Efeu - Die Kulturrundschau

Die Technologie - das sind wir

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.09.2020. Alex Ross sucht den linken Wagner, den Lenin und George Bernard Shaw liebten. Im Van Magazine diagnostiziert der Komponist Sergej Newski eine neue zeitliche Asynchronität seit Ausbruch der Coronakrise. Warum spielt die moderne Kommunikationswelt in der Gegenwartsliteratur kaum eine Rolle, fragt sich in der Berliner Zeitung die argentinische Autorin Samantha Schweblin. Die taz erkennt mit Roy Anderssons Film "Über die Unendlichkeit", dass auch bei Könnern ästhetisches Gelingen eine Frage des Glücks sein kann. Die Zeit meditiert vor Gerhard Richters drei Fenstern für das Kloster Tholey.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2020 finden Sie hier

Bühne

Warum lieben so viele Linke Wagners Musik - von Lenin bis George Bernard Shaw? Er hatte eben auch seine linken Seiten, schreibt Alex Ross im Guardian: "In den letzten Jahrzehnten haben Gelehrte eine Schule des linken Wagner rekonstruiert, die Ende des 19. Jahrhunderts in Europa und Amerika Anklang fand. Sozialisten, Kommunisten, Sozialdemokraten und Anarchisten fanden in Wagners Werk Nahrung. Nach der bolschewistischen Revolution war Wagner kurzzeitig als Aushängeschild der proletarischen Kultur en vogue. Ausgangspunkt für die Wagner-Linke war die eigene revolutionäre Tätigkeit des Komponisten in den Jahren 1848 und 1849, die ihn für viele Jahre ins Exil zwang. Seine Schriften 'Kunst und Revolution' und 'Das Kunstwerk der Zukunft' waren klassische, wenn auch exzentrische Artikulationen der Idee, dass die Kunst eine führende Rolle im Kampf um soziale Gleichheit spielen könnte. Sein eigenes Werk wurde zu einer Art Traumtheater für die Vorstellung eines zukünftigen Staates. Natürlich nutzten andere Ideologien den Komponisten in gleicher Weise aus. Es wäre ein Fehler zu sagen, dass Shaw und seine linken Mitstreiter den 'wahren' Wagner gefunden hätten. Aber es wäre auch ein Fehler zu sagen, sie hätten ihn missverstanden."

Weiteres: Elena Philipp stellt in der Berliner Zeitung den Choreographen Christoph Winkler vor, der in seinem Stück "On HeLa" seine unheilbare Krebskrankheit verarbeitet.

Besprochen werden Lucia Bihlers Inszenierung der "Iphigenie" nach Euripides und Stephanie Sargnagel an der Berliner Volksbühne (SZ), Karin Beiers Inszenierung von Rainald Goetz' Stück "Reich des Todes" am Hamburger Schauspielhaus (Zeit) und Leander Haußmanns Inszenierung von Molières "Der Geizige" am Thalia Theater Hamburg (FAZ).
Archiv: Bühne

Literatur

Anlässlich ihres neuen Romans "Hundert Augen" haben sich FAZ und Berliner Zeitung mit der argentinischen Schriftstellerin Samanta Schweblin getroffen. In der Gegenwartsliteratur vermisst sie den Einzug der modernen Kommunikationswelt, sagt sie der Berliner Zeitung. In "Hundert Augen" geht es genau um solche Fragen, erklärt sie der Berliner Zeitung: "Die Technologie ist ja eine menschliche Erfindung. Noch kann sie nicht für sich existieren. Sie lebt von uns. Die Technologie - das sind wir. Mich interessieren nicht die Roboter, nicht die künstliche Intelligenz. Mich interessiert, was Autoren schon immer interessiert hat: Wie Menschen miteinander kommunizieren, mit den Mitteln von heute." Schließlich "leben wir in einer Welt, in der die Geräte, die wir benutzen, um die Welt zu beobachten, uns beobachten." Und der FAZ sagt sie, dass sie nicht glaube, "dass die technologische Entwicklung in den letzten zehn Jahren derart rasant verlaufen ist, dass wir nicht genug Zeit hatten, über sie nachzudenken."

Weitere Artikel: Die taz dokumentiert Ronya Othmanns, Özlem Özgül Dündars und Enno Stahls Eingangsstatements bei einer Tagung in Berliner Brechtforum über Identitätspolitik und Literatur. Susanne Messmer berichtet in der taz vom Internationalen Literaturfestival in Berlin. In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Marc Reichwein an ein Treffen zwischen Italo Calvino und Martin Luther King. Thomas Ribi freut sich in der NZZ, dass in einer Mainzer Ausstellung der die prächtig gestaltete, mittelalterliche Lyriksammlung "Codex Manesse" wieder öffentlich zu sehen ist.

