Efeu - Die Kulturrundschau

Revolte, inmitten von Händen

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23.06.2026. Der Tagesspiegel lauscht auf Radio France einer Sensation: Die Flötistin Mathilde Calderini und der Harfenist Nicolas Tulliez spielen erst kürzlich entdeckte Mozart-Stücke. Monopol lässt sich in Aarhus gern blenden von den 1.100 Lichtquellen von James Turrell. Die Welt lernt dank Massentests mit indischen Analphabeten: Wer lesen kann, erkennt auch Gesichter und Farben schneller. Rüsch und Tüll für Männer erhitzt noch immer die Gemüter, bermerkt die FAZ in Florenz mit Blick auf Simone Rochas neue Entwürfe. Man wollte sich in Bayreuth offenbar nicht durch Aufklärung stören lassen, ärgert sich Hamburger Kultursenator Carsten Brosda in der SZ.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2026 finden Sie hier

Kunst

James Turrell "As Seen Below", 2026. Foto: Florian Holzherr

Zehn Jahre Vorbereitung, vier Jahre Bauzeit, 40 Meter Durchmesser und 16 Meter Höhe - das sind die Eckdaten für den inzwischen hundertsten und bisher größten Skyspace, den der amerikanische Lichtkünstler James Turrell nun vor dem ARoS Museum im dänischen Aarhus aufgebaut hat, staunt ein überwältigter Tobi Müller bei Monopol: "Der offene Himmelsblick wird von einem tonnenschweren Deckel verschlossen - in der Regel einmal die Stunde für 20 Minuten. Dazu donnert die Mechanik leise, bis nur noch das Kunstlicht übrig bleibt. Fast unmerklich, aber dauernd ändern sich die Farben, 1100 Lichtquellen sind dazu im feinst abgestimmten Einsatz. Die monochromen Farben in zarten Verläufen setzen sich meistens stark ab von der Farbe des Deckelrundes. Der dritte Grund für den Eindruck der Größe: der radikal sakrale Raum, wiewohl entlastet von jeder Religion, wirkt wie ein Vermächtnis - umso mehr, wenn der 83-jährige James Turrell zu dieser wichtigen Eröffnung in Anwesenheit des dänischen Königspaars nicht anreisen konnte. Weil er zu krank ist."

Klein und verdorben fühlt sich der Mensch in dieser Ausstellung im Londoner Japan House an, stellt Charlotte Jansen (Guardian) mit Blick auf die Werke der japanischen Fotografen Kawada Kikuji und Iwane Ai fest. Kikujiis einst revolutionären Fotos aus Hiroshima sind Arbeiten der jüngeren Fotografin gegenübergestellt, die sich ebenfalls den Themen Umwelt und Verlust widmet. Etwa auf dem Rot und Blau leuchtenden Panorama-UV-Druck "Kīpuka: Paia Mantokuji Soto Mission" aus dem Jahr 2015: Dieser "zeigt Mitglieder der japanischen Gemeinschaft auf Hawaii bei der Aufführung traditioneller Bon-Tänze, einem buddhistischen Ritual zu Ehren der Ahnen, das seinen Ursprung in Fukushima hat. Das Bild umhüllt dich, strömt voller Hitze und Energie der Lava ... 'Kīpuka' ist der hawaiianische Begriff für eine Oase inmitten eines neuen Lavafeldes - ein Bild, das Zerstörung und Erneuerung miteinander verbindet. Die Bedrohung durch den Vulkan verbindet das Leben auf beiden Inseln. Wenn du zwischen all diesen in die Luft gereckten Händen hindurchgehst, befindest du dich mitten in einem Fest und einer Revolte, inmitten von Händen, die aus Protest und Resignation emporgestreckt sind und höhere Mächte um Gnade anrufen."

