Efeu - Die Kulturrundschau

Allem begründeten Pessimismus zum Trotz

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.08.2025. taz und Nachtkritik hören beim Kunstfest Weimar der russischen Journalistin Jelena Kostjutschenko beim Streiten mit ihrer putin-treuen Mutter zu. Es ist immer noch besser, sich eine düstere Zukunft vorstellen zu können, als gar keine, meint im Zeit-Online-Gespräch die Schriftstellerin Fiona Sironics. Die FAZ feiert den Pianisten Alexander Lonquich. Monopol lässt sich von der südafrikanischen Künstlerin Helena Uambembe durch ein Dorf führen, in dem nur noch Blumen wohnen. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2025 finden Sie hier

Bühne

Gefangen in der Erinnerung an die Heimat © Victoria Nazarova

Sabine Leucht resümiert in der taz das Kunstfest Weimar. Beeindruckt hat sie vor allem die szenische Installation "Das Land, das ich liebe" nach einem Buch der russischen Journalistin Jelena Kostjutschenko, die dort über ihr Leben als queere Frau in Russland und die endlosen Diskussionen mit ihrer Mutter schreibt: "Gleich sechs Video-Konterfeis dieser putin-treuen Frau sind auf dem Höhepunkt dieses fruchtlosen Disputs auf den hohen Wänden der Weimarer KET-Halle zu sehen. Der schroffen Schönheit der Industriearchitetektur begegnen Anna Narinskaya (Konzept) und Polina Solotowizki (Regie) mit ästhetischer Zurückhaltung.(...) Einer der drei deutschen SchauspielerInnen verkörpert in einer besonders bedrückenden Szene ganz allein ein männerdominiertes System aus Angst, Erpressung und Zudringlichkeit und muss dafür noch nicht einmal seinen rollenden Bürostuhl verlassen. Das gelingt aber nur, weil die russische Performerin Evgenia Borzykh sein Gegenüber ist. Sie besetzt das Zentrum des Abends und kann all das spielen: was es bedeutet, mutig zu leben, wenn dieser Mut einen das Leben kosten kann."

Bei Nachtkritik kann Tobias Prüwer die Zerrissenheit der Autorin in einigen Szenen gut nachvollziehen - hätte aber gerne noch mehr erfahren. Die "Mutter hält die Krim für russisch, sie sei es immer schon gewesen. Mit welchem Recht würde die Ukraine die Halbinsel mit den so schönen, weißen Felsen allein für sich beanspruchen. Das seien alles Faschisten (...) Es bleibt beim Versuch der Kommunikation und des Verständnisses. Sie reden schließlich nur noch über Zimmerpflanzen und die Katze. Zwischen diese Kernszenen sind Reportagen von Jelena Kostjutschenko geschnitten. Es wird von Armut und Ohnmacht berichtet, etwa unmenschlichen Umständen, unter denen Behinderte in einem Heim leben müssen. Schlaglichter auf die russische Gesellschaft werden sichtbar, die man im Westen kennt. Wie die Menschen das hinnehmen, was die Autokratie mit ihnen macht, kommt nicht zum Vorschein."

Besprochen wird Michael Sturmingers "Sonettfabrik" nach Sonetten von William Shakespeare beim Lausitz-Festival (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Literatur

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Fiona Sironics Debütroman "Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft" handelt in einer zeitlich nah situierten Klimadystopie, in der zwei junge Frauen sehr unterschiedliche Strategien nutzen, um auf die Klimakatastrophe zu reagieren: Die eine archiviert, was noch zu archivieren ist, die andere greift zur Militanz. Eben wurde der Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert. "Ich glaube, für mich ist das Schreiben eine Art von Übung darin, sich die Zukunft vorzustellen", sagt die Schriftstellerin im Zeit-Online-Gespräch mit Carlotta Wald. "Und auch wenn diese Zukunft, die ich da entwerfe, pessimistisch ist, ist sie immer noch besser, als wenn ich mir gar nichts mehr vorstellen kann. Denn das würde - allem begründeten Pessimismus zum Trotz - bedeuten, sich eine mögliche Welt nicht mehr vorstellen zu können. Indem ich Fiktion schreibe, probiere ich zu spekulieren und dadurch einen Horizont zu öffnen."

