Efeu - Die Kulturrundschau
Es walden die vögelein die ruhe schweigt
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.10.2024. Die Literaturkritiker sind zufrieden, dass die Buchpreis-Jury mit Martina Hefters Roman "Hey guten Morgen, wie geht es Dir?" Mut zur Avantgarde zeigt. Nur die Welt hat genug von der kleinen Welt des Privat-Familiären, und hätte lieber Clemens Meyer ausgezeichnet. Die NZZ blickt in Bern auf die existenzielle Nacktheit von Chaim Soutine, der Farben dem Fleisch anverwandelte. Einer auch physisch nackten Marina Otero begegnet die Welt, die im Berliner HAU Narzissen mit ihrem Urin begießt. Im Tagesspiegel verspricht die neue Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle Filme als Filme und nicht als Transportmittel für Ansichten zu würdigen.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
15.10.2024
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Literatur

Die Protagonistin dieses "mit autobiografischem Material jonglierenden Romans" ist "vielleicht die ehrlichste Lügnerin, die man sich vorstellen kann", schreibt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel: Aber "auch virtuelle Ausflüchte entfalten Wirklichkeitseffekte. Und wenn sie Posts schreibt, die bewusst die Love-Scammer am anderen Ende überfordern, dreht sie den Spieß nicht nur um: Sie erfindet eine Gegenwelt; sie probiert, was Fiktionen mit ihrem Leben und dem von anderen tun. Und das macht nicht zuletzt das Leben mit ihrem Mann Jupiter, der nebenan im Pflegebett liegt, ein Stück leichter." Alle Kritiker weisen darauf hin, dass Hefters Ehemann, der Schriftsteller Jan Kuhlbrodt, wegen Multipler Sklerose auf einen Rollstuhl angewiesen ist.

Mara Delius zieht in der Welt mit der Jury zu Gericht: Wenn der Anspruch des Deutschen Buchpreises auf literarische Qualität Bestand "haben soll, ein Roman vielleicht sogar einer ästhetischen Eigengesetzlichkeit folgen und eine literarische Tradition fortschreiben: dann hätte der Buchpreis an Clemens Meyer gehen müssen. ... Weil der rund tausendseitige Roman ein Kontrastprogramm ist zu den sich inzwischen oft in der kleinen Welt des Privat-Familiären einrichtenden deutschen Gegenwartsromanen: Meyers Blick ist der schonungslose Blick auf eine von Regression in brutalste Barbarei bedrohte Welt als Ganze - und sein Roman ein Roman, der sich selbst glaubt, dass Literatur die einzige Kunstform ist, sie zu bannen."
Heute wird die Frankfurter Buchmesse eröffnet (hier unsere Auswertungen der Literaturbeilagen der letzten Tage). Das Gastland ist Italien. Carolin Gasteiger informiert in der SZ, warum die Delegation italienischer Schriftsteller, die lange mit einem Besuch vor Ort gefremdelt haben, weil sie keine PR für Melonis Italien machen wollten, nun doch (wenn auch "mit gemischten Gefühlen") an den Main kommen: Zum einen, weil der Kulturminister Gennaro Sangiuliano nach einer Liebesposse nicht mehr im Amt ist, zum anderen weil nun mehr Austausch im Programm vorgesehen ist. Anna Vollmer legt uns in der FAZ die Bücher der italienischen, regierungskritischen Schriftstellerin Igiaba Scego ans Herz. Ralph Trommer bietet in der taz einen Überblick über italienische Comics. (Mehr zur Buchmesse in 9punkt)
Außerdem: Der Tagesspiegel dokumentiert die von Liya Yu gehaltene Rede zum Berliner Symposium "Writing Chinese in Berlin". Besprochen werden unter anderem Nona Fernández' "Twilight Zone" (taz), Gianfranco Calligarichs "Wie ein wilder Gott" (NZZ), neue Lyrikbände (Freitag), Paul Watermanns "Moskovian Kinder" (FAZ) und Richard Powers' "Das große Spiel" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

Maria Becker (NZZ) spürt in der Ausstellung "Gegen den Strom" im Kunstmuseum Bern das Leiden des in der Nähe von Minsk geborenen jüdischen Malers Chaïm Soutine, der zeitlebens ein Getriebener und im Kunstbetrieb ein Außenseiter blieb, bis er mit knapp fünfzig Jahren an einem Magenleiden starb: "Menschen, Tiere, Bäume, Häuser - alles ist von gewaltsamer Bewegung erfasst. Wellen gehen durch Landschaften wie Erdbeben, Gesichter schauen uns aus Porträts gleichsam in existenzieller Nacktheit entgegen. Tierkadaver in Stillleben scheinen noch immer zu leiden wie Opfer brutaler Gewalt. Soutines Bilder sind ungeschönt; er wühlt in den Farben, als müsste er diese dem Fleisch anverwandeln. Was kam da aus ihm heraus? Der Maler scheint sich mit jedem seiner Motive zu identifizieren. Auch heute noch wirkt vieles krass durch die mit leuchtender Farbschönheit gepaarte Gewalt. Soutine ist expressiv, aber kein Maler des Expressionismus erreicht solche Intensität." Seine Modelle waren Dorfkinder, Dienstmädchen und Hotelpagen, er malte "ihre Unsicherheit und ihr Misstrauen, ihre Ängste und ihre Ärmlichkeit."

