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Efeu - Die Kulturrundschau

Ununterbrochen bunte Herzchen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.03.2020. Abschottung ist gut für die Kreativität, lernt der Tagesspiegel vom Berliner Maler Alexander Iskin. Im Kino war das Virus schon immer tödlich, erinnert Critic.de. Die taz hätte trotz allem gern auf der Buchmesse in diesem Jahr den großen Generationenwechsel erlebt. Die FAZ lotet mit Katie M. Flynn das pandemische Katastrophengeschehen aus. La Repubblica ruft dem Architekten Vittorio Gregotti ein sanftes Addio zu, der nun ebenfalls an Corona gestorben ist. Aber wenigstens gibt es die schönen italienischen Balkongesänge.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.03.2020 finden Sie hier

Kunst

Museum Mönchehaus: Screenshot der Live-Übertragung von Alexander Iskins Performance in der Galerie Sexauer

Im Tagesspiegel winkt Birgit Rieger dem Maler Alexander Iskin zu, der sich für seine achtwöchige Performance, die er live überträgt, bereits am 7. Februar in eine selbstauferlegte Quarantäne in der Galerie Sexauer begeben hat.  Abschottung ist gut für die Kreativität, weiß Rieger: "Isolation zwingt nach Innen und zur Konzentration, sagte der Berliner Kulturtheoretiker Bazon Brock kürzlich in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. 'Diese Balance zwischen Panikgefühl durch Eingeschlossensein, Behindertsein und andererseits, sich dadurch zu konzentrieren, ist etwas Fantastisches', so Bazon Brock. Er verweist auf Thomas Mann, der die Isolation geradezu als Voraussetzung für kreatives Schaffen ansah. Er spricht von Sartre, vom Leben in Bunkern und der Psychoanalyse, die der Isolation durchaus Positives abgewinnen kann. Brock, der gern auch mal polemisiert, spricht in diesen Zeiten so tröstend und sanft, wie man es sonst gar nicht von ihm kennt."

Die Museen in Wien sind zwar auch geschlossen, aber taz-Korrespondent Ralf Leonhard konnte zuvor noch einen Blick in die Eröffnungsschau "The Beginning. Kunst in Österreich 1945 bis 1980" in der neuen Albertina Modern werfen. Dank üppiger Finanzierung durch den Bauunternehmer Hans Peter Haselsteiner wurde dieses neue Haus im historischen Wiener Künstlerhaus untergebracht. So imperial wurde ihm zeitgenössische Kunst selten präsentiert, meint Leonhard, der aber zwei Dinge lernt: Die Österreichischen Künstler rechneten viel früher mit der Tätergeneration ab als die deutschen. Dafür waren sie sich in offener Feindschaft verbunden, wie ihm der Generaldirektor Klaus Albrecht Schröder erzählt: "Es kennzeichnet die österreichische Avantgarde, dass sie einander feindlich gegenübergestanden sind. Die fantastischen Realisten wie Ernst Fuchs oder Arik Brauer, die allesamt Opfer des Nationalsozialismus waren, und die Abstrakten haben einander verachtet, Hrdlicka hat beide verachtet. Diese Feindschaft hat viel mit der Engmaschigkeit, der Kleinräumigkeit zu tun."

Besprochen werden die Schau "Fotografinnen an der Front" mit Arbeiten von Lee Miller, Gerda Taro und Catherine Leroy im Fotomuseum Winterthur (NZZ) und die Ausstellung der Berliner SenatsstipendiatInnen in der n.b.k. (taz).
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Bühne

FAZ-Kritiker Patrick Bahners durchsteht mit Alexander Kluge die Absage von dessen Opern-Ausstellung "Der Tempel der Ernsthaftigkeit": "'Die Oper', sagt Alexander Kluge am Freitag in Stuttgart, 'ist nicht der Opernabend'." Manuel Brug erzählt in der Welt, wie Peter Konwitschnys Prestige-Inszenierung von Daniel-François-Esprit Aubers Oper "Die Stumme von Portici" im Theater Dortmund auch ohne Publikum, mit nur einer Handvoll Kritiker im Publkum durchgedrückt wurde- Große Frage: Darf er klatschen, wenn es sonst keiner tut? taz-Kritikerin Katharina Granzin konnte sich eine ziemlich exklusive Performance der "afrodiasporischen" Künstlerin Rébecca Chaillon ansehen, hinter den verschlossenen Türen des Vereins Drama Panorama. Als "hölzernen Erziehungsprügel" empfindet FAZ-Kritiker Martin Halter Ewelina Marciniaks feministische Umdeutung von Shakespeares Macho-Klamotte "Der Widerspenstigen Zähmung" in Freiburg. Auch Nachtkritiker Jürgen Reuß glaubt, dass es hier nicht viel zu entlarven gab.