Weitere Artikel: Andreas Kilb berichtet in der FAZ von der zweijährigen Restaurierung von Filiippo Lippis "Anbetung im Walde" in der Berliner Gemäldegalerie. Besprochen wird außerdem die Manifesta 16 Ruhr (Welt, Monopol, mehr hier).
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Bühne

Es ist wohl die beste Idee der Intendanz von Anna Müller, beim diesjährigen Festival Theaterformen in den leerstehenden Gebäuden der JVA Rennelberg in Braunschweig zu inszenieren, findet Jens Fischer in der taz. Nicht nur erfährt er vieles über die Nutzung des Gefängnisses in der NS-Zeit, auch die dargebotenen Performances überzeugen: "In der nächsten Zelle sind Videobilder aus dem syrischen Staatsfoltergefängnis Saidnaya zu sehen, das nach dem Sturz Assads von Bürger:innen auf der Suche nach Verwandten gestürmt wurde. Aus den Inschriften dieses 'Friedhofs der Lebendigen' versucht der syrische Theatermacher Mohammad Al Attar die einstigen Schrecken psychischer und physischer Zerstörungspraktiken zu erahnen. Von erschöpfter Sehnsucht ist dort zu lesen, vom Recht auf Tod, vom Lügen als verzweifelter Überlebensstrategie. Mit Koranzitaten und Stoßgebeten wird der Glaube an einen gütigen Gott für die Reste des Überlebenswillens wachgehalten."

Michel Friedman wird nun also doch in Bayreuth sprechen (unsere Resümees). Aber, die Ausladung war auch nicht "bloß Sommertheater, nicht bloß medialer Konflikt an der Oberfläche", kommentiert der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda in der SZ. Das Ganze reiche tiefer: "Denn es war doch so: Alles sollte bleiben wie geplant in Bayreuth, nur die Musik jüdischer Komponisten und die Stimme des Juden Michel Friedman sollten nicht mehr zum gleichen Zeitpunkt zu hören sein. Die Sicherheit der Premiere von Adolf Hitlers Lieblingsoper danach schien wichtiger. Darauf muss man erst mal kommen. Katharina Wagner hat den Fehler korrigiert, aber er ist gemacht. Denn sie können sich nicht vertragen: die kulturellen Homogenitätshoffnungen in Teilen der Wagner-Gemeinde und Friedmans Bereitschaft, genau solche Illusionen auf den Boden einer offenen und vielfältigen Realität zu holen. Der Verdacht stand zumindest kurz im Raum, dass sich einige auf der Suche nach ihrem eigentlichen kulturellen Kern nicht durch solche Aufklärung stören lassen wollen. Und er hallt nach."

Weitere Artikel: Katja Kollmann resümiert für die taz die AutorInnentage am Deutschen Theater Berlin. Besprochen werden Axel Ranischs Revue "Mokka-Hits und Milchbar-Träume" an der Komischen Oper Berlin (die Clemens Haustein in der FAZ "hinreißend" findet), Martin G. Bergers Inszenierung der Lortzing-Oper "Zar und Zimmermann" an der Deutschen Oper Berlin (FAZ), Thorleifur Örn Arnarssons Inszenierung von Wagners Tannhäuser an der Oper Zürich (NZZ) und Alexei Ratmanskys "Wunderland"-Choreografie am Hamburg Ballett (SZ).
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Literatur

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Zu seinem heutigen 80. Geburtstag spricht Martin Oehlen (FR) mit dem syrisch-deutschen Schriftsteller Rafik Schami, der gerade seinen Roman "Das Mosaik der Frauen" veröffentlicht hat. Schami erzählt, wie groß seine Sehnsucht nach Damaskus immer noch ist, auch wenn eine Rückkehr unmöglich ist. In seinem Werk spielt Syrien eine große Rolle: "Neben der Erinnerung ist die Recherche in meiner großen arabischen Bibliothek wichtig, die ich jahrzehntelang aufgebaut habe, da ich nicht mehr in meine Heimat zurückgehen konnte. Es waren Bücher über Sitten und Gebräuche, Rituale der Trauer und der Hochzeiten, Abenteuermemoiren von Dieben, Helden und Journalisten. Ich forschte in Nachschlagwerken, um alles genau zu formulieren. Das verdanke ich meinem Chemie-Studium: Wenn man vor dem Kochen gut recherchiert, lebt man länger."

