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Efeu - Die Kulturrundschau

Nicht nur Greta wäre glücklich

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12.02.2021. Über wandelnde Geschlechterverhältnisse dachten FotografInnen schon in der Zwischenkriegszeit nach, lernt der Standard in einer Wiener Ausstellung. Die taz hört mit Tacita Deans Radioprojekt "Berlin Project" eine Schöpfungsgeschichte aus dem Geist des Äthers. In der SZ plant Simon Rattle ein Reset seines Lebens mit der Bahn. Die FAZ ärgert sich über die Aufteilung der Berlinale, die dem Bedürfnis der Branche nach marktwertsteigernden Auszeichnungen geschuldet sei. Die nachtkritik tastet sich mit Krzysztof Garbaczewski durch Goethes "Faust II". Und: Der Jazzmusiker Chick Corea ist gestorben. Der Standard bringt einen ersten Nachruf.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.02.2021 finden Sie hier

Film

Die Berlinale hat weite Teile ihres in diesem Jahr zweigeteilt präsentierten Programms bekannt gegeben. Coronabedingt ist das Programm eingedampft: 160 Filme sind es insgesamt, im Wettbewerb laufen lediglich 15 Filme, gleich vier davon immerhin deutsche Produktionen von Maria Schrader, Dominik Graf, Maria Speth und Daniel Brühl. Im Perlentaucher berichtet Thekla Dannenberg ausführlich von der Pressekonferenz und führt durch das Programm. "So viel lässt sich schon sagen über das Wettbewerbsprogramm: Heiteres, Unbeschwertes oder Komödiantisches findet in diesem Jahr nicht statt, auch wenn Chatrian versicherte, dass das Herz der ausgewählten Filme nicht so dunkel sei wie im vorigen Jahr. Es herrsche viel Wut, das schon, und der eine oder andere Filme zeige gar so etwas wie einen 'gesunden Zynismus'. Aber alles in allem habe niemand seinen Glauben an das menschliche Miteinander verloren." Tazler Tim Caspar Boehme findet das Lineup "erst einmal vielversprechend". Auffällig findet es Andreas Busche vom Tagesspiegel, dass kein Film aus den USA oder Großbritannien im Wettbewerb läuft.

Andreas Kilb bekräftigt in der FAZ noch einmal seine Kritik an dieser Ausgabe des Festivals, die ein Festival im Grunde nicht mehr ist, sondern allenfalls noch als Messe durchgeht. Die Leitung "hat auch nicht die Konsequenz gezogen, die sich aus der Trennung von Industrie- und Publikumsfestival eigentlich hätte ergeben müssen: die Verlegung der Kür und Verleihung der Goldenen und Silbernen Bären auf das Publikums-Event im Juni. ... Als Begründung wird mehr oder weniger unverblümt das Bedürfnis der Branche nach marktwertsteigernden Auszeichnungen genannt. Die Filmindustrie, heißt das, braucht die Bären, um ihre Geschäfte anzuheizen, das Publikum dagegen kann sich ruhig auch drei Monate später ein Bild machen."

Weitere Artikel: Die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin sucht mal wieder eine neue Leitung und hat die Bewerbungsfrist diesmal ganz besonders kurz angesetzt: "Eine Zumutung", ärgert sich Rüdiger Suchsland auf Artechock. Carolin Ströbele und Wenke Husmann sprechen für ZeitOnline mit dem Schauspieler Albrecht Schuch.
 
Besprochen werden Deepa Dhanrajs derzeit im Kino Arsenal online gezeigter Film "What Happened to this City" von 1986 und Hermann Kosterlitz' derzeit vom Filmarchiv Austria online gestellter Film "Tagebuch der Geliebten" von 1936 (Perlentaucher), Terence Dixons derzeit bei Mubi gezeigte Kurzdoku "Meeting the Man" von 1970 über James Baldwin (FR), Paul Greengrass' Netflix-Western "Neues aus der Welt" (Standard) und Mike Cahills auf Amazon gezeigtes Science-Fiction-Drama "Bliss" (Standard),
Archiv: Film

Kunst

Oskar Nerlinger, Kopf mit Taschenlampe, ca. 1928. Galerie Benison, Berlin. © Sigrid Nerlinger


