Efeu - Die Kulturrundschau

Kuba? Da war ich noch nie

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18.08.2022. Charlie Hebdo reagiert mit maximaler Frechheit auf das Attentat gegen Salman Rushdie. Wer zu Terrorakten schweigt, ist mitverantwortlich, erinnert die taz Muslime, Linke und Liberale. Die Zeit sammelt Stellungnahmen und Genesungswünsche von Schriftstellern -  von Can Dündar, Abdulrazak Gurnah, Elfriede Jelinek, Daniel Kehlmann und Orhan Pamuk. Warum nur zeigen so wenig deutsche Schriftsteller Solidarität mit Rushdie? Die FAZ tanzt mit dem Videokünstler John Sanborn in den Sonnenuntergang. Das Van Magazin trauert: Das Ensemble Cantus Cölln löst sich auf. Wo gibt es jetzt noch ein abenteuerliches Leben mit Musik?
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2022 finden Sie hier

Literatur


Charlie Hebdo bringt die Lage mit seinem aktuellen Titel mal wieder gallig auf den Punkt: "Salman Rushdie auf dem Weg der Besserung: Endlich kann er inkognito auf die Straße". Auch ansonsten sind Charlie Hebdo umtriebig, kann man Jürg Altweggs Überblick zu französischen Stimmen zum Anschlag auf Rushdie entnehmen: "Nichts ist heilig", schreiben Hebdo-Chefredakteur Riss und sein Team in Le Monde und fordern maximale Frechheit gegenüber religiösem Starrsinn und Fanatismus. Doch "Orhan Pamuk ist skeptisch. 'Wenn ein Schriftsteller tätlich angegriffen wird, sagen alle, man müsse auf die Worte mit Worten und auf die Bücher mit Büchern antworten', schreibt er in Le Point: 'Aber macht das überhaupt noch Sinn? Wer auf den Abzug drückt und mit dem Messer zustößt, liest in aller Regel keine Bücher.' Er nennt den Befund 'deprimierend' und sieht doch keine andere Möglichkeit zur Verteidigung der Meinungsfreiheit. Erst recht deprimiert hat ihn der Applaus in den islamischen Ländern. 'Wer das Attentat abscheulich findet, kann das nur hinter verschlossenen Türen sagen. Und unter Freunden. Selbst die 'Champions der Meinungsfreiheit' schweigen. Ein paar Freunde, die von diesem Artikel wussten, haben mich zur Vorsicht angehalten - obwohl sie wissen, dass ich von Leibwächtern beschützt werde.'"

Ibrahim Quraishi hat genug vom relativierenden Lavieren, schreibt er in der taz: "Viele gläubige, aber auch nicht besonders fromme Muslime zeichnen den Islam als Religion des Friedens, schweigen aber zum Terror, der sich auf ihre Religion beruft. Dieses Schweigen ist mitverantwortlich für die Wiederkehr der Gewalt. Auch Liberale und Linke tragen ihren Teil der Verantwortung, wenn sie, 'um die guten Muslime vor Anfeindungen zu schützen', solche Taten nicht laut als das benennen, was sie sind: Terrorakte. Die Angriffe auf Salman Rushdie, Charlie Hebdo, Samuel Paty und andere sind Angriffe auf die Grundlagen unserer Menschlichkeit." Und "Rushdie wurde seitens der religiösen Autoritäten des Gottesstaats zum ultimativen Verbrecher erklärt, weil er ein Whistleblower ist, der die Absurditäten eines auf Ideologie beruhenden Staatsgebildes ans Licht gezerrt hat."

Auch deshalb "ist es wahrscheinlich nur folgerichtig, dass ausgerechnet Salman Rushdie, der vielleicht größte Ironiker der Gegenwartsliteratur, der Ideologe der Anti-Ideologie, Fundamentalist des Anti-Fundamentalismus, der magische Realist und lustvolle Erfinder von Geschichten, zu dieser antiislamistischen Feindes-Ikone geworden ist", schreibt Volker Weidermann in der Zeit. "Dabei hat er einfach nur Humor."

Vom Gerede, dass auch Worte Gewalt bedeuten, will Bari Weiss im Welt-Kommentar bis auf weiteres nichts mehr hören: Die Leute, die so reden, lassen sich "in zwei Gruppen aufteilen. Die erste Gruppe glaubt, sie sei von Integration und Toleranz motiviert. Es sei möglich, etwas noch Besseres als den Liberalismus zu schaffen: eine utopische Gesellschaft, in der niemand jemals beleidigt wird. Die zweite Gruppe erkennen wir alle als religiöse Fanatiker. Aber es ist die Schwäche und Feigheit der 'Worte sind Gewalt'-Menge, die die zweite Gruppe gestärkt und es ermöglicht hat, diesen Moment zu erreichen, in dem ein Fanatiker mit einem Messer auf die Bühne einer Literaturkonferenz stürmt und damit einen der mutigsten lebenden Schriftsteller verletzt."

