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Efeu - Die Kulturrundschau

Mit expressiven Zacken

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18.03.2019. Die taz freut sich über den Großen Kunstpreis für Renée Gailhoustet, die ihre Bauten durch Saint Ivry sur Seine so großzügig wuchern lassen konnte. Nach Exzess und Erschöpfung in der Kunst setzt die SZ mit Walter Dahn ganz auf Bescheidenheit. Der ungarische Theatermacher Arpad Schilling erklärt in der Welt das Besondere an der Ostfremdheit. Die Nachtkritik erlebt in einer Amsterdamer Inszenierung von Don DeLillos "Falling Man" eigentlich ganze Welten fallen. Tagesspiegel und Vanity Fair trauern um die verstorbene Pionierin des lesbischen Experimentalfilms, Barbara Hammer.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2019 finden Sie hier

Architektur

Renée Gailhoustets Ensemble "Jeanne Hachette" (zusammen mit Jean Renaudie). Bild: Chabe01/ Wikimedia, CC BY-SA4

Heute erhält die Architektin Renée Gailhoustet von der Berliner Akademie der Künste den Großen Kunstpreis für ihr Lebenswerk. In der taz freut sich Sophie Jung darüber sehr. Sie findet Gailhoustet Bauten nämlich nicht ganz so wuchtig wie die von Ricardo Bofill, aber in der Geste mindestens genauso so großzügig: "Die Architektin Renée Gailhoustet hat ihr gesamtes architektonisches Werk dem sozialen Wohnungsbau gewidmet. Sie wird heute dafür mit dem großen Berliner Kunstpreis der Akademie der Künste geehrt. Auch Gailhoustet entwarf 1968 bis 1998 kühne Formen für die Bedürftigen in den Ballungsräumen um Paris. Lange Zeit arbeitete die 1929 im algerischen Oran Geborene als Chefarchitektin der Gemeinde Saint Ivry sur Seine. Ihre Bauwerke sind nie wuchtig, sie wuchern. In Ensembles wie Le Liégat und Marat treibt der Beton von Gailhoustet mit expressiven Zacken und polygonalen Körpern wie gezüchtete Kristalle um Plätze und Passagen, klemmt sich in Nischen und an bestehende Wohntürme. Über mäandernden Fassaden hängen Ranken, Bäume wachsen auf den vorspringenden Balkonen, auch im neunten Stock."
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Literatur

Der amerikanische Dichter und Pulitzerpreisträger William Stanley Merwin ist tot. Jürgen Kaube würdigt auf faz.net einen widerständigen Individualisten der Zunft: "Einer ästhetischen Bewegung fühlte er sich nicht zugehörig, den Glauben, nur Originelles sei etwas wert, teile er nicht. Theorien waren nicht nach seinem Geschmack, er zitierte Balzac, dass ein Maler über Bilder nur nachdenken solle, wenn er einen Pinsel in der Hand halte. Und das Schreiben gar zu unterrichten, hielt er für einen Irrweg, weil es die Risiken zu vermeiden suche, die darin liegen, selbst herauszufinden, was Sprache ist." Merwin "schöpfte mit der rechten Hand aus der Naturfülle und mit der linken aus der Geschichtstiefe Verse", schreibt in der Printausgabe der FAZ Dietmar Dath. Weitere Nachrufe in der New York Times und im New Yorker.

Weitere Artikel: Gerrit Bartels bleibt im Tagesspiegel skeptisch, was den angeblichen Neuanfang der Schwedischen Akademie betrifft. Für die taz hat Eva Behrendt ein Fan-Fiction-Festival in Berlin besucht. Der Dlf hat Jürgen M. Thies Feature aus dem Jahr 1999 über die Beat-Literatur online gestellt.

Besprochen werden unter anderem Saša Stanišićs "Herkunft" (Freitag), Michael Rutschkys "Gegen Ende. Tagebuchaufzeichnungen 1996 - 2009" (Tagesspiegel), Éduard Louis' Roman "Wer hat meinen Vater umgebracht" (Jungle World), die Neuübersetzung von James Baldwins Essay "Nach der Flut das Feuer" (Standard), Clemens J. Setz' "Der Trost runder Dinge" (Standard), Wolf Biermanns Erzählband "Barbara. Liebesnovellen und andere Raubtiergeschichten" (taz), Doris Knechts "Weg" (Presse), Miriam Toews' "Die Aussprache" (Tagesspiegel), Philippe Lançons "Der Fetzen" (SZ) und neue Hörbücher, darunter David Nathans Lesung von Volker Kutschers Gereon-Rath-Roman "Marlow" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Gerhard Stadelmaier über Theodor Fontanes "Zeitung":

"Wie mein Auge nach dir späht,
Morgens früh und abends spät,
..."
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Kunst

