Efeu - Die Kulturrundschau
Alles ein Ineinander
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.08.2024. Von einem allgemeinen Boykott der russischen Kultur kann im deutschsprachigen Raum keine Rede sein, meint der Dirigent Martin Haselböck auf Backstage Classical. Der Tagesspiegel schwärmt vom Schwebezustand der "Shadow Flowers" Letizia Werths. Der FAZ wird unbehaglich beim dreiklangselig beschworenen Weltuntergangszeremoniell von Ena Brennans Oper "Hold your breath". Spiegel und SZ fragen sich, warum Taylor Swift zu den wegen Terrorgefahr abgesagten Konzerten in Wien schweigt.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
17.08.2024
finden Sie hier
Literatur


Besprochen werden unter anderem Reinhard Kaiser-Mühleckers "Brennende Felder" (taz, FR, SZ), Jackie Thomaes "Glück" (FR), Can Xues "Schattenvolk" (taz), Carlos Fonsecas "Austral" (Freitag), David Wagners "Verkin" (taz), Zygmunt Baumans Memoiren "Fragmente meines Lebens" (taz), Barbara Zemans "Beteigeuze" (Presse), Barbara Skargas "Nach der Befreiung. Aufzeichnungen aus dem Gulag 1944-1956" (NZZ) und Ulla Lenzes "Das Wohlbefinden" (WamS, FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Der Standard bringt ein neues Gedicht von Clemens J. Setz:
"Shoutout an die Libellenplage
in unserem Bezirk dieses Jahr,
wie kleine fliegende Crackpfeifen
erschienen sie überall, Jesus Christus ..."
Musik
Wer eines der aktuellen Konzerte von Taylor Swift besucht oder die offiziellen Social-Media-Kanäle des Popstars aufruft, würde nicht meinen, dass ihre drei Konzerte in Wien wegen akuter Terrorgefahr abgesagt wurden: kein Statement, nirgends. Ungewöhnlich, da Swifts Erfolgsgeheimnis ja gerade darauf basiert, die direkte Nähe zu ihren Fans zu suchen - diese fühlen sich nun alleingelassen, kommentiert Kim Staudt im Spiegel. "Mit ihrem anhaltenden Schweigen und ihrem Auftritt in London hat sie eine große Chance verpasst: Die Brutalität unserer heutigen Zeit anzuerkennen und sie auch als Teil ihrer Realität zu sehen. Stattdessen: Wien ist vergessen, the show must go on." Der Auftritt in London und dessen Abbildung auf Social Media wirkten "wie der Versuch, ihre heile Welt wieder von der harten Realität zu entkoppeln. Dieser Eskapismus, den die 'Eras Tour' anderthalb Jahre geboten hat, funktioniert aber nicht mehr, er wirkt nun wie eine Farce."
Auch Marlene Knobloch in der SZ fragt sich: "Warum schweigt sie? Nach der Messerattacke bei einem Taylor-Swift-Tanzkurs im britischen Southport, bei der drei Mädchen starben, hatte Swift sich zumindest über ihren Instagram-Kanal geäußert. Laut BBC soll sie sogar Kontakt zu den Familien aufgenommen haben. ... Gerade, weil ihr Verhalten so untypisch ist, kann man vermuten, dass sich Swift weniger aus geschäftlichen als aus Sicherheitsgründen nicht äußert. Taylor Swift bekannte 2019 in einem Interview mit Elle, ihre größte Angst sei die vor einer Terrorattacke, sie frage sich, wie man auf ihrer Tour für Millionen Fans Sicherheit garantieren könne. Vielleicht muss hier jemand gerade - auf Kosten der Empathie - schlicht sehr vorsichtig sein."
Von einem allgemeinen Boykott der russischen Kultur kann im deutschsprachigen Raum keine Rede sein, kommentiert der Dirigent Martin Haselböck auf Backstage Classical und belegt dies mit zahlreiche, auch eigenen Zusammenarbeiten. Richtig findet er aber, dass einzelne russische Künstler wie Teodor Currentzis ausgeladen werden. Denn "in der derzeitigen Situation ist Kultur auch ein 'Instrument der Durchsetzung staatlicher Politik' und muss sich dabei oft den Zielen der russischen Staatlichkeit unterordnen. Die 'Große russische Kultur' wird also als mediale Chiffre der staatlichen Propaganda missbraucht. ... Currentzis ist Künstler im System Putin - mit direktem Zugang zu Finanzen und Macht." Sein "Problem ist in dieser Zeit des Krieges nicht sein künstlerisches Schaffen, sondern seine Instrumentalisierung durch Putins Russland. Wenn die Platzierung seiner Orchester im internationalen Festspielbetrieb durch russische Gelder ermöglicht wurde, wenn seine Position in St. Petersburg durch ein eigenes Konzertgebäude etabliert werden soll - dann ist die vom Salzburger Intendanten apostrophierte 'rote Linie' im Umgang mit ihm längst überschritten."
