Efeu - Die Kulturrundschau

Flirt auf des Messers Schneide

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03.09.2026. Die Zeit blickt auf den Boykott israelischer und jüdischer Stimmen in der Literatur, die selbst zum Verstummen gebracht werden, wenn sie in Israel Morddrohungen erhalten. Die FAZ erklärt der AfD, wie idiotisch es ist, sich ausgerechnet mit Novalis zu schmücken. Außerdem lernt FAZ am Bauhaus Dessau: Algen, Hanf und Pilze sind die Zukunft des Bauens. Die NZZ blickt verträumt in die Wolken in einer Berner Ausstellung über Freilichtmalerei.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2026 finden Sie hier

Literatur

Marlene Knobloch rollt in der Zeit in einem große Artikel nochmal den Skandal auf, dass israelische und jüdische Stimmen in der Literatur derzeit insbesondere in den USA durch ein "stilles Moratorium" zum Verstummen gebracht werden - Literaturagenten kriegen entsprechende Manuskripte im Gegensatz zur Zeit vor dem 7. Oktober einfach nicht mehr verkauft, derweil sich ein von 7000 Unterschriften teils namhafter literarischer Persönlichkeiten getragener Massenaufruf gegen israelische Verlage dessen rühmt, der historisch größte Boykott gegen israelische Kulturinstitutionen zu sein, und sich in der Tradition des historischen Kampfs gegen die Apartheid in Südafrika sieht. Bloß "hatte der damalige Boykottaufruf - ob er sinnvoll war oder nicht - ein klar formuliertes Ziel: das Ende der Apartheid in Südafrika. Nichts davon findet sich in den heutigen Forderungen. Die Initiatoren der sogenannten Massenerklärung adressieren sogenannte Komplizen des israelischen Staats. Es ist egal, dass Schriftsteller wie Etgar Keret Morddrohungen von politischen Gegnern im eigenen Land erhalten, dass es in Israel Boykottaufrufe gegen ihn gibt. Es ist egal, weil es hier nicht mehr um Bücher geht, um Worte, um Ideen. Es geht um Herkunft. ... Der Kulturboykott dieser Tage ist wirr, grob, pauschal. Es haben, wie überall, wo es keine Abstufung mehr gibt und alle gleichermaßen die Schlimmsten sind, die Fanatiker übernommen."

In der FAZ hält es Tilman Spreckelsen für einigermaßen idiotisch, dass die AfD sich in literarischen Dingen ausgerechnet mit der Deutschen Romantik und insbesondere mit Novalis' Fragment "Heinrich von Ofterdingen" zu schmücken versucht. Man muss ja nur ins Buch selber schauen, um diese Groteskerie zu verstehen: "Immer wieder ist dort vom Austausch der Kulturen die Rede, von der Sehnsucht nach der Ferne" und vom "heilsamen Einfluss, den Migranten auf die mittelalterliche deutsche Heimat des Heinrich von Ofterdingen haben". In Novalis' Notizen zum Ende des Buchs "entpuppen sich viele Protagonisten als ausgesprochen fluid, als schwebende Erscheinungen, als Verkörperungen anderer. Grenzen sind fließend, heißt das, die zwischen Menschen und die zwischen Welten. Das ist ein Grundgedanke vieler romantischer Texte."

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In der NZZ beschäftigt sich Paul Jandl mit dem Erfolg, den Nelio Biedermanns Romandebüt "Lázár" nun auch in den USA hat, nachdem der Roman im deutschsprachigen Raum bereits von den einen frenetisch gefeiert, von den anderen aber als Blendwerk mit Zierschleife bezeichnet wurde. "Man darf den Anteil Daniel Kehlmanns an der Karriere des jungen Schweizer Kollegen nicht unterschätzen. Er ist ein selbstloser Unterstützer, der gleichzeitig aber auch den Staffelstab einer Literaturform weitergibt, die unter anderem von Umberto Eco als 'Midcult' bezeichnet wurde. ... Ob er abseits vom Sound alter Vorbilder weiterschreibt, wird sich bei Nelio Biedermann zeigen. Für den Zirkus, der gerade um ihn gemacht wird, kann er wenig. Für den Fortgang seiner Karriere schon. ... Ein Hype ist eine Hypothek, und manchmal ist es sogar besser, nicht allzu früh entdeckt zu werden."

Außerdem: Der Standard meldet, dass Elfriede Jelinek in einem auf ihrer Website veröffentlichten Essay sehr kritisch auf Israels Vorgehen im Gazastreifen blickt und von Österreich mehr Engagement verlangt. Gerrit Bartels stimmt im Tagesspiegel auf das heute Abend eröffnende Internationale Literaturfestival Berlin ein.

