Efeu - Die Kulturrundschau
Durch Riesenhennen ausgebrütet
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29.10.2024. Die SZ packt angesichts des Tools Demandsens, das den Markterfolg eines Buches vorherzusagen soll, das Grauen: Kant, Mann oder Ernaux wären so nie publiziert worden, glaubt sie. Die taz blickt in einer Bremer Ausstellung der südafrikanischen Künstlerin Helena Uambembe auf die Geschichte des Bürgerkriegs in Angola. Die FAZ amüsiert sich bestens, wenn Schwachsinnige im Louvre von Bäumen plumpsen. Die NZZ erinnert sich in Lignon daran, wie man mit Marmor, Mahagoni und Voltaire eleganten Massenwohnungsbau schafft. Und der Standard staunt, wie The Cure Mahler und Analogkäse zusammenbringt.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
29.10.2024
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Kunst

Ihre Kunst soll alle Sinne erreichen, erfährt Jonathan Guggenberger in der taz von der südafrikanischen Künstlerin und Tochter eines angolanischen Soldaten Helena Uambembe, der die Kunsthalle Bremen anlässlich der Auszeichnung mit dem Ars Viva Preis eine Ausstellung widmet. Guggenberger selbst fährt dann doch lieber mit Derrida und Freud das große Besteck auf, um Uambembes Werke zu erläutern: "In 'Das Unbehagen in der Kultur' schildert der Psychoanalytiker einen Spaziergang durch Rom. Was er an der römischen Architektur erkennt: Geschichte gestaltet sich in 'Schichten' - genauso die menschliche Psyche. Eine architektonische Epoche legt sich über die andere, eine Erfahrung über die nächste, und verändert die Oberfläche. In Werkserien wie 'Commander Nel's Archive' (2020) oder 'Ghost of my Parents Past' (2018/19) sind es Foto- und Lithografien archivarischer Bilder, die Uambembe neu beschichtet. Mit Zeichnungen, Beschriftungen oder Scherenschnitten des eigenen Körpers. Es sind Fotos aus Kolonialarchiven, schwarz-weiße Bilder, die Momente der Geschichte des Bürgerkriegs in Angola zeigen. Ein Krieg, der mit Unterbrechungen von 1975 bis 2002 andauerte. Uambembe versucht sich einzuschreiben in diese Momente, 'Interventionen in Geschichte' nennt sie das. Man könnte auch sagen: Eine postkoloniale Aneignung der eigenen Geschichte, die immer auch eine der Fremdherrschaft, der Entfremdung ist."

Unter dem Titel "Figures du Fou", zu deutsch: "Figuren des Verrückten" zeigt der Pariser Louvre derzeit "Inkarnationen des Irren" in der abendländischen Kunst zwischen Spätmittelalter und Romantik und FAZ-Kritiker Marc Zitzmann bewegt sich äußerst angetan zwischen männlichen und weiblichen Narren und Erleuchteten. Seinen ikonografischen Triumph feierte der Irrsinn "zur Renaissancezeit, von Bruegel dem Älteren bis zu Hieronymus Bosch, wo Narren von Bäumen plumpsen oder durch Riesenhennen ausgebrütet werden, wo man ihnen den 'Narrenstein' aus dem Schädel operiert, wo aber auch der Krieg (in der Gestalt der holländischen 'Dulle Griet', einem rabiaten Mannweib) oder die vermeintliche Häresie (verkörpert durch die von Thomas Murner attackierten Anhänger des 'großen lutherischen Narren') als Schwachsinnige karikiert werden. Im 17. und 18. Jahrhundert vertrieb die Vernunft den Narren aus der Bilderwelt. In Figuren wie Don Quichotte und Pulcinella lebte etwas fort von seinem (Un-)Geist; Gemälde wie Tiepolos 'Zahnzieher', das Karneval und Kurpfuscherei verquickt, gemahnen an flämische Genreszenen mit närrischer Anmutung."
Weitere Artikel: In der taz berichtet Jürgen Gottschlich von einer Petition, initiiert von Zahi Hawass, ehemaliger Direktor der Ägyptischen Antikenverwaltung, und unterzeichnet von inzwischen 21.000 Menschen im In- und Ausland, die fordert, die Nofretete von Berlin ins neue Pharaonenmuseum in Kairo zu schaffen.