Alexandre Kantorows Auftritt bei den Salzburger Festspielen war "ein Abend großer Klavierkunst", schwärmt Helmut Mauró in der SZ, nicht nur, aber insbesondere auch wegen der Darbietung von Béla Bartóks Rhapsodie op.1 und Sergej Rachmaninows Klaviersonate Nr.1 in d-Moll. "Technische Schwierigkeiten scheint es für Kantorow allerdings nicht zu geben, er kann offenbar alles, und alles mühelos. Allein Bartóks Rhapsodie berührt mitunter die Grenzen des Spielbaren. ... Kantorow verweist hier recht eindrucksvoll" auf Bartok als "einen Melodiker von Rang und einen genuinen Klavierkomponisten". Auch bei Rachmaninow "sucht Kantorow nicht das Naheliegende, ... sondern vertieft sich in das spannendere Verhältnis von lyrischer Verinnerlichung und dramatischer Erzählkunst. Es ist ein natürliches Spiel klanglicher Verdichtung und freiem Lauf, und im Gegensatz zum Beginn hat man diesmal den zwingenden Eindruck, alles folge einem sicheren Gespür für wohlgesetzte Tempodehnungen und -stauchungen."
Weitere Artikel: Marco Frei porträtiert in der NZZ den russischen Pianisten Alexander Malofeev, der seit Beginn des russischen Kriegs in Berlin lebt. Margarete Affenzeller (Standard) und Christine Dössel (SZ) berichten von einem KI-Panel bei den Salzburger Festspielen, bei dem die Sopranistin Asmik Grigorian gegen ihr digitales Double angetreten ist. Michael Stallknecht erzählt in der SZ von seiner Reise zum Benediktinerkloster Solesmes, wo seit 200 Jahren der Gregoranische Choral gepflegt und mit moderner Technologie erforscht wird.
Besprochen werden ein von Daniel Barenboim dirigiertes Konzert des West-Eastern Divan Orchestra mit der Geigerin Anne-Sophie Mutter bei den Salzburger Festspielen (Standard), ein Konzert von Tous Les Quatre Matins in Frankfurt (FR) und Jake Xerxes Fussells Album "When I'm Called" (FR).
Auch Marlene Knobloch in der SZ fragt sich: "Warum schweigt sie? Nach der Messerattacke bei einem Taylor-Swift-Tanzkurs im britischen Southport, bei der drei Mädchen starben, hatte Swift sich zumindest über ihren Instagram-Kanal geäußert. Laut BBC soll sie sogar Kontakt zu den Familien aufgenommen haben. ... Gerade, weil ihr Verhalten so untypisch ist, kann man vermuten, dass sich Swift weniger aus geschäftlichen als aus Sicherheitsgründen nicht äußert. Taylor Swift bekannte 2019 in einem Interview mit Elle, ihre größte Angst sei die vor einer Terrorattacke, sie frage sich, wie man auf ihrer Tour für Millionen Fans Sicherheit garantieren könne. Vielleicht muss hier jemand gerade - auf Kosten der Empathie - schlicht sehr vorsichtig sein."
Von einem allgemeinen Boykott der russischen Kultur kann im deutschsprachigen Raum keine Rede sein, kommentiert der Dirigent Martin Haselböck auf Backstage Classical und belegt dies mit zahlreiche, auch eigenen Zusammenarbeiten. Richtig findet er aber, dass einzelne russische Künstler wie Teodor Currentzis ausgeladen werden. Denn "in der derzeitigen Situation ist Kultur auch ein 'Instrument der Durchsetzung staatlicher Politik' und muss sich dabei oft den Zielen der russischen Staatlichkeit unterordnen. Die 'Große russische Kultur' wird also als mediale Chiffre der staatlichen Propaganda missbraucht. ... Currentzis ist Künstler im System Putin - mit direktem Zugang zu Finanzen und Macht." Sein "Problem ist in dieser Zeit des Krieges nicht sein künstlerisches Schaffen, sondern seine Instrumentalisierung durch Putins Russland. Wenn die Platzierung seiner Orchester im internationalen Festspielbetrieb durch russische Gelder ermöglicht wurde, wenn seine Position in St. Petersburg durch ein eigenes Konzertgebäude etabliert werden soll - dann ist die vom Salzburger Intendanten apostrophierte 'rote Linie' im Umgang mit ihm längst überschritten."
