Efeu - Die Kulturrundschau

Das Zeitgenössische als Alibi

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10.06.2021. Die Zeit fragt, warum das Wachstumsdenken ausgerechnet in der Kunst überlebt. Die FAZ sucht das Zukunftsversprechen in einer Ausstellung über "Vision und Schrecken der Moderne". Ebenfalls in der FAZ beschreibt Bernd Stegemann die Angst des Trapezkünstlers vor dem Betriebsrat. Van fragt, warum dem WDR bei Neuer Musik nur Klischees einfallen. In der SZ diagnostiziert Eva Menasse mit dem Abflachen der Pandemiekurve hierzulande einen eklatanten Zuwachs von Menschenfreundlichkeit. Der Tagesspiegel hätte seine Berlinale gern auch künftig im Sommer.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.06.2021 finden Sie hier

Kunst

Wäre es nicht an der Zeit, das Wachstumsdenken in der Kunst zu beenden, fragt in der Zeit Hanno Rauterberg angesichts der miserablen Ökobilanz von Museen und Galerien. "Das gute alte Fortschrittsdenken, hier hat es alle Zweifel überdauert. Tausende Museen wurden in den letzten Jahrzehnten gebaut, und doch sollen es immer noch mehr werden, mit immer noch mehr Kunst, noch mehr Ausstellungen. Wer wollte es also den Künstlern verdenken, dass sie sich eine Materialschlacht nach der anderen liefern. Der Geniekult mag verblichen sein, der Größenwahn ist es nicht: ausufernde Installationen, wohin man schaut, Gemälde, die jedes Maß überbieten, Skulpturen, die nur per Schwertransporter anreisen können." Noch schlimmer sei die Kunst, die aus verderblichen Materialien hergestellt ist, die konserviert werden wollen, nur um am Ende doch zu zerfallen: "Aus Gegenwartskunst wird Zukunftsmüll, vom Depot geht's auf die Deponie. Die klimaschädlichen Nebenfolgen dieser absurden Prozedur nimmt man achselzuckend hin." Rauterberg schlägt den Museen ein regelmäßiges "Entsammeln" vor.

Zum Thema passt Ingo Arends Artikel in der SZ über neue Konzepte von Kunstmessen nach der Pandemie - online, aber auch im physischen Raum. So eröffnen die Kunstmesse Frieze, aber auch viele Galerien Dependancen in Südkorea: "Auf der Liste der 50 Top-Länder mit Vermögensmillionären rangiert Südkorea inzwischen auf Platz 14".

Hans Baluschek: Zechenarbeiterinnen auf einer Hängebrücke, 1913. Deutsches Bergbau-Museum Bochum


Mitte des 19. Jahrhunderts entstand mit der industriellen Revolution in Deutschland eine Moderne, die extreme Unterschiede zwischen armen und reichen Bürgern schuf, aber auch immer ein Zukunftsversprechen enthielt. Beides beschäftigte auch die Künstler, wie man in der Ausstellung "Vision und Schrecken der Moderne" im Wuppertaler Von der Heydt-Museum sehen kann, so ein angeregter Hubert Spiegel in der FAZ: "Franz Radziwills großartige Ansicht von Wilhelmshaven, Hans Baluscheks beklemmende Arbeiterinnen. Das Element des Utopischen repräsentieren Arbeiten von Wilhelm Seifert, Heinrich Hoerle und die Holzschnitte der 'Zwölf Häuser auf Zeit' von Gerd Arntz. In Hoerles 'Denkmal der unbekannten Prothesen' von 1930 kippen die Verheißungen einer Technik im Dienst des Menschen schon wieder langsam in die dystopische Richtung des seelenlosen Maschinenmenschen. Wilhelminische Hybridwesen ganz eigener Art sind die ein Jahrzehnt zuvor noch unter Weltkriegseindrücken entstandenen 'Industriebauern' von Georg Scholz. Die Präsentation dieser unheiligen Familie soll nicht nur bei Landwirten Empörung ausgelöst haben."

