Efeu - Die Kulturrundschau

Unversehens gehört uns der Morgen

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30.03.2021. Amanda Gormans Inaugurationsgedicht "The Hill We Climb" liegt nun auf Deutsch vor. Tagesspiegel, taz und Standard blicken etwas betreten auf die lyrischen Grenzen einer rassismuskritischen Funktionspoesie. Für Sharon Dodua Otoo auf 54books lautet die wichtige Frage nicht, was Weiße, sondern was Schwarze übersetzen dürfen. In der Debatte um die Dokumentation "Lovemobil" erklärt Werner Herzog, was seine ekstatische Wahrheit von einer Fälschung unterscheidet. Der Filmemacher Dietmar Post vermisst auf Artechock überhaupt ein paar filmethische Diskussionen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2021 finden Sie hier

Literatur

Auf 54books umkreist die Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo noch einmal sehr konzentriert, sehr abwägend und sehr lesenswert die Übersetzungsdebatten der letzten Wochen: "Da es sowieso keine gesetzlichen Verbote gibt, dürfen weiße Menschen in der Tat alles übersetzen. Die eigentliche Frage ist: Dürfen Schwarze Menschen das auch?" Und hier lautet der Befund: Schwarze Menschen sind im Literaturbetrieb erheblich unterrepräsentiert. Lässt sich das ändern? "Ich weiß, dass dies nicht von heute auf morgen geschehen kann. Es wird nicht ausreichen, einfach irgendwelche mehrsprachigen Schwarzen Personen zu finden, und diese kurzerhand als Übersetzer*innen einzusetzen. Entscheidungsträger*innen sind gefordert, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob es erwünscht ist, dass der Pool an literarischen Übersetzer*innen vielfältiger wird. Am liebsten jetzt, lange vor dem nächsten Eklat."

Amanda Gormans "The Hills We Climb" liegt nun auch in einer deutschen Fassung vor. Doch niedergeschrieben verliert das Inaugurationsgedicht einiges an Faszinationskraft, findet Michael Braun im Tagesspiegel: "Wer das Gedicht als Sprachkunstwerk ernst nehmen will, ist einerseits gerührt von der starken Emotionalität der großen Freiheitsvision, in der ein skinny black girl den Traum vom Präsidentenamt träumt, andererseits enttäuscht von der ästhetischen Taubheit mancher Verse, die so matt wirken wie eine beliebige Wahlkampfrede." Aber "selbst die sorgfältigste Übersetzung vermag die metaphorische Armut solcher Verse nicht zu kompensieren."

"Gormans Sprache ist von großer Kraft, doch mehr noch als frühere Texte hat hier fast jedes Wort seine politische Aufladung", hält Marie Luise Knott dem im Perlentaucher entgegen. Bei der Übersetzung packt sie dennoch "Unbehagen", nicht nur, weil patriotisches Pathos auf Deutsch nochmal einen anderen Klang hat, sondern auch, weil im Deutschen viele der Anspielungen schlicht verschliffen wurden: "Wie übersetzt man oder frau, was da alles wirklich geschieht im Gedicht? Vielleicht könnte man, statt eine gültige Übersetzung verfertigen zu wollen, verschiedene Schichten des Übertragens nebeneinander stellen: eine interlineare Übersetzung, verschiedene Aufschlüsselungen des Ausgangstextes sowie eine oder vielleicht mehrere freie Nachdichtungen auf der Grundlage von Gormans poetischen Verfahren."

Das mit der Übersetzung beauftragte Trio Uda Strätling, Hadija Haruna-Oelker und Kübra Gümüşay "gibt eine angemessen kühle Antwort" auf die aktuelle hitzige Debatte, schreibt Carsten Otte in der taz, allerdings sticht auch ihm hier die "Funktionspoesie" ins Auge. Und manche Passagen sind im Deutschen nicht gerade überzeugend geraten: "Gorman erinnert an das Versprechen der Verfassung: 'To compose a country committed / To all cultures, colors, characters / And conditions of man'." Die Übersetzerinnen jedoch haben sich dazu entschieden, hier die Hautfarbe außen vor zu lassen und "erklären zwar ausführlich, warum sie das Wort 'color' im Gedicht nicht erwähnen wollen, doch das Tilgen des Problembegriffs wirkt trotzdem nicht souverän. Es scheint, als komme eine 'rassismuskritische Sicht' hier an ihre lyrischen Grenzen."

Standard-Kritiker Michael Wurmitzer hält die Übersetzung für mangelhaft und ärgerlich. "Stilistische Kniffe wie Dramatik und Aktion finden sich in der Übersetzung grundsätzlich nicht, jedes starke Bild wurde verwaschen." Etwa die "kämpferische Ansage" zu Beginn der "dritten Strophe: 'And yet the dawn is ours before we knew it. / Somehow, we do it.' Trotz allem wird es besser werden, macht Gorman Mut. Aber was macht daraus die Übersetzung? 'Unversehens gehört uns der Morgen. / Irgendwie geht's.' Dass 'unversehens' angesichts des langen Kampfes schwarzer Amerikaner um Freiheit, von Bürgerrechtsbewegung und Black Lives Matter den Übersetzerinnen als angemessene Option erscheint, verblüfft schier." In der FAZ verortet Hubert Spiegel das Gedicht in der Rhetorik der amerikanischen civil religion, deren Hoheprieter der Präsident sei: "Es geht um jene Erzählungen, Traditionen, Ideale und im kollektiven Bewusstsein verankerten rhetorischen Figuren, die Identität stiften, Akzeptanz schaffen, eine Gemeinschaft konstituieren und stabilisieren."