Die Wiener Albertina zeigt gerade die Schau "Faces", die die Entwicklung der Porträtfotografie der Zwischenkriegszeit dokumentiert. Standard-Kritikerin Katharina Rustler staunt über ihre Modernität: "In eleganter Dramaturgie wird das Gesicht als Projektionsfläche in Fotografie (und Film) herausgearbeitet. Die Fotografen wollten nicht länger die Persönlichkeiten der Abgebildeten zeigen, vielmehr begriffen sie das menschliche Gesicht als formbares Material - und machten das Porträt zum Spiegel gesellschaftspolitischer Umbrüche. Beispielsweise die sich wandelnden Geschlechterverhältnisse: Viele Frauen drängten in den Beruf und brachen mit den Vorstellungen bürgerlicher Porträtbilder, wobei viele der Arbeiten privat entstanden. Fotografinnen wie Gertrud Arndt oder Marta Astfalck-Vietz experimentierten mit Kostümierungen und inszenierten sich selbst als popkulturelle - oft auch erotische - Frauentypen, die in feministischer Manier (man muss an Cindy Sherman denken) gegen gängige Rollenklischees rebellierten."

In der taz stellt Gaby Hartel ein Radiostück der Künstlerin Tacita Dean vor, das winterliche "Berlin Project" von 2002, das jetzt auf Vinyl veröffentlich wurde, "eine sich ausdehnende Fläche aus atmosphärischem 'Noise': Rauschen, Gurren, Regenprasseln, Bellen, Klacken. Unmittelbar körperlich spüre ich, wie der vom sichtbaren Objekt gelöste Klang in mir einen fantasieanregenden Nachhall triggert. Dann spricht die Künstlerin mit ihrer äußerst radiogenen Stimme: 'Being made finer, air becomes fire. Being made thicker it becomes wind, then cloud, when thickened still more: water, then earth, then stones. And the rest comes into being from those.' Tatsächlich entfaltet 'Berlin Project' über 46 Minuten eine Schöpfungsgeschichte aus dem Geist des Äthers, die an eine autobiografische Erkundung gekoppelt ist."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Magnetic North" mit kanadischer Kunst des frühen zwanzigsten Jahrhunderts in der Frankfurter Schirn (FAZ).
Archiv: Kunst

Musik

Im SZ-Gespräch erklärt der in Berlin lebende Simon Rattle seine Entscheidung, das LSO zugunsten des Bayerischen Symphonieorchester zu verlassen, auch mit einem neuen ökologischen Bewusstsein: "In diesem letzten Jahr haben wir alle eine Art Reset unseres Lebens erfahren. Ich konnte beobachten, wie meine Kinder aufgeblüht sind, weil meine Frau und ich jeden Tag bei ihnen waren, zu Hause in Berlin. Irgendwann konnte ich mich nicht mehr länger darüber selbst betrügen, dass ein vom Reisen beherrschtes Leben keinen Schaden anrichten würde. Es war einfach zu offensichtlich. Letztes Jahr um diese Zeit kopierte mir dann einer der Violinisten des BRSO den Zugfahrplan mit den schnellen Verbindungen zwischen Berlin und München und notierte dazu: 'Nicht nur Greta wäre glücklich.' Mir wurde klar, dass er recht hat. Wir müssen alle lokaler denken in diesen Zeiten. Berlin ist mein Zuhause."

Weitere Artikel: In der Welt fasst Manuel Brug den aktuellen Streit zwischen Chefdirigent Christian Thielemann und Semperoper Peter Theiler zusammen - Thielemann wirft Theiler ein zu rigides Coronaregiment am Hause vor, das Orchesterproben unmöglich mache. Benno Kirsch erzählt in der FAZ, wie Frédéric Chopins Handschriften 1949 nach Polen kamen. Christoph Wagner erklärt in der NZZ den Shanty-Hype auf TikTok. Jakob Biazza hat für die SZ die Popmusikerin Sia gesprochen, deren neuer Film "Music" heute online geht. Martin Eimermacher glossiert in der Zeit über Momolands aktuellen K-Pop-Hit "Wrap me in Plastic", bei dem es plastikbonbonfarben um sexuelle Unterwerfungsfantasien geht. Im Tagesspiegel geben Ulrich Amling und Joachim Huber Tipps aus dem ArteConcert-Programm. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Uwe Ebbinghaus über Chavela Vargas' "En el Último trago":



Und: Am Abend wurde bekannt, dass Chick Corea gestorben ist. Einen ersten kursorischen Nachruf schreibt Ljubisa Tosic im Standard. International gibt es beim Rolling Stone und im Downbeat Magazine große Werksbetrachtungen. Zu seinen großen Klassikern zählte sein "Hymn of the Seventh Galaxy", hier in einer Live-Aufnahme von 2008:



Besprochen werden Slowthais Rap-Album "Tyron" (taz) und die Antifa-Compilation "United Worldwide Volume 2" (taz).
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Archiv: Musik