Besprochen werden unter anderem Sally Rooneys "Normale Menschen" (NZZ), Joachim Meyerhoffs "Hamster im hinteren Stromgebiet" (FR), Kurt Drawerts "Dresden. Die zweite Zeit" (Tagesspiegel), Heiner Müllers "Der amerikanische Leviathan" (FR), neue Bücher über Susan Sonntag (Berliner Zeitung), Andri Snær Magnasons "Wasser und Zeit" (54books), Giulia Caminitos "Ein Tag wird kommen" (online nachgereicht von der Welt), Botho Strauß' "Die Expedition zu den Wächtern und Sprengmeistern" (SZ) und Jhumpa Lahiris "Wo ich mich finde" (FAZ).

Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Design

RembrandtLAB - Constructing Colours, 2016, Studio Maarten Kolk & Guus Kusters. Photos: Filip Dujardin, © Design Museum Gent. Photos: Filip Dujardin, © Design Museum Gent


Anna Winston besucht für das Damn Magazine die Ausstellung "KleurEyck" im Designmuseum Gent, die der Frage nachgeht, wie der Maler Jan van Eyck mit Farben experimentierte und wie man diese Experimente heute für Design nutzen kann. Die Ausstellung geht von der großen van Eyck-Ausstellung im MSK aus und "läuft damit Amok, indem sie Van Eycks nuanciertes und technisches Verständnis für Farbe und Licht als Mittel benutzt, um zeitgenössisches Design und Forschungsprojekte zu sammeln und sie in einem neuen, kuratorischen Triptychon auszuspucken. 'Die Modernität Van Eycks liegt in der Beherrschung der arabischen Optik von Alhazen (dem ersten echten Wissenschaftler der Welt aus dem 11. Jahrhundert). Das von den Objekten reflektierte Licht liefert alle Informationen über die Beschaffenheit ihrer Oberfläche', erklärt KleurEyck-Kuratorin Siegrid Demyttenaere. 'Van Eycks lebendige Farbpalette ist ein direktes Ergebnis dieser Erkenntnis - er malte mit Licht. Wenn man sich die Arbeiten einiger zeitgenössischer Künstler und Designer anschaut, bemerkt man einige parallele Gedanken und Prozesse. Die Erforschung der Frage, wie und warum Farbe gesehen wird, die Vielfalt des Lichts, das in einer Farbe spielt und reflektiert, führt zu schönen Paletten.'"
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Archiv: Design

Musik

Die Coronakrise hat eine neue zeitliche Asynchronität hervorgerufen, stellt der Komponist Sergej Newski in einem VAN-Essay fest: Mächtige Operninszenierung, eigentlich für das Heute konzipiert, werden um Jahre verschoben, die Kunst ist von einer neuen Langsamkeit gekennzeichnet. "Die Abwesenheit des realen Konzertlebens hat auch unsere Wahrnehmung vom Archiv verändert. Weil es einfach keine neuen Ereignisse oder Premieren gab, bestand unser Kunstkonsum plötzlich (fast) ausschließlich aus der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Die ganze Kultur war mit einem Schlag Vergangenheit - und das war neu. ... Mich hat diese allgemeine Entschleunigung überraschend zu einem neuen Verständnis einer komplexen Nachkriegsavantgarde gebracht, die in einer Zeit entstand, in der die Aufmerksamkeitsspanne noch ein bisschen länger war. Ich konnte wieder späten Nono hören, als gäbe es kein Internet und für diese (und andere ähnlichen Erfahrungen) bin ich der Pandemie sogar etwas dankbar."

Weitere Artikel: Für den Guardian hat Marcus Barnes die Lage der Beiruter Clubszene recherchiert, die erst vom wirtschaftlichen Kollaps des Landes, dann von der Coronakrise und schließlich von der katastrophalen Explosion vor wenigen Wochen im Hafen der Stadt heimgesucht wurde. Arno Lücker spricht für VAN mit Kai Schumacher und Gisbert zu Knyphausen über deren musikalische Auseinandersetzung mit Schubert. Außerdem schreibt Lücker in seiner VAN-Reihe über Komponistinnen über Grażyna Bacewicz. Christian Schachinger erinnert sich im Standard an die Dorfdiscos seiner Jugend Maienblüte. Die FAZ spricht mit Gerald Fauth, dem neuen Rektor der Leipziger Musikhochschule.

Besprochen werden ein Beckett/Beethoven-Abend beim Musikfest Berlin (Freitag), Michael Rothers neues Album "Dreaming" (Tagesspiegel) und das Album "Boys Toys" des Trans-Rappers Mavi Phoenix (SZ).
Archiv: Musik

Film

Prächtig und düster: Roy Anderssons Film "über die Unendlichkeit"

