Efeu - Die Kulturrundschau
Die Gewalt der Pinselhiebe
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22.12.2025. Sergei Loznitsas Film "Zwei Staatsanwälte" wirft die überzeugte taz zurück in den stalinistischen Terror. Wer genau bei der ARD hat eigentlich diese schwachsinnige Mozart-Serie durchgewunken, fragt der Mozartforscher Ulrich Konrad in der FAZ. Claudia Bossards Inszenierung von Schillers "Räubern" am Deutschen Theater finden die Kritiker ziemlich cringe. Für eine Lesung mit Joachim Lottmann in Berlin lässt die SZ alles stehen und liegen. Und alle trauern um den österreichischen Künstler Arnulf Rainer.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
22.12.2025
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Film

In seiner gleichnamigen Verfilmung von Georgi Demidows Roman "Zwei Staatsanwälte" blendet der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa zurück in die Zeit des stalinistischen Terrors und zeigt einen "Teufelskreis aus Terror, Absurdität und menschlichen Abgründen", eine "kafkaeske Reise ins Nirgendwo", schreibt Kira Taszman in der taz. Im Mittelpunkt steht ein junger Staatsanwalt, dem sich die Ausmaße von Stalins institutionalisiertem Terrorapparat immer weiter offenbaren. "Doch was kann ein Idealist in einem von Willkür und Terror geprägten System erreichen? Hier überlebt man nur mit Gehorsam, Gewissenlosigkeit und Bauernschläue - und das auch nur auf absehbare Zeit. Paragrafen gelten nicht oder werden uminterpretiert. Parallelen zum heutigen Russland drängen sich auf." Ein aktuelles Interview mit dem Regisseur haben wir hier zitiert.
Auch der emeritierte Mozartforscher Ulrich Konrad ist entsetzt über die ARD-Serie "Mozart/Mozart", die das Leben des Geschwisterpaars Mozart zwar mit blumiger Fantasie weit jenseits der historischen Verbürgtheit ausschmückt (Mozart zeugt mit Marie-Antoinette den französischen Thronfolger), dafür aber auch kaum Mozart-Musik erklingen lässt. Stattdessen laufen "bunt gemixte Versatzstücke eines Allerwelts-Electro-Pops, dessen Ton- und Klangratatouille mit bestürzender Beliebigkeit daherkommt. Man spürt die Absicht, nämlich die suggestiv wirkende Kraft von Mozarts Musik mit zeitgenössischen Mitteln erzeugen zu wollen, und ist verstimmt, weil eben diese dafür viel zu schwach sind. ... Wer segnet solche Aufträge an Produktionsunternehmen ab, wer entscheidet über den Grenzverlauf zwischen legitimer Unterhaltung und angemessener Erfüllung des Bildungsauftrags? Warum bleiben Fachleute aus Kultur, Musik und Wissenschaft bei derartigen Vorhaben unbeteiligt? Da gute und schlechte Filme meist gleich viel kosten: Warum macht man nicht lieber gute? 'Mozart/Mozart' wirft Fragen auf, deren Brisanz ernst zunehmen wäre."
Weiteres: Tim Caspar Boehme resümiert in der taz einen Berliner Abend zu Ehren der Filmpioniere Max und Emil Skladanowsky. Und genug Lesestoff für die Zeit "zwischen den Jahren": Das critic.de-Team erzählt von den schönsten Kinomomenten des Jahres.
Besprochen werden Philipp Stölzls "Der Medicus II" (SZ) und die Amazon-Serie "Miss Sophie", die die Vorgeschichte des Silvesterklassikers "Dinner for One" erzählt (Welt, FAZ).
Kunst
Dass im Potsdamer "Fluxus+" Anne Frank mit Kufija dargestellt wird, ist zwar für Künstler Costantino Ciervo selbst ein Akt der Solidarität, in der SZ können Alexander Estis und Jana Talke ihm aber nicht zustimmen: Justiziabel ist es nicht für sie, aber "geschmacklos". Der künstlerische Wert dieser und ähnlicher Darstellungen ist "mehr als fragwürdig, denn sie bieten keinen Bedeutungsüberschuss, keine Komplexitätsdimension oder Ambiguitätserfahrung, ihnen wohnt kein Zweifel inne und keine Suche: Sie haben schon gefunden, sie wissen längst alles. Diese Kunst ist sentimentale Simplifizierung, überexplizite Didaxe und aufhetzende Agitation. Sie will unbedingt "auf der richtigen Seite der Geschichte" stehen - und stellt sich abseits der Kunstgeschichte. Es ist eine Kunst, die dem kollektivistischen Clicktivismus gemäß ist. Die Werke haben die Nuanciertheit solcher Posts, wie wir sie von den Social-Media-Kanälen ihrer Urheber kennen, die stilistische Subtilität sowjetischer Kriegspropagandaplakate und den Tiefgang eines an ein Netanjahu-Porträt angeschmierten Hitlerbartes."