Besprochen werden unter anderem Rachel Cusks "Das Leben der M" (FR, Standard), Samuel Becketts "German Diaries" (FR), Jutta Pilgrams Comic "Glaub mir" (taz), Maxim Billers "Schwarze Samstage" (SZ, Zeit), das ARD-Hörspiel "Haus Vaterland" aus der "Berlin Babylon"-Welt der Kriminalromane von Volker Kutscher (FAZ), Frauke Brosius-Gersdorfs "Wahl und Wahrheit. Was unser Grundgesetz gefährdet und wie wir es schützen" (Zeit) und Juri Andruchowytschs Gedichtband "Briefe in die Ukraine" (NZZ). Mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Kunst

Carl Blechen; Meeresstudie, 1829. Kunst Museum Winterthur, Stiftung Oskar Reinhart, Ankauf, 1932

Hingerissen flaniert Maria Becker (NZZ) durch die Ausstellung "Zur Sonne! Zur Freiheit!" im Kunstmuseum Reinhart am Stadtgarten in Winterthur, das aktuell Freilichtmalerei um 1800 zeigt. Vor allem als Skizzen oder Studien und selten für die Öffentlichkeit gedacht, finden sich darunter "kleine Meisterwerke", nicht nur von bekannten Malern wie Carl Blechen oder Camille Corot, freut sich Becker, etwa mit Blick auf eine Wolkenstudie des Malers Gilles-François Closson: Sie "sieht aus wie ein Guckfenster auf eine ferne Landschaft. Auch ein bisschen wie eine Illusionsmalerei in einem Barockgarten. ... Gerade Ränder brauchte er nicht, und auch das Meer und die Küste von Amalfi sind nur summarisch als Farbflächen hingesetzt. Einzig auf die ephemeren Gebilde vor dem Himmelsgrund kam es ihm an. Die Wolken sind in ihrer ganzen Flüchtigkeit erfasst. Sie könnten im nächsten Moment aus dem Guckfenster entschwinden."

Weitere Artikel: Bernhard Schulz blickt für Monopol auf das Programm 2027 der Staatlichen Museen zu Berlin und kann große Namen wie Jonathan Meese, Katharina Sieverding, Ai Weiwei und James Turrell verkünden. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Gegenteil von Jetzt" im Berliner Jüdischen Museum (Zeit).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Freilichtmalerei

Film

Szene aus Danny Boyles "Ink"

Die Filmfestspiele Venedig sind eröffnet. Fast schon traditionell gibt es den kritischen Hinweis, dass zu wenig Regisseurinnen im Wettbewerb vertreten sind, der diesmal von der Jurypräsidentin Maggie Gyllenhaal selbst stammt. Außerdem wurde als Eröffnungsfilm Danny Boyles "Ink" gezeigt, der von den Anfängen Rupert Murdochs im britischen Boulevard handelt. Für "fraglich" hält es tazler Tim Caspar Boehme, ob der Film "als herausragend in die Geschichte des Kinos eingehen wird". Boyle greift auf dynamisierende Erzählstrategien zurück, die sich in seinen Filmen seit "Trainspotting" bestens bewährt haben: "Schnelle Schnitte, Titelseiten blitzen immer wieder mal kurz zwischen den Bildern der Handlung auf, dazu empfiehlt sich die motorisch voranprenschende Rockmusik des Soundtracks als das akustische Äquivalent einer auf Hochtouren laufenden Druckwalze." Welt-Kritiker Jan Küveler findet den Film "recht grob mit dem Holzhammer gezimmert" und wundert sich, "wie viel Empathie man jetzt aufbringen soll für die Leute, die angeblich den Untergang des Abendlands auf den Weg gebracht haben". Dem kann sich auch Philipp Bovermann in der SZ anschließen: "Murdoch kommt darin überraschend gut weg."

Weiteres: Bert Rebhandl (Standard) und Daniel Kothenschulte (FR) sprechen mit Paweł Pawlikowski über dessen in der Zeit von Adam Soboczynski zum "Meisterwerk" erklärten Thomas-Mann-Film "Vaterland" (mehr dazu bereits hier). Christine Dössel schreibt in der SZ einen Nachruf auf die Schauspielerin Cordula Trantow. Besprochen werden Seemab Guls "Ghost School" (taz) und David Michôds Boxerinnen-Drama "That's Why The Lady is a Champ" mit Sydney Sweeney (FAZ, Tsp).
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Bühne

