Efeu - Die Kulturrundschau

Dem Garten des Bösen entrissen

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01.08.2018. Die SZ erschrickt über sich selbst, wenn sie beim Theaterfestival in Avignon schweren Jungs applaudiert, die dort die "Antigone" des Sophokles gaben. Die NZZ erkennt mit Robert Gernhardt und Ernst Jandl, dass sich guter Humor am Tiefstand unserer Existenz erweist. Von taz bis FAZ blicken die Feuilletons auf das Schaffen des Filmproduzenten Artur Brauner, der heute hundert wird.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2018 finden Sie hier

Bühne

Antigone © Christophe Raynaud de Lage

In der SZ bilanziert Joseph Hanimann das Festival von Avignon, das zu seiner Freude aufregend, quirlig und geschwätzig wie eh und je gewesen sei. Dass allerdings jetzt allerdings auch hier der Bekenntnisrealismus durchgesetzt hat, bereitet ihm Bauchschmerzen: "Olivier Py hat mit Insassen der Haftanstalt Avignon-Le Pontet die 'Antigone' von Sophokles inszeniert. Die Aufführung versteht sich nicht als Sozialprojekt, sondern als künstlerisch vollwertige Produktion. Tatsächlich ist man beeindruckt von der Hingabe, der geballten Energie und der gestischen Präzision, mit welcher die unkostümierten Darsteller Antigones und Ismenes mit ihren muskulösen, tätowierten Körpern, ihren Kahlschädeln und mit ihrem Marseiller Akzent einander mit 'Schwesterherz' ansprechen. Gleichzeitig wird einem klar, dass diese Männer ihr eigenes Drama spielen zwischen staatlicher und eigener Ordnung. Kreon verbietet die Beerdigung des gefallenen Polyneikes, Antigone tut es trotzdem, und wir applaudieren nicht den gespielten, sondern den realen Gesetzesbrechern auf der Bühne."

Besprochen werden "Die Meistersinger von Nürnberg" und "Der fliegende Holländer" in Bayreuth (NMZ, FAZ).
Archiv: Bühne

Film

Eugen Yorks "Morituri" von 1948

Artur Brauner wird hundert. Dass der Schoah-Überlebende mit der Nazi-Anklage "Morituri" 1948 eine erste Bruchlandung an den Kinokassen hinlegte, war die Grundlage für Brauners Trivialfilm-Imperium der Nachkriegszeit, das von Schlager-Revuen, Kriminalfilmen und Western bis zu Soft-Erotik reichte. Später stieg Brauner einerseits ins Immobiliengeschäft ein und arbeitete andererseits mit Arthouse-Filmen über die Nazi-Zeit an seinem Renommee. Dass er damit ein sich selbst gegebenes Versprechen umsetzte, erzählt Jenni Zylka in der taz: Brauner hatte sich "entschieden, im Land der Täter zu bleiben, und nicht, wie die restlichen Überlebenden seiner Familie, nach Israel zu gehen. Wie er auf dem Weg aus Polen nach Berlin kurz nach dem Krieg einen Leichenberg im Wald entdeckte, der ihn, den Filmfan, darin bestärkte, die Geschichte von Deutschland und den Nazis weiterzuerzählen, zu fiktionalisieren, um die Opfer nicht vergessen zu machen, ist ein weiteres, oft von ihm kolportiertes und erschütterndes Ereignis."

Etwas weniger hagiografisch befasst sich der Schauspieler und Entertainer Ilja Richter in der SZ mit dem Brauner'schen Schaffen: In seinen Schmalz-Produktionen der ersten Jahre wimmelte es von Tätern und Mitläufern: "Was trieb den Produzenten an? Bei Hilde Körber zum Beispiel, (der Ehefrau des 'Jud Süß'-Regisseurs), die mehr als nur 'mitgelaufen' war. Was war das? War das die alles verzeihende Milde eines emphatischen Produzenten? Oder die Anmut einer Schönen, die ihn, den Überlebenden des Rassenwahns, sogar das Hässliche für eine Filmlänge vergessen ließ. Oder gar ein moralischer Vorführ-Effekt: Schaut her, NS-'Nazissen' hab' ich dem Garten des Bösen entrissen?" In der FAZ erinnert Bert Rebhandl daran, dass Brauner auch Regisseure wie Fritz Lang und Robert Siodmak, die im "Dritten Reich" in die USA ausgewandert sind, nach Deutschland zurückgeholt hat. Arte hat zu Brauners Geburtstag die Filme "Hitlerjunge Salomon", Jess Francos B-Movie "Sie tötete in Ekstase" und einen Porträtfilm über den Produzenten online gestellt.

Sofia Glasl freut sich in der SZ, dass der Regisseur Nicolas Winding Refn mit seinem Streamingdienst byNWR sich als Mäzen des Exploitationfilms vergangener Jahrzehnte verdient macht und dort monatlich eine Auswahl restaurierter Reißer kostenlos zur Verfügung stellt sowie mit zahlreichen Hintergrundmaterialien ergänzt. Quasi passend dazu hat Popkritiker Simon Reynolds für das Streamingportal 4:3 eine Kollektion spektakulärer Antidrogen-Filme kuratiert und kommentiert.

Weitere Artikel: Ebenfalls passend zu Refns Erkundungsreisen befasst sich Marcus Weingärtner in der Berliner Zeitung damit, wie der Porno- und Softsex-Film der 60er und 70er in den Mainstream sickerte. Michael Ranze schreibt im Filmdienst über die Filme von Leo McCarey, die das Filmfestival Locarno in einer Retrospektive zeigt.