Die Zeit sammelt Stellungnahmen und Genesungswünsche von Schriftstellern -  von Can Dündar, Abdulrazak Gurnah, Elfriede Jelinek, Daniel Kehlmann und Orhan Pamuk. Und man fragt sich langsam, warum sich eigentlich so wenig deutsche Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu Wort melden.

Weitere Artikel: Sergei Gerasimow setzt in der NZZ sein Kriegstagebuch aus Charkiw fort. Der Schriftsteller Michael Krüger erinnert sich in der SZ an seine schlimmste Lesung. Besprochen werden unter anderem Rebecca Solnits "Orwells Rosen" (Tsp), James Ellroys "Allgemeine Panik" (Tsp), Thomas Hürlimanns "Der rote Diamant" (online nachgereicht von der FAZ), Doris Runges Gedichtband "die schönsten versprechen" (FR), Simeon Wades "Foucault in Kalifornien" (NZZ), Alex Capus' "Susanna" (SZ) und Gusel Jachinas "Wo vielleicht das Leben wartet" (FAZ).
Archiv: Literatur

Film

Strahlende Schönheit: Stanislaw Muchas "Die Wettermacher"

Deutschland leidet unter der Hitzewelle, im Kino verspricht der neue Dokumentarfilm von Stanislaw Mucha Abkühlung. In "Wettermacher" beobachtet er eine Wetterstation am russischen Polarmeer. Zu sehen ist ein Leben in Einsamkeit, erklärt Karsten Munt im Perlentaucher: "Ex-Militär Alex zündet seine Zigarette mit der Bengalfackel an, Sascha tänzelt bei der Probeentnahme vor der Gischt zurück wie ein übermütiges Kind und der Nachbar vom Leuchtturm macht eine lauwarme Show um einen Vogel, der in seinem Fischernetz verendet ist. Der für einen Leuchtturmwärter am Ende der Welt angemessen kauzige Mann ist der einzige, der fähig scheint, die Abgeschiedenheit zu genießen." Am besten ist der Film immer "dort, wo sich Land und Leute scheinbar standhaft weigern, sich der ästhetischen Vereinnahmung oder Charakterisierung zu beugen." Eher unter Vorbehalt lässt sich Freitag-Kritiker Ralf Krämer von dem Film, der um ein dunkles Geheimnis kreist, mitreißen: "Im Laufe der Zeit entwickelt Wettermacher in seiner Mischung aus unprätentiösen Alltagsbeobachtungen und Muchas ahnungsvoller Erzählung jenen Sog, der seit einiger Zeit auch alle möglichen True-Crime-Formate so erfolgreich werden lässt."

Weitere Artikel: Der insbesondere im Netz seit einigen Monaten erheblich gefeierte pakistanische Actionfilm "RRR" bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen antikolonialem Protest und Hindu-Nationalismus, schreibt Sebastian Seidler auf ZeitOnline. In der SZ spricht Doris Dörrie über ihren neue Komödie "Freibad". Daniel Kothenschulte (FR), Jenni Zylka (taz), Katrin Nussmayr (Presse) und Andreas Kilb (FAZ) schreiben Nachrufe auf Wolfgang Petersen (weitere Nachrufe bereits hier). Außerdem erinnert sich Jürgen Prochnow im Tagesspiegel an Petersen.

Besprochen werden Isabelle Stevers Inzestdrama "Grand Jeté" (Zeit), Monia Chokris Verfilmung ihres Theaterstücks "Babysitter" (taz), Michele Pennettas "Il mio corpo" (critic.de), Dan Trachtenbergs Actionfilm "Prey" aus dem "Predator"-Universum (critic.de), Aron Lehmanns "Jagsaison" (Artechock), Fulvio Risuleos "Der ganz große Coup" (SZ), Olivia Newmans Buchverfilmung "Der Gesang der Flusskrebse" (taz, Tsp) und die DVD-Ausgabe von Graham Moores Mafiafilm "The Outfilm" (taz). Außerdem verrät uns die SZ, welche Filme sich diese Woche wirklich lohnen und welche nicht.
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Kunst

John Sanborn, a dog dreams (of god), 2022


Ob Ursula Scheer (FAZ) eine Reinkarnation in der Retrospektive des amerikanischen Videokünstlers John Sanborn erlebt hat, die das ZKM Karlsruhe ausgerichtet hat, wissen wir nicht. Doch beeindruckt haben sie die Videos schon: "Schlag um Schlag geht ein Musiker auf New York City los. Mit seinen Drumsticks entlockt er Asphalt und Mauern, Telefonzellen und Jalousien, Laternenpfählen und Mülltonnen einen Beat, den er im Alleingang durch Manhattan improvisiert. Schläft ein Lied in allen Dingen: Es hat etwas taugenichtshaft Romantisches, was der amerikanische Videokünstler John Sanborn 1982 in 'Ear to the Ground' mit dem Percussionisten und Komponisten David Van Tieghem vor der Kamera inszeniert hat. Am Ende des von Kit Fitzgerald mitproduzierten Kurzfilms hüpft der Klangkünstler durch eine menschenleere Straße in den Sonnenuntergang. Heiter und im besten Sinne simpel wirkt diese Street-Art-Performance im Rückblick, eine tänzerische Epiphanie im Vertrauen darauf, dem eigenen Rhythmus folgen zu können."

