Efeu - Die Kulturrundschau

Zu Beginn schon voller Zärtlichkeit

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26.06.2024. Die Welt schüttelt den Kopf über die Naivität der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die erst knapp vor der Ausstellungseröffnung Gesprächsbedarf mit der Aktivistin Zoe Samduzi erkannten. Dennoch: Museen müssen Orte bleiben, an denen freier Meinungsaustausch möglich ist, meint sie. Die SZ staunt, was mit der neuen KI-Plattform Uido in Sachen Musikgenerierung mittlerweile möglich ist. Mit Pinar Karabulut reitet sie in Nancy gut behütet durch Bellinis Belcanto-Oper "I Capuleti e i Montecchi". Die FAZ taucht in London mit einer Naomi-Campbell-Ausstellung ein in eine ganze Epoche des Glamour.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2024 finden Sie hier

Kunst

"Wieder einmal steht eine bedeutende Kulturinstitution vor den Trümmern eines Kommunikationsdesasters", seufzt Marcus Woeller, der es in der Welt ziemlich naiv findet, dass die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden den "inhaltlich motivierten Gesprächsbedarf" mit der Kuratorin Zoe Samduzi erst kurz vor der Ausstellungseröffnung erkannten, denn "Akademische Forschung und persönliche Überzeugungen sind bei Zoé Samudzi schwer zu trennen. ... In ihrem Buch 'As Black As Resistance' entwarf sie eine Theorie des schwarzen Anarchismus. Zuletzt war sie Assistenzprofessorin für Holocaust- und Genozid-Studien an der privaten Clark University in Worcester, Massachusetts. Samudzi versteht sich zudem seit vielen Jahren als meinungsstarke Fürsprecherin Palästinas. Sie hat Israel der 'Apartheid' bezichtigt, einen 'Staat des Siedler-Kolonialismus' genannt und der israelischen Regierung in einem nach dem 7. Oktober 2023 geführten Interview vorgeworfen, sie wolle 'Gaza und die Gazaer eliminieren'." Da hätte auch keine Antidiskriminierungsklausel geholfen, meint Woeller, denn: "die Verantwortung liegt bei den Museen, gerade wenn sie die offenen Orte sein wollen, an denen 'freier Meinungsaustausch möglich und ausdrücklich willkommen ist'."

Schade um die Ausstellung, die wäre spannend gewesen, meint Nicola Kuhn im Tagesspiegel: "Die Ausstellung sollte das zweite Kapitel in einer dreiteiligen Reihe unter dem Titel 'Sequenzen: Verflochtene Internationalismen' bilden, bei der es um die DDR und die deutsche koloniale Vergangenheit in Namibia ging. Ähnlich wie bei der vorherigen Ausstellung 'Revolutionary Romances' sollte offengelegt werden, wie 'sozialistische Solidarität und Freundschaft' Vergangenes bemäntelte, hier insbesondere die Verbrechen der deutschen Kolonialmacht."

Weitere Artikel: In der FAZ freut sich Niklas Maak, dass der Städelsche Museums-Verein die Skulptur "fressender Löwe" des italienischen Bildhauers Rembrandt Bugatti erworben hat. Auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ wird der von Horst Bredekamp am 9. Juni in der öffentlichen Sitzung des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste im Berliner Konzerthaus vorgetragene Nekrolog auf Richard Serra publiziert. Für die Berliner Zeitung streift Margit J. Mayer mit Jenny Captain, Model und Vertraute von Helmut Newton durch die Jubiläumsschau "Berlin, Berlin" in der Berliner Helmut Newton Stiftung.