Alexandre Kantorows Auftritt bei den Salzburger Festspielen war "ein Abend großer Klavierkunst", schwärmt Helmut Mauró in der SZ, nicht nur, aber insbesondere auch wegen der Darbietung von Béla Bartóks Rhapsodie op.1 und Sergej Rachmaninows Klaviersonate Nr.1 in d-Moll. "Technische Schwierigkeiten scheint es für Kantorow allerdings nicht zu geben, er kann offenbar alles, und alles mühelos. Allein Bartóks Rhapsodie berührt mitunter die Grenzen des Spielbaren. ... Kantorow verweist hier recht eindrucksvoll" auf Bartok als "einen Melodiker von Rang und einen genuinen Klavierkomponisten". Auch bei Rachmaninow "sucht Kantorow nicht das Naheliegende, ... sondern vertieft sich in das spannendere Verhältnis von lyrischer Verinnerlichung und dramatischer Erzählkunst. Es ist ein natürliches Spiel klanglicher Verdichtung und freiem Lauf, und im Gegensatz zum Beginn hat man diesmal den zwingenden Eindruck, alles folge einem sicheren Gespür für wohlgesetzte Tempodehnungen und -stauchungen."
Weitere Artikel: Marco Frei porträtiert in der NZZ den russischen Pianisten Alexander Malofeev, der seit Beginn des russischen Kriegs in Berlin lebt. Margarete Affenzeller (Standard) und Christine Dössel (SZ) berichten von einem KI-Panel bei den Salzburger Festspielen, bei dem die Sopranistin Asmik Grigorian gegen ihr digitales Double angetreten ist. Michael Stallknecht erzählt in der SZ von seiner Reise zum Benediktinerkloster Solesmes, wo seit 200 Jahren der Gregoranische Choral gepflegt und mit moderner Technologie erforscht wird.
Besprochen werden ein von Daniel Barenboim dirigiertes Konzert des West-Eastern Divan Orchestra mit der Geigerin Anne-Sophie Mutter bei den Salzburger Festspielen (Standard), ein Konzert von Tous Les Quatre Matins in Frankfurt (FR) und Jake Xerxes Fussells Album "When I'm Called" (FR).
Film
Urs Bühler sammelt in der NZZ Eindrücke vom Filmfestival Locarno. Valerie Dirk blickt im Standard zurück aufs Alien-Franchise. Für die Welt plaudern Stefan Aust und Martin Scholz mit Kevin Costner. Besprochen werden Sean Wangs "Didi" (online nachgereicht von der FAZ), die Amazon-Serie "Perfekt verpasst" mit Anke Engelke und Bastian Pastewka (Welt), die Berliner Ausstellung "Tim Burton's Labyrinth" (FD) und der Briefwechsel von Michel Piccoli mit Gilles Jacob (FAZ).
Bühne

"Hold your breath" ist eine neue Oper mit Musik von Éna Brennan und einem Libretto von David Pountney, der sie auch für die Bregenzer Festspielen inszeniert hat. FAZ-Kritiker Werner Grimmel verspürt schon gleich zu Beginn der Aufführung ein deutliches Unbehagen: "Ein Sprecher (Sam Furness) in filziger Phantasieuniform fordert die Herumstehenden mit autoritärer Geste auf, sich nach Ethnie und sexuellen Vorlieben in Gruppen aufzuteilen, Formulare auszufüllen und soziale Distanz zu wahren." Und ähnlich beklemmend geht es weiter: "Die Choreographin Caroline Finn animiert die von Furness barsch zurechtgewiesenen Gruppen, zu mageren Walzerklängen ein Tänzchen zu wagen. Das soll offenbar die subversive Kraft des Tanzes gegen staatliche Reglementierung aktivieren. Die kollektiv einstudierten Gesten und Schritte lassen freilich eher an Gleichschaltung im Sinne einer Entertainment-Diktatur als an Rebellion denken. Pountney versteht 'Hold Your Breath' als 'Collage-Stück' über wichtige, ernste Themen wie die 'Klima-Sache', aber auch Covid-Maßnahmen und Erlebnisse in den Jahren der Pandemie." Das unbefriedigte Fazit: "Am Ende driftet das Stück in ein dreiklangselig beschworenes Weltuntergangszeremoniell ab."