"Der russischen Buchbranche werden mittels Zensur zeitkritische Titel ausgerupft wie Federn", beobachtet Kerstin Holm (FAZ). Im Mittelpunkt der Verbots- und Repressionswelle stehen dabei Bücher über Queerness und Homosexualität, aber auch solche über "Dekolonisierung und nationale Emanzipation, sofern in den Büchern die Expansion des russischen Imperiums anders als friedlich und legitim dargestellt wird." Betroffen sind davon auch einst beim Publikum sehr beliebte Autoren, deren Bücher allesamt aus den Läden verschwunden sind. "Umso frustrierender für die kriegsbegeisterten sogenannten Z-Schriftsteller, die mit staatlicher Förderung den Ukrainefeldzug besingen, dass sie das Vakuum nicht füllen können. Ihre Gedichtbände, die in hauptstädtischen Buchläden voriges Jahr noch prominent platziert wurden, sind Flops und liegen im untersten Regal." Die Bücher einiger dieser Z-Autoren hat Holm gelesen und schon bei ihren Zusammenfassungen derer bleiern-öden Nationalistenprosa wird einem sehr anders.

Weiteres: "KI wird viele von uns plattmachen", ist der Hörbuchsprecher Jürgen Kalwa in einem Gastbeitrag für die taz überzeugt und sieht für sich und seine Kollegen "eine ziemlich gespenstische Zeit angebrochen". Ronald Pohl schreibt im Standard einen Nachruf auf den Lyriker Eugen Gomringer (mehr zu dessen Tod hier).

Besprochen werden unter anderem Dietmar Daths "Skyrmionen oder: A Fucking Army" (FR), Karl Ove Knausgårds "Die Schule der Nacht" (NZZ), Henning Sußebachs "Anna oder was von einem Leben bleibt" (FR), Anne Serres "Einer reist mit" (FAZ) sowie Heinz Janischs und Linda Wolfsgrubers "Ich freue mich furchtbar sehr" mit Kindergedichten (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Film

Josef Nagel schreibt im Filmdienst zum Tod des Kameramanns Eduardo Serra. Andrian Kreye schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Schauspieler Jerry Adler. Besprochen wird François Ozons "Wenn der Herbst naht" (Tsp).

Und Sensation: Werner Herzog ist jetzt auf Instagram.
Archiv: Film
Stichwörter: Herzog, Werner

Musik

Der Pianist Alexander Lonquich ist "einer der begnadetsten und beglückendsten Interpreten unserer Zeit" und momentan obendrein "auf dem Zenit seines Könnens", doch angesichts dessen beim breiten Publikum noch viel zu unbekannt, schreibt Marc Zitzmann in der FAZ, der mit sprühendem Enthusiasmus alles daran setzt, dies zu ändern. Bei Lonquich kommt man "kaum heraus aus dem Staunen, wie sauber und souverän Lonquich sein Handwerk beherrscht. Das meint nicht vordergründige Brillanz und Bravour, sondern den Feinschliff. Die Fähigkeit etwa, Stimmverläufen und Strukturen durch das milligrammgenaue Austarieren von Doppelgriffen und Akkorden in beiden Händen Prägnanz ohne Penetranz zu verleihen. Oder die Steuerung der Polyphonie gleichsam durch drei oder vier unabhängige Hirne. ...  Lonquichs quasiidealen Mozart möchte man ähnlich beschreiben wie den 'David' in seiner Wahlheimatstadt Florenz: muskulös ohne Steroide, elegant ohne Manieriertheit, superlativisch proportioniert ohne das geschleckt Unpersönliche eines Vorzeigemodel(l)s." Youtube-Aufnahmen davon liegen zwar vor, sind aber "leider klanglich eingeebnet", wie Zitzmann warnt.



Außerdem: Frederik Hanssen blickt für den Tagesspiegel ins Programm des Musikfests Berlin, das in wenigen Tagen beginnt. Gerrit Bartels schwelgt im Tagesspiegel in Erinnerungen an Musik, die er dem kürzlich verstorbenen Alfred Hilsberg verdankt.

Besprochen werden Billy Shebars und David Roberts' "kaleidoskopartiges" Kinoporträt "Monk in Pieces" über die Komponistin Meredith Monk, das laut tazlerin Stephanie Grimm "selbst ein kleines Kunstwerk ist", Asmik Grigorians Liederabend bei den Salzburger Festspielen (SZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter James Yorkstons Folkalbum "Songs for Nina and Johanna", das "mit dem Charme des leger Angerichteten und rasch Eingefangenen besticht, wie Karl Fluch im Standard schreibt.