Besprochen werden die Ausstellung "Gottweißwo" mit Werken von Martin Assig in der Berliner Kunstkirche St. Matthäus (FR), die Achim-Freyer-Retrospektive im Schloss Biesdorf (Tsp) und die Ausstellung "Flowers forever", die vergangenes Jahr in der Kunsthalle München (unser Resümee) und nun im Bucerius-Kunst-Forum in Hamburg zu sehen ist (Tsp).
Film
Patrick Heidmann unterhält sich für die FR mit Pedro Almodóvar über dessen aktuellen Film "The Room Next Door" (unser Resümee). Leo Geisler widmet sich in seiner Filmdienst-Reihe über Heist-Movies Jacques Audiards "Lippenbekenntnisse". Besprochen werden Andres Veiels Dokumentarfilm über Leni Riefenstahl (FAZ, hier unsere Resümees vom Filmfestival Venedig), die ZDF-Serie "BFF - Best Family Forever" (taz) und Shiori Itos in der Schweiz startender Dokumentarfilm "Black Box Diaries", in der die japanische Journalistin schildert, wie lange sie dafür kämpfen musste, dass ihr Vergewaltiger vor Gericht landet (NZZ).
Design
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Zumindest in der Herstellung von Plastikmöbeln im Stil des utopischen Aufbruchs der Siebziger hatte sich die deutsche Einheit schon lange vor 1990 vollzogen, nimmt SZ-Kritikerin Renate Meinhof als Erkenntnis von ihrem Besuch im Eisenhüttenstädter "Museum Utopie und Alltag" mit. Dort erzählt die Ausstellung "PURe Visionen. Kunststoffmöbel zwischen Ost und West", wie die Plastikbranchen der BRD und DDR frühzeitig miteinander kooperierten. "Synthetische Kunststoffe im Möbelbau anstelle von Holz? Ungeahnte Möglichkeiten für die Massenproduktion taten sich dank der Chemie-Industrie auf, und Erdöl floss reichlich aus der Sowjetunion in die DDR. ... Die Entwicklung von Möbeln aus Kunststoff lief in beiden deutschen Staaten parallel, aber der Westen war weiter, was Herstellung und Verarbeitung von Polyurethan betraf. Was tat der Osten? Er tat, als gäbe es die Mauer nicht" und "kaufte im Westen Maschinen und Verfahrenstechnik ein, kaufte auch Möbelentwürfe. ... Zwei Großbetriebe machten von Anfang der 1970er-Jahre Deutschland - nämlich die DDR in engster Zusammenarbeit mit der BRD - zum wohl größten Produzenten von Kunststoffmöbeln weltweit: das VEB Synthesewerk Schwarzheide mit seinem Betriebsteil in Bernsdorf und das Petrochemische Kombinat Schwedt an der Oder."
Literatur
Media Control verspricht den Verlagen, mit dem gegen Ende des Jahres ausgerollten Tool Demandsens, den Markterfolg eines Buches mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorherzusagen, um bei einem sich abzeichnenden Flop noch rechtzeitig den Absprung zu schaffen. SZ-Kritiker Felix Stephan packt bei dieser Meldung das nackte Grausen: "Die großen internationalen Verlagshäuser sind mitunter als Aktiengesellschaften organisiert und als solche den Anteilseignern zumindest in den USA schon rein gesetzlich zu Profitoptimierung verpflichtet. In diesem Umfeld Bücher zu veröffentlichen, für die man schon vorab mit 99-prozentiger Sicherheit ein Verlustgeschäft bescheinigt bekommt, verlangt einen verlegerischen Idealismus, für den es in vielen Medienkonzernen kaum mehr Anreizsysteme gibt. Immanuel Kants 'Kritik der reinen Vernunft' wäre unter diesen Bedingungen genauso wenig erschienen wie die Werke Annie Ernaux' oder Thomas Manns 'Buddenbrooks'. Außer Peter Handke und Kazuo Ishiguro, die sich von Anfang an gut verkauften, hätte keiner der Nobelpreisträger der vergangenen Jahre einen Demandsens-Score bekommen, der merkantil den Aufwand gerechtfertigt hätte, seine oder ihre Bücher zu publizieren."
