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Efeu - Die Kulturrundschau

Knuspergeräusche

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22.08.2018. Ziemlich lustig und bemerkenswert versöhnlich finden die Feuilletons Spike Lees wilde Geschichte "Blackkklansman" über den schwarzen Polizisten, der sich einst beim Ku-Klux-Klan einschmuggelte. In höchster Klimaverwirrung kuschelt sich die NZZ ins Kojotenfell.  Die SZ erlebt in Roms Maxxi die gleißende Unruhe afrikanischer Megacities. Auf ZeitOnline erkennt Florian Werner: Die große Retromania ist passé.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2018 finden Sie hier

Film

Der erste eigene Ausweis: John David Washington (re.) und Adam Driver infiltrieren den Ku-Klux-Klan

"Spike Lee ist in Hochform", freut sich SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh über den neuen Film "Blackkklansman" des Meisters. Der Film erzählt die wahre, haarsträubende Geschichte eines schwarzen Polizisten, der Ende der 70er, unterstützt von einem weißen Kollegen, den Ku-Klux-Klan ausspioniert. Lee ist damit etwas Erstaunliches gelungen, sagt Vahabzadeh: Ein lustiges, gar ein Feelgood-Movie, das "eine schöne Balance hält zwischen Spaß, einer Art 'Comic Relief' im Angesicht der Kapuzen, und ergreifenden, erschütternden Momenten." Der Film zieht eine direkte Linie vom Rassismus der 70er in die Gegenwart zur Präsidentschaft Trumps, erklärt Marietta Steinhart auf ZeitOnline, die außerdem berichtet, dass der Film in der afro-amerikanischen Community bislang wenig Widerhall erzielt hat - was unter anderem daran liegen mag, dass "Blackkklansman" "im Gegensatz zu den kompromissloseren Filmen des Regisseurs wie 'Do the Right Thing' und 'Malcolm X' versöhnlicher" wirkt. Der Freitag bringt eine eingedampfte Version von Tim Adams' Guardian-Porträt des Regisseurs

Außerdem hat sich David Steinitz für die SZ mit Ron Stallworth unterhalten, auf dessen Lebensgeschichte der Film basiert. Der ehemalige Polizist, der seinen Mitgliedsausweis beim KKK bis heute als Trophäe bei sich trägt, berichtet davon, eines Tages schlicht auf eine Anzeige des Klans in der Zeitung geantwortet und mit seinem vor Rassismen triefenden Brief prompt Erfolg gehabt zu haben: Während er die Telefonate übernahm, schickte er einen weißen Kollegen zu den Treffen. Ob den Rassisten der Unterschied in der Stimme nicht aufgefallen sei?  "Natürlich hätte ihnen das auffallen müssen. Es ist ihnen aber nicht aufgefallen. Wie soll ich das am besten ausdrücken - das waren nicht die Klügsten." Einmal fragte er sie sogar, ob sie nicht Sorge hätten, von Schwarzen unterwandert zu werden. "Er sagte, das sei unmöglich, weil er Schwarze an der Stimme erkennen würde. Die würden schlechtes Englisch sprechen." Vice hat 2014 ausführlich mit Stallworth gesprochen, als er sein Buch über seinen Einsatz beim Klan veröffentlichte.

Weitere Artikel: In einem online nachgereichten FAS-Artikel meditiert Slavoj Žižek über Tom Cruise. Besprochen werden eine DVD-Edition der 70er-Jahre-Serie "Dame, König, As, Spion" mit Alec Guinness nach dem gleichnamigen Roman von John Le Carré (critic.de), Ferzan Özpeteks Noir-Thriller "Das Geheimnis von Neapel" (Standard), Matt Groenings neue Animationsserie "Disenchantment" (Filmdienst) und der Arte-Dokumentarfilm "Mekka 1979 - Urknall des Terrors?" (FAZ, Berliner Zeitung, NZZ), den der Sender auch auf Youtube gestellt hat:

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Design

NZZ-Kritikerin Nana Demand holt sich Beistand für Alltag und Klimaverwirrung vom Designstudio Bless, das seine Arbeiten gerade in einer Ausstellung im Richard-Neutra-Haus in Los Ageles zieht. Zur Kollektion "Climate Confusion Assistance" etwa gehören kuschelige Hängematten aus Kojotenfell: "Gemäß dem Ausstellungstitel 'Neutra Dasein' spürt Bless der modernen Lebensweise des in Wien geborenen Wahl-Kaliforniers Richard Neutra nach und haucht den sonst museal erstarrten Wohnräumen frisches Leben ein. Die Interventionen wirken beinahe urwüchsig, fügen sich nahtlos in die transparente Architektur ein und persiflieren doch deren einst revolutionäres Potenzial: Die Serie 'Worker's Delight' verwandelt Fitnessgeräte in bürotaugliche Arbeitsmöbel und erinnert in diesem Wohn- und Atelierhaus daran, wie ununterscheidbar künstlerisches Ideal und Optimierungszwang mittlerweile geworden sind."
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Stichwörter: Bless, Neutra, Richard

Kunst

James Webb: "There Is A Light That Never Goes Out". Version in Mandarin, 2014. 