Der österreichische Künstler Arnulf Rainer ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Bernhard Schulz erinnert für Monopol an einen großen Übermalungskünstler: "Mit den Übermalungen fand er zu seiner eigenen Formensprache. Am eindrücklichsten gerieten ihm die Übermalungen von Fotografien seiner selbst; wie Auslöschungen der eigenen Existenz, die sich zugleich im Malakt neu erschafft. Die Gewalt der Pinselhiebe richtete sich gegen das vorhandene Bild und den oder das es darstellte, anders als beim zeitgleichen Wiener Aktionismus, mit dem ihn die aktionistische Geste verband, jedoch nie gegen reale Personen, auch nicht gegen die eigene. Dass er zeitweilig unter Alkohol- und Drogeneinfluss malte, sollte ihm die Ausweitung seiner künstlerischen Mittel ermöglichen. 'Es kommt mir lediglich auf die physisch-körperliche Expression an', grenzte er sich gegenüber den international stark wahrgenommenen Wiener Aktionisten um Hermann Nitsch oder Günter Brus ab." Weitere Nachrufe in der FAZ, im Tagesspiegel und in der SZ.
Weiteres: Der Nachlass des Künstlers Michael Mathias Prechtl wird von der Stadt Amberg übernommen, meldet die FAZ. Ingeborg Ruthe erinnert in der Berliner Zeitung an den vor hundert Jahren geborenen DDR-Maler Walter Womacka.
Besprochen werden: Die Ausstellung "Anton Raphael Mengs 1728-1779" im Madrider Prado (FAZ) und "Horst Bartnig - 3622 Variationen eines Themas" im Berliner Mies-van-der-Rohe-Haus (FR).
Der österreichische Künstler Arnulf Rainer ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Bernhard Schulz erinnert für Monopol an einen großen Übermalungskünstler: "Mit den Übermalungen fand er zu seiner eigenen Formensprache. Am eindrücklichsten gerieten ihm die Übermalungen von Fotografien seiner selbst; wie Auslöschungen der eigenen Existenz, die sich zugleich im Malakt neu erschafft. Die Gewalt der Pinselhiebe richtete sich gegen das vorhandene Bild und den oder das es darstellte, anders als beim zeitgleichen Wiener Aktionismus, mit dem ihn die aktionistische Geste verband, jedoch nie gegen reale Personen, auch nicht gegen die eigene. Dass er zeitweilig unter Alkohol- und Drogeneinfluss malte, sollte ihm die Ausweitung seiner künstlerischen Mittel ermöglichen. 'Es kommt mir lediglich auf die physisch-körperliche Expression an', grenzte er sich gegenüber den international stark wahrgenommenen Wiener Aktionisten um Hermann Nitsch oder Günter Brus ab." Weitere Nachrufe in der FAZ, im Tagesspiegel und in der SZ.
Weiteres: Der Nachlass des Künstlers Michael Mathias Prechtl wird von der Stadt Amberg übernommen, meldet die FAZ. Ingeborg Ruthe erinnert in der Berliner Zeitung an den vor hundert Jahren geborenen DDR-Maler Walter Womacka.
Besprochen werden: Die Ausstellung "Anton Raphael Mengs 1728-1779" im Madrider Prado (FAZ) und "Horst Bartnig - 3622 Variationen eines Themas" im Berliner Mies-van-der-Rohe-Haus (FR).
Bühne

Auch Peter Laudenbach kann in der SZ nur müde seufzen. Die Inszenierung gerät "maximal plakativ: In der ersten Szene treten die vier Darsteller als sprechende XXL-Reclam-Hefte auf (Kostüme: Andy Besuch). Logisch, Klassiker sind das Zeug, das es ins kleine Gelbe geschafft hat. Zur Strafe oder als Haltbarkeitstest müssen sie dann die Kraftmeiereien, oder, um es vornehmer zu sagen: die Dekonstruktionen des Regietheaters und seiner strebsamen Nachwuchskräfte über sich ergehen lassen." Christine Wahl schließt sich im Tagesspiegel der Kritik an.