Weitere Artikel: Ella Creamer und Lucy Knight melden im Guardian, dass Sally Rooney, Rachel Kushner und Arundhati Roy dazu aufrufen, israelische Kulturinstitutionen zu boykottieren, die "sich an der überwältigenden Unterdrückung der Palästinenser beteiligt oder diese als schweigende Beobachter" hingenommen haben. Robert Menasse hat in Tirana die albanische Übersetzung seines Romans "Die Erweiterung" vorgestellt, berichtet Matthias Meisner in der taz. In der FAZ gratuliert Hannes Hintermeier Thrillerautor Lee Child zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden unter anderem Francesca Melandris "Kalte Füße" (TA), Julian Volojs Comic "Liberty" (Welt), Amor Towles' "Eve" (NZZ), Iwa Pesuaschwilis "Müllschlucker" (FAZ) und Frank Schätzings "Helden" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Weitere Artikel: Ella Creamer und Lucy Knight melden im Guardian, dass Sally Rooney, Rachel Kushner und Arundhati Roy dazu aufrufen, israelische Kulturinstitutionen zu boykottieren, die "sich an der überwältigenden Unterdrückung der Palästinenser beteiligt oder diese als schweigende Beobachter" hingenommen haben. Robert Menasse hat in Tirana die albanische Übersetzung seines Romans "Die Erweiterung" vorgestellt, berichtet Matthias Meisner in der taz. In der FAZ gratuliert Hannes Hintermeier Thrillerautor Lee Child zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden unter anderem Francesca Melandris "Kalte Füße" (TA), Julian Volojs Comic "Liberty" (Welt), Amor Towles' "Eve" (NZZ), Iwa Pesuaschwilis "Müllschlucker" (FAZ) und Frank Schätzings "Helden" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bühne

Welt-Kritiker Jakob Hayner wähnt sich zwischen "Gedächtnistheater" und "Gespensterstunde" an der Berliner Volksbühne, wo aktuell mit "Ich weiß nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis (Manzini-Studien)" ein letztes Stück von René Pollesch gespielt wird. Pollesch hatte das Nachspielen seiner Stücke nach seinem Tod verboten, umso intensiver erlebt der Kritiker einen der letzten Pollesch-Abende an der Volksbühne: Das Stück "zeigt in verdichteter Form, was Polleschs Theater ausgemacht hat. Wie bereits erwähnt, findet das ganze Schauspiel nach dem Drama statt, über das zwar geredet wird, obwohl man es nicht zu sehen bekommt. Die Schauspieler sind keine Figuren mehr, sondern haben alle einen Knacks (in dem Merve-Band, der hier als Vorlage dient, kommentiert der postmoderne Denker Gilles Deleuze den Lebenskrisentext von F. Scott Fitzgerald, wie die Eingeweihten wissen - und das hilft schon ein wenig mehr). Der Abend hätte auch heißen können: Was Sie schon immer über Postdramatik wissen wollten, aber nie zu fragen wagten. Auf der Suche nach Antworten plappern sich Kathrin Angerer, Martin Wuttke und Marie Rosa Tietjen durch ein dichtes Knäuel aus Kalauern, Psychoanalyse und Popkultur."
Weitere Artikel: Nicht gerade heitere, aber doch gelungene Theaterabende erlebt FAZ-Kritiker Martin Lhotzky am Wiener Burgtheater, wo Kay Voges Jon Fosses Frühwerk "Der Name" in skurril-absurder Inszenierung und Ersan Mondtag Sibylle Bergs Roman "Toto" in düsterer, aber äußerst musikalischer Inszenierung auf die Bühne bringen. Von Querelen am Stadttheater Bremerhaven, wo Intendant Lars Tietje den Generalmusikdirektor entmachten und künftig allein die künstlerische Verantwortung tragen will, berichtet Jens Fischer in der taz.