In Italien sind die afrikanischen Migranten viel länger und stärker präsent als hierzulande, nur folgerichtig findet Andrian Kreye in der SZ, dass der nigerianische Kurator Okwui Enwezor und seine Kollegin Koyo Kouoh aus Kamerun in Roms Maxxi die große Ausstellung "African Metropolis - una città immaginaria": Auch wenn die Fotografie den afrikanischen Aufbruch vor allem über die Fotobiennale in Bamako als Erste ins Ausland brachte, sind es doch die Skulpturen und Gemälde, die zeigen, wie sich die afrikanische Großstadtkultur eigene Definitionen von Ästhetik sucht. James Webbs Neonskulpturen "There is a light that never goes out" transportieren die gleißende Unruhe der Megacitys mit einer solchen Eleganz, dass sich der doppelte Sinn der arabischen und chinesischen Schriftzüge erst auf den zweiten Blick erschließt."

Weiteres: Meghan Forbes empfiehlt auf Hyperallergic die Ausstellung "Grimace if the Century" in der Nationalgallerie von Prag, mit den Arbeiten des tschechischen Künstlers Jiří Kolář zum Prager Frühling. Für Standard-Kritikerin Anne Katrin Fessler verdichten sich Hinweise, dass in Salzburg ein Museum der Fotografie entstehen wird.

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Literatur

Schriftsteller Alain Claude Sulzer verdreht in der NZZ die Augen darüber, dass ausgerechnet er und seinesgleichen regelmäßig mit Nachfragen bezüglich des Gelderwerbs behelligt werden: "Selbst jene Autoren, die den Eindruck vermitteln, mit ihren Büchern viel Geld zu verdienen, sind gegen die Frage nicht gefeit. Es nützt alles nichts, dem dringenden Bedürfnis muss nachgegeben, die indiskrete Frage muss gestellt werden."

Besprochen werden unter anderem Masande Ntshangas Debüt "positiv" (SZ), Sayaka Muratas "Die Ladenhüterin" (Schneeland), Birgit Weyhes und Sylvia Ofilis Comic "German Calendar No December" (taz), Michael Kleebergs "Der Idiot des 21. Jahrhunderts" (NZZ, Welt), Denis Johnsons Erzählband "Die Grosszügigkeit der Meerjungfrau" (NZZ), François Schuitens und Benoît Peeters' Comic "Erinnerung an die ewige Gegenwart" (Tagesspiegel), Niccolò Ammanitis "Anna" (FAZ), Mirko Bonnés Gedichtband "Wimpern und Asche" (Tagesspiegel) und Hilmar Klutes "Was dann nachher so schön fliegt" (FAZ).
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Stichwörter: Murata, Sayaka

Bühne

Indigene Aktivisten haben gegen zwei Stücke des kanadischen Regisseurs Robert Lepage protestiert, der vor allem in "Kanata" von der gewaltsamen Siedlungsgeschichte erzählte, ohne indigene Künstler zu beteiligen. In der taz stellt sich Peter Marx hinter die Aktivisten: "In der Stimme eines/r anderen zu sprechen, ist immer ein Akt der Überschreitung", meint er kategorisch. Es gebe kein einfaches Erzählen: "Eine naive Aneignung im Sinne bloßen Rollenspiels metaphorisiert historische Leiderfahrung und macht sie zu einem vagen, allgemeinen Gefühl. Wer aber das Wagnis unternimmt, in einer/s anderen Stimme zu sprechen, der muss sich auch in Frage stellen lassen. Lepages Klage über kulturelle Zensur aber führt zu einer kulturellen Immunisierung, die keinen weiteren Dialog ermöglicht."

Weiteres: Im taz-Interview mit Astrid Kaminski spricht die türkische Choreografin Aydin Teker über Engagement, Istanbul und ihre Rückzug aufs Land: "Es ist fantastisch: ein Aufatmen, eine Meditation. Wissen Sie, Istanbul ist keine lebenswerte Stadt mehr. Sie fühlen Druck von allen Seiten. Die soziale Interaktion, die erwartet wird, der Lärm, der ständige Verkehrsstau, der politische Druck." In der NZZ meldet Daniele Muscionico, dass Benedikt von Peter neuer Intendant des Theaters Basel wird. In der FAZ rekonstruiert der russische Theaterwissenschaftler Vladimir Koljazin, wie der Theaterrevolutionär Erwin Piscator nach seiner Emigration in die Sowjetunion an Stalin scheiterte.

Besprochen werden Heiner Müllers "Macbeth"-Version in Weimar mit Corinna Harfouch und Susanne Wolff (SZ) und Ulrich Rasches Inszenierung von Aischylos' "Persern" bei den Salzburger Festspielen (taz).