Besprochen werden unter anderem Alexander Brauns Monografie über den Comicmeister Will Eisner (Tagesspiegel), Marian Donners "Das kleine Buch der Selbstverwüstung" (NZZ), Cho Nam-Joos "Kim Jiyoung, geboren 1982" (FR), die Faksimile-Ausgabe von Franz Kafkas "Oxforder Quarthefte 3 & 4" (online nachgereicht von der FAZ), Pola Oloixaracs "Wilde Theorien" (SZ) und Anthony Powells erster, nach 90 Jahren auf Deutsch vorliegender Roman "Die Ziellosen" (FAZ).
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Film

Willi Winkler hat für die SZ Werner Herzog um eine Einschätzung zu Elke Lehrenkrauss' "Lovemobil" gebeten (mehr hier) - schließlich sind auch Herzogs Dokumentarfilme häufig von gescripteten Passagen durchzogen, in denen der Regisseur seinem Gegenüber Zeilen in den Mund legt, sofern es der Findung "ekstatischer Wahrheit" dient. Herzog geht auf Distanz, auch weil er seine Vorgehensweise stets offenlegt. Außerdem hält er "die Darstellung von dem, was ich als 'ekstatische Wahrheit' bezeichne", für "primitiv". Und er betont den Kontext: "Wenn Michelangelo bei seiner Pietà Jesus als 33-jährigen Mann darstellt, seine Mutter aber als 17-jährige, tut er das nicht, um uns zu betrügen, sondern er will uns die Essenz der Figuren zeigen."

Der Dokumentarfilmemacher Dietmar Post vermisst in der Debatte um "Lovemobil" die Verantwortung gegenüber den porträtierten Menschen und geißelt einen Betrieb, der zu selbstbezogen geworden sei. Früher habe man noch filmethische Diskussionen geführt, schreibt er auf Artechock. Heute "reden Filmemacher allerdings übers Verkaufen und Vermarkten, technische Details, 'den besten Pitch', welches Festival das wichtigste ist, wie der Filmemacher das wieder so 'schön' hinbekommen hat oder darüber, was für eine 'wahnsinnig wichtige' Sache der Film von Soundso politisch vertritt. Ich rede vom Markt, von Propaganda und Werbung. Wir erklären die Menschen, die in unseren Filmen mitmachen zu einem reinen Produkt auf dem Markt eitler Filmemacher. ... Eine allgemeine Wohlfühl-Kultur, eine Null-Debatten-Kultur ist entstanden."

Außerdem: Michael Ranze erinnert im Filmdienst an Dirk Bogarde, der vor hundert Jahren geboren wurde. Besprochen werden Can Ulkays "Das Leben ist wie ein Stück Papier" und Reha Erdems "Hey There!", die auf Netflix beziehungsweise Mubi laufen (Zeit), ein Band über das filmische Schaffen der Künstlerin Maria Lassnig (Tagesspiegel) und eine auf Sky gezeigte Doku über Tiger Woods (SZ).
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Musik

NFTs - also non-fungible tokens - sind auf dem Kunstmarkt gerade der letzte Schrei. Unter erheblichem Rechenaufwand lässt sich hier eine digitale Besitzmarke erzielen, die zwar weiterhin kopierbaren digitalen Dateien einem eindeutigen Besitzer zuweist, der im übrigen auch bei jedem Weiterverkauf profitiert. Auch für Musiker und die Entwicklung des Web 3.0 könnte dies entscheidend sein, meint Quentin Lichtblau in der SZ: So wäre denkbar, "dass Fans in Zukunft dauerhaft ein Projekt oder eine ganze Band 'mitbesitzen', Kunst also zugleich fördern und einen Anteil daran halten - ganz ohne Plattform oder Label als Mittelsmann, Rechnungsabteilung oder Zahlungsabwickler. Das NFT-Protokoll ermöglicht damit etwas, das kein Spotify dieser Welt bietet: Eine selbstbestimmte Entscheidung der Musiker darüber, wem ein Song, ein Album oder ihre Band eigentlich gehören und wer daran verdienen soll. 'Diese Eigentumsfrage ist die Achillesferse der alten Web2.0-Plattform-Ökonomie', sagt der Künstler und Dozent Mat Dryhurst. Man habe sie zu lange den großen Konzernen überlassen und stattdessen lieber an einem falschen Independent-Denken festgehalten."