Literatur

In einem Essay für Geschichte der Gegenwart kommt Christine Lötscher nochmal auf Amanda Gorman und die Diskussion um deren Auftritt beim US-Kapitol zu sprechen. Löscher fragt sich, "warum Gormans Einstehen für die emanzipatorische Kraft des ästhetischen Raumes von einer Diskussion um die außerliterarische Legitimation von Literatur überlagert wird." In den Debatten darum, ob Gormans Gedicht zu suggestiv und seduktiv sei, klingt für Lötscher ein Echo der alten Warnungen ans vermeintlich unreife Publikum vor Lesesucht an, zugleich werde Kinder- und Jugendliteratur aber selten unter ästhetischen Kriterien diskutiert, sondern fast immer thematisch. "Auch Amanda Gorman hat ihre Stimme nicht nur deshalb entdeckt, weil sie mit Büchern in Kontakt kam, in denen die Protagonistinnen schwarze Mädchen und Frauen waren, die in ähnlichen Verhältnissen aufwuchsen wie sie. Entscheidend war eine ästhetische Haltung gegenüber der Welt, von der sie sich intellektuell und emotional angesprochen fühlte, die sie sich zu eigen machen und transformieren konnte. Die Frage, wie politisch Literatur sein muss oder darf, ist falsch gestellt. Sie ist, wie die emanzipatorische Geschichte der Lyrikerin Amanda Gorman exemplarisch zeigt, immer schon politisch."

Außerdem: Für die FR spricht Claus-Jürgen Göpfert mit der Schriftstellerin Eva Demski. In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Marc Reichwein daran, wie Johann Gottfried Seume einmal zu Fuß von Leipzig nach Sizilien und zurück wanderte. Bela Sobottke schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf den Comiczeichner S. Clay Wilson. In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus der Schriftstellerin Katja Lange-Müller zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Hengameh Yaghoobifarahs Debütroman "Ministerium der Träume" (SZ), Cho Nam-joos "Kim Jiyoung, geboren 1982" (ZeitOnline), Simon Urbans "Wie alles begann und wer dabei umkam" (FR), Michael Maars "Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur" (Standard) und Tomáš Radils "Ein bisschen Leben vor diesem Sterben" (FAZ).
Archiv: Literatur

Bühne

Faust II. Victor Calero und Thieß Brammer. Foto: Britt Schilling


Am Theater Freiburg hat der polnische Regisseur Krzysztof Garbaczewski Goethes "Faust II" inszeniert. Entstanden ist dabei ein den Kritiker Falk Schreiber stark beunruhigendes digitales Theater der Unsicherheiten: "Garbaczewski versucht in Freiburg erst gar nicht, den Stoff in all seinen Verästelungen zu erfassen, sondern inszeniert vor allem den Raum, in dem Faust sich bewegt. Und zwar als Raum, der ständig zwischen digital und analog verschwimmt. Die Bühne zitiert die eigenartigen geometrischen Formen virtueller Räume, an der Seite lehnt eine technische Struktur, von der Decke hängen Stalaktiten, die Figuren bewegen sich auf Podesten. Und parallel dazu springt die Handlung immer wieder tatsächlich in die Virtualität, in der Avatare die Darsteller doppeln. Ausstatterin Aleksandra Wasilkowska hat für die virtuellen Räume die Realität nachgebaut, während die Realität die Raumelemente des Virtuellen kopiert. Außerdem tauchen Figuren aus der VR immer wieder auch (als einfach, aber wirkungsvoll animierte Tricksequenzen) auf der Bühne auf, während die Darsteller*innen mittels VR-Brillen den Übergang auf die andere Seite vollziehen."

Weitere Artikel: Thomas Schacher unterhält sich für die NZZ mit Anna Viebrock, die gerade mit Christoph Marthaler zusammen Glucks Oper "Orphée et Euridice" fürs Zürcher Schauspielhaus inszeniert. Orphee wird übrigens von einer Frau gesungen, erzählt Viebrock: "'Hosenrollen gibt es ja seit Beginn der Oper', sagt sie, 'und diese Besetzung passt gut in die heutige Zeit mit ihren Gender-Diskussionen.'" In der FAZ trauert Wiebke Hüster um den Pas de deux, in dem zwei Tänzer ihre Liebe als Schicksal erfahren. Heute scheint er ihr eher eine Sache der Akrobatik zu sein. Die Figuren sehen in ihm "nur eine Episode, an deren vorhersehbarem Ende das ungerührte Auseinandergehen steht". Der Streit zwischen Regisseur Ersan Mondtag und der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" um ein Performance-Projekt ist beigelegt, meldet Brigitte Werneburg in der taz. nmz gibt Streamingempfehlungen für die nächsten sieben Tage.
Archiv: Bühne