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Efeu - Die Kulturrundschau

Aggregatzustände kultureller Selbstreflexion

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21.09.2019. Die FAZ lernt den französischen Zeichner Moebius im Max-Ernst-Museum in Brühl als Vordenker von "Stars Wars" kennen. Zeit Online erlebt "reinsten, besten" Beethoven kurz vor dem Wahnsinn bei Igor Levit in der Elbphilharmonie. In der Literarischen Welt schämt sich Mircea Cartarescu dafür, Schriftsteller zu sein. Der Filmdienst entdeckt einen neuen Klimakiller: Filmfestivals. Der eigentliche Künstler der Contemporary Istanbul ist Ekrem Imamoglu, glaubt der Tagesspiegel.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.09.2019 finden Sie hier

Kunst

Bild: Mœbius, Arzak le rocher, 1995, Gouache und Acryl auf Papier, 36 x 24,3 cm © 2019 Mœbius Production

An dieser Schau hätte der französische Zeichner Jean Giraud, besser bekannt als Moebius, seine Freude gehabt, glaubt FAZ-Kritiker Andreas Platthaus nach seinem Besuch im Max-Ernst-Museum in Brühl, das ihm nicht nur Werke des Illustrators im Großformat zeigt oder sie per Augmented Reality in Bewegung setzt, sondern die ganze Originalität und "stilprägende" Kraft seiner Bilder vor Augen führt - etwa in der Folge von 23 Zeichnungen, die er 1974 für den Band 'Le Bandard Fou' schuf: "Da wird in einer albtraumartigen Sequenz, die schließlich ins für Moebius typische Motiv der Neuerschaffung mündet, die Selbstverzehrung eines Mannes durch seine zum amorphen Monster mutierte Hand dargestellt, und wer darin nicht das Vorbild für HR Gigers wenig später entworfenen Lebenszyklus des Monsters aus dem Science-Fiction-Kinoklassiker 'Alien' erkennt, der hat diesen Film nie gesehen. Die Bildsprache der modernen Science-Fiction verdankt den Wüsten und Figuren von Moebius unendlich viel - in Brühl glaubt man sich ständig in 'Star Wars'-Szenerien versetzt, nur dass die in den Comics des Franzosen schon auftauchten, als George Lucas gerade seine Produktion vorbereitete. Wir bewegen uns bei aller Phantastik in einer tiefvertrauten Welt."

Im Tagesspiegel spürt Werner Bloch die Kraft des Aufbruchs bei der 14. Contemporary Istanbul - der ersten, seit der Wahl von Ekrem Imamoglu zum neuen Bürgermeister von Istanbul. Neben politisch kritischer, sogar "erotisch befreiter" Kunst, bewundert er aber vor allem die geradezu "künstlerische" Arbeit von Imamoglu: "1300 weiße Autos ließ er auf einem Parkplatz zusammenstellen. Das Automeer umfasst die weißen Dienstwagen der AKP-Mitglieder und Angestellten der Stadt Istanbul, die zwar auf der Payroll des Bürgermeisteramtes stehen, in Wirklichkeit aber nur Karteileichen sind. Damit hat İmamoğlu die Korruption und Klientelwirtschaft der bisherigen Regierung so messerscharf ins Bild gerückt, wie es schöner kaum geht. Auf der Messe gab es keine bessere Performance- und Konzeptkunst zu sehen." Verhaltener klingt Annegret Ehrhard in der Welt, die in Istanbul mit einigen Ausnahmen, etwa in den Arbeiten von Mika Rottenberg oder Armin Linke, "viel Beliebigkeit und Banalität" erlebt.

Besprochen wird die Ausstellung "No Photos on the Dance Floor!" im C/O Berlin (taz)
Archiv: Kunst

Literatur

Für die Literarische Welt hat Richard Kämmerlings Mircea Cărtărescu in Bukarest besucht. Seinen neuen Roman hat der rumänische Schriftsteller bewusst als Stachel im literarischen Betrieb konzipiert, sagt er. Es handelt sich "um ein Gedankenexperiment, in dem Cărtărescu sich ausdenkt, wie sein Leben verlaufen wäre, wenn er kein Schriftsteller geworden wäre. 'Zu meinem eigenen Erstaunen entdeckte ich beim Schreiben dieser Geschichte: Ich wäre dann viel glücklicher geworden. Mein Buch ist eine Art Antiliteratur, ein Manifest gegen die Schriftstellerkarriere, gegen Preise, das Geld und den Ruhm. Viele Schriftsteller, und ich ganz bestimmt, schämen sich für das, was sie tun, dafür, dass sie das Spiel mitspielen."