Weiteres: Der Schweizer Regisseur Zino Wey plädiert bei den Salzburger Festspielen dafür, den ewig gleichen Theaterkanon durch "Vergessene Stücke" zu ergänzen, die er in einem "Lesemarathon" präsentiert, wie der Standard meldet. Besprochen werden Dorothée Munyanezas Choreografie "Umuko" beim Festival "Tanz im August" im HAU (Tsp), "Spiegelneuronen" von Stefan Kaegi, Sasha Waltz und Rimini Protokoll bei den Salzburger Festspielen (FAZ, mehr dazu bereits hier) und das Comedy-Festival "Fringe" in Edinburgh (Welt).
Architektur

Was ist ein Architekturdenkmal und wie geht man damit um, fragt sich tazlerin Sophie Jung, und nimmt mit Olaf Metzels "Deutschstunde" im Belvedere Weimar und Ersan Mondtags "Thresholds" im Deutschen Pavillon auf der Kunstbiennale Venedig zwei anschauliche Beispiele in den Blick. Metzel macht klar, "es gibt kein Gegenüber der Kulturen, kein Abgrenzen von Nationen und Religionen, es ist alles ein Ineinander", auch Mondtag zeigt, wie Geschichte und Geschichten ineinander verwoben sind: Der Deutsche Pavillon war von den Nationalsozialisten erbaut worden, jetzt "holte Mondtag die Erde aus dem Geburtsort seines Großvaters in Anatolien nach Venedig - der Mann war in den 1960ern als Gastarbeiter nach Berlin gekommen und schuftete sich dort in einer Fabrik zu einem frühen Tod. Die braune Erde bedeckt nun den gesamten Innenraum des Nazibaus, versperrt sein tempelartiges Portal. Und Mondtag machte noch etwas, das man so gar nicht sehen kann: Er schüttete die anatolische Erde auch in den Boden des Gebäudes, bevor er wieder versiegelt wurde. Sie gehört nun sozusagen zur originalen Bausubstanz eines ziemlich deutschen Architekturdenkmals."
Weiteres: Die Welt betrachtet den neuen indonesischen Präsidentenpalast in der neuen Hauptstadt Nusantara, die gerade auf Borneo entsteht.
Kunst

Weitere Artikel: Der Sinologe Martin Winter erzählt in der FAZ von seiner von Repressionen und Unsicherheiten geprägten Zeit als Stipendiat im chinesischen Shangyuan Art Museum. Die Welt ist äußerst skeptisch, dass der Kunstbetrüger Inigo Philbrick jetzt zum Serienhelden werden soll. Die SZ fragt sich, was die "bemerkenswerte Porträtskulptur", die Mark Zuckerberg von seiner Ehefrau Priscilla hat anfertigen lassen, über deren Ehe aussagt. Thomas Kober, der Kurator der Weißfrauen-Diakoniekirche, soll jetzt nach zahlreichen Querelen mit der theologischen Leitung, aber gegen das Unverständnis vieler Frankfurter Künstler, an einen anderen Einsatzort versetzt werden, meldet die FAZ. Ebenfalls in der FAZ werden die Fotos von Katya Moskalyuk gezeigt, die die Witwen ukrainischer Soldaten porträtiert hat. Der Tagesspiegel macht einige Vorschläge, um Berlin in verschiedenen Ausstellungen mal aus einer neuen Perspektive zu betrachten.
Besprochen werden die Ausstellungen "Schippermütz und feiner Zwirn" mit Fotografien von Fide Struck im Museum Kunst der Westküste auf Föhr (taz), "Nightcall" mit Fotografien von Satijn Panyigay in der Galerie Peter Sillem (FR) sowie die Installation "Haus in der Nähe eines großen Waldes" von Markus Draper im Dresdner Albertinum (SZ).
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