Die Filme des schwedischen Autorenfilmers Roy Andersson sind auf Anhieb erkennbar: So statuarisch, so hermetisch-depressiv, so an Vorbildern aus der Malerei inszeniert eben nur er seine Filme, schreibt Ekkehard Knörer in der taz. Jetzt kommt Anderssons "Über die Unendlichkeit" ins Kino, der im Balanceakt, den alle Andersson-Filme darstellen - sie tänzeln zwischen Kunsthandwerk und bedeutungsvollem Raunen, was großartig sein könne, aber nicht stets gelingt -, eine eher ungute Schlagseite entwickelt: Viele Szenen "bleiben belanglos, zu viele scheinen aus dem bisherigen Werk fade vertraut. Aber dass das Gelingen heikler ästhetischer Dinge sich nicht von selbst versteht, sondern ein Glück ist, das auch der Schöpfer nicht in der Hand hat, das ist ein in jedem Einzelfall schwacher, aber im Ganzen ein triftiger Trost." FR-Kritiker Daniel Kothenschulte findet hingegen durchaus bedrücktes Gefallen an den "prächtigen wie düsteren Tableaus", in denen es um "langes Sterben" sowie das individuelle wie das makro-historische Elend geht: "Wie einen tiefen Mollakkord schneidet Andersson diese metaphorischen Bilder der großen menschlichen Tragödien in die Miniaturen der kleinen Verzweiflung."

Andersson ist "ein berührender Film über das Leben im Angesicht der (Un)Endlichkeit" geglückt, schreibt Nicolai Bühnemann im Perlentaucher. Der Erfolg hängt an zweierlei: "Zum einen weiß er, dass weder die Unendlichkeit des beschriebenen Grauens, noch die lose narrative Struktur und die bis zum Äußersten gehende minimalistische Abstraktion der Form ihn davon entbinden, in den einzelnen Szenen und Situationen sehr konkret zu werden. Zum anderen aber ist das Ganze, trotz allem, nicht ohne Hoffnung." Weitere Besprechungen in Berliner Zeitung und Tagesspiegel. Thomas Steinfeld hat für die SZ den Regisseur in dessen Studio in Stockholm besucht.

Besprochen werden Benedict Andrews' Biopic über Jean Seberg mit Kristen Stewart in der Hauptrolle (taz, Standard, Tagesspiegel, mehr dazu bereits hier), Nicola Hens' Dokumentarfilm "Chichinette: The Accidental Spy" (Perlentaucher), die DVD-Ausgabe von Quentin Dupieuxs absurder Komödie "Monsieur Killerstyle" (taz), Jeff Orlowskis Netflix-Doku "The Social Dilemma" (Tagesspiegel), die Netflix-Dokuserie "Challenger: The Final Fight" über die Challenger-Katastrophe in den 80ern (Guardian), die Netflix-Serie "Das letzte Wort" mit Anke Engelke (FAZ) und die von Ridley Scott produzierte SF-Serie "Raised by Wolves", die ZeitOnline-Kritiker Jens Balzer mitunter an die "psychedelische SF-New-Wave der Sechzigerjahre" erinnert.
Archiv: Film

Kunst

Mit drei Fenstern im saarländischen Kloster Tholey, dem ältesten Deutschlands, will sich Gerhard Richter von der großen Kunst verabschieden: Sein Hauptwerk sei damit getan, soll er laut dpa gesagt haben, meldet der Spiegel. "'Das ist sicher meine letzte Werknummer', sagte Richter. Er habe ein Verzeichnis für all seine Werke. 'Das fängt mit 'Tisch' als Nummer eins an. Und die Fenster haben Nummer 957. Ja. Aus.' Dass er später noch große Malereien mache, glaube er nicht." Thomas Assheuer durfte sich für die Zeit die drei Fenster schon ansehen. Sind sie nun eher religiös oder säkular konnotiert? Es ist verzwickter, meint Assheuer: Die Motive entstammen Richters Band 'Patterns', für den er eins seiner abstrakten Bilder in immer kleiner Teile zerschnitten hatte. In Glas umgesetzt entdeckt man darin "wie in einem Rorschachtest ... leuchtende Muster und rätselhafte Formen. Die Benediktinermönche, wer will es ihnen verdenken, erkennen schwebende Engel und schwärmen von der trinitarischen Komposition der drei Fenster. Der weltliche Blick hingegen sieht darin eher kleine Teufel, dazwischen Gesichter mit spitzen, schreckhaft aufgerissenen Mündern und schlanke maskenhafte Gestalten in einer entrückten buddhistischen Ruhe. Während die Formen äußerst diszipliniert sind, explodieren die Farben in Chagallblau, Brombeerrot und Pfirsichorange. Doch nichts von dem, was man in diesem ornamentalen Fest zu sehen glaubt, steckt auch darin. Es ist allein die Fantasie des Betrachters, die Richters zufallsgenerierte Bildatome zu bekannten Gestalten zusammenfügt."

Weiteres: Albert Boesten-Stengel besucht in Krakau für die FAZ das renovierte Czartoryski-Museum. Besprochen wird eine Ausstellung über die Germanen im Neuen Museum Berlin ("Die als Germanen bezeichneten Menschen waren offenbar von phänomenaler kultureller Konservativität. Während sich in Gallien eine neue gallorömische Kultur entwickelte, Spanien und ganz Nordafrika gänzlich romanisierten, selbst Alexandria oder Antiochia römische Städte wurden, mahlten die rechtsrheinischen Germanen immer noch ihr Mehl per Hand mit Steinscheiben", lernt der Kritiker der Berliner Zeitung).
Archiv: Kunst