Szene aus Zweistromland. Foto: Sebastian Bolesch

In der taz gratuliert Katrin Bettina Müller dem Berliner Radialsystem zum 20-jährigen Jubiläum. Bis 2018 musste das Musiktheater ganz ohne institutionelle Förderung auskommen, was auch dank Sasha Waltz gelang, die das Haus seit Beginn mitprägt - auch aktuell: Ihr "30 Jahre altes Stück 'Zweiland' wurde mit einer neuen Besetzung getanzt, eine Form von Repertoire-Erhalt und Weitergabe. 'Zweiland' ist geprägt von kuriosen Bildern, schnell ineinandergleitenden Szenen, von Slapstick und Groteske. Anekdotisch, narrativ und witzig sind die Szenen, während einzelne Lieder eher von Romantik und Melancholie zeugen. Wie mit einem Messer hackt eine Tänzerin auf dem Tisch mit den Absätzen ihrer Stilettos nach den Händen eines Mannes, der sie immer nur knapp wegzieht; ein Flirt auf des Messers Schneide. Frauen halten sich an ihren Zöpfen und ziehen sich damit in Drehungen hinein, Tänzer werden wie Puppen bewegt und auch etwas gequält, was aufgebaut wird, fällt gleich wieder um. Risikoreiche Spiele, Verwandlungs- und Erfindungslust treiben das Stück an, das nicht selten an einen Jahrmarkt erinnert."

Beschlossen ist sie nicht, vom Tisch aber auch nicht: Die Schließung der sanierungsbedürftigen Bonner Oper, berichtet Hubert Spiegel in der FAZ: "Der Schuldenstand der Stadt wächst stetig und beläuft sich mittlerweile auf 2,5 Milliarden Euro. Wie der Bonner General-Anzeiger in seiner gründlichen Recherche zur Zukunft der Bühnen der Stadt in dieser Woche berichtet hat, wird in Bonns Kämmerei mit einem Anstieg der Schulden auf vier Milliarden bis 2029 gerechnet. Das diesjährige Haushaltsdefizit könnte sich auf 170 Millionen Euro belaufen."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel-Gespräch mit Lena Schneider blickt Bettina Jahnke, Intendantin des Theaterbaus am Tiefen See in Potsdam, zurück auf die letzten zwanzig Jahre des Hauses und auf die kommende Saison.
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Stichwörter: Radialsystem, Waltz, Sasha

Architektur

"Bauhaus-Alge", Entnahme am Bauhausgebäude, Mikroskopische Aufnahme, 2025 (coloriert) © Hochschule Anhalt, Algenbiotechnologie in Köthen |Grafik: Heimann + Schwantes

In der Ausstellung "Algen, Schutt, CO2" der Stiftung Bauhaus Dessau, die aktuell im dortigen ehemaligen Kaufhaus Zeeck zu sehen ist, wird nicht nur über ökologisches Bauen nachgedacht, hier werden auch Betriebe und Initiativen aus der Region vorgestellt, die es bereits umsetzen, freut sich Arnold Bartetzky in der FAZ: "Wie die Ausstellung zeigt, kommen Impulse für die Entwicklung von Alternativen nicht zuletzt aus Sachsen-Anhalt. So gehört die Deutsche Basalt Faser GmbH in Sangerhausen europaweit zu den Pionieren in der Herstellung von Basaltfasern, einem Material, das umweltfreundlicher und als Betonbewehrung zum Teil leistungsfähiger ist als Stahl. Als umweltfreundliche Dämmstoffe werden Wolle, Hanf und Pilze thematisiert. Eine wollummantelte Raumstütze dient als Anwendungsbeispiel für die Verbesserung von Raumklima und Akustik. Neben Einsatzmöglichkeiten bereits bewährter alternativer Baustoffe bezieht die Ausstellung auch Experimente mit biologischen Materialien ein, die zu Rohstoffquellen der Zukunft werden könnten. Dazu gehören Algen, zu deren vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten auch die Fassadenbegrünung gehört."
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Stichwörter: Bauhaus, Ökologisches Bauen

Musik

Jakob Biazza porträtiert in der SZ die Popmusikerin Mine, die mit "Killer" gerade ein neues Album vorgelegt hat. Wolfgang Fuhrmann berichtet in der FAZ vom Festival Laus Polyphoniae in Antwerpen. Gabriel Proedl erzählt in der Zeit von seinem Versuch, ein zweites Treffen mit Kanye West zu arrangieren. Die Agenturen melden, dass die US-Jazzsängerin Cassandra Wilson gestorben ist.

Besprochen werden ein von Manfred Honeck dirigiertes Konzert des Pittsburgh Symphony Orchestra in Hamburg (Welt), Lido Pimientas Album "Caribenya" (FR), ein Konzert von Heiner Goebbels und HK Gruber in Frankfurt (FR), Jörg Widmanns Berliner Aufführung von Wolfgang Rihms "Tutuguri" mit dem Lucerne Festival Orchestra (Tsp), ein Konzert von Rolling Stone Ron Wood in Zürich (NZZ) und Erykah Badus Comeback-Album "Before the World Blows" ("Versinke im Boden, Teufel, die Königin ist zurück, um uns zu erlösen", jubelt Jens Balzer in der Zeit).

Archiv: Musik