Erst Luther, dann Bauhaus und jetzt Joseph Beuys - muss man bei Jubiläen wirklich immer die fragwürdigen Seiten des Jubilars unter den Tisch fallen lassen, fragt Niklas Maak in der FAZ. Oder um bei Beuys zu bleiben: Können wir bitte auch über den Nazi-Beuys reden? "1976 trat Beuys als Kandidat für die nationalistische Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher an. Bizarr wirken angesichts dieser Fakten die Versuche von Beuys-Verehrern, den Künstler um jeden Preis vor seiner eigenen Geschichte zu retten. Der Regisseur Andres Veiel sieht sogar in Beuys' Zusammenarbeit mit einem ehemaligen SS-Mitglied und seinen Abenden mit alten Kriegskameraden eine 'Transformierung der Katastrophe' und eine 'Möglichkeit, sich von den Schatten der Vergangenheit zu befreien.' Ging Beuys also zu Kameradschaftsabenden seiner Luftwaffeneinheit, wo er sich lachend mit ihnen fotografieren ließ, nur, weil er sie zu aufrechten Demokraten bekehren wollte?"

Weitere Artikel: Urs Bühler unterhält sich für die NZZ mit dem Bündner Künstler Not Vital, über und mit dem Pascal Hofmann gerade den Film "Not Me - A Journey with Not Vital" gedreht hat (NZZ). Das Haus der Photographie in Hamburg wird grundsaniert, berichtet Stefan Grund in der Welt. Susanne Messmer besucht für die taz das Humboldt Forum, dessen teilweise Eröffnung "reichlich verhalten" aufgenommen wird.

Besprochen werden die übers Ruhrgebiet verteilte Ausstellung "Ruhr Ding: Klima" (taz), die Gruppenausstellung "Sun Rise | Sun Set" über das Verhältnis von Mensch und Natur im Berliner Schinkel Pavillon (taz), die Ausstellung der Fotografien des Ethnologen Pierre Verger im Frankfurter Portikus (FR), eine Ausstellung von Zeichnungen, die Adolf Wölfli in der Psychiatrie anfertigte, im Münchner Museum Villa Stuck (SZ), die Ausstellung 60 Jahre Marvel Comics Universe im Amerikahaus München (FAZ) und die Ausstellung "Diversity United" im Flughafen Tempelhof in Berlin (Zeit).
Archiv: Kunst

Literatur

"Es gibt wieder gute Nachrichten", ruft sich die Schriftstellerin Eva Menasse in der SZ-Reihe "Was folgt" nach dem fröhlich stimmenden Anblick junger Menschen in Parks: "Die Home-Offices leeren sich, die Kinder gehen zur Schule, die abgestandensten Debatten flammen neu auf." Und "bei Einzelnen wurde bereits ein eklatanter Zuwachs von Menschenfreundlichkeit, Empathie und Großmut beobachtet. Die Zahlen, hochgerechnet, versprechen für den nahen Sommer umwälzende Effekte. ...  Die Menschen werden optimistischer, ruhiger, sie toben nicht mehr gleich, wenn dem Radfahrer auf der anderen Straßenseite die Maske unter die Nase rutscht. Am stärksten dürfte der Effekt in Digitalien ausfallen."

Verleger und Herausgeber Peter Graf freut sich im FR-Gespräch über den sich momentan insbesondere im englischsprachigen Ausland nach einem BBC-Bericht einstellenden Bestseller-Erfolg von Ulrich Alexander Boschwitz' Fluchtoman "Der Reisende", der in den späten Dreißigern unter den Eindrücken der Novemberpogrome entstanden ist. Auf das im Frankfurter Exilarchiv liegende Manuskript aufmerksam gemacht hat ihn Boschwitz' Nichte Reuella Shachaf: "Ich habe das Manuskript in zwei Tagen gelesen. Danach war mir klar: Das muss man machen. Man muss es lektorieren. Aber man muss es machen. ... Heinrich Böll setzte sich nach 1945 für Boschwitz ein. Aber es fand sich kein Verlag. Für die Gesellschaft war es zu früh, sich der eigenen Verantwortung zu stellen."

Außerdem: Der Lyriker Jan Wagner befasst sich in der Dante-Reihe der FAZ damit, wie Dante große Schriftsteller in den Bann zog. In der Zeit schreibt Marcel Beyer den Nachruf auf die "tollkühne, rücksichtslose Poetin" Friederike Mayröcker.