Besprochen werden der Auftakt der "Performing Arts Season" der Berliner Festspiele (Welt), der Auftakt von Tobias Kratzers "Ring"-Inszenierung unter dem Dirigat von Vladimir Jurowski am Münchner Nationaltheater (FR), Franz Wittenbrinks Kinderoper "Die kleine Hexe" nach Otfried Preußler an der Komischen Oper Berlin (FAZ), Alexander Eisenachs und Jan Jordans Inszenierung von "Wasteland: Peter Pan" sowie András Dömötörs Adaption von Hermann Kochs Roman "Das Dinner" am DT Berlin (Tsp).
Musik
Christian Schachinger hält im Standard Rückschau auf das Schaffen der Gothicband The Cure, die dieser Tage passend zu Halloween ein neues Album veröffentlicht. "Am Ende dieser verlorenen Welt steht der elfminütige Brocken 'Endsong'. Er geleitet uns nach einem mehrminütigen Intro, in das junge Leute heute ihre ganze Tiktok-Karriere unterbringen könnten, ins unabwendbare Finale." Denn "auch heute und morgen wird gestorben werden: 'I'm outside in the dark, wondering how I got so old / It's all gone, nothing left of all I loved.' Mit einer Gesangsausbildung wäre es von da zu Gustav Mahlers spätromantischer Tondichtung 'Ich bin der Welt abhanden gekommen' nicht mehr weit. Die Halleffekte, die angezerrten Gitarren und das Schlagzeug im Trauermarschduktus der aus der Gothic-Zeit herübergeretteten Tribal-Beats muss man sich wegdenken. Dafür schmelzen die Streicher wie Analogkäse dahin."
Weitere Artikel: Stefan Michalzik (FR) und Peter Kemper (FAZ) resümieren das 55. Frankfurter Jazzfestival in Frankfurt. Das Netz durchforstet diverse Popsongs nach verschlüsselten Botschaften auf den Skandal rund um den Rapper Sean "Diddy" Combs, der wegen massenhaften sexuellen Missbrauchs vor Gericht steht, berichten Heide Rampetzreiter und Eva Dinnewitzer in der Presse. Für die SZ porträtiert Sofia Paule den Berliner Indie-Musiker Berq, dessen "Sonnenfinsternis-Pathos" beim Hören zuweilen den Eindruck erweckt, "als bekäme man einen Dolch in den Gehörgang geschoben".
Besprochen werden Zaho de Sagazans Album "La symphonie des éclairs" (taz), ein Konzert des Elektronikfolk-Trios Gordan (taz), ein Auftritt von Alexandre Kantorow in Frankfurt (FR), ein Konzert des Klangforums Wien (Standard) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album der Pixies, das bei Standard-Kritiker Christian Schachinger auch nicht mehr verfängt als die anderen Alben der einst legendären Band in den letzten Jahren: "Austauschbarer Formatradio-Indiepop mit ein wenig Country- und Surf-Einschlag. Schade drum."
Weitere Artikel: Stefan Michalzik (FR) und Peter Kemper (FAZ) resümieren das 55. Frankfurter Jazzfestival in Frankfurt. Das Netz durchforstet diverse Popsongs nach verschlüsselten Botschaften auf den Skandal rund um den Rapper Sean "Diddy" Combs, der wegen massenhaften sexuellen Missbrauchs vor Gericht steht, berichten Heide Rampetzreiter und Eva Dinnewitzer in der Presse. Für die SZ porträtiert Sofia Paule den Berliner Indie-Musiker Berq, dessen "Sonnenfinsternis-Pathos" beim Hören zuweilen den Eindruck erweckt, "als bekäme man einen Dolch in den Gehörgang geschoben".
Besprochen werden Zaho de Sagazans Album "La symphonie des éclairs" (taz), ein Konzert des Elektronikfolk-Trios Gordan (taz), ein Auftritt von Alexandre Kantorow in Frankfurt (FR), ein Konzert des Klangforums Wien (Standard) und neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album der Pixies, das bei Standard-Kritiker Christian Schachinger auch nicht mehr verfängt als die anderen Alben der einst legendären Band in den letzten Jahren: "Austauschbarer Formatradio-Indiepop mit ein wenig Country- und Surf-Einschlag. Schade drum."
Architektur

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