Efeu - Die Kulturrundschau

Essenzielle Irritation der Seele

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14.06.2018. Im Guardian erklärt Jürgen Teller, weshalb seine derzeit in Moskau gezeigte Fußball-Ausstellung von den Russen für Kinder verboten wurde. Die SZ staunt, wie gelassen die Kunstszene in Istanbul mit Erdogan umgeht. In der Welt schimpft der Architekt Rob Krier über Baukriminalität im modernen Städtebau. Im Logbuch Suhrkamp setzt Svenja Leiber die Literatur der Minoritäten gegen die Normierungssucht durch Sprachregeln. Und der Standard erlebt mit Zeal & Ardor, wie gut Black Metal und Gospel zusammen funktionieren.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.06.2018 finden Sie hier

Kunst

Juergen Teller, Siegerflieger, No.166
© 2014 Juergen Teller
Anlässlich der in der von Roman Abramovics Exfrau Dascha Zukhova gegründeten Moskauer Garage gezeigten Jürgen-Teller-Schau "Zittern auf dem Sofa" spricht der deutsche Modefotograf im Guardian mit Andrew Roth über seinen Fußballfanatismus und über das Selbstporträt, wegen dem die strengen russischen Gesetze die Ausstellung für Kinder verboten - da Teller dort nackt, Bier trinkend und ein Bein auf einen Fußball gestützt am Grab seines alkoholabhängigen Vaters steht: "'Mein Vater mochte Fußball nicht und wir schauten nie zusammen', sagt Teller, seine Stimme immer noch ruhig und gleichmäßig. 'Ich habe die sportliche Seite von meiner Mutter bekommen. Und dann wurde mein Vater eifersüchtig, wie nah ich meiner Mutter wurde. Und dann hat er sich 88 getötet. Und für mich ist es ein Versuch, meinem Vater näher zu sein. In späteren Jahren bekam ich auch Probleme mit Alkohol und Zigaretten, und das war eine Art Metapher." Für artnet.com hat Naomi Rea mit der Kuratorin Kate Fowle über die Ausstellung und zeitgenössische russische Kunst gesprochen.

Keine Angst oder Selbstzensur, stattdessen erstaunlich viel Gelassenheit und Warten auf die Zeit nach Erdogan hat Ingo Arend in der SZ bei seinem Rundgang durch die Istanbuler Kunstszene erlebt, etwa in der Ausstellung "Metaphorical Space": "Die Ausstellung lässt sich nicht als Hinwendung zum konservativen Mainstream deuten. Sonst würde darin nicht Şangars Lichtbox 'Globalisation, State, Misery, Violence' hängen. Auf der sich der Künstler in einer Doppelrolle präsentiert: Mit Schlagstock in der Hand prügelt er auf sich selbst, am Boden kniend, ein. Die Schau ist aber auch kein Symbol für apolitischen Rückzug und Introspektion am Vorabend der endgültigen Erdoğan-Machtfülle."
 
Weitere Artikel: Viel "Selbstbestätigung" und "identitätspolitisches Wohlgefühl" erlebt Hanno Rauterberg in der Zeit bei der Berlin Biennale - und lernt nicht mehr als "dass der Neoliberalismus meistens schlimm ist, der ostdeutsche Normalmensch tendenziell rassistisch, die schwarze Frau ausgebeutet und so weiter." Besprochen wird Bettina WitteVeens Installation "Götterfunken feuertrunken der Erlkönig: whiteout" in der ehemaligen Militärkaserne Waldstadt Wünsdorf (taz).
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Literatur

Im Logbuch Suhrkamp adressiert die Schriftstellerin Svenja Leiber das "weiße Hirn" und dessen Normierungssucht durch Sprachregeln, Gesetzen und Heimatministerien, dem sie die Kraft der Literatur der Minoriäten entgegenstellt: "Als Gegensatz zur homogenen Mehrheit, welche die Norm, die Macht, die Kontrolle zu ihrem Selbsterhalt dringend benötigt, ist jede Minderheit in der Lage, Lücken zu suchen und zu erschaffen, in Bewegung zu bleiben, zu werden. ... Literatur ist revolutionär, ohne engagierte Literatur sein zu müssen. In ihrem Werdecharakter behauptet sie nichts, bildet nichts ab oder nach, was du erkennen und zerstören könntest, sondern wird zum Akt, zum Sprechakt, der unzählige Abweichungen und Alternativen zur gegebenen Norm entwickelt. Die Revolution findet im Sprechen statt, das sich einer unfertigen, tastenden, offenen Sprache bedient."

Für den Tagesspiegel liest Peter von Becker, was Marcel Proust in seinen Briefen über den Ersten Weltkrieg geschrieben hat: Dessen "Diktum zeugt von einer Hellsicht, wie sie Künstler und Autoren in jener Zeit der nationalen Berauschung auf allen Seiten sehr selten hatten."