Außerdem: Für die SZ plauscht Joachim Hentschel mit Paul Stanley von Kiss. Der Magdeburger Dom soll neue Glocken bekommen, schreibt Gerald Felber in der FAZ. Jan Feddersen (taz) und Nadine Lange (Tagesspiegel) gratulieren Wolfgang Niedecken zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden ein Bruckner-Konzert der Wiener Philharmoniker unter Christian Thielemann (Standard), ein Konzert der hr-Bigband (FR), Serpentwithfeets Album "Deacon" (Pitchfork), Xiu Xius Album "Oh No" (Pitchfork), die Faksimile-Ausgabe von Wagners "Parsifal"-Partitur (SZ), Gernot Grubers "Kulturgeschichte der Europäischen Musik" (FAZ), neue Klassikveröffentlichungen, darunter Liszt-Aufnahmen von Beatrice Berrut (bei der "sich der Teufelspianist am Boden zerstört zeigt", schreibt Reinhard J. Brembeck in der SZ) und das Album "Menneskekollektivet" der Lost Girls, hinter denen sich Jenny Hval and Håvard Volden verbergen (Pitchfork). Wir hören rein:

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Bühne

In der Berliner Zeitung meldet Ulrich Seidler, dass Sabine Zielke und Gabriele Gornowicz interimsweise die Volksbühne leiten werden. Besprochen wird Bela Bartoks Einakter "Herzog Blaubarts Burg" beim Festivals "Freie Frauen?" an der Opera Lyon (NMZ).
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Stichwörter: Zielke, Sabine

Architektur

Europas noble Kurbäder konkurrieren gerade um den Titel des Welterbes, in der Welt schwelgt Dankwart Guratzsch im Glanz der herrlichen Architekturen von Bath, Spa, Vichy, Montecatini oder Marienbad, die dazu dienten, die Menschen zu erheben: "Wir sollen uns in Schlosslandschaften und Schlossparks bewegen, wir sollen schöne und seltene Pflanzen sehen, wir sollen von leichter und träumerischer Musik umschmeichelt werden. Ja, wir sollen alle selbst Fürsten sein und das Privileg genießen, dass sich Scharen von Bediensteten um uns bemühen. Um diese ungeheure Anspannung aller Kräfte zu verstehen, muss man sich den Ausgangspunkt für diese Anstrengung vergegenwärtigen. Dies alles geschah ja nicht, um Spielarten des Luxus zu erproben. Den Hintergrund bildete das, was heute nicht mehr erfahrbar ist. Die Kulisse schwarz rauchender Schlote der neu eraufziehenden Fabrikwelt mit ihrem Ruß, den hämmernden, die Menschen in Reih und Glied zwingenden Maschinen, dem sich dahinter immer ungeheuerlicher auftürmenden Apparat zusammengeschalteter Leitungssysteme, Energiecluster, Bergwerke, Großstädte."
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Stichwörter: Kurbäder

Kunst

Willi Sitte: Angela Davis und ihre Richter, 1971. Bild: Albertinum Dresden

Wirklich klug kuratiert findet Jochen Becker in der taz die Schau "1 Million Rosen für Angela Davis" im Dresdner Albertinum, die ihm zeigt, wie vielschichtig die Bedeutung der Philosophin für die DDR war (siehe unser Efeu vom Samstag): "Während sich die DDR als antirassistischer Staat profilierte und Davis zum Teil der sozialistischen Ikonografie machte, war Alltagsrassismus in der DDR allgegenwärtig. In den Katalogbeiträgen Schwarzer Deutscher wird deutlich, welche Kraft sie aus Angela Davis' Präsenz schöpfen konnten: 'Es waren die wenigen Momente in meiner Kindheit, in denen ich spürte, dass Schwarze Leben zählen, wertvoll sind, dass Schwarzen Leben Wert beigemessen wird.'"

Weiteres: Dass sich der Hype um die auf Kryptowährungen beruhende NFT-Kunst an den banalen Arbeiten des Grafik-Künstlers Beeple entzündet (mehr hier), der auf einer Versteigerung gerade zum drittteuersten Künstler der Welt wurde, macht SZ-Kritiker Andrian Kreye schon etwas fassungslos: "Es ist eine Bildsprache, die man sonst auf Screensavern findet, auf Covern von Heavy-Metal-Platten, Actionfilmplakaten und Videospielboxen." Fabian Kretschmer berichtet in der taz, dass in den Galerien von Peking Krypto-Kunst dort als "demokratische Revolution" gefeiert wird. Auf Monopol erklärt Ji-Hun Kim allerdings: "NFTs sind Klimakiller." Im Guardian berichtet Kadish Morris von der Liverpool Biennale, die etliche KI-Werke zeigt. Für die taz hört sich Max Florian Kühlem an der Kunstakademie Düsseldorf um, welche Bedeutung dort Joseph Beuys heute noch hat.

Besprochen werden die Maskeraden-Schau "Ensor und Picasso" im Schweizer Museum Oskar Reinhart in Winterthur (NZZ), eine Ausstellung des Fotografen Robert Voit in der Frankfurter Galerie Peter Sillem (FR), eine Schau der Wiener Künstlerin Julia Haugeneder in der Galerie Thoman (Standard) und ein Band zum filmischen Werk der österreichischen Künstlerin Maria Lassnig (Tsp).
Archiv: Kunst