Besprochen werden: Hervés Oper "Le Petit Faust", inszeniert von Sammy El Ghadab am Théâtre Athénée in Paris (FAZ), Andrea Breth inszeniert "Ein deutsches Leben", die Lebensgeschichte von Brunhilde Pomsel, Goebbels' Sekretärin, am Theater in der Josefstadt, das Stück ist von Christopher Hampton geschrieben worden und basiert auf dem Buch von Thore Hansen (FAZ), Lena Braschs und Juri Sternburgs "East Side Story - A German Jewsical" am Berliner Gorki-Theater (taz), Virginia Woolfs "Orlando", inszeniert von Martin Laberenz am Schauspielhaus Bochum (Nachtkritik), Ödön von Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald", inszeniert von Rieke Süßkow am Wiener Volkstheater (NZZ).
Musik
Julian Weber berichtet in der taz vom Besuch einer Delegation deutscher Popmusiker bei Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, von dem sie fordern, dass er sich für eine bessere Vergütung für Künstler beim Streaming einsetzt. Christian Schachinger hört sich für den Standard durch die aktuelle österreichische Produktion an Weihnachtsliedern. Besprochen wird eine remasterte Luxus-Neuausgabe des 1975 erstveröffentlichten Genesis-Albums "The Lamb Lies Down on Broadway" (NZZ).
Design

Hier eine Aufnahme davon:
Literatur
Wenn Joachim Lottmann, von schwerer Krankheit bereits sichtlich gezeichnet, bei Möbel Horzon in Berlin-Mitte zur vielleicht letzten Lesung lädt, dann lässt SZ-Kritiker Peter Richter auch im Urlaub alles stehen und liegen und nimmt den nächsten Billigflieger zurück in die Heimat. Und Lottmann liest vor eingeschworenem Publikum, das sich nochmal an die großen Tage der Popliteratur erinnert, und lässt schließlich lesen, während sich der Raum schließlich doch allmählich leert. Dann bittet der Schriftsteller "einen befreundeten Journalisten, noch einen Bericht über eine Reise ins Westjordanland vorzulesen. Und der hat es dermaßen in sich, dass keiner mehr geht. Das, was gern Popliteratur genannt wird, hat ja zumindest eine vage Verwandtschaft mit dem Barock, mit dem Pikaresken, mit dem Schelmenroman. Und vielleicht ist das tatsächlich der effektivste, jedenfalls provozierendste Ton für dieses Thema. Am Ende beschreibt Lottmann den Touristen aus Europa, also sich selbst, wie er in einem Flüchtlingslager seine Visitenkarte überreicht und den Dolmetscher zum Übersetzen nötigt. 'Er nickte genervt, tat wie abwesend. Ich versuchte ganz deutlich zu sprechen: I am famous. I am a star. I am on Facebook.'"
Weitere Artikel: Paul Jandl freut sich in der NZZ über die zweite Staffel von Helene Hegemanns Literatursendung "Longread", für die die Schriftstellerin ausführlich mit Prominenten über Bücher redet: "Es menschelt, aber auf die kluge Art." Im Standard-Gespräch mit Gerhard Zeillinger unterstreicht der Schriftsteller Karl-Markus Gauß, dass er - entgegen dem Titel des über ihn gedrehten Kinoporträts "Schlendern ist mein Metier", das allerdings vorerst nur in Österreich zu sehen ist - keineswegs zur Entschleunigungstruppe gezählt werden möchte: "Persönlich sind mir die Schlagfertigkeit, die wache intellektuelle Reaktionsfähigkeit ja näher." Marc Reichwein (Welt), Roman Bucheli (NZZ) und Alexander Cammen (Zeit) erinnern an Giovanni Boccaccio, dessen 650. Todestag mit einigen Buchveröffentlichungen begangen wird. Und die Jury des Tagesspiegel gibt die besten Comics des Jahres bekannt - auf den ersten drei Plätzen: Ulli Lusts "Die Frau als Mensch", Birgit Weyhes "Schweigen" und Olivier Schrauwens "Sonntag".
Besprochen werden unter anderem neue Lyrikbände von Etel Adnan, Sonja vom Brocke und Theresa Luserke (Perlentaucher), Roberto Simanowskis Essay "Sprachmaschinen" (FR), Richard Schuberths "Der Paketzusteller" (Standard) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Sabrina Schmohls "Bodhi, Joe und ein Dorf voller Geister" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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