Efeu - Die Kulturrundschau

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14.03.2022. In Tagesspiegel und NZZ berichten die Schriftsteller Sergei Gerasimow und Yuriy Gurzhy aus dem belagerten Charkiw, wo kein einziger Mensch auf den Straßen zu sehen ist. Wer gibt ausgerechnet uns Deutschen das Recht, Russen aus dem öffentlichen Leben zu verbannen, wettert Günter Rohrbach in der SZ. "Gleichmacherei" wirft die FAZ dem Grassi-Museum vor, das bei der Neuordnung seiner ethnologischen Sammlungen vergesse, wem es seine Existenz zu verdanken habe. Die Theaterkritiker lassen sich von Claudia Bauers Bunuel-Inszenierung in Frankfurt gern den "dreckigen Spiegel" vors Gesicht halten. Deutsche Filmfestivals wollen künftig ungern auf russische Filme verzichten, berichtet Dlf Kultur.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.03.2022 finden Sie hier

Literatur

Die NZZ bringt weiterhin das Kriegstagebuch des ukrainischen Schriftstellers Sergei Gerasimow aus dem belagerten Charkiw: Eine seiner Nachbarinnen greift zu laut aufgedrehtem Metal, wenn der Stress sie übermannt. "Sie hört wahnsinnig lauten Heavy Metal, steht vor dem Fenster im zwölften Stock, die Vorhänge aufgespannt, und beobachtet das Panorama der Explosionen oder der feurigen Raketen und Flugkörper, die den Himmel durchkreuzen. Wahrscheinlich sieht sie aus wie einst Nero, als er den großen Brand von Rom beobachtete. Die Heavy-Metal-Musik gibt dem Ganzen einen gewissen Sinn. Wir können nicht einmal die einfachsten Dinge tun, ohne ihnen einen Sinn zu geben. Wenn alle Dinge sinnlos werden, pfeffern wir sie mit unserem eigenen Sinn, um weiterleben zu können. Wir drehen Heavy Metal auf volle Lautstärke."

Über Charkiw schreibt auch der in Berlin lebende, ukrainische Musiker und Schriftsteller Yuriy Gurzhy in seinen Kriegstagebuchnotizen für den Tagesspiegel: "Gestern schickte mir ein Bekannter, der in Charkiw geblieben ist, Bilder, die er beim Spaziergang in 'meinem' Kiez gemacht hat. Mein Weg zur Schule… rechts zwei Kindergärten, links die fünfstöckige Häuser, wo meine Klassenkameraden lebten. Kostia hier, dritter Stock, Maxim im Nachbarhaus, im fünften. Eigentlich sind es Farbfotos, aber sie wirken schwarz-weiß. Nein, schwarz-grau. Und darauf sind keine Menschen zu sehen. Kein einziger."

Der Standard dokumentiert Notizen der eigentlich in Kiew lebenden Autorin und Übersetzerin Nelia Vakhovsk, die vor dem Krieg aufs Land und schließlich ins Ausland geflohen ist. "Vor drei Tagen wurde meine Heimatstadt Malyn zum ersten Mal bombardiert. Der Luftangriff auf das Städtchen dauerte eine halbe Stunde. Im zehn Kilometer entfernten Dorf, in dem ich mich versteckte, zitterten die Gläser und seufzte die Erde. Die Katzen verkrochen sich unters Bett, ich begann zu fluchen." Schließlich die Flucht, als sich die Gelegenheit bot: "Drei Stunden und 250 Kilometer später stieg ich in eine noch friedliche Welt aus, in der die Straßen gefegt werden und der Cappuccino noch schmeckt, in der es an Arzneien und Lebensmitteln nicht mangelt. Hier wird bis spät in der Nacht das Licht nicht ausgemacht, und ein Aufheulen auf der Straße bedeutet bloß ein schlechtes Auto."

Auf die von Radio SRF abgesetzte Literatursendung "52 Beste Bücher" (mehr hier) folgt die Sendung "Zwei mit Buch", in der nicht mehr Autor und Buch, geschweige denn Ästhetik, Stil und Form besprochen werden, sondern nur noch über das Thema des Buch diskutiert wird, ärgert sich in der NZZ am Sonntag Alain Claude Sulzer. "Eine Schande", meint er: "Sollte man also eines Tages über 'Moby Dick' sprechen, wird man sowohl die Meinung einer Tierschützerin als auch jene eines Experten für Fischfangquoten berücksichtigen müssen, bei 'Krieg und Frieden' jene von Militärstrategen und Friedensforschern, bei 'Jenseits von Afrika' die eines Rassismusbeauftragten und einer Afrikakennerin."