Walter Dahn: Anne Frank wehrt sich III, 2003. Bild: Kestnergesellschaft

In der Walter-Dahn-Retrospektive in der Kestnergesellschaft in Hannover bekommt SZ-Kritiker Till Briegleb wieder richtig Lust auf den Öl-Punk der achtziger Jahre, die Dahn mit seiner Mühlheimer Freiheit aufmischte: "Walter Dahn war auch in seinen wilden Jahren kein Schöpfer sehr komplexer Werke. Es war zuckende Jubelmalerei, die aus der temporeichen Pinselführung ihre Energie bezog, optimistische Leck-mich-Kunst, die nicht - wie Martin KippenbergerJulien Gosselins oder Albert Oehlen es in ihrer weiteren Entwicklung taten - nach Vielschichtigkeit strebte. Aber Dahn traf vielleicht noch mehr als diese beiden Hochambitionierten ein Lebensgefühl, das kapitalistischen Ehrgeiz und die Logik der Karriere ebenso ablehnte wie die Heuchelei professioneller Vermarktung. Und diese Distanz zum Wichtigtuerischen führt dann vielleicht nach einer erschöpften Phase der Exzesskunst in die Bescheidenheit, wie Walter Dahn sie in Hannover zeigt."
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Film

Mit Barbara Hammer ist eine Pionierin des lesbischen Experimentalfilms gestorben. Dass sie sich für diese Form des Kinos entschieden hatte, "entsprang ihrer Überzeugung, dass das konventionelle, narrative Kino formal zu beschränkt sei, um lesbische und schwule Erfahrungen angemessen zu transportieren. Also setzte sie auf eine radikal andere Bildsprache", schreibt Nadine Lange im Tagesspiegel. Vanity Fair hat ein Gespräch mit Hammer online gestellt, unter anderem spricht sie darin über die Lust an der Gefahr: "Von Kindesbeinen habe ich Gefallen an der Gefahr gefunden, an jener segensbringenden Gefahr, die einen begleitet, wenn man in Windeln von zuhause ausreißt, man aber weiß, dass man es nur bis zur nächsten Ecke schaffen und gefunden werden wird. Ein Jahr lang auf einer Lambretta um die Welt zu reisen, schien dann auch nicht mehr allzu furchteinflößend, zumal ich in männlicher Begleitung war. Zieht man beides zusammen - Motorräder in Afrika und eine lesbische Geliebte -, hatte ich auf einmal 'echte' Gefahr. Sie forderte mich dazu auf, neue Sichtweisen einzunehmen oder zumindest mir meiner Umgebung äußerst bewusst zu sein: die Nuancen meiner Bekanntschaften, die Tonlage einer Sprache, das räumliche Setting meines Umfelds. Alles kritische Herausforderungen und Lektionen für eine aufstrebende Künstlerin." Noch im Februar brachte der New Yorker eine große Feature-Story über sie. Auf Vimeo hatte Hammer im Laufe der Jahre einige Ausschnitte aus ihren Arbeiten hochgeladen, darunter zweieinhalb Minuten aus "Marie & Me" von 1970:



Besprochen werden der Copthriller "Destroyer" mit Nicole Kidman (Jungle World), J C. Chandors' Abenteuerfilm "Triple Frontier" (Standard), "Ein Gauner und Gentleman" mit Robert Redford (critic.de), Matthew Heinemans auf Heimmedien veröffentlichter "A Private War" über die 2012 ermordete Kriegsreporterin Marie Colvin (SZ), der Animationsfilm "Asterix und das Geheimnis des Zaubertranks" (SZ) und die neue Staffel von "American Gods" (NZZ).
Archiv: Film

Musik

Auf ZeitOnline wärmt Daniel Gerhardt die vergangenen Herbst herumgereichte Frage auf, ob der Britpop-Boom der 90er mit dem damit wieder erstarkenden Nationalgefühl womöglich eine kulturelle Basis für den Brexit geschaffen hat, und freut sich darüber, dass der Siegeszug von Rap auch in Großbritannien eine Popkultur hervorgebracht hat, die vom staatstragenden Pathos von Oasis und Blur meilenweit entfernt ist. "Es sind Londoner Rapperinnen wie Little Simz und Kate Tempest, die den Schwebezustand ihres Heimatlandes zwischen Brexit-Referendum und tatsächlichem Brexit derzeit am anschaulichsten beschreiben."

Weitere Artikel: Gerrit Bartels (Tagesspiegel) und Harry Nutt (Berliner Zeitung) berichten von einem Berliner Abend mit der Band Interzone und Wolf Wondratschek, die eine limitierte Vinyledition der bereits in den 70ern auf Jim Raketes Initiative hin entstandenen Vertonungen von Wondratscheks Gedichten präsentierten (hier die Veranstaltung zum Nachhören). Die Berliner Zeitung plaudert mit Bosse. Markus Ganz berichtet in der NZZ vom Nachwuchsfestival M4Music. Klaus Raab erinnert im Freitag an den verstorbenen tansanischen Radiomacher Ruge Mutahaba, der die Popgeschichte seines Landes erheblich geprägt hat.