Besprochen werden unter anderem Jamaica Kincaids "Nur eine kleine Insel" (Perlentaucher), die Installation "Explosion der Wörter" im Museum Strauhof in Zürich mit Gedichten von Stephen Watts (NZZ), Constantin Schreibers "Die Kandidatin" (taz), die Ausstellung "60 Jahre Marvel Comics" im Amerikahaus in München (FAZ) und Michael Maars "Die Schlange im Wolfspelz" (FAZ).
Archiv: Literatur

Bühne

Niemand will im Theater Autokraten, die ihre Macht ausnutzen, um andere zu kujonieren. Aber ist der Gegenentwurf dazu wirklich der Betriebsrat, der bei jeder Probe darauf achtet, dass es auch achtsam und politisch korrekt zugeht, fragt in der FAZ der Dramaturg Bernd Stegemann. "So wie der Trapezkünstler sich in Gefahr begibt, weil es seine Kunst verlangt, übersteigen die Schauspieler die Grenzen des normalerweise Üblichen. Das braucht viel Mut und gegenseitiges Vertrauen. Wie die Regeln aussehen müssen, um die Arbeit auf dem Hochseil der Gefühle sicherer zu machen, ohne die Möglichkeitsräume der Kunst als solche abzuschaffen, gilt es herauszufinden. Für eine vertrauensvolle Arbeit ist es aber nicht hilfreich, wenn sich die Fälle häufen, wo Monate nach der Probenarbeit einzelne Momente isoliert veröffentlicht werden, um sie zum Skandal zu machen. Die Einwürfe der letzten Wochen, die das Theater als Hort unmenschlicher Übergriffe erscheinen lassen wollen, treffen den Kern des Problems nicht, da sie keinen Unterschied zwischen den betrieblichen Grausamkeiten, die falsch sind, und den Herausforderungen der Probe, die möglich sein müssen, machen."

Szene aus Ersan Mondtags "It's going to get worse" am Maxim Gorki Theater. Foto © Armin Smailovic


Am Gorki Theater, noch gebeutelt von den Vorwürfen, dort herrsche ein Klima der Angst, hatte jetzt Ersan Mondtags Stück "It's going to get worse" Uraufführung: "fünf locker montierte Monologe", erklärt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung, "um das Macht- und Missbrauchsverhältnis zwischen Schauspieler und Zuschauer: Was wären wir ohne euch? Was wollt ihr von uns? Was treibt euer Blick mit uns? Wie könnt ihr es wagen, uns zu bewerten? Angeflogen werden diese Fragen mit fast schon satirischem Bedeutungsbewusstsein aus großer politisch-historischer Höhe." Tja, "vielleicht ist es nur konsequent, dass man in diesen Tagen mit einer nüchternen Kulturbetriebsselbstbespiegelung rauskommt", fragt sich Christian Rakow in der nachtkritik. In der SZ stöhnt Peter Laudenbach: "Am Gorki Theater erfolgt die Selbstbespiegelung des Theaters in Form von Schauspieler-Monologen nach dem Muster: Ich und mein Leben, ich und mein Beruf, ich und die Bühne, ich und die Intendantin. Kein Wunder, dass am Ende ein dauerwimmernder Benny Claessens mal wieder erklärt, wie sehr er das alles satt habe", so Laudenbach, der das Stück zusammen mit Mondtags Wagner-Variation am Berliner Ensemble bespricht und resümiert: "Die beiden Berliner Inszenierungen verbindet neben ihrer offensiven Selbstverliebtheit das Komplettdesinteresse am Rest der Gesellschaft, der Außenwelt jenseits des Bühnenausgangs. Insofern ist Mondtags Theater zumindest ehrlich: Es stellt den eigenen Narzissmus ohne Filter aus."

Weiteres: Alexander Menden betrachtet für die SZ digitale Experimente beim "Impulse"-Festival. Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Elfriede Jelineks Stück am Schauspielhaus Hamburg (Zeit), die Uraufführung von "The Making of Blond" an der Deutschen Oper Berlin (nmz) und eine Inszenierung von Bertolt Brechts Revolutionärinnendrama "Die Mutter" durch die New Yorker Wooster Group (Standard, nachtkritik).
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Archiv: Bühne

Film

Mit einer Berlinale im Sommer könnte sich Andreas Busche auch in Zukunft anfreunden, schreibt er in seinem Tagesspiegel-Bericht vom gestrigen Auftakt des Festivals auf der Berliner Museumsinsel: "An diese Blickachse (Dom, Fernsehturm, Humboldt Forum) könnte man sich auch für zukünftige Berlinalen gewöhnen, den unwirtlichen, kulturlosen Potsdamer Platz wird in diesem Jahr niemand vermissen. Fast intim wirkt diese Eröffnungsveranstaltung", auch "die Gala-Outfits aus dem Frühjahr sind im Schrank geblieben. Die Männer haben ihrer Lockdown-Mode zum feierlichen Anlass nur ein leichtes Upgrade verpasst, als Frau hat man es im Sommer leichter mit der modischen Eleganz." Das Festival wird in dieser Ausgabe "zum Berliner Wohnzimmer, der Star ist das Publikum. Die Filmfans sind gleichzeitig die Hauptdarsteller:innen einer einmaligen Show. Ohne Publikum kein Kino." Den Auftaktfilm, Kevin Macdonalds Politthriller "Der Mauretanier" mit Jodie Foster und Benedict Cumberbatch besprechen Tagesspiegel und taz.