Weitere Artikel: Im Hundertvierzehn-Blog des S.-Fischer Verlags schreibt Dmitrij Gawrisch über seinen Rückzugsort nahe New York. Ebenfalls im Hundertvierzehn-Blog gestatten Sigrid Rausing und deren Übersetzerin Adelheid Zöfel Einblick in ihre Notizbücher. Rainer Merkel lässt sich im Freitext-Blog von ZeitOnline von einer Mexikanerin erklären, dass die deutsche Nationalmannschaft den schönsten Fußball spielt. Literaturwissenschaftler Jan-Christoph Hauschild lässt in der FAZ die Fußballmannschaften aus dem Kanon der Weltliteratur gegeneinander antreten - mit Marcel Reich-Ranicki als Teamchef der deutschen Mannschaft. Für die SZ hat Alexander Menden die Schriftstellerin Judith Kerr in London besucht, die heute 95 Jahre alt wird. Besprechungen von Kerrs Autobiografie "Geschöpfe" finden sich in FAZ und Berliner Zeitung.

Besprochen werden unter anderem Linn Ullmanns Roman "Die Unruhigen" über ihre Eltern Ingmar Bergman und Liv Ullmann (Berliner Zeitung), Andy Mulligans Tier-Roman "Spider" (Tagesspiegel) und Dirk Popes "Abgefahren" (Tagesspiegel).
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Design

Eine Ausstellung in Zürich befasst sich mit der 400 Jahre währenden Geschichte der Seidenproduktion in der Stadt, schreibt Claudia Mäder in der NZZ. Für Zürich war der wertvolle Stoff lange Zeit ein "zentraler Wirtschaftsfaktor", erfahren wir: "Von der Seidenindustrie gingen Impulse für den hiesigen Finanzplatz genauso aus wie für die Maschinenindustrie, und in ihr waren, wie eine Karte von 1871 zeigt, in gewissen Gegenden des Kantons zuzeiten bis zu 40 Prozent der Bevölkerung beschäftigt. ... Um 1900, als das Schweizer Seidengeschäft in voller Blüte stand, wurden Produkte für 240 Millionen Franken exportiert wurden. Die Uhren, im Vergleich, schafften es damals knapp auf die Hälfte."
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Archiv: Design
Stichwörter: Seide, Zürich

Bühne

Unter dem Motto "Privatsache" verantworteten Manos Tsangaris und Daniel Ott ihre zweite Musiktheater-Biennale in München. In der NZZ  vermisst Marco Frei allerdings "Substanz" und "internationale Relevanz"- mit Ausnahmen, etwa in Ondrej Adameks Stück "Alles klappt", in dem er die eigene Familiengeschichte im Holocaust aufarbeitet: "Hierzu wurden Briefe und Postkarten von KZ-Insassen vertont sowie Propaganda-Texte. Das erinnert an den 1955/56 komponierten 'Canto sospeso' von Luigi Nono, in dem Abschiedsbriefe von Widerstandskämpfern die Grundlage bilden. Bei Adámek bildet der Klang der Worte die Musik, samt Lautmalerei und rhythmischem Sprechen wie einst bei Mauricio Kagel. Und wenn die Stimmen das Rattern von mit Menschen überfüllten Viehwaggons imitieren, wird die Sprach-Klang-Aktion auch zur Inszenierung." FAZ-Kritiker Max Nyffeler möchte die Biennale am liebsten in "Festival für experimentelle Sound Performance" umtaufen: "Ein Festival von vorwiegend jungen Leuten für junge Leute, die mit Monteverdi und Mozart wenig, dafür mit Computer und Video umso mehr am Hut haben und ihr an Hochschulen, in Performancekursen und Medienseminaren erworbenes Wissen umsetzen wollen."

Große Zweifel am Nutzen des vom Deutschen Bühnenverein verabschiedeten "wertebasierten Verhaltenskodex zur Prävention von sexuellen Übergriffen und Machtmissbrauch" hat Daniele Muscionico in der NZZ: "Kurz und knapp ist beispielsweise Gebot Nummer drei: 'Ich unterlasse jede Form von sexueller Belästigung.' Nun, wer wird der Forderung nicht zustimmen? Ähnlich liest sich Gebot Nummer fünf: 'Ich gehe verantwortungsvoll mit der mir übertragenen Macht um.' Ist denkbar, dass jemand eingesteht, vorsätzlich verantwortungslos zu handeln? Gebot Nummer sechs bringt die paradoxe Situation auf den Punkt: 'Ich kommuniziere eindeutig und klar.'"