Besprochen werden die Ausstellung "1863 · Paris ·1874: Revolution in der Kunst" im Kölner Wallraf-Richartz-Museum (FAZ) und die Ausstellung "Le monde comme il va" mit Werken der Pinault Collection in der Pariser Bourse de Commerce (Tsp).
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Bühne

Foto: Jean-Louis Fernandez

Weniger grell als ihre bisherigen Arbeiten, dafür umso feiner und klüger erscheint Egbert Tholl in der SZ Pınar Karabuluts Inszenierung von Bellinis Belcanto-Oper "I Capuleti e i Montecchi" an der Opera National de Lorraine in Nancy: "Karabulut macht aus der Geschichte einen Western. Das passt gut für ein Genre voller Familienfehden. Anfangs, noch zur Ouvertüre, stehen sich die Capuleti und die Montecchi stumm und feindlich gegenüber, die einen tragen leuchtendes Blau, die anderen Rot - die Kostüme von Teresa Vergho wirken durchaus vertraut, wenn man schon einige Arbeiten Karabuluts gesehen hat. Der Chor trägt Hut und Augenbinde wie Zorro, Capellio einen Zylinder und ein ausuferndes Plusterkostüm, die Liebenden Blumen auf Weiß. Und die Liebe, die ist ein Kunstwerk, zu Beginn schon voller Zärtlichkeit; Karabulut drapiert das Paar auf einem kreisrunden Podest, lange bevor Romeo auftritt. Im Westernstil geht es voran, der Chor wiegt sich in herrlichen Gesten der Männlichkeit, nie zu viel, sondern ironisch fein. Liebevoll gebaute Pferde gibt es auch, fünf davon."

Besprochen werden Florent Siauds Inszenierung von Peter Tschaikowskys Oper "Eugen Onegin" am Théâtre du Capitole in Toilouse (FAZ), Dorothee Oberlingers Inszenierung von Carl Heinrich Grauns "Adriano in Siria" bei den Musikfestspielen Potsdam (FAZ) und Barrie Koskys Inszenierung der "Così fan tutte" in der Wiener Staatsoper (FR).
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Architektur

Nikolaus Bernau (Tsp) fasst sich angesichts der Pläne des Immobilienunternehmers Reinhard Müller, die Messe in und an das Flughafengebäude Tempelhof zu verlegen, an den Kopf: "Die Politiker glauben, so Milliarden sparen zu können, für die Sanierung von Tempelhof und die der Messebauten in Westend. Sogar die kühle Rechnerin Franziska Giffey verspricht eine Prüfung. Aber für zwei Messegelände ist diese Stadt zu klein. Und eine Teilung des Messegeschehens ist der hohen Infrastrukturkosten wegen extrem unökonomisch. Also müsste das bisherige Messegelände in Westend einer neuen Nutzung zugeführt werden, wie Müller auch ganz offen sagt."
 
Besprochen wird die Ausstellung "Profitopolis oder der Zustand der Stadt" im neuen Quartier des Museums des Werkbundarchivs an der Leipziger Straße in Berlin (Tsp).
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Literatur

Besprochen werden unter anderem Marianna Kijanowskas Gedichtband "Babyn Jar. Stimmen" (NZZ), Michelle Steinbecks "Favorita" (Zeit), Sigrid Undsets "Rückkehr in die Zukunft" (NZZ), Hark Bohms und Philipp Winklers "Amrum" (Zeit), Roger Van de Veldes Erzählband "Knisternde Schädel" (NZZ), Liza Codys Krimi "Die Schnellimbissdetektivin" (FR), Renaud Roches und Laurent Hopmans Comic "George Lucas - Der lange Weg zu Star Wars" (taz) und Nicole Seiferts "Einige Herren sagten etwas dazu" über die Autorinnen der Gruppe 47 (FAZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Stichwörter: Amrum, Lucas, George, Star Wars