Weitere Artikel: Ela Bittencourt widmet sich auf Hyperallergic den Filmen von Sergei Losnitza, von denen einige derzeit auf Mubi zu sehen sind. Dunja Bialas staunt auf Artechock über die Qualität des österreichischen Kinos, die sich ihr beim "Crossing Europe"-Festival offenbarte. Außerdem weist Bialas auf Artechock aufs Rumänische Filmfestival in München hin. Josef Schnelle (Filmdienst) und Susan Vahabzadeh (SZ) gratulieren Jürgen Prochnow zum 80. Geburtstag. Hanns-Georg Rodek erzählt in der Welt die Provenienzgeschichte der "Faust"-Bibel, die in F.W. Murnaus gleichnamigem Stummfilm als Requisite zum Einsatz kam und vor kurzem eigentlich versteigert hätte werden sollen, was nach einer Intervention der Murnau-Erben jedoch abgesagt wurde. Urs Bühler schreibt in der NZZ einen Nachruf auf die tschechische Schauspielerin Libuše Šafránková, die man in Deutschland vor allem aus dem Weihnachtsklassiker "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" kennt.

Besprochen werden Salar Ghazis auf der Berlinale gezeigte Tanzdoku "In Bewegung bleiben" (Tagesspiegel), Michaela Kirsts, Ebba Sinzingers und Monica Lazurean-Gorgans Dokumentarfilm "Wood" über die Herkunft billigen Baumarktholzes (Standard), Bo Burnhams Netflix-Comedyspecial "Inside" (ZeitOnline), Travis Wilkersons "Did You Wonder Who Fired the Gun" (Filmdienst), die koreanische Serie "Move to Heaven" (Artechock) und die Disney-Serie "Loki" (FAZ, ZeitOnline).
Archiv: Film
Stichwörter: Berlinale 2021, Berlinale

Musik

Hartmut Welscher verzweifelt im VAN-Kommentar darüber, wie sich etwa der WDR für etwas rühmt, was ohnehin seinem gesellschaftlichen Auftrag entspricht, dem er dann aber auch noch nur mäßig gerecht wird: der Pflege eines Musikangebots, das sich nicht nur lediglich am Markt und wohlbekannten Klassikern orientiert. So führe etwa das vom Haus als Ausweis der eigenen Risikobereitschaft angeführte WDR-Projekt "Miniaturen der Zeit", für das 12 fünfminütige Arbeiten bei zeitgenössischen Komponisten in Auftrag gegeben wurden, "eine Rezeption von zeitgenössischer Musik fort, die auf Klischees und gängigen Hörer:innen-Stereotypen basiert: Weil 'das Neue' schwere Kost ist, muss man sie möglichst an den Anfang eines Konzertprogramms stellen, damit sie dann im Anschluss bei vertrauter musikalischer Kulinarik gut verdaut werden kann. ... Das ist nicht Risiko, sondern seit Jahrzehnten vertraute, konservative Programmkuration, die das Zeitgenössische nur als Alibi behandelt. Es gehört schon viel Chuzpe dazu, dies als mutigen Schritt zu verkaufen."

Weitere Artikel: Merle Krafeld spricht für VAN mit Malwine Nicolaus über die Forderungen der Studierendenvertretungen der Musikhochschulen nach einer faireren Prüfungsgestaltung. Arno Lücker hört sich für VAN durch vier Interpretationen von Griegs Klavierkonzert. Außerdem stellt Lücker in seiner VAN-Reihe über Komponistinnen Elfrida Andrée vor. Jakob Biazza plaudert für die SZ mit Ex-Oasis-Musiker Noel Gallagher, der es für eine "beschämende Entwicklung" hält, dass man ihn nun auch offiziell als Künstler bezeichnen kann.

Besprochen werden ein Bildband über Nick Cave (FR), das Album "Jubilee" von Japanese Breakfast (ZeitOnline) und das neue Album von Wolf Alice, für FAZ-Kritikerin Elena Witzeck die "zeitgenössischste aller britischen Bands", der hier "ein Aufruf zur Befreiung aus dem Einerlei" gelinge. Wir hören rein:

Archiv: Musik
Stichwörter: Neue Musik, WDR