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Architektur

Kengo Kumas Entwurf für den Bahnhof Saint-Denis Pleyel

Allein im Großraum Paris sollen in den nächsten Jahren 68 neue Bahnhöfe entstehen. In der SZ gibt sich Joseph Hanimann zwar durchaus als Anhänger des französischen Zentralismus zu erkennen, hält es aber auch an der Zeit, auch unterschiedliche Architekturbüros wie Kengo Kuma, Dominique Perrault oder Elizabeth de Portzamparc zu beauftragen: "Gerade französische Bahnhöfe waren ursprünglich, im Gegensatz etwa zu den englischen, wahre Disziplinierungsanstalten für die Reisenden. Diese wurden in Wartesäle gewiesen, durften sich ohne Bahnsteigkarten den Zügen nicht nähern und mussten auf Schritt und Tritt ihre Passierscheine vorweisen. Das hat sich geändert. Bahnhöfe sind ein offenes Stück Stadt für mobile Metropolenbewohner geworden. Nach einer Phase der Menschenkanalisierung ist man heute bestrebt, den widersprüchlichen Wünschen der Reisenden nach kurzen Wegen und abwechslungsreichen Umwegen nachzukommen."
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Stichwörter: Kuma, Kengo

Musik

Knapp 30 Minuten für Beethovens Fünfte: Sehr atemlos hetzte Teodor Currentzis sein MusicAeterna-Ensemble in Salzburg durchs Konzert, berichtet Ludmila Kotylyarova im Tagesspiegel. Bloßer Leistungssport? Nein, versichert der Dirigent und behauptet, entsprechende Anweisungen in den Aufzeichnungen des Komponisten gefunden zu haben. "Weil aber das Orchester bei Currentzis einen so nervösen, dabei durchsichtigen Klang hat, technisch als auch musikalisch so auf den Dirigenten eingestimmt ist, tut der ständige asymmetrische Wechsel von piano, forte und fortissimo nur beinahe weh." Die Interpretation Beethovens klingt so, "als würde die zeitgeschichtliche Einordnung seiner Musik erst noch bevorstehen. Ohne jeglichen romantischen Hauch, sondern männlich und unbeschwert revolutionär."

Im Freitext-Blog von ZeitOnline bringt der Schriftsteller Florian Werner seine Notizen vom Berliner Pop-Kultur-Festival, an dessen Ende ihm es schließlich ums Ganze ging: "Am Ende des dritten Tages kann ich keine Musik mehr hören, weder physisch noch psychisch. Ich weiß nicht, ob es an meiner Erschöpfung liegt oder an der Hitze oder an der Programmierung, aber ich denke plötzlich: Das ist der Sommer der Psychedelik. Die großen Epiphanien, die ich im Vorjahr beim Festival hatte, erwartete ich diesmal vergeblich, ebenso die großen Narrative - an ihrer Stelle stand die Tendenz zur Wiederkehr, zur Endlosschleife, zur Perpetuierung der immer gleichen Akkordfolgen ad libitum, so weit die Saiten tragen. Vielleicht, so denke ich, verdankt sich diese Flucht ins Zyklische einer so weit verbreiteten wie verständlichen Zukunftsangst: der Einsicht, dass es von diesem historischen Wimpernschlag aus eigentlich nur noch bergab gehen kann. Die große Retromania ist passé, Utopien sind nicht in Sicht; im deutschen Bundestag sitzt eine Fraktion von Arschgeigen."

Weitere Artikel: Auf ihrem neuen Album "Double Negative" wandeln die SloMo-Indiepopper Low erneut betont langsam auf den Pfaden in die Dunkelheit, erfahren wir von Christian Schachinger im Standard. Für die FAZ hat Gerald Felber die Appenzeller Bachtage besucht. Matthias Heine jubelt in der Welt darüber, dass nun ausgerechnet die sterbenslangweiligen Eagles mit ihrer Greatest-Hits-Collection von 1976 Michael Jackson vom Thron der meistverkauften Exemplare eines Albums gestoßen haben. Im "Unknown Pleasures"-Blog des Standards widmet sich Karl Fluch dem Schaffen Aretha Franklins, aus dem er acht eher etwas weniger bekannter Songs präsentiert, darunter dieses Stück:



Besprochen werden Ariana Grandes Album "Sweetener" (Pitchfork), ein Konzert des London Symphony Orchestras unter Simon Rattle (Standard), ein Konzert der Popsängerin Evelinn Trouble (NZZ), das Konzert des Auckland Youth Orchestras bei Young Euro Classic (Tagesspiegel), mal wieder ein Auftritt von Justin Timberlake (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter "Negro Swan" von Blood Orange, "eine Offenbarung", wie SZ-Kritiker Julian Dörr verspricht: "Allzu viele klügere Platten wird dieses Jahr nicht bringen."

Archiv: Musik