Weiteres: Lothar Müller (SZ), Kathrin Hillgruber (Tagesspiegel) und Jan Wiele (FAZ) berichten von einer Tagung über die literarische Erfolgsstrecke der DDR in ihren letzten Jahren, als die Bachmannpreise der späten 80ern samt und sonders an Literaten aus dem real existierenden Sozialismus, nämlich an Katja Lange-Müller, Uwe Saeger, Angela Krauß und Wolfgang Hilbig gingen. Lebenszeit ist begrenzt und kostbar, von daher ist es völlig okay, einen Bestseller auch mal abzubrechen, wenn einem die Lektüre nicht taugt, meint Gerrit Bartels im Tagesspiegel im Bezug auf den gerade populären Hashtag #abgebrocheneBestseller auf dem "sogenannten Mikroblogging- und Kurznachrichtendienst Twitter." In der SZ gratuliert Fritz Göttler Batman zum Achtzigsten. Daneben hält Christoph Haas Ausschau nach wirklich guten Batman-Comics der Gegenwart - und kann eigentlich nur die momentane Reihe "Creatures of the Night" empfehlen.

Besprochen werden unter anderem Margaret Atwoods "Die Zeuginnen" (taz), Holger Brüns' Sommernovelle "14 Tage" (Sissy Mag), Ocean Vuongs "Auf Erden sind wir kurz grandios" (Sissy Mag), Mary Bergs Tagebücher "Wann wird diese Hölle enden?" (Dlf Kultur), Martin Beyers "Und ich war da" (Zeit), Tonio Schachingers für den Buchpreis nominierter Roman "Nicht wie ihr" (ZeitOnline), Katja Oskamps "Marzahn, mon amour" (taz), Olaf Kühls "Letztes Spiel Berlin" (online nachgereicht von der FAZ), William Melvin Kelleys "Ein anderer Takt" (Dlf Kultur) und Cees Nootebooms "Venedig" (FAZ).
Archiv: Literatur

Film

Filmfestivals schmücken sich gerade auch klimapolitisch mit hehren Absichten und Slogans, aber de facto "ist die Klimabilanz der großen Filmfestivals zumindest wegen des Flugverkehrs, den sie provozieren, einigermaßen verheerend", was auch durch ein bisschen ökologisch anmutendes Merchandising nicht gemildert wird, schreibt Lars Henrik Gass im Filmdienst. Allerdings "dürfte die große Party auf kurz oder lang sowieso vorbei sein. Sei es, dass die Besteuerung von Flügen so hoch ausfallen wird, dass die Besuchszahlen auf diesem Wege abnehmen, sei es, dass immer weniger, vor allem junge Menschen auf Flüge und damit auf den Besuch von Filmfestivals im Ausland verzichten werden. Dies bedroht freilich die mittelgroßen bis großen internationalen Filmfestivals mehr als die kleinen, regionalen Veranstaltungen. ... Das Angstszenario internationaler Filmfestivals, die von der gesellschaftlichen Entwicklung überrollt zu werden drohen, könnte der Anlass sein, sich wieder auf das zu konzentrieren, worum es gehen sollte: Filme zu sehen und über sie sprechen."

Dass Hans Joachim Mendig kein Parteigänger der AfD ist, steht für Michael Hanfeld in der FAZ völlig außer Frage. Umso irrer findet er es, dass der Chef der "HessenFilm und Medien" sich nach dem von der Filmbranche mittlerweile massiv auf ihn ausgeübten Druck so auffällig ins Schneckenhaus verkriecht. "Er wäre gut beraten, sich von der politischen Instrumentalisierung, die der AfD-Vorsitzende mit seinem Instagram-Post vorgenommen hat, zu distanzieren. Sonst könnte es sein, dass er zum Opfer des Gehabes wird, mit dem die AfD gerne Leute für sich vereinnahmt, um hernach, wenn es diesen an den Kragen geht, sich selbst wiederum als Opfer der Intoleranz auszugeben." Im SWR-Gespräch legt der Regisseur Christoph Hochhäusler sehr sachlich dar, dass es den Unterzeichnern der Petition keineswegs um eine Skandalisierung gehe, sondern dass seitens Mendig schlicht das Vertrauensverhältnis zwischen Förderung und Branche beschädigt wurde.

