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07.05.2025. Die FAZ wird in Wim Wenders Kurzfilm "Der Schlüssel zur Freiheit" über das Ende des Zweiten Weltkriegs von der Vergangenheit eingeholt. Endlich einmal eine Künstlerin, die weiß, was angesichts des politischen Rechtsdrifts zu tun ist, jubelt monopol in einer Monica-Bonvicini-Schau in Berlin. In Cord Meijerings Oper "Gramsci", die in Görlitz Premiere feierte, lernt die FR den Marxisten als coolen und klugen Typen kennen. Percival Everett hat den Pulitzer-Preis für seinen Roman "James" rundum verdient, findet die FAZ.
Sehr beeindruckend findet Andreas Kilb (FAZ) den Kurzfilm "Der Schlüssel zur Freiheit", den WimWenders für das Auswärtige Amt zu achtzig Jahre Kriegsende in jener Schule in Reims gedreht hat, wo am 7. Mai aus deutscher Sicht formal der Zweite Weltkrieg endete (der Akt in Berlin-Karlshorst am 8. Mai war lediglich eine Wiederholung auf Drängen Stalins). In den vier Minuten Spielzeit "passiert etwas, was bei offiziellen Gedenkfeierlichkeiten selten geschieht: Die Geschichte holt uns ein. Der Ort, an dem sie stattfand, ist immer noch da, und der Blick, den Wenders mit der Kamera darauf wirft, bringt sie zum Sprechen. 'Von meiner Kindheit an habe ich achtzig Jahre in dem Frieden gelebt, den die Nacht in dieser Schule uns allen gebracht hat', sagt Wenders am Ende seines Films. 'Heute herrscht im vierten Jahr wieder Krieg in Europa. Es ist auch ein Krieg gegen Europa. ... Es liegt jetzt an uns, die Schlüssel zur Freiheit selbst in die Hand zu nehmen.' Das dürfte die kürzeste unter den vielen Ansprachen sein, die in diesem Jahr zum 8. Mai gehalten werden. Aber es ist womöglich eine der wichtigsten, denn sie schließt die Türen zur Vergangenheit nicht feierlich zu, sondern reißt sie weit auf."
Außerdem: Sehr beglückt kommt Bert Rebhandl (FAZ) von den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen nach Hause: "Jeder der gezeigten Filme enthält eine Spur durch die Geopolitik."
Besprochen werden DagJohanHaugeruds Berlinale-Gewinner "Oslo Stories: Träume" (tazlerin Barbara Schweizerhof erlebt vergnügt, aber ohne Schadenfreude mit, "wie Sprechen, Handeln und Empfinden immer drei verschiedene Dinge sind"), NoémieMerlants "Balconettes" (Standard-Kritikerin Valerie Dirk sah "einen erotischen, furiosen und kunterbunten Genremix, der optisch nicht zufällig an Filme von Pedro Almodóvar erinnert"), BurhanQurbanis "Richard III"-Variante "Kein Tier. So Wild" (Maximilian Steinborn von critic.dekann sich der "Sogkraft dieses Films" nicht entziehen), die Netflix-Serie "Eternauta" nach dem gleichnamigen Comicklassiker von HéctorGermánOesterheld aus den Fünfzigern (Tsp, Presse), TerezaKotyks in Deutschland vorerst noch nicht startender Film "Nebelkind" (Standard) und das Buch "Eine Familie in Brüssel" der belgischen Filmemacherin ChantalAkerman (FAZ).
Wie, fragt sich Oliver Koerner von Gustorf auf monopol, reagiert Monica Bonvicini, eine der zentralen Protagonistinnen der queeren Kunst der 1990er, auf die politischen Herausforderungen unserer Zeit? Eine Soloschau in der Berliner Galerie Capitain Petzel dient ihm als Anschauungsgegenstand: "Oben in der Galerie eine Reihe von durchscheinenden, klassischen Kleiderhaken aus transparentem, buntem Glas, gelb, schwarz, türkis, an denen farblich abgestimmte Slips hängen. Das hat etwas unglaublich Intimes, aber auch etwas Leichtes, Nouvelle-Vague-mäßiges, den Geschmack von Godard-Filmen aus den Sechzigern oder Catherine Deneuve in Jacques Demys 'Die Regenschirme von Cherbourg'. Bonvicinis poetische Genauigkeit, mit der sie das Erbe der Moderne seziert, zu dem auch der Faschismus gehört, hat etwas Erleichterndes."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der Jungle Worldbespricht Jens Kastner die eben erschienene Übersetzung einer Vorlesungsreihe Gilles Deleuze' über Malerei - und zitiert den wie stets eigensinnig denkenden Philosophen folgendermaßen: "Ich habe irgendwie das Gefühl, dass der abstrakte Maler genau wie ein Delphin ist. Es sind Delphine, Maler-Delphine. Deswegen sind sie abstrakt. Ihr wahres Vorgehen besteht darin, einen Code für alle möglichen Stoffe und einen genuin analogen Inhalt zu erfinden. Sie pfropfen dem pikturalen Stoff einen durch und durch pikturalen Code auf. Damit erreichen sie etwas Geniales. Mit anderen Worten, das sind keine abstrakten Maler, es sind wahrhaft Meeressäugetiere. Wie mir scheint, ist es dasselbe Problem wie mit den Delphinen. Aber egal. Hauptsache, wir kommen ein wenig voran."