Besprochen werden Cees Nootebooms "Rituale" beim Freien Schauspiel-Ensemble (FR) und Lau Lukkarilas erotisches Tanzstück "Nyxxx" beim Brut-Festival "Imagetanz" (das Standard-Kritiker Helmut Ploebst als letzten Gruß vor der Corona-Schließung mitnehmen konnte).
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Stichwörter: Corona, Kluge, Alexander

Film

Verschobene Starttermine, in den Winterschlaf versetzte Großproduktionen: Die Filmindustrie fährt runter, berichtet der Hollywood Reporter: "Zum jetzigen Zeitpunkt hat der Coronavirus bereits zu globalen Umsatzeinbußen in Höhe von mindestens 7 Milliarden Dollar geführt. Bezieht man den Rest des Monats und April in die Kalkulation ein, wird der Umsatzverlust um weitere 10 Milliarden steigen. ... Hält die Krise weiter an, ist alles offen."

Lukas Foerster gibt mit einem kleinen Überblick den Startschuss zu einer Virenkino-Reihe auf critic.de: "Wenn Kino und Virus aufeinandertreffen, geht es in gewisser Weise immer darum, das Undarstellbare zur Darstellung zu bringen. Letztlich ein ebenso hoffnungsloses wie spektakuläres Unterfangen: Wo die Ursachen sich dem Zugriff kategorisch entziehen, blühen die Symptome umso bunter. Im Kino ist das Virus immer schon ein Killervirus."

Anregungen für den Privat-Shutdown nötig? Das Archiv von ZeitOnline sammelt seit Jahr und Tag Monat für Monat die besten Serien.

Besprochen werden Leilah Weinraubs für die Pornoplattform Pornhub produzierter Dokumentarfilm "Shakedown" über einen lesbisch-schwarzen Stripclub in Los Angeles ("ein impressionistischer, ehrlicher und intimer Film über weibliche Sexualität und Selbstbestimmtheit, über Hautfarbe und Geld und Unterdrückung durch die Polizei", schreibt Agnes Striegan in der SZ), die neue "Star Trek"-Serie "Picard" (Freitag), die neue Staffel von "Curb Your Enthusiasm" (Freitag), Sandra Kaudelkas Kino-Dokumentarfilm über Sahra Wagenknecht (Freitag) und Stefan Ruzowitzkys Verfilmung von Hermann Hesses Erzählung "Narziss und Goldmund" (SZ).
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Archiv: Film

Literatur

"Sie fehlte schon, die diesjährige Leipziger Buchmesse", schreibt Dirk Knipphals in der taz, den während der letzten Tage erhebliche Phantomschmerze plagten. Schon auch, weil erst die zahlreichen Begegnungen mit den Buchpreisträgern in verschiedenen Messe-Kontexten ein gutes Bild davon schaffen, wie deren Bücher in naher Zukunft gelesen werden und im Literaturbetrieb gerade ein Generationswechsel stattfindet: "Womöglich hätte es in Leipzig bei Veranstaltungen um Christian Barons Bericht über eine Alkoholikerkindheit 'Ein Mann seiner Klasse', bei Olivia Wenzels Roman '1000 Serpentinen Angst' über Ausgrenzung oder Abbas Khiders Roman 'Palast der Miserablen' viel zu verstehen gegeben. ... Dass man die Absage der Messe in diesen Zeiten der Ansteckung nicht nur akzeptiert, sondern auch bejaht, muss ja gar nicht mehr besonders betont werden. Aber was dadurch in diesem Frühjahr verloren wurde - und zwar inhaltlich und über die reine Marketingpower so einer Messe hinaus -, sollte man sich auch einmal klarmachen."

In der FAZ staunt Dietmar Dath über Katie M. Flynns gerade erst Anfang des Monats in den USA erschienenen Epidemienroman "The Companions", deren Titelfiguren Erinnerungen an die frühere Zivilisation und Menschenleben speichern: In diesem Roman "wird das pandemische Katastrophengeschehen nicht als Attraktion ausgemalt, sondern ist Rahmenbedingung einer Tiefenbefragung menschlicher und nichtmenschlicher Möglichkeiten. Das verbindet diesen Roman mit den literarisch besten Science-Fiction-Texten über Weltkrisen, die seit der Jahrtausendwende erschienen sind."

Weiteres: Im Tagesspiegel erinnert sich Ekkehard Maaß an den am Freitag verstorbenen deutsch-georgischen Schriftsteller Giwi Margwelaschwili.Besprochen werden Olivia  Wenzels "1000 Serpentinen Angst" (54 Books), Charles Burns' Comic "Daidalos" (Tagesspiegel), Inès Bayards "Scham" (Presse), Maxim Billers "Sieben Versuche zu lieben. Familiengeschichten" (SZ), Valerie Fritschs "Herzklappen von Johnson & Johnson" (Standard), Peter-André Alts "Jemand musste Josef K. verleumdet haben. Erste Sätze der Weltliteratur und was sie uns verraten" (Standard) und neue Hörbücher, darunter Torsten Flassings Lesung von Abbas Khiders neuem Roman "Palast der Miserablen" (FAZ).