Weitere Artikel: Nora Fingscheidt spricht im Filmdienst über ihren (aktuell auch in der Welt besprochenen) Film "Systemsprenger". Margret Köhler plaudert im Filmdienst mit Brad Pitt über dessen Science-Fiction-Film "Ad Astra" (unsere Kritik hier). Im Tagesspiegel blickt Andreas Busche auf 25 Jahre X-Filme zurück.

Besprochen werden der neue Rambo-Film mit Sylvester Stallone (FAZ, mehr dazu hier), Annemarie Jacirs "Wajib" (Freitag), Robert Budinas "Ein Licht zwischen den Wolken" (Tagesspiegel), die neuen Folgen von Matt Groenings für Netflix produzierter Animationsserie "Disenchantment" (FR) und die Netflix-Serie "Criminal" (Welt).
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Archiv: Film

Musik

Sehr zufrieden kommt ZeitOnline-Kritiker Florian Zinnecker von Igor Levits Auftakt seines Beethoven-Zyklus in der Elbphilharmonie nach Hause: Alle 32 Sonaten will der Pianist im Hamburger Orchesterhaus bis nächstes Jahr aufführen. Meisterlich gelungen ist ihm schon einmal die Waldsonate: "Reinster, bester Beethoven, voll unter Strom, schon kurz vor dem Wahnsinn. Den zweiten Satz spielt Levit dann, als hätte ihn der alte Franz Liszt geschrieben - jeder Ton steht wie eine Säule für sich selbst, keine Melodie strebt mehr in eine Richtung, jeder Takt trägt schwer an der Musik und schafft es trotzdem noch, zu schweben. Und dann beginnt der Finalsatz - mit Rachmaninow. Dann wieder Liszt. Dann auf einmal Bach, die Kunst der Fuge, dann plötzlich Debussy, auf einmal auch: Philip Glass. Eindeutig, jede Note ist nachweislich von Beethoven komponiert, doch Levit sucht und findet darin einen Gutteil der Musikgeschichte - auch die Kapitel, die nach Beethoven kamen. Und wieder: alles völlig logisch und musikalisch aus sich heraus begründet."

Das Konsens-Album der Stunde dürfte Brittany Howards "Jaime" sein, auf dem die ehemalige Musikerin der Alabama Shakes "ihr ureigenes Zehrgebiet durchmisst", wie Karl Fluch im Standard schreibt. Gemeint ist "eine Mischung aus Southern Rock, Blues-Feeling, Garagen-Soul und Gospel" und darin zeigt sich die Musikerin "so konzentriert wie nie zuvor, ohne deshalb ihre Lockerheit zu verlieren. Der Funk eines Prince geht im heißeren Gesang Howards auf, den ein altes Mikro aufnimmt und der dem Album eine stimmige Patina verleiht." Wir hören rein:



In der NZZ schwärmt Christoph Wagner von der Albenreihe "Imaginational Anthem", in der in loser Folge dem American Folk der Gegenwart gehuldigt und die Akustikgitarre als Ausdrucksmittel neu entdeckt wird: "Gitarristen dieser Szene kehren mit offenen Ohren zu den Ursprüngen des amerikanischen Folk-Gitarrenspiels zurück und erfinden es neu; die akustische Gitarre verwandelt sich hier in ein polyglottes Instrument. Die Reihe hat mittlerweile Dutzende von Gitarristen und Gitarristinnen präsentiert, von denen die meisten bisher nur Insidern bekannt waren. Kendra Amalie lotet die Grenzen zwischen traditionellen Folksongs und Ambient aus. Junge Talente wie der Amerikaner William Tyler (den man von Lambchop kennt) oder der Brite C Joynes überschreiten stilistische Grenzen und beziehen gelegentlich selbst aussereuropäische Stilelemente ein." In das neueste, von Ryley Walker zusammengestellte Album kann man auf Bandcamp reinhören:



Weiteres: Stefan Hentz blickt in der NZZ zurück auf 50 Jahre ECM Records, mit dem Manfred Eicher nicht nur ein "ein Mekka für die oberste Garde des Jazzpianos" in die Welt gebracht hat, sondern auch einen ganz eigenen, akribisch ausgearbeiteten Klangkosmos: Der Jazz stehe seither "gleichwertig neben der komponierten Kunstmusik und anderen Aggregatszuständen kultureller Selbstreflexion wie bildender Kunst, Literatur, Theater, Kino." Für die taz plaudert Juli Katz mit der Synth-Pop-Musikerin Molly Nilsson. Musiker Thees Uhlmann ist erwachsen geworden, schreibt Oliver Polak in der Welt über seinen Partyfreund aus wilderen Tagen.