Heute vor hundert Jahren veröffentlichte André Breton sein surrealistisches Manifest, dem Jubiläum widmet das Pariser Centre Pompidou eine Ausstellung, die ihresgleichen sucht, staunt Martina Meister in der Welt. Die Schau ist angelegt als Labyrinth in dreizehn Sälen, eine KI liest etwa mit Bretons Stimme aus dem Manifest vor: "'Ich insistiere auf dem Faktum', schrieb Breton, 'dass der Surrealismus historisch nur in Abhängigkeit vom Krieg verstanden werden kann - ich meine von 1918 bis 1939 - zugleich im Zusammenhang mit dem Krieg, bei dem er einsetzte, und dem, zu dem er zurückkehrte.' Angesichts des destruktiven Umfelds und der Auswirkung und Verfolgung vieler Künstler, wirkt die Kunst der Surrealisten wie eine bunte, verzaubernde Ausflucht in eine innere Bildwelt. Sie war alles andere als unpolitisch. Breton fand eine gute Beschreibung für den Anspruch, das Gesellschaftliche mit dem Individuellen zu verbinden. 'Die Welt verändern, hat Marx gesagt; das Leben ändern, hat Rimbaud gesagt. Diese beiden Losungen sind für uns eins.'"
Frauen hatten es bei den Surrealisten schwer, im Manifest heißt es: "Und ist es schließlich nicht das Wesentliche, dass wir Herr über uns selber und auch über die Frauen, die Liebe sind?", erinnert Till Briegleb in der SZ, der sich freut, dass die überbordende Schau auch unzählige Surrealistinnen präsentiert: "So wird auch der Vergleich provoziert, ob Frauen und Männer Erotik, Pornografie und Geschlechtsteile, zentrale Themen des Surrealismus, anders zeigen. Könnten Hans Bellmers brutale Sexpuppen, die gesichtslos nackten Frauen von Max Ernst, Dalís 'Gesicht des großen Masturbators' oder Paul Delvaux' nackte Traumfrauen auch von Frauen stammen? Könnten Männer die explizite Marquis-de-Sade-Illustration von Valentine Hugo, Toyens Frauen-Sexfantasien, Mimi Parents Zopfpeitsche ('Maitresse') oder Ithell Colquhoums 'Scyla' und 'Tree Anatomy', Surrogate aus Natur und Geschlechtsorganen, geschaffen haben? André Breton wäre das alles recht gewesen."
Besprochen werden die Rebecca Allen-Ausstellung "Solo Exhibition 1974 - now!" bei DAM Projects in Berlin (taz), die große Matisse-Retrospektive in der Fondation Beyeler (FR), die Ausstellung "Monet and London - Views of the Thames" in der Courtauld Gallery in London (FAZ) und die Gustave-Caillebotte-Ausstellung "Männer malen" im Musée de'Orsay in Paris (Tsp).
Design
Katharina J. Cichosch hat für die taz eine Handtaschen-Ausstellung im Deutschen Ledermuseum in Offenbach besucht.