Lisa-Marie Berndt unterhält sich auf monopol mit der Fotografin Bex Wade darüber, was künstlerische Arbeiten gegen wachsende Transfeindlichkeit ausrichten können.
Besprochen werden die Schau "Park McArthur. Contact M" im Wiener Mumok (Standard), die Elisabeth Schraders Werk gewidmete Schau "Vager Raum" im Berliner Ladenlokal am Rosa-Luxenburg-Platz (Tagesspiegel, taz), eine Biedermeier-Ausstellung im Wiener Leopold-Museum (Standard), "L'Expérience de la nature. Les arts à Prague à la cour de Rodolphe II" im Louvre (NZZ) sowie die von Tom McCarthy kuratierte Medienkunst-Ausstellung "Holding Patterns" im Dortmunder Hartware MedienKunstVerein (taz). Außerdem wird in der FR die Ausstellung "Unter Pflanzen" im Bad Homburger Sinclair-Hausrezensiert, und zwar passenderweise von Sylvia Staude.
Weiteres: Theresa Grenzmann blickt für die FAZ auf einige Produktionen, die auf dem "radikal jung"-Theaterfestival im Münchner Volkstheater präsentiert werden. Versammelt sind insbesondere "Geschichten von Ohnmacht und Selbstbehauptung, Verzweiflung und Befreiung, Verlust und Fürsorge, Einsamkeit und Freundschaft". Paul Jandl porträtiert in der NZZ den Regisseur Leander Haußmann, der derzeit wieder vermehrt an Theaterprojekten arbeitet. Janis El-Bira kommentiert auf nachtkritik die Entscheidung Chrisopher Rüpings, den mit 20000 Euro dotierten Theaterpreis aufgrund der Kürzungen in der Berliner Kulturlandschaft nicht anzunehmen. Besprochen wird das Stück "Alle Lust" der Theatergruppe Darum im Theater am Werk, Wien (Standard).
Das algerische Regime greift zu neuen Repressionsmaßnahmen gegen Kamel Daoud. Wegen zweier angeblicher Delikte hat es zwei internationale Haftbefehle gegen den Schriftsteller erlassen, berichtet Farid Alilat in Le Point. Einerseits geht es um den Vorwurf, Daoud habe mit seinem Roman "Houris" gegen die Persönlichkeitsrechte einer Bekannten verstoßen, die ihm vorwirft ihre Geschichte ausgebeutet zu haben. Kafkaesk ist die die zweite Strafandrohung: Daoud wird vorgeworfen, in eben diesem Roman, der im letzten Jahr mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde, über das "Schwarze Jahrzehnt" geschrieben zu haben - und das ist per Gesetz verboten. "Die gegen Daoud eingeleitete Strafverfolgung stützt sich auf die Bestimmungen der 'Charta für Frieden und Versöhnung', die im September 2005 unter dem Regime von Präsident Bouteflika per Referendum angenommen wurde. Artikel 46 dieser Charta sieht eine Freiheitsstrafe von drei bis fünf Jahren für jeden vor, 'der durch Äußerungen, Schriften oder sonstige Handlungen die Wunden der nationalen Tragödie ausnutzt oder instrumentalisiert, um die Institutionen der Demokratischen Volksrepublik Algerien zu schädigen, den Staat zu schwächen, die Ehre seiner würdigen Vertreter zu verletzen oder das Ansehen Algeriens im Ausland zu schädigen'. Mit anderen Worten: Jede schriftliche, akustische oder visuelle Darstellung dieser nationalen Tragödie kann für für den Urheber strafrechtliche Verfolgung und eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren bedeuten."