Besprochen werden die Ausstellung "Hyper! A Journey into Art and Music." in den Hamburger Deichtorhallen über das Verhältnis zwischen Pop und Kunst (zu sehen gibt es "hübsche Fundstücke aus den Trümmern des Pop, der sich nicht grundlos von der Tanzfläche in die Diskursfelder verdrückt hat", schreibt Jan-Paul Koopmann in der Jungle World), Stephen Malkmus' Soloalbum "Groove Denied "(taz), Chris Imlers Aufritt im Urban Spree in Berlni (Tagesspiegel) und Christoph Irniger Pilgrims Album "Crosswinds" (NZZ).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jan Wilm über "Promising Light" von Iron & Wine:

Archiv: Musik

Bühne

Julien Gosselins DeLillo-Inszenierung am Internationaal Theater Amsterdam © Jan Versweyveld

Schlichtweg vom Hocker gerissen hat Sascha Westphal Julien Gosselins Amsterdamer Inszenierung von Don DeLillos 9/11-Roman "Falling Man", die stark auf Kameras setzt, so dass sie schon nicht mehr Theater sei, aber auch noch nicht Film: "DeLillos apokalyptische Beschreibungen der Stunden direkt nach dem Anschlag auf das World Trade Center werden zugleich als Schöpfungsgeschichte lesbar. Etwas ist untergegangen, und zugleich entsteht etwas, das sich aber in seiner Gänze nicht fassen lässt. Eigentlich müsste Gosselins Bearbeitung DeLillos Titel 'Falling World' heißen. Denn nicht nur der Performance-Künstler, der im Roman als geisterhafte Erscheinung fortwährend überall in New York auftaucht, um an unsichtbaren Drähten hängend das berühmte Foto von dem Mann nachzustellen, der aus einem der Türme gesprungen ist und dessen Fall der Fotograf Richard Dew festgehalten hat, scheint in einer eingefrorenen Pose zwischen Himmel und Erde, Leben und Tod, zu hängen. Die Welt selbst fällt und fällt, aber sie schlägt nicht auf."

Im Berliner Ensemble hatte gerade das Stück "Der letzte Gast" des Theatermachers Arpad Schilling Premiere, der in Ungarn zum "potenzieller Vorbereiter staatsfeindlicher Aktivitäten" erklärt wurde. In der Welt unterhält sich Mareike Froitzheim mit Schilling über die Solidarität und das Fremdsein: "Zuallererst bedeutet es eine Art Einsamkeit. Das ist auch im Stück eine sehr wichtige Frage, und wenn ich vom Fremden spreche, bedeutet das natürlich alle möglichen Arten von Fremdsein. Das steht eben nicht nur für die Flüchtlinge. Was mich natürlich auch sehr beschäftigt, ist der Osten, da ist neben Osteuropa auch alles andere, was traditionell Osten ist, dabei. Aus dieser Ostfremdheit geht sehr viel Frustration hervor. Auch wenn wir über Ostdeutsche sprechen sind 'Einsamkeit' und 'Frustration' die Schlüsselbegriffe, aus denen ein gesteigertes Bedürfnis sich zu adaptieren folgt." Im Tagesspiegel bespricht Christine Wahl Schillings Inszenierung.

Weiteres: Für den Tagesspiegel bereist Eberhard Spreng einige Aufsehen erregende Inszenierungen in Frankreich, mit Stücken von Edourad Louis bis zu John Cassavates.

Besprochen werden Puccinis "La fanciulla del West" an der Münchner Staatsoper ("famos" findet Reinhard Brembeck in der SZ die Inszenierung, gut gefällt ihm aber überhaupt auch diese Liebesutopie im Karl-May-Ambiente, im Gold- und Musikrausch schwebte auch Marco Frei von der NZZ), die Bühnenfassung von Jennifer Clements Roman "Gun Love" Zürcher Theater am Neumarkt (die NZZ-Kritikerin Daniele Muscionico so cool findet den Free Jazz von Ornette Coleman und "so hundeelend traurig wie das Klagelied 'Alabama' von John Coltrane"), Ersan Mondtags Inszenierung von Schillers "Räuber" am Kölner Schauspiel (FAZ), Händels Barockoper"Poros", mit der Regie-Urgestein Harry Kupfer an die Komische Oper zurückkehrt (Tsp), Wim Vandekeybus' Tanzabend nach Euripides im Münchner Cuvilliéstheater (SZ), Tschaikowskys "Jungfrau von Orleans" im Theater an der Wien (Standard), Janusz Kicas Inszenierung von Franz Werfels Stück ""Jacobowsky und der Oberst" im Wiener Josefstadt-Theater (Standard) und Elfriede Jelineks Trump-Stück "Am Königsweg" in St. Pölten (Standard).
Archiv: Bühne