Documenta und kein Ende. Es wurde noch ein antisemitisches Plakat entdeckt - "All Mining is Dangerous" von Taring Padi - bei dem die Künstler offenbar selbst schon dem raffgierigen Juden mit langer Nase und Geldsack die Kippa abgeklebt hatten, berichtet Jan Alexander Casper in der Welt. Und der britische Künstler Hamja Ahsan inszeniert sich auf Twitter als Widerstandskämpfer, wo er Deutschland als die rassistischste und bedrohlichste Nation beschimpft, in der er jemals gearbeitet habe, weshalb die Bild Zeitung ihn gerade am Ohr hat. In der FAZ versucht Claudius Seidl die Tweets als Kunst zu lesen - "und schafft es leider nicht. Dass der BDS, die Boykottbewegung, deren lauteste Vertreter dem Staat Israel jedes Existenzrecht absprechen, den Friedensnobelpreis bekommen solle, ist schon deshalb nicht als Ironie zu verstehen, weil Ahsan auch die Original-Tweets des BDS, in ihrer ganzen grausamen Wortwörtlichkeit, retweetet. Er beschimpft den hessischen FDP-Politiker Stefan Naas, der sich über die Schmähung des Bundeskanzlers empörte, als Kryptonazi. Wie er überhaupt jeden, der ihn kritisiert, zum 'German Nazi SPD 'centrist'' erklärt."

Weiteres: Stephan Hilpold berichtet im Standard über die Kunstszene in Bahrain. Besprochen werden die Ausstellung "Grenzüberschreitungen" im Schloss Sacrow bei Potsdam (taz), die Ottilie-Roederstein-Retrospektive im Frankfurter Städel (Welt) sowie Bildband und Ausstellung zu den Fotos von LaToya Ruby Frazier im Hamburger Kunstverein (SZ).
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Archiv: Kunst

Bühne

Hartmut Welscher berichtet im Van Magazin von Streit am Hessischen Staatstheater Wiesbaden, wo der Intendant Uwe Eric Laufenberg gern den Geschäftsführenden Direktor des Theaters, Holger von Berg loswerden würde, der sich ebenfalls gegen Mobbing-Vorwürfe wehren muss. In der Zeit berichtet Peter Kümmel von drei Uraufführungen bei den Salzburger Festspielen - "Ingolstadt" nach Marieluise Fleißer, ein "Reigen" nach Schnitzler und Thorsten Lensings Stück "Verrückt nach Trost". Wolfram Goertz, ebenfalls Zeit, erlebte in Salzburg drei "erfüllende" Opernabende mit Puccinis "Il trittico", Janáčeks "Káťa Kabanová" und Bartóks "Herzog Blaubarts Burg". Besprochen wird die Eröffnung der Ruhrtriennale mit Gérard Griseys "Quatre chants pour franchir le seuil" (Van).
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Stichwörter: Lensing, Thorsten

Musik

Das Ensemble Cantus Cölln löst sich nach 36 Jahren auf, sehr zum Kummer von Volker Hagedorn, der einst sogar eine Stelle aufgab, um in diesem Ensemble spielen zu können. Ihn reizte "das Unberechenbare, ja Abenteuerliche ... in der Existenzform eines freien Ensembles", schreibt er im VAN-Magazin. "Ganz früher einmal hatte ich ins Orchester gewollt, weil ich mir das wie eine immerwährende Eroberungsfahrt durch die Weltmeere der Sinfonik vorstellte. Aber schon im Studium wehte mir so viel Dienstplanmuff und Angstschweiß entgegen, dass ich den Plan aufgab. Bei Cantus Cölln entdeckte ich, dass es das doch gab, ein abenteuerliches Leben mit Musik, und das auch noch quer über die Weltmeere, lange vor klimatischen Bedenken. 'Wollen wir nicht mal nach Kuba fahren?', fragte mich Konrad Junghänel eines Abends. 'Kuba? Da war ich noch nie.' 'Na, dann machen wir das doch!', rief er fröhlich."

Außerdem: Adrian Schräder führt in der NZZ durch die Welt des Schweizer Mundart-Pops. In seiner VAN-Reihe über Komponistinnen befasst sich Arno Lücker in dieser Woche hier mit Julia Perry und dort mit Angélica Negrón.

Besprochen wird Paolo Nutinis Comeback-Album "Last Night in the Bittersweet" (Standard).
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Stichwörter: Cantus Cölln, Kuba