Weitere Lese-Anregungen für den privaten Shutdown finden Sie übrigens in den Büchertischen unseres Online-Buchladens Eichendorff21.
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Architektur

Der Tagesspiegel meldet, dass nun auch der italienische Architekt Vittorio Gregotti an einer Corona-Infektion gestorben ist. Zu seinen bekanntesten Bauen gehörten das Olympiastadion von Barcelona, das Fußballstadion von Genua, das neue Opernhaus in Aix-en-Provence und das Kulturzentrum im portugiesischen Belem. Bitterer Nachsatz: "Beerdigungen sind in Italien vorübergehend ausgesetzt." Auch La Repubblica erinnert daran, dass Gregotti nicht nur Architekt war, sondern mit Umberto Eco und Luciano Berio zum intellektuellen Gestirn Mailands gehörte. Der Guardian bringt in seinem Nachruf viele Bilder seiner tollen Bauten.
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Musik



"Das ganze Land macht auf seine Weise aus der Ausgangssperre ein Fest, die italienische Fantasie zur Überwindung der Isolation sorgt für die schönsten Nachrichten und Bilder dieser Tage", schreibt Christiane Peitz, die für den Tagesspiegel eigentlich Links zu Streams sammelt, die das eingeschlafene Kulturleben zu überbrücken helfen sollen, sich dann aber an den tollen Videos aus Italien, bei denen Menschen vom Balkon aus singen, nicht sattsehen kann: "Unter dem Hashtag #andratuttobene finden sich zahllose anrührende Szenen und Videos im Netz, ob auf Instagram oder Twitter. ... Die Macht der Musik bricht sich Bahn. Krise, Ausnahmezustand, Isolation? Es ist der Gesang, diese alterierte Form des Sprechens und der Kommunikation, auf den viele in dieser besonderen Situation zurückgreifen, ein fast archaischer Akt." Für die FAZ in Mailand vor Ort ist Karen Krüger: "Ganz Italien würde sich in diesen Tagen des Eingeschlossenseins gern umarmen, aber jetzt, da das nicht mehr geht, schließen sie sich einem patriotischen Karaoke an. ... Die Menschen singen Lieder, in denen sich die italienische Seele wiederfindet."

Die Popkritik trauert um Genesis P-Orridge, Gründer von Throbbing Gristle und Psychiv TV, zwei Initialzündungen von Industrial nach Punk: "Existenzphilosoph, Krachkaiser, Sexguru: In der Popmusik der letzten Jahrzehnte hat es keine zweite Figur gegeben wie ihn", schreibt Jens Balzer auf ZeitOnline: Mit der Band Throbbing Gristle machte es sich der Musiker, der sich später einem dritten Geschlecht zuordnete, "zur Aufgabe, den von William S. Burroughs so benannten staatlich-gesellschaftlichen 'Kontrollprozess' anzugreifen, der Gilles Deleuze wenig später zu seiner Theorie der 'Kontrollgesellschaften' inspirierte", schreibt Ulrich Gutmair in der taz, dem das Projekt allerdings irgendwann zu sektenartig wurde: "Ihre Ambivalenzen und dunklen Seiten erzählen uns davon, wie der Wille zur Überschreitung und zur radikalen Freiheit jederzeit Gefahr läuft, missbraucht zu werden." Weitere Nachrufe im Tagesspiegel und im Standard. Ein sehr schön wehmütiges Stück von Psychic-TV ist dieses hier:



Igor Levits im Zuge der Coronakrise online gestreamte Abendhauskonzerte wärmen das Herz von Tagesspiegel-Kritiker Frederik Hanssen: "Diejenigen, die den Livestream verfolgen, sind dem Pianisten extrem dankbar für seine Aktion. ... Neben dem Bildschirmausschnitt, der den spielenden Levit zeigt, strömen ununterbrochen bunte Herzchen in die Höhe."



Außerdem: Für den Tagesspiegel porträtiert Gunda Bartels den Berliner Jazzsänger Erik Leuthäuser. In der NZZ berichtet Florian Bissing vom Taktlos-Festival in Zürch, das unter dem olfaktorischen Eindruck von reichlich Desinfektionsmittel stattfand. Für die Freitext-Reihe auf ZeitOnline sieht Michael Ebmeyer Reinhard Meys Songtexte nach Spuren ungenehmer Ideologie durch. Na mmerhin: "Mey mag kein überzeugender Linker sein, aber ist auch kein Rechter."

Besprochen werden Anna Calvis Album "Hunted" (Pitchfork), der von Juliane Streich herausgegebene Band "These Girls: Ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte" (Tagesspiegel) und Brad Mehldaus Konzert in der Elbphilharmonie, nach dem das Hamburger Spielhaus in den Corona-Winterschlaf ging (SZ).
Archiv: Musik