Ein Drittel der indischen Bevölkerung kann nicht lesen und schreiben, welche kognitiven Auswirkungen das hat, untersuchten Forscher des Max-Planck-Instituts nun bei Massentests mit indischen Analphabeten. Nicht nur die Fähigkeit zur mündlichen Kommunikation war bei den Analphabeten durch die mangelnde Literalität eingeschränkter, lernt Wolfgang Krischke in der Welt: "Lesen zu können, steigert unsere Fähigkeit, Objekte und Gesichter zu erkennen, es erhöht die Aufmerksamkeit, stärkt das Gedächtnis, fördert das logische Denken und die Argumentationsfähigkeit. Dazu gehört auch das Abstraktionsvermögen als Basis rationalen Denkens. Tests zeigen, dass Menschen, die gut lesen können, Objekte oder Farbmuster schneller benennen und kategorisieren können als illiterale Personen."

Weitere Artikel: Patrick Bahners gratuliert dem Lektor Thomas Sparr in der FAZ zum Siebzigsten. Jürgen Kaube liest ebenfalls für die FAZ Washington Irvings "A Tour On the Prairies" aus dem Jahr 1835.

Besprochen werden unter anderem Susanne Heims "Die Abschottung der Welt. Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933-1945" (taz), Band 4 von Oskar Negts "Politische Philosophie des Gemeinsinns" (FAZ) und Nawal El Saadawis "Die Frau und Sex" (FAZ). (Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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Film

Szene aus "Jemand, der einmal ich war." 

Eine gelungene "Geisterbeschwörung" sieht FAZ-Kritikerin Sandra Kegel im Dokumentarfilm Regina Schillings über Ingeborg Bachmann (unser Resümee). In "Jemand, der einmal ich war" zeigt die Regisseurin das Schriftstellerinnen-Leben von seinem Ende her - mit Hilfe einer großartigen Sandra Hüller, schwärmt Kegel: "Hüller macht von Anfang an klar, dass sie nicht Bachmann verkörpert, sondern mit Bachmann-Material improvisiert. Man sieht sie Haltungen probieren, mit einem Mobiltelefon spielen und die Terrassenblumen der römischen Wohnung gießen, in der die Szenen überwiegend gedreht sind. Das signalisiert maximale Distanz. Der alte Brecht-Kniff mit der Verfremdung funktioniert, weil Hüller so präzise ist in ihrem Spiel, dass wir selbst die vielen verschiedenen Masken bald vergessen, die sie zuvor getragen hat. Eben war sie im Kino noch als Erika Mann zu sehen, davor mit Ryan Gosling im Weltraum unterwegs. Doch wir nehmen ihr die Bachmann-Überschreibung ab, obwohl oder gerade weil sie so anders als die Bachmann spricht, eher schnodderig, und mit der blonden Perücke gar nicht erst versucht, so auszusehen wie sie, sondern Bachmanns Pathos ein ums andere Mal unterläuft."

Außerdem: Kathleen Hildebrand trifft Regisseurin Regina Schilling für die SZ zum Interview. Besprochen werden die Arte-Serie "The hack" über den Abhörskandal beim Boulevardblatt "News of the World" (Welt) und Michael Sarnoskis Film der "Tod des Robin Hood" (Welt).
Archiv: Film