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel hat Sandra Luzina schon mal einen Blick auf das Programm der Jubiläumsausgabe von "Tanz im August" im Hebbeltheater geworfen, das mit einer Förderung von 850000 Euro durch den Hauptstadtkulturfonds allerhand Stars bieten wird. Ganz hingerissen berichtet FAZ-Kritikerin Wiebke Hülster von einem Ballett-Abend in Antwerpen mit Stücken von Sidi Larbi Cherkaoui, William Forsythe und Hofesh Shechter. Besprochen wird Jan Sobries "Nachspielzeit" am Zürcher Schauspielhaus (nachtkritik) und Roberto Ciullis Stück "Clowns unter Tage" bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen: "radikal entschleunigtes Theater, wie man es nur noch selten sieht", meint Martin Krumholz in der SZ.
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Film

Sehr frustrierend findet NZZ-Kritikerin Susanne Ostwald die aktuellen Verfilmungen von Ian McEwans "Am Strand" und Julian Barnes' "Vom Ende einer Geschichte", die als Romane von einer emotionalen Komplexität leben, die fürs Kino allerdings glattgebürstet wurde: "Beide Filme hätten ihrem Publikum die essenzielle Irritation der Seele, welche die Romane bewirken, zumuten sollen, statt danach zu trachten, es mit falschen Tönen und vordergründigen Kniffen im Drehbuch zu versöhnen."

Weitere Artikel: Für die SZ spricht Martina Knoben mit Raymond Depardon und dessen Ehefrau und Produzentin Claudine Nougaret über deren gemeinsamen (hier von Philipp Stadelmaier besprochenen) Psychiatrie-Dokumentarfilm "12 Tage" (unsere Kritik hier). Dazu passend schreibt Patrick Holzapfel im Filmdienst über Raymond Depardons Kino. Fabian Tietke empfiehlt in der taz die Filmreihe "Europa und das Meer" im Berliner Zeughauskino. Andreas Busche sondiert im Tagesspiegel Netflix' momentane Strategien: Der Streamingdienst befinde sich nach einer Phase der Disruption nun in der Lage der Konsolidierung.

Besprochen werden Anna Carolin Renningers und René Frölkes Dokumentarfilm "Aus einem Jahr dre Nichtereignisse" (Tagesspiegel, unsere Kritik hier), Ari Asters Horrorfilm "Hereditary" (critic.de), Rob Greenbergs Komödie "Overboard" (taz), Wim Wenders' Porträtfilm "Papst Franziskus - Ein Mann seines Wortes" (taz) und die von Arte online gestellte BBC-Mini-Serie "Three Girls" über die Reihe von sexuellen Missbräuchen und Vergewaltigungen im englischen Rochdale zwischen 2003 und 2012 (FAZ).
Archiv: Film

Musik

Mit großem Interesse folgt Standard-Kritiker Karl Fluch dem Werdegang von Manuel Gagneux und dessen Projekt Zeal & Ardor, der seit einigen Jahren (hier ein erstes Resümee beim Perlentaucher) die Drastik des Black Metal mit der Dringlichkeit des Gospel vermengt und sich dabei die Frage stellt: Was, wenn sich die Schwarzen nicht an Gott, sondern am Teufel orientiert hätten? Jetzt ist das zweite Album erschienen, wo sich erneut "wütende Deklamationen zu beträchtlichem Lärm" amalgamisieren: Das um den Themenkomplex des Okkultismus angereicherte "Themengebräu aus Metal und Sklaven, Chain Gangs und Lynchmord" stellt eine veritable "Achterbahnfahrt" in Aussicht: "Ein High and Low der Gefühle und Stile. Nicht bloß Gebolze, keine lauwarme Jazzmesse. Hier gelingt ein musikalischer Brückenschlag ebenso wie ein kultureller." Ein Anspieltipp:



Außerdem: Stefan Weiss fragt sich im Standard, warum auf den großen Festivalbühnen so wenig Frauen spielen. Bei Das Filter präsentiert Mariann Diedrich ekstatische Fotos aus der zehnjährigen Geschichte des Leipziger House-Labels Kann Records.

Besprochen werden das Comeback-Album von Christina Aguilera (Welt), ein Konzert des Violinisten Emmanuel Tjeknavorian ("ein Ausnahmetalent", jubelt Christiane Peitz im Tagesspiegel), ein Berliner Konzert des Freiburger Barockorchesters (Tagesspiegel), ein Auftritt von Anna Calvi (Berliner Zeitung) und ein Konzert der 2Cellos (FR).
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Architektur

Im Welt-Gespräch mit Dankwart Guratzsch ärgert sich der luxemburgische Architekt Rob Krier über die Gegenwart des Städtebaus und "gescheiterte Diplom-Ingenieure" in Stadtplanungsämtern: "Ich bin wahrhaftig erschrocken über das, was man von dieser neuen Europa-City am Hauptbahnhof sieht. 30, 35 Jahre Lehre und Veröffentlichungen und Bauanstrengungen sind in den Wind geschlagen. Wie Kollegen heute diesen repetitiven Dreck, diese Banalität in die Städte tragen können - das ist ungeheuerlich und geschmacklos, das ist öffentliche Kriminalität, Baukriminalität! Wenn in der Oper diese Art von Qualität gesungen würde, die wäre leer und müsste in drei Wochen schließen. Kein Mensch fährt am Sonntag in das Märkische Viertel und in die Gropiusstadt, um dort spazieren zu gehen. Aber das, was jetzt entsteht, ist nicht besser."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Krier, Rob, Städtebau