Weitere Artikel: In der taz spricht Svenja Leiber über ihren aktuellen Roman "Kazimira" über ein Massaker der Nazis an Jüdinnen im Jahr 1945. Philipp Haibach spricht im Freitag mit Christine Becker, die Jurek Beckers Nachlass verwaltet. Jonas Engelmann wirft für die Jungle World einen abschließenden Blick auf die kirre US-Kontroverse um Art Spiegelmans Comic "Maus". Aron Boks empfiehlt in der taz den Podcast "Stoff aus Luft" der Berliner Dichterinnen Tanasgol Sabbagh und Josefine Berkholz. Georg Stefan Troller erinnert sich in der Welt an einen Wutanfall von Jan Morris. Sabine Scholl (Standard) und Mladen Gladic (Welt) erinnern an Jack Kerouac, der vor 100 Jahren geboren wurde. Außerdem bieten wir Ihnen eine Leseprobe aus "370 Riverside Drive, 730 Riverside Drive. Hannah Arendt und Ralph Ellison", dem neuen Buch unserer Lyrikkolumnistin Marie Luise Knott.

Besprochen werden unter anderem Heike Geißlers "Die Woche" (taz, Freitag), Katerina Poladjans "Zukunftsmusik" (ZeitOnline), Jan Schönherrs Neuübersetzung von Jack Kerouacs "Engel der Trübsal" (online nachgereicht von der FAZ), Theodor Fontanes Übersetzung von Catherine Gores "Der Geldverleiher" (54books), der von Barbara Mahlmann-Bauer herausgegebene Band "Aussteigen um 1900. Imaginationen in der Literatur der Moderne" (FR), neue englischsprachige Krimis (The Quietus) und Karl-Markus Gauß' Journal "Die Jahreszeiten der Ewigkeit" (Freitag).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Michael Opitz über Wolfgang Hilbigs "Increatum":

"Ich schrieb ich schrieb: niemand der schrieb -
in der Kulisse meines Zimmers: ohne alt zu werden
..."
Archiv: Literatur

Kunst

Bild: Iris Häussler, "SLR-004 um 1908", 2016

Elke Linda Buchholz (Tagesspiegel) lässt sich im Berliner Georg Kolbe Museum in der Ausstellung "Kein Mensch kennt mich" von der Künstlerin Iris Häussler gern in ein biografisches Verwirrspiel verwickeln. Um das unerforschte Leben von Kolbes Frau Benjamine zu beleuchten, hat Häussler zwei französische Malerinnen erfunden, die mit Georg und Benjamine regen Kontakt gehabt haben sollen: "Die am Bodensee 1962 geborene Künstlerin hat schon mehrere fiktive Charaktere, wie den emigrierten Bildhauer Joseph Wagenbach, erschaffen. Sie ersinnt nicht nur höchst detaillierte Lebensgeschichten, sondern fertigt gleich auch noch die materiellen Hinterlassenschaften eigenhändig dazu. Seit es damit nach einer Ausstellung in Kanada viel Ärger gab, weil die Besuchenden der Fiktion auf den Leim gegangen waren und dies ungehörig fanden, spielt Häussler lieber mit offenen Karten. So halten es auch Wallner und ihre Kuratorinnen in Berlin. Die Werke von Florence Hasard hängen auf weinroter Wand. Statt teurer Leinwand nahm sie als Malgrund Holzbretter aus Möbeln. Strudelnde Strichlagen in changierenden Rottönen lassen intensive Körperfantasien entstehen. Mal scheinen die Motive ins Innere menschlicher Blutbahnen und Organe einzutauchen, mal werden weibliche Akte ausschnitthaft bearbeitet."

Was das Humboldt Forum falsch gemacht hat, macht das das Leipziger Grassi-Museum "noch lange nicht richtig", ruft Andreas Kilb in der FAZ den Kollegen entgegen, die die durch das Projekt "Reinventing Grassi.SKD" neu geordneten ethnologischen Sammlungen als vorbildlich erachteten. (Unsere Resümees) Die wenigen Objekten aus Afrika, Asien und Ozeanien, die noch gezeigt werden, sind weder sortiert noch beschriftet - für Kilb "Gleichmacherei" aus "postkolonialer Empörung": "Seit Jahren stehen alle ethnologischen Sammlungen in Europa unter diskursivem Dauerbeschuss postkolonialer Aktivisten. In deren Lesart ist jeder Gegenstand, der im 'kolonialen Kontext', also im Rahmen der europäischen Expansion seit dem fünfzehnten Jahrhundert, in die Bestände gelangte, Raubgut. Ein Museum, das diese Lesart übernimmt, kann sich auf Dauer nur selbst abschaffen. Will es ihr widerstehen, muss es die Geschichte seiner Erwerbungen zum Thema seiner Ausstellung machen. Das Grassimuseum aber tut das Gegenteil: Es wirft seine Geschichte über Bord und damit auch diejenige der Objekte, die es aufbewahrt. 'Historische Urteilskraft' lautet das Motto, unter das Raphael Gross seine Amtszeit als Direktor am Deutschen Historischen Museum Berlin gestellt hat. Diese Urteilskraft würde man auch den ethnologischen Museen in Deutschland wünschen. Zu ihr gehört die Einsicht, dass sie ihre Existenz einer Sammeltätigkeit verdanken, die Raub und Rettungsaktion zugleich war."

Außerdem: In der FAZ gratuliert Christa Lichtenstern dem Künstler Jürgen Brodwolf zum Neunzigsten.
Archiv: Kunst