Film
Noch habe er keine offizielle Post von Trumps Anwälten bekommen, erzählt der Regisseur Ali Abbasi im NZZ-Gespräch über seinen Film "The Apprentice" über den jungen Donald Trump. Der Film behauptet in einer Passage auch, Trump habe seine damalige Frau Ivana vergewaltigt. "Die Szene basiert auf Ivanas eidesstattlicher Aussage vor Gericht. Diese Aussage existiert. Sie hat sie nicht zurückgenommen. Sie hat es auch erneut in ihren Memoiren geschildert. ... Wenn es um eine rechtlich unbehelligte Person ginge, dann wäre die Beweislast klar bei uns. Hier geht es um eine Person, die schon einmal verurteilt worden ist. Trump wurde wegen sexuellen Missbrauchs von einem Zivilgericht in New York schuldig gesprochen. Es gab auch die 'Grab 'em by the pussy'-Aussage. Und erst vergangene Woche kam heraus, dass er Backstage bei einem Schönheitswettbewerb diverse Models zu küssen versuchte. Es gibt also ein Muster. Es gibt frühere Vorfälle. Es gibt Beweise. Es gibt eine Verurteilung. Kann ich zu hundert Prozent dafür bürgen, dass es so war, wie wir es darstellen? Nein. Aber kann ich für irgendeine Szene in dem Film bürgen? Es ist ein Spielfilm."
Im Tagesspiegel-Gespräch mit Andreas Busche und Christiane Peitz versprüht die neue Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle viel Zuversicht, wird aber wenig konkret. Auf reinen Inhaltismus hat sie aber keine Lust, sagt sie: "Es trifft nicht nur auf die Berlinale zu, dass die Auseinandersetzung mit Filmen mehr und mehr einer Nachrichten-Agenda folgt, weniger der Agenda von Kunst und Kultur. Das fing mit MeToo an, oder sogar schon mit der Kontroverse um Streaming und Kino. Jetzt kommen all die geopolitischen Themen hinzu, die Kriege und Krisen. Wir sollten uns gemeinsam darum bemühen, Filme als Filme zu würdigen und nicht als Transportmittel für Inhalte oder Ansichten."
Außerdem: Standard-Kritiker Karl Gedlicka empfiehlt zwei Filme von Hong Sang-soo auf der Viennale. Im Filmdienst gratuliert Daniel Moersener Udo Kier zum 80. Geburtstag. Besprochen wird Michel Francos Demenzdrama "Memory" mit Jessica Chastain und Peter Sarsgaard (Presse),
Im Tagesspiegel-Gespräch mit Andreas Busche und Christiane Peitz versprüht die neue Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle viel Zuversicht, wird aber wenig konkret. Auf reinen Inhaltismus hat sie aber keine Lust, sagt sie: "Es trifft nicht nur auf die Berlinale zu, dass die Auseinandersetzung mit Filmen mehr und mehr einer Nachrichten-Agenda folgt, weniger der Agenda von Kunst und Kultur. Das fing mit MeToo an, oder sogar schon mit der Kontroverse um Streaming und Kino. Jetzt kommen all die geopolitischen Themen hinzu, die Kriege und Krisen. Wir sollten uns gemeinsam darum bemühen, Filme als Filme zu würdigen und nicht als Transportmittel für Inhalte oder Ansichten."
Außerdem: Standard-Kritiker Karl Gedlicka empfiehlt zwei Filme von Hong Sang-soo auf der Viennale. Im Filmdienst gratuliert Daniel Moersener Udo Kier zum 80. Geburtstag. Besprochen wird Michel Francos Demenzdrama "Memory" mit Jessica Chastain und Peter Sarsgaard (Presse),
Musik
Jonathan Fischer schreibt in der NZZ über den weltweiten Erfolg von nigerianischem Afrobeat. In seinem Poptagebuch für den Rolling Stone erzählt Eric Pfeil, wie ihm das Schicksal eine Kiste mit gebrauchtem Christenrock-Vinyl in die Hände spielte. In der FAZ gratuliert Achim Heidenreich dem Komponisten Mathias Spahlinger zum 80. Geburtstag. Besprochen werden die Neubearbeitung von Charli XCX' aktuellen Album "Brat" mit diversen Gastauftritten anderer Musiker (Welt), eine von Thomas Guggeis dirigierte Aufführung von Luca Francesconis "Sospeso" in Frankfurt (FR) und ein von Tarmo Peltokoski dirigiertes Konzert der Kammerphilharmonie Bremen in Wien (Standard).