Design

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Naomi Campbell ist das erste Mode-Modell, dem eine (obendrein noch selbst kuratierte und abgesegnete) Ausstellung im altehrwürdigen Victoria & Albert in London gewidmet ist und das zu Recht, freut sich Eva Ladipo in der FAZ: Immerhin lässt sich "über ihren Werdegang eine ganze Epoche des Glamour erschließen". Aus armen Verhältnissen arbeitete Campbell sich kurz nach ihrer Entdeckung als Fünfzehnjährige konsequent nach oben und das mit einer berüchtigten "kratzbürstigen Art", die ihr auch diverse Gerichtsurteile einbrachte. "Abgesehen von dieser Härte im Nehmen und Austeilen hat Campbell ihren Weltruhm auch dem Talent zu verdanken, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein", etwa als Peter Lindbergh das legendäre Titelbild der Vogue-Ausgabe vom Januar 1990 konzipierte, auf dem Linda Evangelista, Christy Turlington, Cindy Crawford, Tatjana Patitz und Naomi Campbell das neue Jahrzehnt einläuteten. "Das ikonische Bild gilt als Geburtsurkunde der Supermodels. Ein Jahr später buchte George Michael die fünf für das Musikvideo von 'Freedom'. MTV verbreitete die Legende der Supermodels weit über die Modewelt hinaus. Die 'Supers' ... waren keine anonymen lebenden Kleiderständer mehr, sondern unverwechselbar, selbstbewusst und eigenwillig. Sie genossen eine Prominenz, die bis dahin Hollywoodstars vorbehalten war. Ihre Epoche ging zu Ende, als Modeschöpfer wie Karl Lagerfeld lieber wieder unbekanntere Models buchten, die nicht von ihren Kollektionen ablenkten."

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Film

Besprochen werden die Berliner Ausstellung samt Kino-Retrospektive zu den Filmen von Thomas Arslan (taz), Christy Halls "Daddio - Eine Nacht in New York" mit Dakota Johnson (taz), Anna Novions Coming-of-Age-Drama "Die Gleichung ihres Lebens" (Tsp) und Eva Trobischs Palliativdrama "Ivo" (Presse, unsere Kritik).
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Musik

Jakob Biazza ist in der SZ ziemlich umgehauen davon, was mit der neuen AI-Plattform Uido in Sachen Musikgenerierung mittlerweile möglich ist - während alteingesessene Musikproduzenten bereits graue Haare und Zukunftsangst bekommen. Denn "buchstäblich jeder kann ab sofort ohne Vorwissen, Übung, Equipment oder irgendein Handwerk zu beherrschen Musik erschaffen, die um Welten besser sein wird als der Kram, den selbst semiprofessionelle Komponisten zustande bringen." Für die Produzenten von Gebrauchs- und Filmmusik kein gutes Omen. "Und der Pop? Der echte, in dem Künstler heute noch auf Bühnen stehen, verhaltensauffällige Personas in die Welt tragen und mit Schreibblockaden in muffigen Studios herumwimmern? Schwer zu sagen. Er könnte störrisch bleiben. Hängt auch von den Fans ab. Und von den Leuten, die heute schon Musik hören, ohne Fans zu sein. Die Playlists laufen lassen, ohne sich weiter um deren Inhalt zu scheren. Denen heute schon egal ist, ob da gerade Ariana Grande singt oder Dua Lipa."

Außerdem: Für die taz hat sich Johann-Vincent Slawinski mit der in Berlin lebenden französischen Popsängerin Sofia Portanet zum Gespräch getroffen. Reinhard J. Brembeck porträtiert in der SZ den Saxofonisten André Schnura, der aktuell den EM-Fanmeilen mit seinem Spiel einheizt und dabei die Herzen auf Social Media gewinnt. Thomas Mießgang erinnert in der Zeit an den Protestsänger Sigi Maron, der dieses Jahr 80 geworden wäre.

Besprochen werden das Jazzalbum "Celebration" des Markus Stockhausen Quartetts (FR), das neue Album der Kings of Leon (Standard), ein Konzert der Smashing Pumpkins in Wien (Standard) und Stefanie Schranks EP "Schlachtrufe BRD", mit der sie sich nostalgisch an den Deutschpunk der Neunziger erinnert, aber gottlob ohne selber welchen zu spielen (Jungle World).

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