Besprochen werden eine Gesamtedition von Wolfgang Rihms Orgelkompositionen (NZZ), der Saisonauftakt des Tonhalle-Orchesters unter David Zinman (NZZ), ein Dvorák-Abend beim Musikfest Berlin mit dem Deutschen Symphonieorchester unter Robin Ticciati (Tagesspiegel), David Keenans rein fiktives Bandporträt "Eine Impfung zum Schutz gegen das geisttötende Leben, wie es an der Westküste Schottlands praktiziert wird" (taz), Stephan Lambys von 3sat online gestelltes Porträt über die Jazzbrüder Rolf und Joachim Kühn (ZeitOnline, FAZ) und das neue Album von Jenny Hval (taz). Daraus ein Video:

Archiv: Musik

Bühne

Bild: Szene aus "Der Untergang der Titanic". Franziska Goetzen


Daran, dass Hans Magnus Enzensberger mit "Der Untergang der Titanic" bereits vor vierzig Jahren das Stück zur Klimakrise schrieb, wird Nachtkritikerin Dorothea Marcus in Philipp Preuss' Inszenierung am Theater an der Ruhr in Mühlheim erinnert. Die Drehbühne - die im Laufe des Abends tatsächlich außer Kontrolle gerät - dient hier als Titanic: "Mit zitterndem Rumpeln setzt sich das Drehbühnen-Ungetüm in Bewegung, vorbei an Lametta-Wänden und angedeuteten Kajüten, immer rückwärts, bis einem ganz schwindelig wird. Wie Geister, aus einem Otto Dix-Gemälde entsprungen, gruppiert sich das Ensemble um die rückwärts rasende Scheibe und variiert in jedem Gesang neu, wie langsam das Wasser ins Schiff dringt - aber lässig geleugnet wird. Wird schon nicht so schlimm werden, höchstens für die armen Leute vom Zwischendeck. Wir sitzen alle im selben Boot, nur: Wer arm ist, geht schneller unter. Enzensbergers Stück ist auch eine resignativ-zynische Anklage sozialer Ungleichheit, und wenn Simone Thoma von Arabern oder den fünf namenlosen Chinesen auf Deck, von den 1500 Ertrunkenen spricht, hallt das nach ins Heute."

Einen ganzen "Salzstreuer" wolle sie in die "offenen Wunden" in Österreich kippen, bekannte Ekaterina Degot, Intendantin des Steirischen Herbstes, diese Woche in der Zeit. (Unser Resümee). Nach dem Auftakt kann Amira Ben Saoud im Standard bisher aber nur müde lächeln, zu "humorlos und vorhersehbar" erscheinen ihr viele der bisher präsentierten Arbeiten, etwa die Eröffnungsperformance von Zorka Wollny: "Wirken hätte das Ganze wohl sollen wie der letzte Abend auf der Titanic, das große Fressen kurz vorm Schifferlversenken: Der Glamour und die Joie de vivre sollten dann von den Performances und Interventionen 'gestört' und eine Art kollektive Vorahnung des drohenden Untergangs erzeugt werden. Das funktionierte mäßig gut. Die Vokalistin Julie Flier streunte mit verschmiertem Make-up durch den Congress, sang Wagner und umarmte das Beethoven-Denkmal. Künstler-Kellner overperformten beim Reichen der Häppchen, Alexander Brener hielt in einer Art Raupenkostüm eine polemische Rede gegen den Hedonismus der modernen Kunst, von der man kein Wort verstand."

Weiteres: In der Zeit erinnert sich die Journalistin Theresa Luise Gindlstrasser daran, wie sie einst im Ballettunterricht gedrillt und "dressiert" wurde.

Besprochen wird Katja Lehmanns Inszenierung von Dennis Kellys Monolog "Girls & Boys" im Frankfurter Stalburg-Theater (FR), Riki von Falkens Choreografie "Die Architektur einer Linie" in den Berliner Uferstudios (taz), David Afkhams Inszenierung von Antonin Dvoraks "Rusalka" im Theater an der Wien (Standard), Toks Körners "Aesthetics of Colour - Ein Kammerspiel im Ballhaus Naunynstraße (nachtkritik), Stefan Bachmanns Inszenierung von Wajdi Mouawads "Vögel" (nachtkritik) und Steffi Kühnerts Inszenierung von Tennesse Williams' "Die Katze auf dem heißen Blechdach" am Hans-Otto-Theater in Potsdam (nachtkritik).

Archiv: Bühne