit 16 zog sie in die Domagkateliers, eine Art Künstlerkolonie in Nordschwabing. Auf dem ehemaligen Kasernengelände fühlte sich Recke zum erstem Mal nicht wie eine Außenseiterin. Plötzlich war sie nicht von 'kids straight out of Büllerbü' umgeben, sondern von Menschen aus unterschiedlichen Ländern, die unterschiedliche Lebenskonzepte erprobten."

Weiteres: Roland H. Dippel berichtet in der nmz von Musiktheater beim Kunstfest Weimar. Anna Netrebko liegt mit einer Covid-Lungenentzündung im Krankenhaus, meldet der Standard: "Wie die 48-Jährige am Donnerstag auf Instagram mitteilte, ist sie auf dem Weg der Besserung." Besprochen wird Christof Loys Inszenierung von Ruggero Leoncavallos Verismo-Oper "Zazà" im Theater an der Wien ("ein großer Wurf", freut sich im Standard Daniel Ender).
Archiv: Bühne

Musik

Fast alle Feuilletons erinnern an Jimi Hendrix, der heute vor fünfzig Jahren in London gestorben ist. Wer sich an ihn als bloßen Bühnen-Zampano erinnert, der Gitarre mit der Zunge spielt und anschließend anzündet, verpasst das Wesentliche, schreibt Markus Schneider in der Berliner Zeitung: "Wie man bei den besten aktuellen Verehrerinnen von Erykah Badu bis Anna Calvi hört, bestand die eigentliche Größe in der musikalischen Vision, in der sich die Genres Soul, Jazz, Rock und Blues aufzulösen begannen. Und dies gerade nicht im genialischen Live-Spektakel, sondern in der akribischen Konstruktion im hypermodern ausgestatteten Electric Land Studio, das er 1968 für das gleichnamige Album einrichtete. ... Wenn Hendrix seinen ikonischen Status verdient, dann weniger als Kind seiner Zeit, sondern als Künstler, der sein Versprechen gegen die Grenzen ihres Wissens einlösen wollte - sozial, sexuell und vor allem musikalisch." Auch Ueli Bernays holt den Gitarrengott zurück auf den Boden materialistischer Tatsachen: "Strom ist die Droge der Gitarre, er entgrenzt ihre Ausdrucksmöglichkeit. Dank elektronischer Verstärkung können die Sounds ins Übermenschliche und Psychedelische wachsen."

Weitere Würdigungen schreiben Wolfgang Schneider (Tagesspiegel) und Jochen Wagner (Welt). Beim Dlf Kultur steht noch eine "Lange Nacht" über Hendrix online. Beeindruckend überschaubar - aber toll restauriert: diese wunderbaren Filmfarben! - ist dieses Open-Air-Konzert vom Juli 1970:



Weitere Artikel: Nicholas Potter recherchiert für die Jungle World, wie es den Leuten geht, die eigentlich in Clubs arbeiten, aber seit März de facto arbeitlos auf der Straße sitzen. Für die taz spricht Lars Fleischmann mit dem DJ Benji Fröhlich über dessen Covid-19-Erkrankung. In der Welt erregt sich Elmar Krekeler ganz erheblich über einen (sich beim Nachhören aber eigentlich als sehr harmlos entpuppenden) Podcast, der sich damit befasst, wie aus Beethovens ursprünglich als Manifest der individuellen Freiheit konzipierter Fünfter ein kulturelles Symbol des gehobenen Bürgertums wurde und wie sich dieser ursprüngliche Geist des Aufbruchs retten lassen könnte - für Krekeler grenzt das an "Cancel Culture".

Besprochen werden David Toops "Apparition Paintings" (Pitchfork), Thelonious Monks erst jetzt veröffentlichter Live-Mitschnitt "Palo Alto" von 1968 (Berliner Zeitung), Joy Denalanes "Let Yourself Be Loved" (Standard) und das neue Album von Alicia Keys (FAZ).
Archiv: Musik