Design

Johanna Christner berichtet für die FAZ über die Messe für Männerbekleidung in Florenz, Pitti Uomo. Anscheinend können feminin angehauchte Kleider an Männerkörpern immer noch Gemüter erzürnen, stellt sie in den Instagram-Kommentarspalten fest, nachdem die irische Designerin Simone Rocha ihre Männerkollektion gezeigt hatte, die die klassischen Vorstellungen der "italienischen Eleganz und Maßschneiderei" und Gender-Rollen unterlief: "Märchenhaft muten ihre Kollektionen oft an, viele Rüschen, viel Tüll, Pastelltöne, stets sehr feminin. Dieser modischen DNA blieb die Neununddreißigjährige nun auch für ihr Debüt in Florenz treu: Männer schritten umwickelt von weißen Federboas über den hölzernen Boden der Bühne und des Saals. Gerüschte Kleider, Röcke und Schürzen wurden kurzerhand mit weiten Hosen kombiniert. An ihren Füßen trugen die Models Ballerina-Sneaker oder schwarz glänzende Oxford-Schuhe." Es "sei ihr nicht darum gegangen, Weiblichkeit in ihre Kollektion zu bringen, sondern Zärtlichkeit, erklärte die Tochter von Modedesigner John Rocha nach ihrer Schau."
Archiv: Design
Stichwörter: Männermode

Musik

Eine Sensation ist das schon: Der Restaurator François-Pierre Goy hat in Frankreichs Nationalbibliothek ein unbekanntes Mozart-Manuskript entdeckt - Kompositionsübungen und sieben Stücke für Flöte und Harfe, die gestern nachmittag, eingespielt von der Flötistin Mathilde Calderini und dem Harfenisten Nicolas Tulliez, auf Radio France übertragen wurden. Thomas Wochnik hat für den Tagesspiegel aufgeregt zugehört: "Tulliez' Harfe perlt nur so dahin, erschafft eine Leinwand für die Quasi-Singstimme von Calderinis Flöte, die mal, für mozartsche Verhältnisse, sentimental nachdenklich, mal beschwingt und tänzerisch Geschichten erzählt. Die Musik ist von einer gewissen Schlichtheit, aber stets sonnig und klar. Es klingt nach Mozart. Ob man auch ohne das Original-Manuskript, also voreingenommen hörend so eindeutig darauf käme, mögen andere beurteilen. Denn neben der typisch mozartschen Farbe, die sich durch die Partitur zieht, scheint auch eine von Mozart weniger bekannte Schlichtheit auf, die etwa dem parallel komponierten Doppelkonzert für Flöte, Harfe und Orchester KV 299 fehlt." In der NZZ meint Thomas Ribi allerdings: "Keine großen Werke, die das Mozart-Bild verändern würden."

Auch Stefan Grund (Welt) ist hingerissen, allerdings dank einer lebenden Legende: Martha Argerich gab in der Hamburger Laeiszhalle, begleitet von den Symphonikern Hamburg unter Leitung von Sylvain Cambreling, das Klavierkonzert Nr. 1 von Ludwig van Beethoven. Für Grund klang das, als hätte Argerich den "Lebensfluss selbst angezapft": "Da quellen und perlen die Läufe mit der Brillanz von im Sonnenschein glitzernden Wassertropfen, fließen auch mal etwas langsamer, etwas melancholischer, wo das Flussbett sich weitet, dann sprudeln sie wieder aufgeregt an Hindernissen vorbei und ergießen sich ein ums andere Mal in kleinen Wasserfällen in den nächsten Abschnitt des alles mit sich reißenden Stromes. Dessen Ufer aber bestehen aus nicht weniger als einem ganzen Orchester, das der glänzenden Interpretation der weltberühmten Virtuosin einen Rahmen bietet." In der arte-Mediathek können wir mithören.

Besprochen wird außerdem ein Konzert des Jazzgitarristen Pat Metheny mit seinem Side-Eye-Projekt in der Frankfurter Jahrhunderthalle (FR), ein Konzert von Aldous Harding im Berliner Huxleys (taz) und ein Konzert mit Werken von Bryce Dessner und Anton Bruckner unter dem Dirigat von Ivàn Fischer im Konzerthaus Berlin (Tsp).
Archiv: Musik