Architektur
In der Welt fasst sich Dankwart Guratzsch an den Kopf: Statt weiter Dämmung von Gebäuden zu fordern, würde der Erhalt von bestehenden Immobilien deutlich mehr Energie einsparen, meint er. Aber in der Baubranche herrscht Forschungsstau: "Das Riesenaufgebot von Fachinstituten schafft es nicht, den tatsächlichen Energieverbrauch einzelner Gebäude- und Städtebautypen zu ermitteln und die daraus resultierenden Nachrüstungsbedarfe hieb- und stichfest zu dokumentieren. Warum greift das Ministerium nicht nach der ausgestreckten Hand der Verbände, Unternehmen und Institutionen des Bauwesens, die ein Abrissmoratorium fordern? Abrissmoratorium heißt, dass vor Inangriffnahme eines jeden Bauprojekts geprüft werden muss, ob sich der Verwendungszweck des geplanten Neubaus nicht durch die Sanierung, Umbau und Weiterentwicklung von Bestandsgebäuden ebenso gut (und ressourcenschonender) erreichen lassen würde."
Bühne

Diesen Theaterabend wird Welt-Kritiker Jakob Hayner nicht mehr vergessen: Nach "Fuck me" und "Love me" schließt die argentinische Choreografin Marina Otero ihre Lebens-Trilogie am Berliner HAU Hebbel am Ufer ab, und schickt nicht nur fünf nackte Männer durchs Publikum, sondern bespielt die Bühne auch selbst, nicht nur körperlich nackt. In "Kill Me" geht es um Borderline, Depression, Schizophrenie, dabei gelingt Otero "ein Balanceakt. Weder wird das Leiden verschwiegen noch effekthascherisch instrumentalisiert. Es wird nicht zur Letztbegründung der eigenen Existenz (wie in den identitätspolitischen Entwürfen, die das Ästhetische kolonisieren), sondern zum künstlerischen Material, zum formbildenden Impuls. Das zeigt sich in den Figuren, die an dem Abend getanzt werden. Immer wieder kippt die aufrechte Achse des Körpers weg, eine Unwucht schleicht sich in die Bewegung, die in die Knie zwingt oder auf den Boden schleudert. Das hat eine eigene Schönheit, die Schönheit des Kaputten. Das Schöne wächst überall. Wie zur Illustration hockt sich Marina Otero über einen Blumentopf mit Narzissen, die sie mit ihrem Urin begießt."

Der Regisseurin Anita Vulesica gelingt am Schauspielhaus Hamburg das Unmögliche - und dringt ganz nebenbei noch zum "Wesenskern der Dichtung" vor, staunt Till Briegleb in der SZ: Vulesica hat Georges Perecs Goethe-Experiment "Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh" inszeniert, für das Perec Goethes Achtzeiler von einem fiktiven Computerprogramm bearbeiten ließ - bis am Ende ein Dada-Langgedicht mit verständlichen Silben stand. Die Schauspieler "legen sich hochambitioniert ins Zeug, den ausufernden logischen Unsinn mit Verzweiflung, Pathos und Melodie zu beherrschen. Mit absolut untechnischer Körperlichkeit, die von Schwitzen über Slapstick zur Sinnkrise reicht, tragen sie das Verlangte in rasendem Tempo fehlerlos vor. Das beginnt mit zackigen Aufzählungen, führt zu Anzüglichkeiten wie 'es walden die vögelein die ruhe schweigt, es vögelt die ruhe das schweigen waldet', steigert sich zu Lautverschiebungen wie 'über allen glipfen its uhr, in allen fipweln sprüest du, kaum einen chauh werta nur balde stuhre du auch'..."
Besprochen werden Stefan Puches Inszenierung von Georg Büchners "Woyzeck" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Robert Carsens Inszenierung von Antonio Cestis Oper "L'Orentea" an der Mailänder Scala (Welt), Oliver Reeses Inszenierung von Michael Frayns Spielbetriebskomödie "Der nackte Wahnsinn" am Berliner Ensemble (Berliner Zeitung, Tsp), der anthroposophische Theaterabend "Die Erziehung des Rudolf Steiner" von dem britisch-irischen Regiekollektiv Dead Centre im Stuttgarter Schauspiel (FAZ) und Jakob Peters-Messers Inszenierung von Gustav Holsts Oper "Sita" am Staatstheater Saarbrücken (FAZ).
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