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Hochverdient" erhält PercivalEverett für seinen Roman "James" den Pulitzer-Preis, findet Jan Wiele in der FAZ. Der Schriftsteller deutet in dieser Variation auf Mark Twains "Huckleberry Finn" den "naiven Sklaven Jim um in einen gelehrten Erzähler, der imaginäre Gespräche mit Voltaire und Rousseau führt - und in einen Meister der Ironie. Er verwandelt das umstrittenste Element von Twains Buch, den Sprachduktus Jims, in eine Farce: Bei Everett spricht Jim in diesem Idiom nur zum Schein, um den Weißen ein Gefühl der Überlegenheit zu geben."
Im großen SZ-Gespräch mit dem Filmproduzenten GünterRohrbach anlässlich des Kriegsendes vor 80 Jahren geht es vor allem um dessen Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus. Aber auch die kürzlich aufgedeckte NSDAP-MitgliedschaftvonSiegfriedUnseld und dessen späteres Schweigen spielt darin eine Rolle: Der Suhrkamp-Verleger "war in einem Tunnel wie die meisten seiner Zeitgenossen", sagt Rohrbach - und meint damit die Prägung durch das Elternhaus und den Zeitgeist dieser Tage. Später "muss ihm bewusst geworden sein: Das ist ein Makel in seiner Geschichte. Ausgerechnet er, der, glänzende Verleger, der Repräsentant einer neuen Zeit, der deutschen Demokratie, der Versöhnung mit dem Judentum. Er wusste, er würde keine Chance haben. ... Wäre das zu seinen Lebzeiten bekannt geworden, wären Autoren aus dem Verlag ausgetreten, es hätte eine weitaus heftigere Diskussion gegeben, als wir sie jetzt haben. Sein Werk wäre in höchste Gefahr geraten. ... Immerhin hat Unseld im Gegensatz zu vielen anderen nach dem Krieg die Konsequenzen gezogen und wahrlich geholfen, ein besseres Land, eine bessere Gesellschaft mitaufzubauen!"
Besprochen werden unter anderem NinaBußmanns "Drei Wochen im August" (FR), JérômeFerraris "Nord Sentinelle" (taz), LorenzHemickers "Mein Großvater, der Täter" (Welt) und eine Neuausgabe von CharlesNodiers "Jean Sbogar" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Die vom Brexit arg gebeutelte britische Musikszene hofft, dass ein Gipfeltreffen zwischen Großbritannien und der EU ihre Lage verbessert, berichtet Hanspeter Künzler in der NZZ. Das Publikum reagiert rein den Verkaufszahlen nach zu urteilen bislang eher zögerlich auf das Comeback von François-XavierRoth, meldet Axel Brüggemann auf Backstage Classical. Michael Maier blickt für die Berliner Zeitung auf die kommende Saison der Berliner Philharmoniker. Dieter David Scholz erinnert in der NMZ an den vor 200 Jahren gestorbenen Komponisten AntonioSalieri. Im Tagesspiegelgratuliert Gregor Dotzauer KeithJarrett zum 80. Geburtstag. Besprochen wird Julien Bakers und Mackenzie Scotts Countryalbum "Send A Prayer My Way" (FR).
Dieser "Tribut an schwarze Modegeschichte war lange überfällig", resümiert Hilka Dirks in der taz die Met-Gala: "Im Zentrum der Fashion Welt dieses Jahr: der BlackDandyism, der sich europäischen Dandy-Ästhetiken bediente und diese insbesondere während der Zeit der Harlem Renaissance als Mittel des Selbstausdrucks, des Protests und der Behauptung der eigenen Individualität genutzt wurde. Schon im 19. Jahrhundert nutzten Persönlichkeiten wie FrederickDouglass und ToussaintLouverture Mode als Selbstermächtigung und konfrontatives Mittel um Hierarchien von race und class aufzubrechen. Doch nicht nur in späteren Protestbewegungen, wie der Silent Protest Parade 1917 oder den Black Panthers der Sechziger, sondern auch popkulturellen Strömungen wie Rap und Hip-Hop ist von Schwarzen geprägte Mode nicht wegzudenken. ... Der überbordende Respekt an Black Craftsmanship, Art und Legacy kann einen fast emotional stimmen, so poetisch und berührend erscheint heute die Geste."
Zahlreiche Fotos findet man hier auf Instagram und bei der BBC, die dankenswerterweise alle rausgefiltert hat, die das Thema ignoriert haben.
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