Archiv: Musik
Stichwörter: Lonquich, Alexander

Design

Dominic Pietzcker mag nicht mehr auf den Straßen flanieren, so impertinent findet er "die schrille Ödnis des Mainstreams" angesichts der scheußlichen Textilien, die seine Mitmenschen den ihren dort präsentieren: "Die Schädigung des modischen Selbstempfindens scheint mittlerweile ... irreversibel", schreibt er in der NZZ. "Modisch betrachtet bietet dieser Sommer ein Defilee outrierter Geschmacksverirrungen. Spreizfüsse in Plastiksandalen, depilierte Speckrollen unter löchrigen T-Shirts mit Mandala-Aufdruck, dazu allerlei ornamentale Tätowierungen an Hals, Schläfe und Handrücken - der disparate Look querbeet durch alle sozialen Schichten hinterlässt einen eher verstörenden Gesamteindruck. ... Mangels Befähigung zu einem autonomen modischen Geschmacksurteil schlägt die Tendenz zur ästhetischen Selbstbeschädigung voll durch. Kleidung als Technik der Verhüllung - dieser wesentliche Aspekt der Mode droht gänzlich in Vergessenheit zu geraten."
Archiv: Design
Stichwörter: Mode

Kunst

Beeindruckt ist Brita Sachs in der FAZ von der Ausstellung "we, the people: 30 Years of Democracy in South Africa", in der Norval-Foundation in Kapstadt. Hier stellen KünstlerInnnen die Frage, wie es seit dem Ende der Rassentrennung eigentlich in ihrem Land weiter ging. Ein ums andere Mal wird hier deutlich: Die Rede von der "Regenbogennation" ist ein Mythos: "Von Heimatlosigkeit im eigenen Land handelt Steven Cohens Video 'Chandelier', in welchem er 2001 mit bizarrem Make-up, auf gewaltigen Plateausohlen, am Leib kaum mehr als einen Kronleuchter als Röckchen durch ein im Abbruch befindliches Slum wandelte. Die Bewohner, schwarze Elendsgestalten, reagieren misstrauisch, manche feindselig auf den weißen Fremdkörper, der sich als schwuler, jüdischer Südafrikaner auf allerdings exzentrische Weise mit ihrer Situation am Rand der Gesellschaft identifiziert. 'To protest' begleitet die Frustration insbesondere der jungen Generation, der sogenannten 'free born', die sich vom ANC um soziale und ökonomische Chancengleichheit betrogen fühlten."

Ferial Nadja Karrasch stellt bei Monopol derweil die südafrikanische Künstlerin Helena Uambembe vor. In ihren Installationen widmet sie sich wenig thematisierten Seiten der südafrikanischen Geschichte, wie dem "32. Bataillon", das vor allem im Bürgerkrieg in Angola aktiv war. Hier kämpften aus Angola geflüchtete Männer zum Teil gegen ihre eigenen Landsleute - angesiedelt wurden die Soldaten in der Stadt Pomfret, in der die Künsterlin geboren wurde - kurz nach dem Ende des Bürgerkriegs. Diese Geschichte verarbeitet sie in ihrem Werk "Blooming in Statis", das 2023 in einer Ausstellung im Museum für Moderne Kunst Frankfurt zu sehen war: "Ein verfallenes Haus, umgeben von Maschendrahtzaun, verblichene Familienbilder an einer Wand, darunter ein Schriftzug: 'Pomfret is home ♡'. Ein gelbes Schild grüßt die Besucherinnen und Besucher: 'Pomfret bids you Welcome'. Doch der Ort ist verlassen, hier scheint kein Leben mehr zu sein - bis auf die kleinen gelben Blumen, die überall wachsen. In der Unwirtlichkeit des dargestellten Ortes wirken sie wie eine trotzig-schöne Behauptung, dass diese Ruine einmal ein Zuhause war."

In der FAZ erinnert Rainer Stamm an mutige Museumshausmeister, die Kunst-Werke vor der Zerstörung durch das NS-Regime bewahrten: "So rettete der Hausmeister der Hamburger Kunsthalle, Wilhelm Werner, sieben Gemälde der von ihm verehrten Malerin Anita Rée, indem er sie zwischen der ersten Beschlagnahme im Juli und der zweiten am 21. August zu sich nach Hause nahm. 1945 stellte er sie zurück ins Depot. Erst die Witwe lüftete nach dem Tod des 1975 Verstorbenen das Geheimnis, wie die Werke der als 'Halbjüdin' gebrandmarkten Künstlerin in der Sammlung des Museums hatten überdauern können."

Besprochen werden: Die Hito-Steyerl-Ausstellung "Der Menschheit ist die Kugel bei einem Ohr hinein und beim anderen herausgeflogen" im MAK - Museum für angewandte Kunst Wien (taz), die Ausstellung "Vom Himmel gefallen" in der Overbeck-Gesellschaft und St. Petri zu Lübeck (taz), die Ausstellung "Das heilende Museum" im Bode-Museum Berlin (NZZ).
Archiv: Kunst