Besprochen werden die zweite Staffel der Serie "The Handmaid's Tale" (Spex), Wim Wenders' "Grenzenlos" (taz), Lisa Vreelands Dokumentarfilm "Love, Cecil" über den Fotografen Cecil Beaton (FAZ) und "Mission Impossible - Fallout" mit Tom Cruise (FAZ).
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Kunst

In der NY Times meldet Robin Pogrebin, dass Klaus Biesenbach, Chefkurator des Moma PS1, New York verlässt und in Los Angeles Direktor des Museum of Contemporary Art (Moca) wird. Pogrebin deutet an, dass das Moma nach den Ausstellungen über Björk und Marina Abramovic nicht mehr ganz glücklich mit ihrem "über-social" Kurator waren. Auf ArtNews weiß Alex Greenberger allerdings, dass sich das Moca nach den Turbulenzen in den vergangenen Jahren einstimmig für Biesenbach entschieden hat.

Besprochen werden eine vom Kunstverein Düsseldorf-Palermo organisierte Ausstellung Katharina Sieverdings im Rahmen der Manifesta  in Palermo (taz), eine Schau kollektiver Projekte von Freiburg bis zum Amazonas im Kreuzberger Künstlerhaus bethanien (taz), eine Schau des Fotografen Andreas Mühe in der Kreuzberger König Galerie (die Jens Müller im Tagesspiegel extrem unsubtil findet), die postkoloniale Gruppenausstellung "For the Record" in der Berliner ifa-Galerie (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Les Impressionistes à Londres" im Petit Palais in Paris (FAZ).
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Archiv: Kunst

Literatur

Im online nachgereichten NZZ-Essay umkreist Paul Jandl unter anderem Facetten des Humors von Robert Gernhardt und Ernst Jandl. Gerhardt etwa "hat die Literatur weit hinausgetrieben. Dorthin, wo am Tiefstand unserer Existenz die Lichter des Gelächters angehen." Abzugrenzen ist der glückende Humor allerdings dringend vom Comedy-Humor aus den Fernsehbildschirmen, der lediglich "die schale Form des Humors" darstellt. "Im wahren komischen Affekt stecke fortschreitende Selbstentdeckung, sagt Wilhelm Genazino. Es ist ein Verrechnen der Welt gegen das Private, ein Wachbewusstsein, das am Subtilen seinen Spaß hat."

Weitere Artikel: Zum Ende ihres Urlaubs in der Türkei hat die Schriftstellerin Sabine Scholl die "Unschuld der frisch Angekommenen" verloren, wie sie in einer großen literarischen Reise-Reportage im Standard berichtet: "Eigentlich wäre es unsere Pflicht, diejenigen, die die Demokratie verteidigen, den gebildeten, urbanen, säkularen, jüngeren Teil der Türken, zu unterstützen." Ausgehend von David Schalkos Roman "Schwere Knochen" beschäftigt sich Clemens Marschall in der Zeit mit der Wiener Unterwelt der Nachkriegszeit. Die Welt hat Wieland Freunds Porträt des Comiczeichners Flix, der gerade ein Spirou-Abenteuer in Berlin geschrieben hat, online nachgereicht. Schriftstellerin und Fußpflegerin Katja Oskamp bringt im Freitext-Blog von ZeitOnline neue Anekdoten aus Marzahn. Martin Scholz plaudert für die Welt mit Thrillerautor Steve Alten über den Spaß, den Riesenhaie in Buch und Film bereiten. Jens Bisky schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Kritiker und Philologen Hans Joachim Kreutzer.

Besprochen werden unter anderem William T. Vollmanns zweibändige "Carbon Ideologies" (online nachgereicht aus der Literarischen Welt), die Comicadaptionen literarischer Werke aus der Reihe "Die Unheimlichen" des Carlsen Verlags (SZ), Helmut Altrichters Josef-Stalin-Biografie (Standard), Willi Jaspers "Der gläserne Sarg. Erinnerungen an 1968 und die deutsche 'Kulturrevolution'" (Tagesspiegel), Gaito Gasdanows "Nächtliche Wege" (Zeit) und Dirk von Petersdorffs "Wie bin ich denn hierhergekommen" (FAZ).
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Architektur

Auf Dezeen meldet India Block, dass der russische Staatskonzern Gasprom seinen Superwolkenkratzer in Petersburg enthüllt hat. Mit einem Dreh von 90 Grad und 462 Meter und 87 Stockwerken wird er das höchste Gebäude Europas sein. Entworfen hat das Ganze der britische Architekt Tony Kettle.
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Musik

In der SZ-Popkolumne schwärmt Julian Dörr unter anderem von den Sommermusik-Qualitäten des neuen Santigold-Albums "I Don't Want: The Gold Fire Sessions", das eher wie ein entspanntes Mixtape daherkommt. Die karibisch angehauchten Stücke " verwischen im Gedächtnis wie angetrunkene Sommernachmittage" und immer wieder "übermannt einen die schönste Form von Melancholie, diese besondere Schwere, die einem nur die Sonne in die Seele brennen kann."



Außerdem: Für The Quietus hat sich John Doran zum großen Gespräch mit Trent Reznor von den Nine Inch Nails getroffen. Besprochen wird der Frankfurter Auftritt von Robin Beck und Nik Kershaw (FR).
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Stichwörter: Santigold